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Lesart / Archiv | Beitrag vom 26.04.2018

Neue Sachbücher für den FrühlingDie philosophische Dimension des Gärtnerns

Susanne Billig im Gespräch mit Frank Meyer

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Ein Mann pflanzt eine Blume in einem Garten (imago/Westend 61)
Von Pflanzen können wir lernen, wie tragfähige Demokratien entstehen, meint der italienische Forscher Stefano Mancuso. (imago/Westend 61)

Neue Sachbücher inspirieren dazu, die Hände in die Erde zu stecken und Pflanzen mal ganz genau zu betrachten, findet Literaturkritikerin Susanne Billig. Besonders freut sie sich über "Das Lob der Erde" von Byung-Chul Han, das die politische Dimension des Gärtnerns zeigt.

Zentrales Motiv der Neuerscheinungen ist eine neue Form der Hinwendung zu anderen Formen des Lebens, eine Sehnsucht nach Verbundenheit, die im Garten erlebt werden möchte, sagt Literaturkritikerin Susanne Billig. Es gehe den Autoren darum, die Natur ernst zu nehmen, indem man stauenend ihre Prozesse betrachtet. Einige verstehen den Garten als Ort der Heilung und Erlösung, so Billig.

"Wunderbar zart geschrieben"

In seinem Buch "Wurzeln schlagen" verbindet Allen Jenkins Schilderungen vom Besuch seines Kleingartens mit der Suche nach seinen familären Wurzeln. Eine Kindheit voller Schmerz kommt dabei zum Vorschein. Doch in seinem Garten erfährt Jenkins das Gefühl von Geborgenheit und Trost, sagt Susanne Billig. Das Arbeiten im Garten, das Jähten, Gießen, Ernten erscheine ihm zutiefst sinnhaft. Die Kritikerin findet das Buch "wunderbar zart geschrieben".

Der Philosoph Byung-Chul Han stellt in "Lob der Erde" ganz unterschiedliche literarische Miniaturen vor, etwa Gedichte und kurze Reflexionen - "ganz elegant und mit leichter Hand geschrieben", meint Susanne Billig. Der Autor feiere das Spiel der Natur, den fortwährenden Wandel als quasi-religiöses Ereignis. Zerstört werde dieses Spiel von der Arbeit und der Leistung, so die plötzliche Wendung der Naturbetrachtung ins Politische. 

Byung-Chul Han zeige dem Leser auch, wie der Garten uns mit "einer Zeit des Anderen" konfrontiere: Jede Pflanze habe ihre Eigenzeit, die wir nicht lenken, nicht kontrollieren könnten. Der Gärtner müsse diese Eigenzeit der Pflanze erspüren, sich in Geduld und Seinlassen des Anderen üben. In dieser Haltung sehe Byung-Chul Han einen Gegenentwurf zur kapitalistischen Welt des Verfügens, erklärt Billig.

Ein Glyphosat-Liebhaber und das kluge Seegras

Robin Lane Fox gelte als einer der angesehendsten Gartenliteraten, sagt Kritikerin Billg. In seinem Buch "Der englische Gärtner" plaudert er aus seiner jahrzehntelangen Erfahrung heraus. Er sei einer, der gestalten wolle, der Farbverläufe als Kunst in den Garten bringen wolle. Und das gehe nur mit viel Chemie. Am liebsten greife Fox zum Glyphosat. Die Idee biologisch zu gärtnern, sei ihm ganz und gar fremd. "Die Vehemenz mit der er jede Idee von Natur und Artenschutz als völlig idiotisch abkanzelt, hat mich ein bisschen befremdet", urteilt Billig.

Mit "Die Intelligenz der Blumen" wurde ein Buch aus dem Jahr 1907 neu aufgelegt. Autor Maurice Maeterlinck schreibt mit "anrührend altmodischer Feder", meint Kritikern Billig. Dabei sei er aber auch immer visionär. Ausgangspunkt von Maeterlincks Überlegungen ist die Tatsache, dass Pflanzen fest an einen Ort gebunden sind, weshalb sie trickreiche Vorrichtungen brauchen, um ihre Bedürfnisse zu erfüllen. Pflanzen sind in Maeterlincks Augen von derselben Intelligenz durchdrungen wie Menschen. Über die Tricks der Pflanzen schreibt der Autor "haltlos unwissenschaftlich, aber botanisch exakt", so Billig. 

Auch eine Pflanze trifft Entscheidungen

Das Buch "Pflanzenrevolution" des international renommierten italienischen Pflanzenforschers Stefano Mancuso ist laut Kritikerin Billig eine Variation von Maeterlincks Ideen aus dem Jahr 1907. Mancuso ist der Meinung, Pflanzen könnten uns zeigen, wie sich tragfähige Demokratien gestalten lassen. Und zwar weil bei ihnen alles egalitär und netzförmig angelegt sei. Auch ohne ein zentrales Nervensystem, wie es Tiere haben, treffe die Pflanze ständig Entscheidungen und löse Probleme. Aus seinen Beschreibungen leitet der Autor "sehr interessante Überlegungen zu Demokratie und Abstimmungsprozessen in großen, nicht hierarchischen Gruppen ab", sagt Billig.

Um erstaunliche Fähigkeiten geht es auch in "Die Pflanze, die gern Purzelbäume schlägt" von Ewald Weber. Darin lernt der Leser etwa das Seegras kennen, eine Pflanze, die es geschafft hat, vom Land ins Meer zu wandern, die unter Wasser blüht und ihren Pollen entsendet.

Susanne Billigs abschließendes Urteil nach der Lektüre dieser Bücher: "Da ist viel Geruch von feuchter Erde. Und für aktive Gärtner sind zahllose Tipps drin versteckt."

Allan Jenkins: Wurzeln schlagen – Ein Jahr im Garten auf der Suche nach mir selbst
Aus dem Englischen übersetzt von Christel Dormagen
Rowohlt Verlag, 2018
304 Seiten, 20 Euro

Byung-Chul Han: Lob der Erde – Eine Reise in den Garten
Ullstein Verlag, 2018
160 Seiten, 24 Euro

Robin Lane Fox: Der englische Gärtner
Aus dem Englischen übersetzt von Susanne Held
Klett-Cotta Verlag, 2018
457 Seiten, 32 Euro

Maurice Maeterlinck: Die Intelligenz der Blumen
Aus dem Französischen übersetzt von Friedrich von Oppeln-Bronikowski
Westend, 2018
96 Seiten, gebunden, 14 Euro

Stefano Mancuso: Pflanzenrevolution – Wie die Pflanzen unsere Zukunft erfinden
Aus dem Italienischen übersetzt von Christine Ammann
Antje Kunstmann Verlag, 2018
280 Seiten, gebunden, 24 Euro

Ewald Weber: Die Pflanze, die gern Purzelbäume schlägt … und andere Geschichten von Seidelbast, Walnuss & Co.
oekom verlag, 2018
240 Seiten, 22 Euro

(mia)

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