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Fazit / Archiv | Beitrag vom 04.11.2016

Oliver Frljic: "Requiem für Europa"Ein Abgesang auf Ausbeutung und Abschottung

Von Eva Behrendt

Szene aus "Requiem für Europa" am Staatsschauspiel Dresden (Foto: David Baltzer / Staatsschauspiel Dresden)
Szene aus "Requiem für Europa" am Staatsschauspiel Dresden (Foto: David Baltzer / Staatsschauspiel Dresden)

Der Kroate Oliver Frljic ist ein zorniger Theatermacher. In der Pegida-Hochburg Dresden hat er ein "Requiem auf Europa" gesungen.

Das Dresdner Publikum hält sich wacker an diesem Abend. Gleich zu Beginn von Oliver Frljics "Requiem für Europa" im kleinen Haus des Staatsschauspiels wird es von einem Horror-Clown (Sebastian Pass) mit sanfter Stimme aufs Finsterste verflucht: "Ich wünsche ganz Dresden, dass es platt gemacht wird. Nicht mal ein Stein soll euch bleiben. Schutt und Asche. Verrecken sollt ihr."

Später wird es aufgefordert, für 20 Euro aus Martin Luthers antisemitischer Schrift "Über die Juden und ihre Lügen" vorzulesen ("Sonst schicken wir das Geld an Pegida e.V."), es soll darüber entscheiden, ob der Schauspieler Benjamin Pauquet seine Pegida-nahen Kollegen denunziert, und zu, nun ja, guter Letzt wird ihm im auch noch anbiedernd ein nackter Hintern entgegenstreckt.

Zu diesem Zeitpunkt hat sich das als dürres Gerüst umrissene europäische Haus, Frljics zentrales Bühnenrequisit, entlang einer losen Szenencollage von einer Schule in eine Kirche in eine Moschee in ein Bordell verwandelt. Die fünf Horror-Clowns vom Anfang haben zwischendurch mit Opferzahlen jongliert, Kriegsverbrechen durch Vergleiche ad absurdum geführt, Franz Kafkas enigmatische Erzählung "Schakale und Araber" über das hasserfüllte, erlösungssüchtige Verhältnis von Juden, Arabern und Europäern aufgeführt. Vielleicht ist es am Ende ja dieser ungelöste Konflikt, der immer neue Opfer produziert, etwa in der Schlussszene die aus der EU verstoßenen Griechinnen, die sich drogensüchtig und traumatisiert prostituieren: Eine davon heißt Europa, Zeus sucht sie in den Krankenhausbetten des lazarettartigen Bordells, es schneit, und am Ende steigt er zu ihr in den Sarg. Ruhe sanft, Europa – adieu, Gott.

Der kroatische Theatermacher Oliver Frljic, Jahrgang 1976, ist im deutschsprachigen Raum schon öfter aufgefallen mit seinen provokanten, zornigen Stückentwicklungen, die vor schweren Zeichen nicht zurückschrecken: in "Balkan macht frei" am Münchner Residenztheater unterzog sich ein Schauspieler in der Rolle des Regisseurs einer drastischen Waterboarding-Folter, in der Koproduktion "Unsere Gewalt und eure Gewalt" konfrontierte Frljic das Publikum mit blasphemischen Symbolen; gleichzeitig thematisiert Frljic stets auch seine eigene Käuflichkeit im Theaterbetrieb sowie die durchaus sensationslüsternen Geschmacksgrenzen des bildungsbürgerlichen Publikums. Seine apokalyptische Dresdener Bildercollage knüpft daran an, indem sie auf alle nur erdenklichen Schmerzpunkte drückt. Mit gemischtem Ergebnis: Ja, autsch, es tut weh, aber irgendwann verstellt die Absicht auch die Wirkung.

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