Muslimische Universalgelehrte

    Die Blütezeit der Wissenschaften in der islamischen Welt

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    Porträt von Avicenna, der auf einem orientalisch gemusterten Teppich zwischen aufgeschlagenen Büchern sitzt und etwas schreibt.
    Im Studierzimmer des Medicus: Der persische Gelehrte Avicenna galt bis weit ins 16. Jahrhundert als medizinisch-philosophische Autorität. © picture alliance / Everett Collection
    Von Stefanie Oswalt · 19.09.2021
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    Mathematik, Astronomie, Medizin - als das christliche Abendland im Mittelalter steckte, blühten in der islamischen Welt die Wissenschaften. Die Entdeckungen muslimischer Gelehrter inspirierten bald darauf die Renaissance.
    Alchemie, Algorithmus, Algebra, Ziffer, Tarif, Alkohol, Elixier. Dies sind nur einige der arabischen Wörter, die Eingang in unsere Alltagssprache gefunden haben. Sie verweisen auf eine Zeit, in der die Hochburgen der Wissensproduktion in der islamischen Welt lagen. Über diese Epoche forscht und lehrt die Islamwissenschaftlerin und Iranistin Eva Orthmann von der Georg-August-Universität Göttingen:
    "Blüte von Wissenschaft hängt grundsätzlich mit der Förderung und Patronage von Wissenschaft zusammen. Den Beginn eines vermehrten Interesses assoziiert man mit der Abbasiden-Zeit, das ist die zweite Dynastie islamischer Herrschaft, die ab der Mitte des 8. Jahrhunderts beginnt, und in dieser Zeit, so vor allem ab Beginn des 9. Jahrhunderts fängt man an, sich verstärkt für das im islamischen Raum existierende Wissen zu interessieren."

    Haus der Weisheit

    Das "Haus der Weisheit" in Bagdad gilt populärwissenschaftlich als ein Zentrum der Gelehrsamkeit während der viel beschworenen Blütezeit des Islam. Ein Begriff, den Eva Orthmann nur zögerlich verwendet: "'Blüte', ja - man kann sicher von einer Blüte in der frühen Abbasiden-Zeit sprechen, aber man muss auch ein bisschen aufpassen, dass gerade durch die Differenzierung der islamischen Welt in einzelnen Regionen zu durchaus unterschiedlichen Zeiten sehr wichtige wissenschaftliche Fortschritte erzielt worden sind."
    Die Wissenschaftshistorikerin Sonja Brentjes vom Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte in Berlin stimmt zu: "Wenn man ganz umgangssprachlich 'Blühen' mit positiven Ergebnissen, mit Schönheit, mit Erfolg identifiziert, dann blüht der Islam im Prinzip, bis die Konfrontation mit dem Kolonialismus kommt, in unterschiedlichen Formen in unterschiedlichen Regionen."
    Eva Orthmann verweist auf den iranischen Raum im 13. Jahrhundert, wo der wichtige Astronom Nasir al-Din Tusi gewirkt hat, oder den indischen Raum der Mogulzeit ab dem 16. Jahrhundert, in dem Medizin und Astronomie florierten.* Sonja Brentjes gibt zu bedenken, dass unser Verständnis von Blüte sich auf Messbarkeit bezieht: das Vorhandensein wissenschaftlicher Schriften, Erfindungen, oder Artefakte. Okkulte Wissenschaften wie die Alchemie oder die Magie würden heute als Wissen kaum noch anerkannt. Dabei forschten die Universalgelehrten damals auch in diesen Bereichen.

    Befreundete Zahlen, rotierende Körper

    Zum Beispiel Thabit Ibn Qurra, in Europa als Thebit bekannt. Geboren in Harran, gestorben 901 in Bagdad.* Mathematiker, Astronom, Astrologe, Magier, Physiker, Mediziner und Philosoph. "Der war anscheinend Geldwechsler, und da er von den Sabäern kommt, wird er etwas über Sterne, Planeten und astrales Wissen gewusst haben", erklärt Brentjes.
    Brentjes schätzt Thabit Ibn Qurra besonders für seine, wie sie sagt, "schöne Mathematik": die Beschäftigung mit der Theorie sogenannter "befreundeter Zahlen" oder der Berechnung des Inhalts von Rotationskörpern. Und er hat Bücher geschrieben, die im Mittelalter beispielsweise als Lehrbücher der Astrologie verwendet wurden. Und natürlich ist Ibn Qurra nicht der einzige Universalgelehrte.*
    Zu ihnen gehört auch Ibn Sina, in der westlichen Welt bekannt unter dem latinisierten Namen Avicenna. Geboren kurz vor 980 in Buchara im heutigen Usbekistan, gestorben 1037 in Hamadan im Westen des Iran. Arzt, Naturwissenschaftler, Philosoph, Dichter, Jurist, Mathematiker, Astronom, Alchemist, Musiktheoretiker und Politiker. Schreibt seine Werke in arabischer und persischer Sprache.

    Der Universalgelehrte Avicenna

    "Bei Avicenna sind vielleicht zwei Bereiche besonders hervorzuheben", sagt Eva Orthmann. "Er ist eine ausgesprochen wichtige Gestalt für die Philosophie, aber er hat eben auch medizinische Schriften geschrieben. Dazu gehört beispielsweise der al Qanun, der Kanon der Medizin, ein Buch, das dann ins Lateinische übersetzt worden ist und auch bei uns in der medizinischen Ausbildung bis ins 17. Jahrhundert meines Wissens eine Rolle gespielt hat und das eine ausgesprochen systematische Darstellung der Medizin ist."
    Avicenna ist durch den Roman "Der Medicus" bekannt, das sein Wirken in fiktiver Form beschreibt. Auch das in Osnabrück angesiedelte muslimische Studienstiftungswerk ist nach dem Universalgelehrten benannt. Doch allgemein weiß man hierzulande wenig über die verschiedenen Zeiten, Orte und Persönlichkeiten der Gelehrsamkeit in der islamischen Welt.
    Collage aus zwei Skizzen für Uhrenkonstruktionen von Al-Dschazarī.
    Kerzenuhr (links) und Wasseruhr: Das Werk des Gelehrten und Erfinders Al-Dschazari gilt als die wichtigste Quelle über den fortschrittlichen Stand der arabischen Technik im Mittelalter.© Deutschlandradio / picture alliance / akg-images / Werner Forman
    Eva Orthmann und Sonja Brentjes bedauern, dass sie immer wieder auf stereotype Vorstellungen stoßen. So seien viele Gelehrte zwar Muslime gewesen – was für ihre wissenschaftlichen Forschungen aber nur wenig Bedeutung hatte, mein Orthmann: "Sagen wir mal so: Dass die Leute Muslime sind, spielt jetzt bei ihrer Aktivität eigentlich keine so sehr zentrale Rolle."

    Europa um Jahrhunderte voraus

    Allerdings gebe es durchaus Bereiche muslimischer religiöser Praxis, bei denen mathematische oder astronomische Forschungen Anwendung finden, so Sonja Brentjes: "Drei Dinge davon sind mathematisch lösbar oder bearbeitbar, und zwar: Wann sind die einzelnen Gebetszeiten, im Laufe des Tages und der Nacht? Wann fängt die an, wann hört die auf? Und das Zweite ist: Wie finde ich heraus an irgendeinem Ort – wo ist Mekka, in welche Richtung muss ich beten? Man kann dazu auch Instrumente machen, da gibt es dann Kompasse, die heißen auch 'Gebetskompass'." Das Dritte ist der genaue Beginn des Fastenmonats.*
    Hauptsächlich aber entwickeln Wissenschaftler dieser Hochzeit islamischer Gelehrsamkeit systematische Methoden des Experimentierens und der Beobachtung, die erst Jahrhunderte später in Europa angewendet werden. Sie schreiben Kommentare zu den Übersetzungen aus anderen Sprachen, richten – wie der Gelehrte al-Biruni – ihr Erkenntnisinteresse auch nach Indien. Andere nutzen ihr Wissen für neue Erfindungen.*

    Wiederentdeckung eines Wissensschatzes

    Zum Beispiel al-Dschazari, er stammt vermutlich aus dem nördlichen Teil Mesopotamiens, lebte um die Wende des 12./ 13. Jahrhunderts und stand im Dienst der turkmenischen Dynastie der Ortoqiden.* Orthmann nennt ihn einen "Erfinder und Ingenieur, der ins 13. Jahrhundert gehört, der vor allem eine ganze Reihe von mechanischen Erfindungen getätigt hat, beispielsweise Uhren. Er ist bekannt für seine Uhren und Automaten. Er hat Wasseruhren erstellt, präzise, technisch verspielt, fantasievoll gestaltet. Die bekannteste ist vielleicht seine Elefantenuhr. Dann hat er aber auch bestimmte Apparate entwickelt, um Wasser aus der Tiefe zu fördern und Bewässerungstechnik zu verbessern."
    Nach den mittelalterlichen Übersetzungen arabischer wissenschaftlicher Werke kam es in der frühen Neuzeit in christlichen Teilen Europas zu einer erneuten Hinwendung zu Manuskripten aus dem Nahen Osten. Brentjes sagt: "Die Tatsache, dass heute so viele arabische, persische, türkische Handschriften in Europa vorhanden sind, hat etwas mit diesem Versuch zu tun, neue Texte zu erwerben, es gibt also im 16., 17. Jahrhundert sehr, sehr große Bemühungen von vielen Höfen, solche Texte in die Hand zu kriegen."
    In dieser Zeit kommt es zu einer Vielzahl von neuen Aktivitäten der Wissensproduktion und ein wichtiger Faktor ist der Druck lateinischer Übersetzungen von arabischen wissenschaftlichen Texten und die Beschäftigung mit neu erworbenen Texten. Noch immer wird dieser Wissenstransfer hierzulande wenig gewürdigt.*
    *Redaktionaller Hinweis: Wir haben den Text redaktionell überarbeitet und dabei Schreibweisen geändert, Jahreszahlen und Zeiträume präzisiert und an einigen Stellen Differenzierungen vorgenommen.
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