Norbert Sachser/ Niklas Kästner: "Tierwelt am Limit"
© Rowohlt Verlag
Zwischen Anpassung und Kollaps

Norbert Sachser / Niklas Kästner
"Tierwelt am Limit"Rowohlt Verlag, Hamburg 2026304 Seiten
26,00 Euro
Vom rasanten Klimawandel bis zur industriellen Haltung: Unser Zeitalter bringt die Tierwelt an ihre biologischen Grenzen. Manche Arten mobilisieren erstaunliche Anpassungskräfte, andere scheitern an der Geschwindigkeit des Wandels.
In Sydney zeigt sich ein modernes Schauspiel des Anthropozäns: Kakadus öffnen mit erstaunlicher Geschicklichkeit Mülltonnen, um an Essensreste zu gelangen. Ein Vogel hat damit begonnen, die anderen haben es sich abgeschaut.
In „Tierwelt am Limit“ geben die Verhaltensbiologen Norbert Sachser und Niklas Kästner einen in seiner Art einzigartigen Überblick, wie Tiere weltweit auf die menschengemachten Veränderungen reagieren. Wie weit reicht ihre Anpassungsfähigkeit? Wo stößt sie an biologische Grenzen?
Erstaunliche Erfolge
An positiven Beispielen mangelt es nicht. Der „Industriemelanismus“ des Birkenspanners in England zeigt, wie sich dunkle Varianten in verrußten Regionen in kurzer Zeit durchsetzen konnten. Anolis-Echsen in der Karibik entwickeln durch Hurrikane größere Haftpolster an den Füßen, in Städten längere Beine für schnelleres Fortkommen auf Asphalt. Nachtigallen singen lauter, wo der Verkehr tost.
Während der Corona-Lockdowns dimmten sie sich auf normale Lautstärke zurück. Atlantische Killifische sind genetisch resistent gegen stark verschmutzte Gewässer geworden und der Schneckenbussard in Florida gönnt sich einen längeren Schnabel, weil mit den weltweiten Wanderungsbewegungen ökosystemfremde Beutetiere in sein Gebiet gelangt sind.
Auch die Mechanismen hinter solchen Anpassungsleistungen beleuchten die Autoren ausführlich. Dazu gehören evolutionäre Veränderungen über Generationen hinweg, die Möglichkeit einzelner Tiere, sich kognitiv und körperlich anzupassen, und das soziale Lernen, wie bei den Kakadus, das neue Strategien besonders rasch verbreitet.
Fatales Scheitern
Doch den Erfolgsgeschichten stehen zahllose Fehlschläge gegenüber. Insekten legen ihre Eier auf dunklen Autos und Glasfassaden ab, weil das reflektierte Licht ihnen Wasser signalisiert: Der Nachwuchs vertrocknet. So wird eine evolutionär sinnvolle Orientierung in der technischen Umwelt zur tödlichen Falle. Insgesamt, so die nüchterne Diagnose der Biologen, überwiegen die Verlierer. Weltweit schrumpfen Bestände, das sechste Massenaussterben hat längst begonnen.
Besonders an diesem Buch ist, dass die Autoren auch Haus- und Nutztiere mit einbeziehen, die in noch größerer Zahl täglich mit den Herausforderungen unserer Zeit klarkommen müssen. Dabei weisen die Verhaltensbiologen die Vorstellung zurück, landwirtschaftlich genutzte Tiere seien kognitiv reduziert.
Im Gegenteil: Schweine und Hühner fühlen sich als sozial und geistig komplexe Lebewesen in den reizarmen Umgebungen, dem Platzmangel und Kontrollverlust der Massentierhaltung chronisch unter Stress. Auch Haustiere sind, besonders wenn Qualzuchten und eine problematische Vermenschlichung eine Rolle spielen, in ihrer Anpassungsfähigkeit oft überfordert.
Wissenschaftlich fundierte Orientierung
Trotz aller Warnungen: Mit „Tierwelt am Limit“ möchten Norbert Sachser und Niklas Kästner wissenschaftlich fundierte Orientierung bieten. Darum zeigen sie auch Lösungswege auf – Schutzprogramme, Renaturierungen, veränderte Zuchtziele, weniger Konsum tierischer Produkte.
Und so lernt man vor allem eins mit diesem Buch: Nicht die fehlende Anpassungsfähigkeit der Tiere ist das Problem, sondern dass der Mensch sie längst als selbstverständlich voraussetzt.












