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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 31.03.2016

Neue StudieErnüchternde Bilanz zur Sommerzeit

Von Stephanie Kowalewski

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Eine Frau schläft im Bett, während ein Wecker neben ihr auf dem Nachttischränkchen steht. (picture alliance / dpa / Patrick Pleul)
Eine Frau schläft im Bett, während ein Wecker neben ihr auf dem Nachttischränkchen steht. (picture alliance / dpa / Patrick Pleul)

Nur 0,2 Prozent spart Deutschland durch die Sommerzeit beim Stromverbrauch ein. Eine neue Studie über die Folgen der Zeitumstellung fällt in vielen Bereichen ernüchternd aus. Trotzdem glauben die Wissenschaftler, dass die Debatte über Sinn und Unsinn weitergeht.

"Rückwärts. Eine Stunde wieder zurück stellen."
"Gute Frage. (lacht) Weiß ich jetzt nicht."
"Vor."
"Ja, eine Stunde zurück."
"Eine Stunde vor, oder?"
"Ja, wir müssen eher aufstehen. Also wir haben eine Stunde weniger Schlaf. Auf jeden Fall."
"Wir gehen ja auch eine Stunde eher schlafen. Ja oder nicht? Hä – nein Junge!"
"Ja, ich bin Frühaufsteher. Ich werde automatisch um halb sieben wach, aber dann sieht die Sache etwas anders aus. Dann haben wir halb acht."

Recht hat sie. Bei der Umstellung auf die Sommerzeit werden die Uhren eine Stunde vorgestellt und dadurch haben wir eine Stunde weniger Schlaf.

Sommerzeit wirkt wie ein Mini-Jetlag

Ob sich dieses Hin und Her lohnt, wollten die Wissenschaftler vom "Büro für Technikfolgenabschätzung beim Deutschen Bundestag", kurz TAB, genau wissen.

Also haben sie alle bisherige Untersuchungen ausgewertet und selbst Gutachten in Auftrag gegeben. Ergebnis ist eine 212 Seiten dicke "Bilanz der Sommerzeit". Und die fällt mehr als ernüchternd aus: Demnach spart Deutschland durch die Sommerzeit gerade einmal 0,2 Prozent beim Stromverbrauch ein. Bei der Energie insgesamt sind es sogar nur 0,045 Prozent. Der tatsächliche Einspareffekt ist also kaum der Rede wert.

Andererseits hat die Zeitumstellung laut der TAB-Forscher deutlich mehr Effekte auf unsere Gesundheit, als bislang gedacht. Sie wirkt auf unseren Körper wie ein Mini-Jetlag.

"Wenn ich zur Schule gehe, dann bin ich halt noch müde und dann könnte ich glatt einschlafen."
"Dann muss man sich erst umstellen. So vier-fünf Tage."
"Ich bin da überhaupt nicht für, für diese Umstellung. Der ganze Körper muss sich erst wieder umgewöhnen. So drei, vier Wochen dauert das, bis man sich da wieder dran gewöhnt hat, an den neuen Rhythmus."

Anpassung dauert bis zu vier Wochen

Dieser Anpassungsprozess kann laut TAB-Gutachten bei manchen Menschen bis zu vier Wochen dauern. Oder er gelingt gar nicht, heißt es. Das liegt an der inneren Uhr, die in jedem von uns tickt – und zwar vollkommen unabhängig von irgenwelchen menschengemachten Zeitrastern.

Diese innere Uhr orientiert sich nicht an den unermüdlich laufenden Zeigern, sondern an Helligkeit und Dunkelheit, erklärt der Schlafmediziner Rudolf Hoffmann.

"Der Einfluss des Lichtes, ist ein ganz entscheidender Einfluss auf die Steuerungen im zentralen Nervensystem und speziell auf die Zentren der Wachheit."

Einfach ausgedrückt bedeutet das: je heller es ist, desto wacher sind wir, je dunkler es wird, desto müder werden wir. Doch durch die Zeitumstellung kommt die lichtabhängige Steuerung der Hormone aus dem Takt.

"Alle möglichen Hormone in einem Körper, die an Wachheit und an Schlaf gebunden sind, werden verändert. Speziell sind das die Streßhormone wie zum Beispiel das Cortisol oder das Adrenalin. Das sind die bekanntesten. Das heißt, wenn ein Mensch früher oder später ins Bett geht, verändert sich die Produktion von Cortisol und Adrenalin."

Unser Biorhythmus hinkt hinterher

Durch die Umstellung auf die Sommerzeit ist es jetzt morgens schlagartig wieder eine Stunde länger dunkel und abends eine Stunde länger hell. Unser Biorhythmus hinkt spürbar hinterher.

"Es kann sein, dass Müdigkeit vermehrt wieder zum Tragen kommt, es kann zu Stresssituationen führen, das kann zu ganz banalen Störungen im Ablauf des Alltages führen, und eine ganz leichte latent depressive Entwicklung, eben durch diese eine Stunde Zeitverschiebung, denke ich, kann man sehr vielen Menschen nachsagen, Aufmerksamkeitsdefizite, Lernstörungen. Aber letzlich nur vorübergehender Art."

So sehen das auch die Wissenschaftler im TAB-Gutachten: eine dauerhafte und ernsthafte Gesundheitsbeeinträchtig sei laut Studienlage nicht zu befürchten, heißt es.

Andererseits weisen viele Studien darauf hin, dass in den Tagen nach der Zeitumstellung die Unfallzahlen stark steigen, betont Heinz-Albert Stumpen, Polizeidirektor an der Deutschen Hochschule der Polizei im Bereich Verkehrswissenschaften:

"Dazu gibt es zum Beispiel eine Studie aus Deutschland, die hat den Zeitraum von 2004 bis 2009 angeschaut. Die sprechen von 28 Prozent. Dann gibt es in Großbritannien eine Studie über einen Zehn-Jahres-Zeitraum, die sprechen von 30 Prozent. In Österreich gibt es was, die sprechen von 12 Prozent, und sogar in New York, wo es auch Zeitumstellungen gibt in den USA, sind es etwa zehn bis zu 30 Prozent."

Keine klaren Antworten bei Auswirkungen auf Verkehr

Aber alle Studien weisen eine deutliche Schwäche auf: sie lassen die so genannten saisonalen Einflüsse auf den Straßenverkehr links liegen, kritisiert der Verkehrsexperte:

"Viele Fahrzeuge, die nur im Sommer zugelassen sind, werden zum 1. April zugelassen. Und natürlich auch sehr, sehr viele Motorradfahrer beginnen ihr Motrorrad zum 1.4. aus der Garage zu hohlen. Insofern könnte ein Anstieg der Verkehrsunfälle insgesamt, und auch der Verkehrsunfälle mit Personenschaden, zunächst einmal hierdurch erklärt werden. Ich habe eine Studie gefunden aus der Schweiz, die dort eine Versicherung in Auftrag gegeben hat. Und die haben diese saisonalen Bedingungen rausgerechnet und kommen zu dem Schluss, es gibt keine signifikanten Anstiege."

Letztlich kommen auch die TAB-Wissenschaftler zu dem Schluss, dass die heterogenen Studienergebnisse keine klaren Antworten auf die Frage erlauben, wie sich die Zeitumstellungen auf die Sicherheit im Straßenverkehr auswirken. Dazu seien breiter angelegte Studien mit tagesgenauer Statistik nötig, meint auch Heinz-Albert Stumpen von der Deutschen Hochschule der Polizei. Eine Tendenz sei aber sehr wohl erkennbar:

"Insgesamt kann man sagen, dass die Zeitumstellung der Verkehrssicherheit jedenfalls nicht zuträglich ist."

Kaum messbare Energieeinsparung, naheliegende negative Auswirkungen auf die Unfallzahlen, spürbare vorübergehende Beeinträchtigung der Gesundheit – das ist also die aktuellste "Bilanz der Sommerzeit". Alles nicht wirklich neu. Deshalb gehen selbst die Wissenschaftler des TAB davon aus, dass die politische und öffentliche Debatte über den Sinn – oder Unsinn der Zeitumstellung weitergeht. Fakt ist: eine Änderung der jetzigen europaweit gültigen Regel liegt allein im Ermessen der EU-Kommission.

Mehr zum Thema

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