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Lesart / Archiv | Beitrag vom 06.04.2016

Nick Cave: "The Sick Bag Song"Lyrik auf der Spucktüte

Von Olga Hochweis

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Der australische Sänger Nick Cave mit seiner Band "Nick Cave and the Bad Seeds" 2013 während eines Konzerts in Wien (picture alliance / dpa / Herbert P. Oczeret)
Der australische Sänger Nick Cave (picture alliance / dpa / Herbert P. Oczeret)

Eigentlich sollten Songs aus den Ideen werden, die Nick Cave während seiner Flugreisen auf Spucktüten kritzelte. Nun ist der "Sick Bag Song" Lyrik in Langform geworden, in dem Cave einen alternden Rockstar auf Konzerttour durch Nordamerika schickt - selbstironisch und todesnah.

Unterwegs auf einer Konzerttournee durch Nordamerika 2014 nimmt sich Nick Cave vor, ein paar neue Songs zu schreiben. Er will dafür die Zeit während der Flugreisen nutzen und kritzelt erste Ideen auf die Spucktüten der einzelnen Fluggesellschaften, mit denen er und seine Band von Stadt zu Stadt fliegen. "Sick Bag Song" soll der erste Titel heißen, doch statt der geplanten Songlyrics entsteht Lyrik in Langform – oder, um mit den Worten des Dichters zu sprechen:

"Es ist Roadpoem Schrägstrich Horrorstory – also the Hitcher plus das Buch der Psalmen plus John Berrymann plus ein bisschen Indianismo plus Wasteland plus Cocksucher Blues plus Nosferatu plus Marilyn Monroe, Jimi Hendrix, Janis Joplin und alle anderen, die an ihrem Erbrochenen erstickt sind..."

Das Spektrum der Einflüsse, vom Alten Testament über Dichter wie John Berrymann und T.S. Eliot bis hin zur Pop- und Trash-Kultur, korrespondiert mit den diversen stilistischen und formalen Mitteln im "Sick Bag Song". Alltagserfahrungen und Anekdoten in einfacher Tagebuch-Prosa wechseln mit rhythmisch akzentuierten free-verse-Passagen im pseudo-hohen Stil.

Die allgegenwärtige Spucktüte (jede Fluggesellschaft bietet eine andere für den doppeldeutigen "motion discomfort" und wird mit den darauf verewigten Kritzeleien und Skizzen als Faksimile abgebildet) dient dabei nicht nur als Notizzettel, sondern wird zur Grundmetapher des Buchs:

"Amerika sieht aus wie eine geplatzte Tüte mit Erbrochenem".

Cave macht das banale Wegwerf-Utensil zum poetologisch überhöhten, wiewohl stark ironisierten Meta-Aufbewahrungsort für alles, "was ich liebe und hasse, und alles ist in mir". All dies wird verbal ausgespuckt.

Angst vor dem Verlust Kreativität

Die Ironie gilt dabei vor allem dem lyrischen Ich, das extreme Ähnlichkeit mit seinem Schöpfer zeigt: Es ist ein alternder Rockstar, der mit seiner Band durch nordamerikanische Städte reist, ("er bekommt gerade eine Steroidspritze in den Schenkel, die den von Jetlag und Grippe geplagten Sänger in eine Gottheit verwandeln wird"), der sich die Haare im Hotelzimmer schwarz färbt, regelmäßig und vergeblich seine Frau zu Hause anruft und sich dazwischen an Begegnungen mit Kollegen wie Brian Ferry oder Bob Dylan erinnert, um sich hin und wieder für gelungene Sprachbilder selbst zu loben ("Ich mag 'King-Sized Nick Cave Blues'. Ich finde, da steckt einiges drin.").

Wiederkehrendes Thema ist neben dem unvermeidlichen Altern die Angst vor dem Verlust von Kreativität, deren sogenannte "Heimsuchungen" Cave in langen Listen zusammenträgt – von "Aufschieben wegen Angst oder Aufschieben wegen Wartens auf Eingebung" bis hin zu allen nur denkbar möglichen Ausreden wie funktionierendes bzw. nicht-funktionierendes Internet.

Den elegischen Kontrapunkt zu soviel ironischem Witz (gelungen übersetzt von Eike Schönfeld) bildet die Allgegenwart des Todes. Auf einer der ersten Seiten des Buchs liest man von einer Frau, deren Kopf bei einem Unfall abgetrennt wird. Ausführlich erinnert sich Cave an "katastrophale Ereignisse" seiner Jugend, etwa wie ein Junge aus seiner Nachbarschaft aus Versehen den Bruder erschoss oder ein anderes Kind nach einem Bienenstich einen tödlichen Allergieschock erhielt.

Tragischer Tod des Sohnes 

"Vor allem aber erinnere ich mich daran, was meine Mutter und mein Vater mir von dem Jungen erzählten, der von der Eisenbahnbrücke in den Tod gesprungen war. Er war auf den Betonsockel des Pfeilers geprallt, der unter Wasser liegt, und bewusstlos geworden. Er ertrank. Ein paar Tage später fand man ihn in den Ästen des halb gefällten Baums. Vor allem daran erinnere ich mich."

"Für den Jungen auf der Brücke" hat Nick seinem Buch als Widmung vorangestellt. Es ist die Erinnerung an den Zwölfjährigen, der er selbst war: auf einer Brücke stehend, kurz davor, ins Ungewisse zu springen trotz eines herannahenden Zugs – ein wiederkehrendes Motiv im Buch, sein "Riff" im Song des Lebens gewissermaßen: den Mut zu haben, Dinge zu tun und "zu springen", keine Angst vor dem Tod zu haben.

Auf tragische Weise hat das Leben die Kunst eingeholt. Wenige Monate nach Erscheinen des "Sick Bag Song", im Juli 2015, starb Arthur Cave, einer der beiden Zwillingssöhne von Nick Cave bei einem Sturz von den Klippen in Brighton. Er war 15 Jahre alt.

Nick Cave: The Sick Bag Song. Das Spucktütenlied
Zweisprachige Ausgabe, aus dem Englischen von Eike Schönfeld
Kiepenheuer & Witsch, Köln 2016
288 Seiten, 24,99 Euro

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