Gedenken

Ein Platz für Oskar Schindler in Frankfurt

06:30 Minuten
Der Fabrikant Oskar Schindler in Frankfurt am Main, 1963. Schindler rettete währende des Zweiten Weltkriegs mehr Hunderten von Juden das Leben.
In Yad Vashem wird an Oskar Schindler als "Gerechter unter den Völkern" erinnert. In Deutschland interessierte sich nach dem Krieg zunächst kaum jemand für den Fabrikanten, der über 1000 Juden vor dem Tod rettete. © picture alliance / Everett Collection
Von Ludger Fittkau · 26.01.2022
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Nach dem Krieg wohnte Oskar Schindler lange Zeit in Frankfurt am Main. Der dortige Bahnhofsvorplatz sollte nach ihm benannt werden, findet die ehemalige Stadtverordnete Ursula Trautwein. Denn Schindler hatte zahlreichen Juden das Leben gerettet.
Hauptbahnhof Frankfurt am Main, der Vorplatz. Straßenbahnen fahren im Minutentakt vor, Taxis warten in langen Schlangen neben dem Haupteingang des Bahnhofsgebäudes. Auf der gegenüberliegenden Seite des Platzes, am Haus mit der Adresse „Am Hauptbahnhof 4“, hängt seit einem Vierteljahrhundert neben dem Eingang eine Bronzetafel.
Über einem Relief mit einem markanten, fast kahlen Männerkopf ein bekannter Name: Oskar Schindler.

Ein paar Kilometer weiter nordöstlich, eine barrierefreie Seniorenwohnung. Dort lebt die 88 Jahre alte Ursula Trautwein, eine evangelische Theologin und ehemalige SPD-Stadtverordnete in Frankfurt am Main. Sie war mit Oskar Schindler, der mehr als 1200 Juden vor dem Tod in Auschwitz und anderen Lagern rettete, befreundet.

Verarmt in Frankfurt

Ursula Trautwein berichtet in ihrer kleinen Küche, wie ihr verstorbener Mann, ein evangelischer Pfarrer, und sie in den 1960er-Jahren bei einem Besuch in der israelischen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem erfuhren, dass Oskar Schindler im Frankfurter Bahnhofsviertel lebt.

„Da standen wir vor einem Stein und einem Bäumchen, das noch da war. Da stand der Oskar Schindler drauf. Und mein Mann hat gefragt: Oskar Schindler? Irgendjemand hat ihm dann gesagt: 'Oskar Schindler, der wohnt in Frankfurt.' Und dann hat man sich auf die Suche gemacht."
Ihr Mann habe durch Zufall erfahren, dass Schindler im Bahnhofsviertel wohnte, verarmt. Pfarrer Trautwein habe dann Kontakt aufgenommen, berichtet seine Witwe.

Der Beginn einer Freundschaft

Das war der Beginn einer langjährigen Freundschaft des Ehepaars Trautwein mit Oskar Schindler, der am 9. Oktober 1974 starb. Ursula Trautwein erinnert sich: Im Frankfurter Bahnhofsviertel liebte Schindler auch das Nachtleben. Wenn er mal Geld hatte, lud er gerne alle Gäste des Lokals ein, in dem er gerade zechte.

Hören Sie von unserem Autor Ludger Fittkau einen weiteren Beitrag zum Gedenken an den Holocaust: Im August 1944 wurde in den Adlerwerken in Frankfurt am Main ein Konzentrationslager eingerichtet. Das Ziel: Die Rüstungsproduktion sollte dort aufrechterhalten werden. Das Lager erhielt von den Nationalsozialisten den Decknamen „Katzbach“. Etwa 1.600 Männer wurden dafür aus Buchenwald und Dachau in die Mainmetropole geschickt. Neue Forschungen bestätigen: „KZ Katzbach“ war ein besonders mörderisches Lager.

Oskar Schindler habe auch viele Juden dadurch gerettet, dass er ihre Nazibewacher unter den Tisch trank und sie dann im Suff Dokumente unterschreiben ließ, die für die Todgeweihten die Freiheit bedeuteten.

„Wenn er nicht so gewesen wäre, hätte er das gar nicht machen können. Er war ein Mensch, das ist für mich das Wichtigste. Das hat einer von seinen Geretteten mit dem sudetendeutschen Anklang gesagt: Er war ein Mensch, ein Mensch in vollem Sinn des Wortes."
Auch ein Frauenfreund sei Schindler gewesen, schlau und raffiniert. Und letztlich habe er mit seinen Betrügereien Menschenleben gerettet.

Kommandanten unter den Tisch getrunken

"Er war stolz darauf, dass er den Kommandanten und so weiter unter den Tisch gesoffen hat", erzählt Ursula Trautwein. "Er hat mal unserem damals 15-jährigen Sohn, mit dem er auch mal ausgegangen ist, einen Rat gegeben: Du musst immer ein Stück trockenes Brot dabei haben und Dir das unter die Zunge legen.“ Dann werde man nicht so schnell betrunken.

Und wenn Schindler nicht gewusst hätte, aus welchem Elternhaus der junge Mann kam, "wäre er auch mit ihm ins Freudenhaus gegangen. Also, es war für unsere Familie natürlich auch eine riesige Bereicherung an Erfahrung mit so einem Menschen.“

Vier Wochen Urlaub in Israel

Von den Menschen, die Schindler gerettet hatte und die in den 60er-Jahren zumeist in Israel lebten, bekam das Ehepaar Trautwein den Auftrag: Ihr müsst euch um den „Gerechten der Völker“ kümmern, wenn er in Frankfurt ist. Das war er zumeist, denn in Israel machte er jedes Jahr lediglich vier Wochen Urlaub. Zu mehr reichte das Geld nicht, erinnert sich Ursula Trautwein.

„Die haben sich Sorgen gemacht. Die haben uns gesagt: Wir laden ihn jedes Jahr vier Wochen ein, und da ist das Geld auch alles weg, was wir selbst haben, weil er dann immer große Runden schmeißt. Aber ihr seid dann für ihn verantwortlich. Und das haben wir auch sehr ernst genommen und haben ihn dann hier auch bis zum Tod begleitet.“

Steven Spielberg saß am Küchentisch

Das Ehepaar Trautwein sorgte auch dafür, dass die mutigen Taten Oskar Schindlers hierzulande nicht vergessen wurden. Und irgendwann in den 90ern saß dann auch der Hollywood-Regisseur Steven Spielberg am Küchentisch der Pfarrerfamilie, bevor er den Spielfilm „Schindlers Liste“ drehte, für den er sieben Oscars bekam.
„Es hat den Steven Spielberg selber sehr bewegt, das hat er auch meinem Mann gesagt.  Weil er selber als Amerikaner jüdischer Herkunft diese Situation hier so gar nicht gewusst hat.“

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Spielberg meinte damit wohl die Verarmung Schindlers in den späten Jahren und dessen Leben im Frankfurter Bahnhofsviertel.

Ein Platz mit Schindlers Namen

Jetzt will Ursula Trautwein noch erreichen, dass der Bahnhofsvorplatz in Frankfurt am Main in Oskar-Schindler-Platz umbenannt wird.
Gerade bei Vorträgen in Schulen habe sie gemerkt, dass die Jugendlichen diesen Retter so vieler Jüdinnen und Juden auch deswegen interessant finden, weil er kein moralischer Übermensch war, sondern ein Mann mit Schwächen und Widersprüchen, der dennoch alles ihm Mögliche getan hat, um Menschenleben zu retten.

Die Erinnerung soll deutlich sichtbar werden

Gerade im Bahnhofsviertel von Frankfurt am Main müsse an ihn noch sichtbarer erinnert werden als nur durch die Tafel an seinem Wohnhaus, fordert Ursula Trautwein und klopft energisch mit ihrem Fingerknöchel auf den Küchentisch.
Doch bisher konnte sich die Frankfurter Stadtpolitik dazu nicht durchringen. Jetzt beginnt gerade eine neue Legislaturperiode in der Kommunalpolitik, mit einem neu zusammengesetzten Ortsbeirat, der sich der Sache wieder annehmen könnte, so hofft Trautwein.

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