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Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 21.02.2019

Ökologisches Bauen in Mexiko und SingapurMit Lehmhäusern und Turmgärten in die Zukunft

Von Markus Plate und Lena Bodewein

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Im Garten sitzt ein Mann und liest, Wasserspiele im Vordergrund (Lena Bodewein)
Ein Garten zum Entspannen, mitten in einem Singapurer Hochhauskomplex: "Marina One" macht's möglich. (Lena Bodewein)

In Mexiko besinnen sich die Architekten wieder auf den traditionellen Lehmbau. In Singapur wird das Bauen mit Grünflächen gefördert, egal ob auf dem Dach oder an der Wand. Der Öko-Bau boomt - nicht nur aus Öko-Gründen.

Weltweit boomt der Bau. Die Menschen ziehen in die Städte, diese verdichten sich und werden zu Klimakillern – sei es wegen der hohen CO2-Emissionen, die die Zementherstellung produziert oder wegen der fehlenden Grünflächen, die klimatisch ausgleichend wirken. Die Entwicklung zwingt Stadtplaner, Bauwirtschaft und Architekten umzudenken.

Mexiko-Stadt - eine Betonhölle

Schon der Landeanflug auf Mexiko-Stadt zeigt: Mexiko ergraut. Horizontale Betondächer mit roter Abdichtfarbe soweit das Auge reicht. Beton gilt als modern, haltbar, erdbebensicher und günstig. Und so hat sich die Zementproduktion in Mexiko in etwas mehr als zehn Jahren verdoppelt. Das Problem: Die Zementindustrie ist nicht nur einer der weltweit größten Treibhausgasproduzenten.

"Das Schlimme am Zement sind die Umweltauswirkungen, die riesigen Steinbrüche, der Energieverbrauch und die Schadstoffemissionen bei Herstellung und Transport, der gesamte Lebenszyklus. Nutzen wir diesen Baustoff doch besser für Projekte, von denen die gesamte Gesellschaft einen Nutzen hat. Krankenhäuser oder Brücken zum Beispiel, um die Umweltauswirkungen zumindest ein wenig zu begrenzen."

Drei Häuser aus Lehm mit Glasmustern aus Flaschen (Markus Plate)Lehmhäuser in Mexiko: eine alte Tradition, modern interpretiert. (Markus Plate)

Die Architektin Alejandra Caballero will private und öffentliche Bauleute dazu bewegen, ökologisch zu bauen und gibt seit über zehn Jahren ganz praktische Tipps in Workshops. Sie baut mit Lehm, Sand und Stroh, mit Altglas, Holz und Bambus.

Häuser aus Erde überdauern Epochen

Im Bundesstaat Tlaxcala, etwa zwei Fahrtstunden von Mexiko-Stadt entfernt, sind die 15 Kursteilnehmer auf dem Weg zur Baustelle. Dort angekommen beginnt der Kurs mit einer Meisterklasse über Erde als Baustoff. Der Meister, Luis Fernando Guerrero, ist Architekturprofessor und beeindruckend kenntnisreich.

"Erde ist der wichtigste und meist verwendete Baustoff in der Menschheitsgeschichte. Städte und Stätten wie Çatal Höyük in der Türkei oder Caral in Peru zeigen, dass Erdbauten Tausende Jahre überdauern können. Nach Schätzungen der UNO lebt noch heute rund die Hälfte der Erdbevölkerung in Häusern aus Erde."

Die Eigenschaften von Lehm

Doch wer mit Lehm bauen will, muss erst einmal wissen, welche Eigenschaften die Erde auf dem Baugrundstück besitzt. Die fünfzehn Teilnehmer, darunter Handwerker, Architektinnen und zukünftige private Bauleute, untersuchen zuerst einmal die Erde. Sie füllen sie unter den Augen von Professor Guerrero in Flaschen mit Wasser, schütteln sie durch und lassen sie dann ruhen.

zwei Teilnehmer beugen sich über eine Wand aus Lehm und STroh (Markus Plate)Üben mit Lehm: Nicht jede Erdsorte reagiert gleich. (Markus Plate)

Später können sie sehen, wieviel Ton, Sand und Schluff enthalten sind. Sie formen Erdkekse, die sie dann der Sonne aussetzen, um zu sehen, wie oft sie nach ein paar Stunden reißen. An einen kleinen Erdziegel hängen sie einen großen Eimer, in diesen füllen abgewogene Steine bis der Erdziegel bricht. Damit ermitteln sie die Festigkeit des Baustoffs.

Wer mit Lehm baut, muss Geduld haben

Dann steht einer der Höhepunkte des Kurses auf dem Plan: Wände in Lehmbau. Als Alternativen stehen Stampferde, Adobeziegel, Cob genannte Lehm-Strohkugeln und Bahareque-Fachwerk zur Verfügung. Allen gemeinsam: Zunächst geht es mit Händen und Füßen hinein in den Matsch. Marianela, Architektin aus Uruguay, steht mitten im Schlamm.

"Wir haben zuerst die Hosen hochgekrempelt, die Schule ausgezogen und dann rein, in den kalten Matsch, der dann durch unsere Bewegung wärmer wird. Unsere Mischung aus Lehm, Sand, Wasser und Stroh wird dann in Holzformen gefüllt. Dann nimmst Du die Form ab, lässt den Ziegel ein paar Tage trocknen und fertig ist der Adobe."

Mit den rechteckigen Adobe-Ziegeln lassen sich geometrisch klar definierte Gebäude realisieren. Mehr Freiheiten bieten die Cob-Erdbälle, die vor allem dem Künstler Diego gefallen:

"Cob hat etwas von mit Schlamm spielen. Das Mischen mit den Füßen und einer Plastikplane, das Formen der Cob-Bälle mit der Hand und dann die Bälle per Menschenkette zur Baustelle zu werfen. Cob erlaubt es Dir, zu modellieren, es ist nicht so geometrisch beschränkt wie Adobe. Mich erinnert das an die Art, wie Schwalben ihr Nest bauen."

Ein Vordach aus Lehm und Flaschen wird verputzt (Markus Plate)Ein Vordach aus Lehm und Flaschen wird verputzt: In die Wand eingelassen sind alte Flaschen. (Markus Plate)

Zwei Wochen geht es allein um Wände, und die noch unerfahrene Gruppe schafft in dieser Zeit gerade einmal, die Hälfte des Achtecks hochzuziehen.

Das Geld bleibt im Dorf bei den Menschen

Das Bauen von Holzdächern, Fachwerktechniken, das Verputzen der Wände, und den Aufbau von Fußböden aus Erde lernen die Teilnehmer an anderen, ebenfalls noch unfertigen Bauten auf Alejandras Kursgelände. Die sieht im ökologischen Bauen noch ganz andere Vorteile.

"Das große Plus ist, dass das Budget mehr für Arbeitskraft, als für Materialien ausgegeben wird. Die Menschen hier verlassen die Dörfer, weil es keine Arbeit gibt. Wenn Du lokale Materialien verwendest, die jemand aus dem Dorf verkauft, bearbeitet und dann damit konstruiert. Und wenn dann am Ende jemand aus dem Dorf dort gerne drin wohnt, dann zirkuliert das Geld innerhalb des Dorfes."

Blick in ein Dach aus alten Flaschen (Markus Plate)Ein farbenfrohes Lichterspiel aus recyceltem Material. (Markus Plate)

Im Süden Mexikos und bis nach Brasilien wird Bauen mit Bambus immer populärer, die Pflanze wächst schnell, bindet viel CO2 und taugt für ebenso stabile, wie ansehnliche Bauten. All diese Beispiele zeigen: Bauen hat auch in Schwellenländern das Potenzial, grüner zu werden. Was in Lateinamerika oft fehlt sind finanzielle Anreize.

Anreize für grünes Bauen in Singapur

Die gibt es im dicht besiedelten Stadtstaat Singapur. Dort leben auf einer Fläche so groß wie Hamburg fünfeinhalb Millionen Einwohner – und es werden immer mehr. In der Mittagshitze sieht man in Singapurs Finanzviertel hechelnde Büroangestellte durch die tropische Hitze ziehen - auf direktem Weg zum nächsten klimatisierten Restaurant. Asphalt, Glas und Beton verstärken die Hitze noch.

Garten im Innenhof mit Mittagstisch (Lena Bodewein)Trotz sengender Hitze: In solchen grünen Oasen ist ein Mittagessen auch ohne Klimaanlage möglich. (Lena Bodewein)

Thomas Schröpfer leitet das Future Cities Lab in Singapur und findet mit Blick auf die Glaspaläste: das ist keine intelligente Architektur. Und: es geht auch anders.

"Es gibt sehr gelungene Beispiele, Marina One, Ingenhoven, ist ganz neu, sehr großes Gebäude, was auch sehr viel Grün beinhaltet, wo auch sehr viel Intelligenz in das Design mit eingeflossen ist, wie die Form des Gebäudes sich darstellt, wie der Wind durchgeleitet wird, so kann man auch bauen, so kann man auch durch Architektur einen Beitrag leisten zur energetischen Verbesserung der Stadt und insgesamt der Stadt."

Eine Brise zieht durch den Platz

Tatsächlich: Das Marina One, ein 400.000 Quadratmeter umfassender Komplex, besteht aus vier Türmen, zwei zum Wohnen, zwei zum Arbeiten, und in der Mitte schlägt ein grünes Herz.

Hier rauschen Brunnen, zwitschern Vögel, wachsen 350 Pflanzenarten, es weht ein Wind. Finanzexpertin Jennifer sitzt auf einer Bank, umgeben von Grün, im vierten Stock der so genannten Oase.

"Ich mag diese Brise, ich kann hier meditieren, entspannen, das ist besser, als in Restaurants anzustehen. Hier sind Bäume, Pflanzen, Vögel, das mag ich."

"Der Wasserfall hilft mir immer mich zu beruhigen, wenn die Gefühle hochkochen", ergänzt Kimberly, eine Personalmanagerin, die die erfrischende Kühle der Grüngeschosse einer Mittagspause im Restaurant vorzieht. Der Architekt Christoph Ingenhoven hat versucht, trotz der heißen Lage am Äquator einen nachhaltigen Geschäfts- und Wohnkomplex zu entwerfen. Durch die Öffnungen zwischen den vier Türmen zieht eine Brise von der Bucht her. Und durch die Dichte der Anlage wird die Kühle auch gehalten.

Baufläche nur gegen Grünräume

Zudem haben die Grüngeschosse noch einen zusätzlichen finanziellen Vorteil, erklärt Thomas Schröpfer:

"In Singapur ist es zum Beispiel so, dass sie ein größeres Gebäude bauen können, wenn sie Grünräume integrieren, die zählen nicht zur Gesamtgeschossfläche hinzu, das heißt, wenn sie Projektentwickler sind, können sie ein attraktiveres Gebäude bauen, ohne quasi mehr dafür zu bezahlen, indem sie Grüngeschosse anfügen. Wenn sie ein großes Gebäude planen, ist immer das Problem, dass sie mit Dingen wie Anonymität zu kämpfen haben - wenn sie ein großes Volumen runterbrechen, und soziale Räume einfügen, dann haben sie sicherlich ein besseres Gebäude."

Grünes Bauen dient sozialer Integration

Ein Beispiel für gelungene Integration von sozialen Räumen steht ebenfalls in Singapur und ist Ende 2018 als Gebäude des Jahres beim World Architecture Festival ausgezeichnet worden: Das Kampung Admiralty ist ein vertikales Dorf. Mitten in einer Hochhaussiedlung steht das zukunftsweisende Gebäude namens Kampung Admiralty, im Norden Singapurs.

Foto vom Modell eines Hochhauskomplexes mit vielen grünen Oasen (Lena Bodewein)Kampung Admiralty, ein vertikales Dorf. Hier im Modell. (Lena Bodewein)

Auf der Plaza, die sich zum Himmel hin öffnet, schieben Betreuerinnen alte Damen im Rollstuhl zum Café, kleine Kinder spielen um sie herum, es gibt altengerechte Ärztezentren neben Kindergärten. Alles auf Initiative der staatlichen Bauentwicklungsgesellschaft von Singapur, wie Professor Thomas Schröpfer erläutert:

"Kampung nennt man das hier in Singapur, eine Gemeinschaft in der Stadt, wie sie früher existiert hat, wie sie verloren gegangen ist durch die schnelle Urbanisierung. Da setzt dieses Projekt an, es geht um die zunehmende Überalterung in der Gesellschaft, wie man sich dem architektonisch annehmen, aber auch eine lebenswerte Umwelt für die Älteren schaffen kann."

Spielplatz mit Sportgeräten und viel Grün in einem Wohnkomplex (Lena Bodewein)Sport und Spiel auf dem Hochhaus. (Lena Bodewein)

Im sechsten Stock ist ein Seniorenzentrum untergebracht. Neben einer Vorschule. Es gibt einen Spielplatz und Fitnessgeräten. Das alles umgeben von dichtem Grün.

Avocados auf dem Dach

Und ganz oben auf dem Dach rauscht nicht nur die Klimaanlage, sondern gibt es auch eine Gemeinschaftsfarm.

Hier wachsen Avocados, Guaven, Sternfrüchte, Mango, Koriander und Kaffee. Hier flattern Schmetterlinge und zwitschern Vögel. Drumherum dominieren Hochhäuser die Aussicht - aber auch die sollen immer grüner werden

"In Singapur gibt es Vorschriften, jedes Gebäude muss das an Grünfläche ersetzen, was es auf dem Boden ersetzt, aber viele Gebäude gehen eben darüber hinaus, weil das insgesamt die Zielsetzung ist für die Stadt. Und da gibt es zwei Aspekte, zum einen die Begrünung des Gebäudes hilft dem Gebäude selbst im Inneren des Gebäudes, Sie haben Verschattung, deutlich geringere Oberflächentemperaturen, aber es hilft eben auch bei dem Urban Heat Island Effect, das heißt, die Gebäude helfen insgesamt bei der Kühlung der Stadt."

Der "Urban Heat Island Effect", den Schröpfer nennt, der urbane Wärme-Insel-Effekt, besagt, dass alle Energie, die in einer Stadt erzeugt, verbraucht und frei gesetzt wird, irgendwann in Wärme umgewandelt wird. Das macht die Städte zu Hitzenadeln auf dem Globus.

Auch der Norden profitiert

Umso wichtiger sind die Erkenntnisse des dichten, grünen Bauens im Future Cities Lab – auch im kühleren Norden:

"Es gibt zum Beispiel im Moment gerade ein Projekt, ich meine an der Technischen Universität in Wien, wo auch Gebäudebegrünung getestet wird in einem völlig anderen klimatischen Zusammenhang. Die Vorteile sind ganz klar, Sie haben im Sommer durch die Verschattung der Begrünung ein besseres Klima innen, das heißt, das Gebäude heizt sich nicht so auf. Im Winter haben Sie genau den umgedrehten Effekt, das heißt, die Wärme wird besser im Gebäude gehalten. Also, diese Dinge sind nicht unbedingt an den klimatischen Kontext gebunden, die funktionieren auch anderswo sehr gut."

Wenn die Städte weiter wachsen – und davon gehen Stadtplaner in aller Welt aus - ist das ökologische Bauen ein Muss, nicht nur in den boomenden Schwellenländern.

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