Seit 20:03 Uhr Konzert
Donnerstag, 04.03.2021
 
Seit 20:03 Uhr Konzert

Lesart / Archiv | Beitrag vom 18.06.2020

Nana Kwame Adjei-Brenyah über Rassismus"Der Tod von George Floyd hat das Fass zum Überlaufen gebracht"

Beitrag hören Podcast abonnieren
Ein Mann blickt mit beiden Händen am Kopf direkt in die Kamera – das Cover zeigt verschiedenfarbige, schlangenförmige Konturen. (Levene / Guardian / Eyevine / Inter Topics, Penguin Verlag / Deutschlandradio Kultur)
Der Autor Nana Kwame Adjei-Brenyah und ein Teil des Covers seines Buchs 'Friday Black' (Levene / Guardian / Eyevine / Inter Topics, Penguin Verlag / Deutschlandradio Kultur)

Der Schriftsteller Nana Kwame Adjei-Brenyah hat mit "Friday Black" einen Band mit radikalen Erzählungen geschrieben. Als Sohn ghanaischer Eltern in den USA kennt er den Alltagsrassismus in Amerika aus eigener Erfahrung.

Joachim Scholl: Wenn wir in letzter Zeit mit Schriftstellern aus New York City gesprochen haben, ging es um die schlimme Corona-Situation in der Stadt. Jetzt kommt eine zweite Tragödie hinzu, die Tode von George Floyd und jüngst Rayshard Brooks durch Polizeigewalt. Landes- und auch weltweit wurde und wird dagegen protestiert – auch in New York gingen Menschen auf die Straße – wie haben Sie, Mr. Brenyah, das wahrgenommen in Ihrem Land, Ihrer Stadt?

Nana Kwame Adjei-Brenyah: Das Ganze befindet sich ja immer noch in einem Fluss, aber ich bin stolz auf den hohen Grad der Mobilisierung. Nun sind ironischerweise beim Corona Virus und den jetzigen Protesten ähnliche Ungerechtigkeiten im Spiel für die Menschen, die nun aber auch auf die Straße gehen.

Es gab ja unter Afroamerikanern viel mehr Tote durch das Virus zu beklagen als bei anderen Ethnien. Uns war schon immer klar, dass für Viele unser Leben anscheinend weniger Wert hat. Das war immer offensichtlich. Aber jetzt gibt es ein globales Bewusstsein für diese Ungerechtigkeit und viele Menschen meinen, dass man das nicht mehr länger akzeptieren kann.

Ich lebe ja in New York City und habe selber an den Protesten teilgenommen. Es ist so wichtig mitzuerleben, dass es einen Bewusstseinswandel gibt, dass man verinnerlicht, dass  dieser Rassismus wirklich existiert. Bisher tolerierte man, dass Schwarze von Polizisten getötet werden, aber nun gibt es diesen Wandel. Die Welt sagt eindeutig: Das kann man nicht länger akzeptieren.

Es hat sich viel angestaut

Scholl: Es gab so viele solcher Tode in den letzten Jahrzehnten mit ähnlichen Protesten – und schnell sind sie wieder verklungen. Das Ausmaß der Empörung scheint jetzt jedoch viel, viel größer zu sein, und auch länger fortzudauern. Ist das eine andere, neue Qualität des Protests?

Adjei-Brenyah: Da hat sich viel angestaut und der Tod von George Floyd hat das Fass zum Überlaufen gebracht. Genug ist genug. Aber diese Wut und Frustration sind nicht ziellos und darauf bin ich gewissermaßen auch stolz. Es gibt jetzt einfach dieses globale Bewusstsein, dass der Protest eine Richtung hat.

Wir verfügen jetzt über das Vokabular uns zu artikulieren und können Ziele benennen. Wir wollen, dass die Polizei aufgelöst wird, dass sie finanziell nicht weiter so unterstützt wird. Man muss neu darüber nachdenken, was es ausmacht, in dieser Gemeinschaft zu leben, was aber bislang auch bedeutet, in einem Polizeistaat zu leben.

Nachdenken muss man also auch, wie die Polizei in Zukunft aussehen müsste. Die Protestbewegung verfügt über diese Energie und Stärke. Außerdem wächst neben all der Frustration immer mehr die Einstellung, dass man nicht länger gewillt ist, diese Polizeibrutalität hinzunehmen und dass die durch die von Polizisten verübte Gewalt nicht länger anhalten kann.

Wegen der Hautfarbe weniger wert

Scholl: Vor allem die erste Erzählung in Ihrem Band wirkt wie ein radikaler Kommentar zur Aktualität. Ein Weißer ermordet fünf schwarze Kinder mit einer Kettensäge und wird vor Gericht freigesprochen. Und danach beginnen Schwarze, sich zu rächen und Weiße zu ermorden. Was ist das für eine Rachefantasie? Was wollten Sie damit ausdrücken?

Adjei-Brenyah: Ich wollte damit ausdrücken, was für ein Witz das politische und juristische Amerika für schwarze Amerikaner ist. Ich wollte auch diese Frustration zeigen. Es geht dabei um ein Land, das nicht bereit ist, das menschliche Leben wertzuschätzen. In dieser Story sind die Leute einfach völlig am Ende. Sie gehen durch einen Prozess, der es ihnen unmöglich macht, bloß weiter zu protestieren.

Es geht hier um einen sehr speziellen Protagonisten, der wie in einer Bedienungsanleitung einfach einen Raum auslotet. Er ist sehr sensibel und versteht, dass sein Leben nur wegen seiner Hautfarbe weniger wert ist. Und in dieser Geschichte geht es auch darum, was passiert, wenn man sich dessen bewusst wird, was es bedeutet in dieser Welt, so wie sie ist, ein Schwarzer zu sein.

Justiz als verlängerter Arm eines Unterdrückungssystems

Scholl: Das geschilderte Verbrechen ist so grotesk und absurd brutal. Aber ganz rational und realistisch erscheint die Begründung des Gerichts für den Freispruch, der Mann wollte als guter Amerikaner nur seine eigenen Kinder schützen. Solche Urteile hat es tatsächlich Unzählige gegeben in der Vergangenheit. Ist die Justiz Ihrer Meinung nach genauso rassistisch diskriminierend wie die Polizei?

Adjei-Brenyah: Ja, zu 100% genauso rassistisch wie die Polizei. Denn die Polizei ist ja nur der verlängerte Arm eines Unterdrückungssystems. Die gesamte soziale, wirtschaftliche und politische Exekutive steht ja für den Gedanken der "White Supremacy", also die Vormachtstellung der Weißen. Und auf lokaler Ebene ist die Polizei das ausführende Organ dieses Establishments. Amerika agiert ja auch auf internationaler Ebene als Unterdrücker und die Polizei verhält sich lokal ähnlich.

Für mich war es wichtig, diese extreme Gewalt aufzuzeigen. Der einzige Unterschied zur Realität besteht darin, dass ich eine Kettensäge mit ins Spiel bringe. Aber mein Gedanke dabei ist immer der: Du bist genauso tot, egal ob du nun mit einer Kettensäge getötet wirst oder durch ein Gewehr. In den USA werden Schwarze immer und immer wieder durch Gewehre oder auf andere Art und Weise getötet, obwohl sie gar nichts gemacht haben. Darin liegt Brutalität und Horror. Ich wollte das satirisch betrachten, aber gleichzeitig darauf hinweisen, was das Leben für Schwarze in den USA ausmacht.

Immer "weißer" werden

Scholl: Es beginnt zunächst ganz harmlos: Emmanuel, der Held, steht morgens auf, um sich für ein Bewerbungsgespräch fein zu machen, und da lesen wir: "An jenem Morgen ging es, wie jeden Morgen, schon bei der ersten Entscheidung, die er traf, um seine Schwarzheit". Emmanuel hat dafür eine Skala von 1-10, die er dann bewusst einstellt. Haben Sie selbst auch so eine Skala?

Adjei-Brenyah: In der Geschichte bedeutet es einfach, dass Emmanuel mit Hilfe der Skala verstanden hat, wie er wahrgenommen wird. Im echten Leben ist diese "Schwarzheit" natürlich nicht quantifizierbar, das lässt sich nicht auf einer metrischen Skala ausdrücken, aber man versteht natürlich, welche Stereotypen damit assoziiert werden.

Ich persönlich arbeite nicht mit einer derartigen Skala, aber ich weiß, was es bedeutet, wenn man sich anders bewegt, anders redet. Und je mehr man versucht, auf gewisse Art immer "weißer" zu werden, desto wohlwollender wird man auch im akademischen und sozialen Umfeld wahrgenommen. Genau darum geht es mir bei dieser Skala.

Hoffnung ohne Wahrheit ist eine Lüge

Scholl: Alle Ihre Geschichten handeln von Gewalt, Verletzung, überreizte Aggression. Ist Literatur für Sie ein Ventil für solche negativen Gefühle?

Adjei-Brenyah: Manchmal kann Literatur Ängste ausdrücken, aber eigentlich ist sie ein Ort der Zuversicht und des Friedens. Aber Hoffnung ohne Wahrheit ist für mich fast eine Lüge. Also Literatur ist für mich ein Ort, um Hoffnung zu kultivieren. Um aber zu dieser Zuversicht zu gelangen, muss ich auch das Dunkle sehen. Dann werden Fiktion und Schreiben ein Teil meiner eigenen Psyche. Um mir Hoffnung zu leisten, muss ich auch in Abgründe schauen. Denn die Welt vor unseren Augen ist ja schon ziemlich düster.

Scholl: Wenn wir noch einmal auf  die aktuellen Proteste zurückkommen: Bei früheren Bewegungen gab es politische Führer und Aktivisten, angefangen bei Martin Luther King, Angela Davis, Malcolm X, die Black Panther. Fehlen heute solche Persönlichkeiten, wären sie wichtig für die Nachhaltigkeit solcher Proteste und Diskussionen?

Adjei-Brenyah: Man hat sich wirklich besonders darum bemüht, diese Bewegungen zu dezentralisieren. Sie sind das Produkt eines kollektiven Bewusstseins und werden nicht von einzelnen Persönlichkeiten angeführt. Wie wir wissen, haben solche Anführer auch Grenzen und können so diskreditiert werden. Angela Davis lebt ja noch und auch heute noch bestimmt sie mein Denken. Aber sie polarisiert auch und bei solchen Persönlichkeiten kommt es immer wieder vor, dass die Person die Message ist. Man reduziert dann die Idee auf ihre Protagonisten, die entweder diskreditiert oder oft auch ermordet wurden.

Heute verbreiten sich Ideen durch das Internet viel leichter, als in der Vergangenheit. Daher ist es einfacher, ein übergreifendes Bewusstsein zu entwickeln. Wir haben Leute wie Martin Luther King und Angela Davis, die sich als große Denker erwiesen haben und verdeutlichten, wie sie sich die Welt wünschen. Darauf kann man aufbauen, auch auf einem kollektiven und lokalen Level. Es gibt einfach keinen Promi, auf den man sich dann einschießen kann, denn die Opposition dieser neuen Protestbewegung würde das gewiss tun.

Wandel in Echtzeit herbeiführen

Scholl: Welchen Einfluss, welche Wirkung können Künstler, Schriftsteller erzeugen? Es gibt mittlerweile viele prominente schwarze Künstler, Spike Lee der Regisseur, Autoren wie Colson Whitehead sind sehr berühmt geworden in letzter Zeit, und Sie werden jetzt berühmt, Mr. Adjei-Brenyah. Was glauben Sie, hat Literatur hier auch eine Wirkung?

Adjei-Brenyah: Wir können auf ganz unterschiedliche Art und Weise den Unterschied machen, indem wir das Bewusstsein schärfen, aber für mich als einen Autor von Fiktion geht es vor allem darum, die Vorstellungskraft der Menschen anzusprechen. Dafür muss man den Willen und die Fantasie aufbringen, sich eine Welt zu imaginieren, die besser ist als die Welt, der man gegenübersteht. Man muss den Willen aufbringen, sich eine verbesserte Welt mit ganz konkreten Zielen vorzustellen. Wir fiktionalen Schriftsteller beschreiben oft eine Welt, die viel düsterer und schlimmer ist, als die in der wir leben. Meine Hoffnung ist, dass als Gegenreaktion darauf, sich der Leser eine viel bessere Welt wünscht. Und so kann Literatur, kann Fiktion, uns auch an unsere kollektive Menschlichkeit erinnern. Viele Institutionen und Einrichtungen möchten uns vergessen lassen, was unsere Humanität ausmacht. Liebe dagegen ist etwas Nachhaltiges und wenn man einfach nur sein Herz öffnet, dann fühlt man das auch.

Scholl: Wieviel Hoffnung haben Sie angesichts der Proteste, dass sich wirklich etwas ändert, bewegt?

Adjei-Brenyah: Ich bin sehr hoffnungsvoll. Ich habe mich für Hoffnung entschieden, weil es um viel zu viel geht, als das man einfach auf Hoffnung verzichten könnte. Ich weiß nicht, wann genau dieser Wandel kommen wird, aber er wird kommen und wir werden ihn in Echtzeit herbeiführen. Ich bin wirklich voller Zuversicht.

Nana Kwame Adjei-Brenyah: "Friday Black"
Aus dem Englischen übersetzt von Thomas Gunkel
Penguin Verlag, München 2020
241 Seiten, 20 Euro

Lesart

Christian Kracht: "Eurotrash"Ein ganz schlauer Bursche
Buchcover "Eurotrash" von Christian Kracht (Deutschlandradio / Kiepenheuer & Witsch)

Christian Kracht gilt seit seinem Debüt "Faserland" als Meister der medialen Selbstinszenierung. In "Eurotrash" rückt er nun effektvoll die eigene Familiengeschichte ins Zentrum. Dennoch läuft der Roman auf ermüdende Weise ins Leere.Mehr

weitere Beiträge

Buchkritik

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur