Neustart für die Energiewende

    Heizen ohne Öl und Gas

    28:46 Minuten
    Babyklamotten hängen im Badezimmer an einem Handtuchheizkörper zum Trocknen.
    Viele Haushalte scheuen den Umstieg auf klimafreundliche Heizanlagen wie beispielsweise Wärmepumpen. © dpa-Zentralbild/ Fernando Gutierrez-Juarez
    Von Dirk Asendorpf · 26.10.2021
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    70 Prozent aller Heizungen in Deutschland werden noch mit Erdgas oder Öl betrieben. Das ist schlecht für das Klima. Alternativen sind längst vorhanden, doch bürokratische Vorschriften, fehlende Anreize und mangelndes Know-how erschweren den Umstieg.
    Hausbesuch von Raymond Krieger, Energieberater der Bremer Verbraucherzentrale. Wir wollen wissen, wie wir unsere Doppelhaushälfte möglichst umweltfreundlich beheizen können, wenn der alte Gaskessel, Baujahr 1994, schlapp macht.
    Bevor der Energieberater eine Antwort gibt, stellt er erst einmal viele Fragen: Wann das Haus erbaut wurde, wie das Dach ausgerichtet ist, was bereits am Haus gemacht wurde, ob es eine Heizlastberechnung gibt und wie viel Gas wir pro Jahr verbrauchen.

    Öl- oder Gasheizung noch immer üblich

    Fassade und Dachboden haben wir schon vor Jahren gedämmt, die alten Fenster ausgetauscht, und mehr als 20 Grad gönnen wir uns nirgendwo. Trotzdem schluckt das 90 Jahre alte Haus gut 150 Kilowattstunden Heizenergie pro Quadratmeter Wohnfläche im Jahr. Damit liegen wir ungefähr im deutschen Durchschnitt, für den Weg in eine klimaneutrale Zukunft ist es aber noch viel zu viel.
    Raymond Krieger soll uns helfen, das zu ändern. Dafür hat er ein ganzes Paket an Infomaterial mitgebracht: verschiedene Heizungstechniken, Förderprogramme, Wirtschaftlichkeitsberechnungen. Die Sache, das merken wir schnell, ist ziemlich kompliziert.
    Es ist ein Problem, das viele umtreibt: 70 Prozent aller Heizungsanlagen in Deutschland werden noch immer mit Erdgas oder Öl betrieben. Die Wärmeversorgung ist der einzige Sektor, der 2020 die Klimaziele der Bundesregierung verfehlt hat. Um das Ziel für 2030 zu erreichen, muss der CO2-Ausstoß beim Heizen halbiert werden. Technisch wäre das mit Wärmepumpen, Fernwärmeausbau und energetischer Gebäudesanierung durchaus möglich. Doch bisher fehlen die nötigen Anreize für Hausbesitzer und Vermieter. Und auch im Handwerk müssen Kapazitäten und Know-how erst noch geschaffen werden.

    Wärmewende ist eine zentrale Aufgabe der neuen Koalition

    Die Wärmewende ist eine der wichtigsten Aufgaben für die nächste Bundesregierung. Mit welchen Mitteln sie bewältigt werden könnte, ist bisher am ehesten dort zu sehen, wo noch gar keine Häuser stehen.
    Ein Neubaugebiet am Rand von Schleswig: 60 Grundstücke für Reihen- und Mehrfamilienhäuser werden hier erschlossen. Neben Straßen und Versorgungsleitungen haben die Bagger auch zwei große Gruben ausgehoben. Darin liegen Netze aus dünnen Rohren, sogenannte Erdkollektoren. Sie werden für die Wärmeversorgung des Neubaugebiets gebraucht.
    "Rechts oben, das sandfarbene Gebäude – etwa zehn Meter davor, wo auch die Böschung ist, befindet sich der einlagige Erdkollektor. Der ist 50 Meter lang und 20 Meter breit", sagt der Projektleiter Patrick Lucki. Ein Rohrnetz, so groß wie die Fläche von vier Tennisplätzen: Das reicht aus, um die Hälfte des Neubaugebiets mit Wärme zu versorgen. Durch die Erdkollektoren fließt dann Wasser über lange Rohrleitungen in ein zentrales Gebäude.
    "Da haben wir bisher nur das Fundament, das ist hier vorne", zeigt Lucki weiter. "Wenn Sie dieses schwarze PE-Rohr sehen, und dort wird unsere Energiezentrale stehen, dort werden wir letztendlich die gesamte Wärmemenge, die wir aus unseren Kollektoren erhalten, bündeln, zu dem Wohngebiet führen und dann letztendlich der Heizungsanlage zukommen lassen."
    Beginn der Sondenbohrungen für die Wärmeversorgung, das Bohr-Gerät ist im Einsatz. 
    Bei Neubauten eine gute Idee: Auch in Bad Grönenbach im Allgäu setzt man auf Wärmepumpen.© Imago/ MiS
    Im Keller jedes Hauses wird eine Wärmepumpe stehen. Sie sieht aus wie ein Gefrierschrank, nur funktioniert sie genau umgekehrt. Sie kühlt nicht, sondern entzieht dem Wasser des Nahwärmenetzes Wärme und erhöht sie mit einem elektrischen Kompressor auf das für die Wohnräume gewünschte Niveau.

    Wärmepumpen als Alternative zu Gas und Öl

    Wärmepumpen sollen zum zentralen Element der Wärmewende werden. Denn sie heizen besonders effizient. Aus einer Kilowattstunde Strom können sie bis zu fünf Kilowattstunden Wärme erzeugen. Dafür nutzen sie eine Wärmequelle aus der Umgebung. Das können Erdkollektoren sein oder bis zu hundert Meter tiefe Bohrlöcher. Die meisten Wärmepumpen werden sogar einfach mit Umgebungswärme aus der Luft gespeist. Das funktioniert bis zu minus 20 Grad Außentemperatur, ist allerdings deutlich weniger effizient als ein Wassernetz in der Erde.
    Wärmepumpen werden mit Strom betrieben. Wie klimafreundlich sie sind, hängt davon ab, wie der Strom erzeugt wird. Mit dem heutigen Strommix verursachen sie rund ein Drittel weniger Treibhausgase als Erdgasheizungen. Wenn in den kommenden Jahren neue Wind- und Solarparks die alten Kohlekraftwerke verdrängen, wird der Strom grüner – und Wärmepumpen werden noch klimafreundlicher.
    In ein Nahwärmenetz kann auch zusätzliche Wärme eingespeist werden, zum Beispiel aus benachbarten Gewerbebetrieben oder Abwasserkanälen. Dann steigt die Effizienz der Wärmepumpen noch weiter an. In dem Schleswiger Neubaugebiet werden sogenannte PVT-Kollektoren auf einigen Dachflächen installiert. Sie sollen sowohl Strom als auch Warmwasser für den Betrieb der Wärmepumpen liefern.

    "Öl- und Gasheizungen verbieten" [AUDIO]
    Die Wärmewende sei von der Politik seit Jahren vernachlässigt worden, so Volker Quaschning, Professor für Regenerative Energiesysteme in Berlin. 70 Prozent der Heizungsanlagen hierzulande arbeiten mit Öl oder Gas. Sie sollten baldmöglichst verboten werden, so Quaschning. Auch er plädiert für die Wärmepumpe.

    Gaszähler an einer Kellerwand
    © imago-images
    Gedämmte Fassaden, Erd- und Solarkollektoren, Wärmepumpen, die mit Ökostrom betrieben werden, sowie Nah- und Fernwärmenetze – das sind die technischen Elemente, die eine flächendeckende klimaneutrale Wärmeversorgung ermöglichen sollen. Im Neubau sind Wärmepumpen tatsächlich bereits die am häufigsten installierte Heizungstechnik. Wenn sowieso umfangreiche Erdarbeiten anstehen, ist der zusätzliche Aufwand für Tiefbohrungen oder das Verlegen von Kollektorflächen vergleichsweise gering. Ganz anders ist die Lage in bestehenden Wohngebieten.

    In Altbauten kommt die Umstellung nur schleppend voran

    Doch wenn die Wärmewende erfolgreich sein soll, muss sie vor allem da greifen, wo schlecht gedämmte Altbauten bisher mit Erdgas oder Öl beheizt werden, sagt Martin Sabel. Er ist Geschäftsführer des Bundesverbands Wärmepumpe. Bei Neubauten hätten sie dieses Jahr "einen Anteil von 53 Prozent. Das ist schon mal zumindest die Nummer eins im Neubaubereich, die Wärmepumpe." Im Bestand sehe es allerdings eher noch düster aus. "Da ist der Anteil ungefähr bei fünf Prozent. Insofern brauchen wir dringend mehr Wärmepumpen auch in Bestandsgebäuden."
    Sabel kann ein Lied davon singen, wie schwer es ist, Hausbesitzern und Heizungsinstallateuren die neue Technik schmackhaft zu machen. "Wir haben im letzten Jahr die eine millionste Wärmepumpe installiert. Das ist schon mal ein Meilenstein", erzählt er. "Das hat allerdings auch 20 Jahre gebraucht, bis wir den erreicht haben. Insofern können wir uns in Zukunft leider nicht mehr so viel Zeit lassen. Wir gehen davon aus, dass wir bis 2030 fünf bis sechs Millionen Wärmepumpen brauchen."
    Die Geschwindigkeit bei der Umstellung alter Öl- und Gasheizungen auf umweltfreundliche Wärmepumpen muss sich also mehr als verzwölffachen. Der Branchenvertreter hat sich diese Zahl nicht einfach ausgedacht. Sie ergibt sich aus den Klimazielen der Bundesregierung, bestätigt Georg Thomassen, Heizungsexperte der Denkfabrik Agora Energiewende. Wärmepumpen seien "einen ganz wichtigen Bestandteil einer klimaneutralen Wärmeversorgung", betont er. Zwar haben sich die Wärmepumpeninstallationsraten erhöht. "Aber wir sind trotzdem noch nicht auf dem Tempo angelangt, wo wir hin müssen, weil ja auch das Ziel nochmal ambitionierter geworden ist, das 2030-Ziel mit den 65 Prozent Emissionsreduktion. Da müssen wir auf jeden Fall noch an Tempo zulegen, damit man dann auch der Wärmepumpe im Bestand endgültig zum Durchbruch verhilft."

    Ab 2026 dürfen keine Ölheizungen mehr installiert werden

    Das Beheizen von Gebäuden ist derzeit für rund ein Viertel der deutschen Treibhausgasemissionen verantwortlich. Dieser Anteil hat sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten kaum verändert. Und die Klimaschutzmaßnahmen, die die Bundesregierung bisher beschlossen hat, werde für eine echte Wärmewende nicht reichen, meint Thomassen. Denn neben allerhand Förderprogrammen gehört dazu bisher nur ein einziges Verbot: Ab 2026 dürfen keine neuen Ölheizungen mehr installiert werden, und selbst dafür gelten noch einige Ausnahmen.
    Kamine qualmen im Morgenlicht.
    Die meisten heizen hierzulande mit Öl und Gas: Deutschland ist bei der Energiewende im Heizungssektor international zurückgefallen.© dpa/ Sebastian Gollnow
    Agora Energiewende fordert dagegen ein striktes Verbot neuer Öl- und auch Gasheizungen schon ab 2025. Außerdem eine Verdreifachung der Fördermittel für klimafreundliche Heizungsanlagen und energetische Sanierungen und eine deutliche Senkung des Strompreises. Der teure Strom in Deutschland macht den Umstieg von Öl oder Gas auf Wärmepumpe bisher nämlich zu einer teuren Angelegenheit – trotz Förderung, sagt Matthias Deutsch. Auch er arbeitet bei Agora Energiewende. Das allergrößte Problem seien im Moment die Betriebskosten. "Die Stromkosten sind relativ hoch für Endkunden in Deutschland. Das ist zum Teil eben die viel diskutierte EEG-Umlage und da müssen wir nachsteuern. CO2-Ausstoß muss teurer werden und erneuerbarer Strom für Wärmepumpen muss günstiger werden."

    Wärmepumpe ist bisher oft noch die teurere Variante

    Auch die Umrüstung einer Heizungsanlage geht ins Geld. Paul Barth hat es erlebt. Bevor er Anfang des Jahres mit Frau und zwei Kindern einen 65 Jahre alten Bungalow in der Nähe von Bremen bezog, hat er die Heizungsanlage ausgetauscht.
    Im Heizungsraum zeigt er, wo zuvor die alte mit Öl betriebene Anlage stand. Riesig sei die gewesen und Baujahr 1989. Eine über 30 Jahre alte Ölheizung? Die muss raus, entschied Paul Barth. "Wir hatten auch zuerst überlegt, Gas zu legen", erzählt er. Aber dafür hätten sie vorne von der Straße noch die Gasleitung legen müssen. "Oder die günstigste Variante: Erdöltank." Rund 8000 Euro hätte das gekostet. Bei einer Umstellung auf Gas wären weitere 2000 Euro für die Leitung dazugekommen.
    Doch Paul Barth hat sich am Ende für eine Wärmepumpe entschieden, Gesamtkosten rund 30.000 Euro. Weil er zusätzlich auch noch eine Solaranlage auf dem Dach installiert, hat er den höchsten Fördersatz von 45 Prozent bekommen. Am Ende war die Umstellung auf Wärmepumpe rund 7000 Euro teurer als ein einfacher Austausch der alten Ölheizung. Auch die laufenden Kosten sind höher, jedenfalls bisher.

    Andere europäische Länder sind weiter

    Agora-Experte Matthias Deutsch bestätigt diese Zahlen. Sie sind ein Grund dafür, dass Deutschland bei der Energiewende im Heizungssektor international zurückgefallen ist. Es gebe andere Länder in Europa, die schon wesentlich weiter seien. "Und wenn man diese globale Wärmewende vor Augen hat, dann wird klar: Da können wir jetzt nicht kleckern, da müssen wir klotzen, um überhaupt weiter mitspielen zu können – auch für die deutschen Unternehmen, die selber Wärmepumpen herstellen." Ohne einen starken Heimatmarkt werde es schwierig, die Zukunftstechnologie auch international verkaufen zu können.
    In Skandinavien, Italien, Frankreich oder Spanien ist der Anteil der auf Wärmepumpe umgestellten Heizungsanlagen bereits wesentlich größer als in Deutschland. Kaufanreize und niedrigere Strompreise machen es möglich.

    Nicht alle Heizanlagen sind für Wärmepumpen geeignet

    Der hohe deutsche Strompreis ist eine große, bei weitem aber nicht die einzige Hürde bei der Umstellung von Öl oder Gas auf Wärmepumpe, sagt der Heizungsinstallateur Robin Twietmeyer "Ich rate jedem Kunden: Wenn ich die Möglichkeit habe, Fußbodenheizung nachzurüsten, dann würde ich es auf jeden Fall machen. Man kann natürlich auch etwas größere Heizkörper wählen, das heißt, ich hab viel mehr Fläche."
    Twietmeyer hat die Wärmepumpe in den Bungalow von Familie Barth eingebaut. Sie kann das Wasser im Heizungskreislauf auf maximal 50 Grad erwärmen. Für eine Fußbodenheizung ist das mehr als genug, Räume mit klassischen Rippenheizkörpern werden an kalten Wintertagen aber nur mit einer höheren Vorlauftemperatur richtig warm.
    Ein alter Heizkörper angebracht unter einer Fensterbank.
    Wer auf Wärmepumpe umsteigt, muss die alten Heizkörper oft durch eine Fußbodenheizung ersetzen.© Unsplash/ Julian Hochgesang
    Vor einem Umstieg auf Fußbodenheizung schrecken viele Altbaubesitzer zurück, denn das ist nicht nur teuer, sondern verwandelt auch die Wohnräume in eine wochenlange Großbaustelle. Agora-Experte Deutsch sieht einen enormen Beratungsbedarf. Denn längst nicht jede Heizungsanlage ist für die Umrüstung auf eine Wärmepumpe geeignet. Letztendlich könne dies nur ein Fachmann prüfen. "Man kann natürlich alle Gebäude, auch die älteren, dämmen", sagt Deutsch. "Man kann im Extremfall auch mal darüber nachdenken, ob ein Gebäude überhaupt sinnvoll umzurüsten ist, oder ob man da über einen Abriss und Neubau nachdenken muss."
    Familie Barth hatte das Glück, dass zwischen Kauf und Einzug genug Zeit war, um ihren Bungalow, Baujahr 1957, gründlich zu modernisieren. "Wir hatten im Wohnzimmer so einen Riesen-Heizkörper stehen", erzählt Paul Barth. "Dann haben wir eine Fußbodenheizung einfräsen lassen, und meine Frau ist überglücklich, allein der Heizkörper weg: der Platz und die warmen Füße. Das war eine gute Entscheidung im Nachhinein."
    Gut überlegen musste Paul Barth, wo das Außengerät seiner Luft-Wasser-Wärmepumpenheizung aufgestellt werden soll. Über diesen sogenannten Kondensator oder Verflüssiger wird Außenluft angesogen und ein paar Grad kälter mit einem Ventilator wieder abgeblasen. Wegen des kalten Luftstroms und der Ventilatorgeräusche sollte das schuhschrankgroße Gerät mindestens drei Meter Abstand von Balkonen, Terrasse und dem Nachbargrundstück haben.
    An einem innerstädtischen Standort wären die Ventilatorgeräusche des Außengeräts unter dem Straßenrauschen verschwunden. Doch hier ist es so ruhig, dass sie durchaus stören könnten.

    Fachpersonal für Wärmepumpen und Dämmung ist rar

    Paul Barth hatte für die Planung und den Umbau seiner Heizungsanlage einen kompetenten Installateur an der Seite. Welche Wärmequelle kommt überhaupt infrage? Welche Wärmepumpenbauart soll es sein? Welche Leistung ist nötig, damit die Wohnung auch an den kältesten Tagen warm wird? Auf all diese Fragen wusste der Fachmann eine Antwort.
    Doch so jemand ist gar nicht so leicht zu finden, sagt Martin Sabel vom Bundesverband Wärmepumpe. Es gebe ungefähr 50.000 Betriebe in Deutschland, die aus dem Bereich Sanitär und Heizung kommen. Es sei schwer abzuschätzen, wie viele davon sich gut mit Wärmepumpen auskennen. "Aber wir gehen so grob davon aus, dass es vielleicht 5000 sind. Das heißt, wir haben noch eine Riesenmenge an Betrieben, die man fit machen kann für die Installation von Wärmepumpen." Das Gleiche gilt auch für all die anderen Baumaßnahmen rund um die Wärmewende: das Dämmen von Fassaden, Dächern oder Innenräumen, den Austausch schlecht isolierter Fenster und Türen, die Feinjustierung des Zusammenspiels von Heizungsanlage, Solarkollektoren und Raumthermostaten.
    Gefragt sind kompetente und vertrauenswürdige Energieberater, Architekten, IT-Experten, Installateure, Handwerker und Bauarbeiter. Und diese Fachkräfte könnten schon bald so knapp werden, dass sie die Wärmewende ausbremsen. Zu diesem Ergebnis ist Markus Hoch vom Beratungsunternehmen Prognos gekommen. "Wir haben 26 Schlüsselberufe identifiziert, die eine bedeutende Rolle spielen, und in der Mehrzahl der Berufe, die wir als relevant erachten, ist es tatsächlich so, dass wir gravierende Engpässe haben", sagt er. Zwar hätte sein Unternehmen die Studi nur für die Stadt Bremen durchgeführt. "Aber ich würde schon sagen, dass man da sehr, sehr viel auf Bundesebene übertragen kann."

    Detailvorschriften bremsen die Wärmewende aus

    Energieberater Raymond Krieger hat sich inzwischen in unserer Doppelhaushälfte umgesehen: im Keller die alte Gasheizung, in den Zimmern die unterschiedlichsten Rippenheizkörper aus neun Jahrzehnten. Ein paar Straßen weiter verläuft zwar eine Fernwärmeleitung, doch für unser Viertel ist bisher kein Anschluss geplant. Für eine Tiefbohrung oder einen Erdkollektor ist der Garten zu klein und unsere Parkettböden sind für eine Fußbodenheizung kaum geeignet. Eine Umstellung auf Wärmepumpe wäre mit großen Umbauten verbunden.
    Was also rät der Energieberater? Eine neue Gasheizung, das wäre die billigste Lösung – aber sie würde unsere CO2-Emissionen nur um zehn Prozent reduzieren. "Das nächste wäre eben, das Ganze auf eine solarthermische Anlage umzurüsten. Das wäre ja durchaus möglich, dann müssten Sie aber vorne, auf der Straßenseite die Kollektoren aufbringen."
    Solarkollektoren, die die neue Erdgasheizung mit kostenlosem Warmwasser vom Dach unterstützen – es klingt nach einer guten Idee. Unsere Dachschräge zeigt nach Südsüdwest, eigentlich eine ideale Ausrichtung. Allerdings gibt es genau in der Mitte eine Gaube. Und das ist nicht die einzige Einschränkung für die Installation von Solarkollektoren.
    "Für eine heizungsunterstützende Anlage rechnet man bei der Größe des Objekts schon mit zwölf bis 14 Quadratmeter Fläche", rechnet Krieger vor. "Die haben Sie da nicht, nicht nur wegen der Gaube. Theoretisch müssen Sie 1,25 Meter zum Nachbarn einhalten wegen Brandschutz. Da bleiben nur drei, vier Quadratmeter über."
    Modernes Wohngebäude mit Solareinheiten in Verden, Niedersachsen.
    Solareinheiten bieten sich als Ergänzung zur herkömmlichen Heizung an: Doch nicht jedes Haus hat ausreichend Platz auf dem Dach.© picture alliance / CHROMORANGE/ Torsten Krueger
    Brandschutz ist auch der Grund dafür, dass die Rohre, die die Solarkollektoren auf dem Dach mit der Heizung im Keller verbinden müssten, nicht durch den Schornstein geführt werden dürfen. Dabei würde doch nur Wasser darin fließen – und das brennt bekanntlich nicht.
    Es sind auch solche Details, die die Wärmewende ausbremsen. Georg Thomassen, der Heizungsexperte bei Agora Energiewende, erlebt es immer wieder. Nicht nur in Sachen Wärmeversorgung, betont er, sondern generell, bei der gesamten Energiewende: "Dass Planungsverfahren beschleunigt werden müssen und dass man auch gucken muss in den ganzen Bauvorschriften, dass man die alle auf den Prüfstand stellen muss und gucken, was ist noch sinnvoll und was muss angepasst werden und passt einfach nicht damit zusammen, wenn wir innerhalb von 25 Jahren Klimaneutralität erreichen wollen." Schließlich gehe es ja auch ums Tempo.

    Einfache Lösungen gibt es selten

    Für unser ganz praktisches Heizungsproblem hat der Energieberater dann doch noch eine schnelle Lösung parat: Wenn wir den alten Gaskessel gegen eine neue Holzpelletheizung austauschen würden, müssten wir an der Installation im Haus nichts ändern und würden trotzdem – schwuppdiwupp – fast klimaneutral heizen. Denn Holz ist ein nachwachsender Rohstoff. Den Kohlenstoff, den er beim Verbrennen freisetzt, haben die Bäume mit der Photosynthese ja zuvor aus der Luft entnommen.
    Ganz billig würde die Umstellung von Gas auf Holz allerdings nicht – trotz 35-prozentiger Förderung. "Seitdem es diese Förderungen gibt, kommt hinzu, dass die Preise auch deutlich angestiegen sind. Ein Schelm, wer sich Böses dabei denkt. Und ich sage mal so: Ab 25.000, 28.000 bis 30.000 Euro muss man heute für eine Pelletanlage rechnen. Die sind also richtig teuer geworden."
    Immerhin sind Holzpellets als Brennstoff derzeit günstiger als Öl oder Gas. Doch das dürfte sich ändern, sobald auch die Industrie im großen Stil fossile Energie durch Biomasse ersetzen muss, meint Georg Thomassen. Denn die Industrie habe eine "sehr hohe Zahlungsbereitschaft. Dass da die Haushalte mithalten können, halten wir nicht für besonders realistisch. Dann könnte es tatsächlich sein, dass eben die Biomasse-Preise auch extrem hochgehen und das auch nicht besonders rentabel wäre."
    Fünf Prozent aller Heizungsanlagen in Deutschland werden derzeit mit Holz befeuert. Thomassen geht davon aus, dass dieser Anteil noch etwas steigen kann, für mehr als zehn Prozent würde das Abfall- und Restholz in Deutschland allerdings auch langfristig nicht reichen. Und nur das sollte verheizt werden, sagt Thomassen. Claudia Kemfert sieht das ähnlich. Sie leitet die Energieabteilung am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung DIW. "Wir teilen die Skepsis was Holzpellets angeht, weil es da eben auch wiederum andere Probleme gibt, nicht nur aufgrund von Nachhaltigkeit, auch Feinstaub und andere Thematiken." Aus ihrer Sicht seien Holzpellets also "nur die allerletzte Wahl".
    Teile der Politik und Wirtschaft fordern ein sogenanntes technologieoffenes Vorgehen für die Wärmewende. Kein staatlicher Plan, sondern der Markt solle entscheiden, wie die Klimaziele erreicht werden.
    Immer wieder taucht dann auch die Behauptung auf, das bestehende Erdgasnetz könnte Schritt für Schritt auf klimaneutrale Synthesegase umgestellt werden – auf Basis von Wasserstoff, der mit erneuerbarem Strom erzeugt wird. Die Energieexpertin Claudia Kemfert hält auch das für eine gefährliche Illusion.Synthetische Gase im Wärmebereich seien eine enorme Verschwendung. "Sie müssen diese herstellen. Dazu brauchen Sie fünfmal so viel Ökostrom als wenn Sie den Ökostrom direkt nutzen, sodass diese kostbaren synthetischen Gase weder in der Heizung noch in dem SUV verschwendet werden sollten, sondern nur dort eingesetzt werden sollten, wo es wirklich nicht anders geht", betont sie. "Also alle diejenigen, die jetzt meinen, man könnte da alles so lassen wie bisher – wir tun einfach nur synthetische Gase rein –, das wird weder funktionieren, noch ist es effizient darstellbar und kostenseitig ist es tatsächlich eine komplette Überforderung."

    Gute Dämmung kann Heizkosten um zwei Drittel senken

    Eine einfache Lösung gibt es für unseren Wunsch nach einer umweltfreundlichen Heizung nicht. So viel haben wir jetzt verstanden, und mit diesem Dilemma sind wir nicht allein. Erste Wahl, da immerhin sind sich alle Experten einig, wäre – noch vor dem Tausch der Heizungsanlage – die energetische Sanierung der Altbauten. Schließlich wurden zwei Drittel aller Wohngebäude in Deutschland schon vor Inkrafttreten der ersten Wärmeschutzverordnung gebaut. Das war 1979. Entsprechend schlecht sind viele Altbauten gegen Wärmeverluste isoliert.
    Eine gute Dämmung kann den Energieverbrauch fürs Heizen um bis zu zwei Drittel reduzieren. Doch das Tempo, in dem Altbauten saniert werden, ist viel zu gering. Jedes Jahr wird bisher nur rund ein Prozent des deutschen Wohnungsbestands modernisiert, und wie der Zustand der deutschen Wohngebäude derzeit genau ist, das weiß niemand.
    Wärmebild einer Fassade eines Mehrfamilienhauses in Berlin.
    Das Wärmebild zeigt es: Gerade bei Altbauten kann Wärmedämmung eine Menge Heizkosten sparen.© picture alliance /360-berlin/ Jens Knappe
    Zwar muss seit 2009 bei jedem Eigentümer- oder Mieterwechsel ein Gebäude-Energieausweis vorgelegt werden, doch was darin steht, wird nirgendwo zentral erfasst. Ein Unding, meint die Bauingenieurin Christine Lemaitre. Sie ist geschäftsführender Vorstand der Deutschen Gesellschaft für nachhaltiges Bauen. "Wir kennen ja gar nicht im Detail die Energieverbräuche von allen unseren Gebäuden in Deutschland", betont sie. "Das heißt, wir können gar nicht heute präzise sagen: Wo macht welche Maßnahme eigentlich Sinn?"

    Die Politik hat das Thema verschlafen

    In den vergangenen zwölf Jahren hat Lemaitre vier Minister erlebt, die in der Bundesregierung für das Thema Bauen zuständig waren – allerdings immer nur nebenbei. Hauptsächlich waren sie für Verkehr, Umwelt oder Inneres verantwortlich, und auch andere Ressorts mischen beim Thema Bauen mit. "Eigentlich bräuchten wir wirklich mal ein Bauministerium, das sich wirklich nur mit Bauen beschäftigt, einen Minister, der das auch wirklich zur Aufgabe macht und sich darum kümmert", meint sie.
    Zum Beispiel um die Frage, wie die energetische Altbausanierung deutlich beschleunigt werden kann. Ideen gibt es viele, zum Beispiel die Serienfertigung, sagt Georg Thomassen von Agora Energiewende. "Das kommt aus den Niederlanden: Man hat die Gebäude quasi vermessen und dann in Fabriken die passenden Fassadenteile produziert, und kann dann schneller die Objekte sanieren. Und über diese serielle Fertigung erhoffen wir uns, dass die Preise dann, wenn da wirklich ein Massenmarkt geschaffen wird, dann auch nochmal deutlich runtergehen."
    Bisher scheuen Besitzer von Mietshäusern auch deshalb vor einer energetischen Sanierung zurück, weil sie die Investitionskosten nur langfristig über Mieterhöhungen refinanzieren können und Konflikte mit den Mietern dabei nicht selten sind. Würde statt der bisher üblichen Kaltmiete dagegen eine temperaturabhängige Warmmiete festgesetzt, hätten sowohl Vermieter als auch Mieter sofort einen Vorteil von der verbesserten Dämmung. "Wenn ich für eine Temperatur bezahle, werde ich dafür belohnt, dass ich zum Beispiel nur 19 Grad in meiner Wohnung habe anstatt 25 Grad", so Thomassen. "Eine temperaturbasierte Miete hätte dann Anreize für beide Akteure perfekt gesetzt, weil der Mieter dann eben den Anreiz hat, wenig zu heizen, sparsam zu sein, und der Vermieter den Anreiz hat, den Energiebedarf des Hauses zu senken."

    Kommunale Wärmeplanung statt Einzelentscheidungen

    Die Wärmewende erfordert ein Zusammenspiel sehr unterschiedlicher Maßnahmen – kleiner wie großer. Und die sollten sinnvoll koordiniert werden. Sonst könnte es passieren, dass in einem Stadtteil Heizungsanlagen aufwendig erneuert werden, die Häuser einige Jahre später aber einen Fernwärmeanschluss bekommen könnten. Denn auch Fernwärme soll künftig eine deutlich größere Rolle spielen. Agora Energiewende kalkuliert bis 2030 mit 8,4 statt derzeit 5,6 Millionen Wohnungen, die mit Fernwärme beheizt werden. Und statt knapp 20 sollen dann 45 Prozent der Fernwärme erneuerbar erzeugt werden, zum Beispiel mit Geothermie und Großwärmepumpen.
    "Was wir da sehen, ist, dass eben eine kommunale Wärmeplanung gemacht werden muss, dass kommunal untersucht wird, welche Wärmeversorgungskonzepte wo am besten passen und dann zum Beispiel für einen Straßenzug gesagt wird: Hier ist ein Nahwärmenetz eigentlich am sinnvollsten und dann auch nur noch dieses Konzept gefördert wird", sagt Energieexperte Thomassen. "Das heißt, wenn ich jetzt in einem Fernwärmegebiet bin, dann wird die Wärmepumpe nicht mehr gefördert." Der Markt allein werde es jedenfalls nicht regeln. Denn was für die Wärmewende notwendig und sinnvoll wäre, ist für den einzelnen Hausbesitzer oft zu teuer oder unpraktisch.
    Damit beim Heizen möglichst wenig Energie verbraucht und Treibhausgas erzeugt wird, muss die Politik bürokratische Hürden beseitigen. Und sie muss überall da, wo es für einzelne Häuser keine individuellen Lösungen gibt, für eine gemeinschaftliche Wärmeversorgung sorgen – mit dem Ausbau von Fern- oder Nahwärmenetzen zum Beispiel.

    Berater empfiehlt: Alte Gasanlage weiterlaufen lassen

    Unser Energieberater hat inzwischen alle Fragen gestellt und den Hausrundgang beendet. Jetzt ist Zeit für eine Entscheidung. Womit sollten wir künftig heizen? "Sagen wir mal so: Die Anlage ist ja im Prinzip in Ordnung", setzt er zu seiner Antwort an. "Der Schornsteinfeger hat mit Sicherheit gesagt, die ist gut. Es gibt da keine Notwendigkeit, und wir haben ja die ganzen Sachen jetzt mal sozusagen gegeneinander aufgewogen."
    Unsere betagte Erdgasheizung, all die alten Rohre, Heizkörper und Warmwasserspeicher – im Prinzip in Ordnung? Eigentlich wollten wir doch etwas für die Umwelt tun, mit einer zukunftstauglichen Technik. Für ihn sei das "besonders frustrierend", meint auch der Energieberater. "Ich gehe jetzt bald in Rente, und die letzten 50 Jahre hat sich in der Heizungstechnik eigentlich nichts getan. Deswegen: So die Heizungstechnik, wo ich jetzt sagen könnte, das müssen Sie nehmen, die gibt es nicht."
    30 Euro hat uns die Beratung gekostet – und erst einmal viel Geld gespart. Denn noch läuft der alte Gaskessel ja einwandfrei. Also erst einmal abwarten. Vielleicht, so hoffen wir, hat die Technik in ein paar Jahren mehr zu bieten, die Bürokratie stellt weniger Hürden in den Weg – oder unser Viertel bekommt doch einen Fernwärmeanschluss. Aber ganz einfach, das ist uns zumindest klargeworden, wird die Wärmewende nicht werden.

    SprecherInnen: Julia Brabandt und Rosario Bona
    Technik: Alexander Brennecke
    Regie: Stefanie Lazai
    Redaktion: Gerhard Schröder

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