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Lesart | Beitrag vom 14.02.2020

Ocean Vuong: "Nachthimmel mit Austrittswunden"Zur Zärtlichkeit geprügelt

Von Nico Bleutge

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Buchcover des Lyrikbandes "Nachthimmel mit Austrittswunden" von Ocean Vuong vor orangefarbenem Hintergrund (Hanser / Deutschlandradio)
Ocean Vuong wurde in Saigon geboren, als Kind kam er nach Amerika. Die Erfahrungen schimmern in seiner Lyrik durch, aber nie platt autobiografisch. (Hanser / Deutschlandradio)

Nach dem gefeierten Roman "Auf Erden sind wir kurz grandios" erscheint nun ein Lyrikband von Ocean Vuong: In "Nachthimmel mit Austrittswunden" thematisiert er Flucht und familiäre Gewalt –aber auch die Entdeckung der eigenen Homosexualität.

Der Junge und die Großmutter haben eine Abmachung. Immer wenn er ihr die grauen Haare auszupft, wird er in Geschichten bezahlt. Kaum sitzt er mit der Pinzette in der Hand hinter ihr, beginnt die Großmutter zu erzählen: "Also bei dieser Geschichte wirst du wirklich mit den Ohren schlackern. Bereit?" Und schon schweift sie ab ins Uferlose, bewegt sich dabei kreisend voran, um in der nächsten Woche alles zu wiederholen. Später wird der Erzähler daraus die Idee ableiten, Geschichte vollziehe sich nicht linear, sondern spiralförmig, mit kleinen Änderungen und Verschiebungen.

Little Dog heißt der junge Erzähler in Ocean Vuongs Debütroman "Auf Erden sind wir kurz grandios", der im letzten Jahr erschienen ist. In den USA wurde Vuong für sein Buch genauso gefeiert wie hierzulande. In assoziativen Sprüngen wandert er an der eigenen Lebensgeschichte entlang, ohne doch je platt autobiografisch zu sein. Vielmehr lagert er die Gedächtnismomente – Erfahrungen von Gewalt und Trauer, Erinnerungen seiner Großmutter an den Vietnamkrieg – in Bilder und Reflexionen ein.

Surreal wirkende Reflexionen

Als "poetisch" wurde Vuongs Schreibart immer wieder bezeichnet. Allerdings wurde man beim Lesen mancher Kritik den Verdacht nicht los, hier sei eine Vorstellung vom Gedicht am Werk, nach der "poetisch" so viel meine wie "verträumt" oder "nebelhaft zart".

Was diese Behauptung hergibt, kann man nun anhand von Vuongs Gedichten selber nachprüfen. In seinem ersten umfassenden Band "Nachthimmel mit Austrittswunden" (im Original 2016 erschienen) tauchen, wie im Roman, neben der Großmutter die Eltern immer wieder auf, die aus Vietnam fliehen mussten. Die Mutter, die kaum Englisch spricht und den Jungen schlägt, der Vater, der die Mutter misshandelt und die Familie irgendwann verlässt. In anderen Gedichten umkreist Vuong die Entdeckung der eigenen Homosexualität oder schreibt fast surreal wirkende Reflexionen über den Körper:

Wind

streift das bleiche Gras flach

ringsum – das Pferd & ich

ein Aquarell, zu früh aufgehängt

& tropfend.

Enttäuschende Übersetzung

Von verträumten Lyrismen kaum eine Spur. Vielmehr versucht Vuong, die Sprache beweglich zu halten. Und schließt dabei an die Ideen der Großmutter an. Spiralförmig, assoziativ und stets metaphorisch unterfüttert bringt er disparate Eindrücke zusammen:

Der Himmel war septemberblau, und die Tauben pickten unver-

drossen an den Brotkrumen rings um die von Bomben zerstörte Bäckerei.

Dazu benutzt er Lautverwandlungen und arbeitet mit Gegensatzfiguren. Zärtlichkeit kann hier etwas sein, "zu dem man geprügelt / wird", und Liebe erscheint so, "wie Licht / seinen Schatten bewahrt / indem es ihn schluckt".

Auch wenn Vuong die Metaphorik von Licht und Schatten bisweilen überstrapaziert und dem Pathos nicht immer entkommt, wissen seine Gedichte zu überzeugen. Das gilt für die Übersetzungen leider nicht. Anne-Kristin Mittag vergreift sich ein ums andere Mal im Sprachregister. Aus einem lockeren "Hey" wird hier ein antiquiertes "Heda", aus einem einfachen "rise" ein preziöses "emporschlagen". An anderen Stellen stimmt im Deutschen die Grammatik nicht oder es ist der englische Satzbau stehen geblieben. Das ist schade, denn so muss man sich an die englischen Texte halten, um einen Eindruck von dieser intensiven Lyrik der Assoziationen zu bekommen.

Ocean Vuong: "Nachthimmel mit Austrittswunden"
Zweisprachig. Aus dem Englischen von Anne-Kristin Mittag
Hanser Verlag, München 2020
173 Seiten, 19 Euro

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