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Länderreport | Beitrag vom 25.06.2019

Mosambikaner in MagdeburgMadgermanes - die verrückten Deutschen

Von Christoph Richter

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Park in der mosambikanischen Hauptstadt Maputo - die zurückgekehrten Madgermanes protestieren hier regelmäßig, weil sie sich um einen Teil ihres ehemaligen Lohns geprellt fühlen. (imago images / epd)
Park in der mosambikanischen Hauptstadt Maputo - die zurückgekehrten Madgermanes protestieren hier regelmäßig, weil sie sich um einen Teil ihres ehemaligen Lohns geprellt fühlen. (imago images / epd)

Die DDR holte nicht nur Vietnamesen, sondern auch Mosambikaner als Arbeitskräfte ins Land. "Madgermanes" wurden sie genannt. Heute leben vielleicht noch 2.000 von ihnen in Deutschland.

Thomas Manhique ist immer freundlich, vor allem geduldig. Der gebürtige Mosambikaner arbeitet in Magdeburg als Migrationsberater. Der 60-jährige Manhique berät ausländische Eltern, hilft ihnen bei Behördengängen. Derzeit sind es meist arabische Familien, die in die Beratungsstelle des "Netzwerkes der Eltern mit Migrationsgeschichte in Sachsen-Anhalt" – kurz NEMSA – kommen, weshalb Manhique mit einem Dolmetscher zusammenarbeitet. Heute geht es um den Kita-Platz einer syrischen Flüchtlingsfamilie.

Als Thomas Manhique nach Deutschland kam - damals war es die DDR - hat es keine Betreuung gegeben. Ich war auf mich allein gestellt, erzählt er. Manhique hätte sich damals einen Ansprechpartner gewünscht, der ihm bei seiner Integration geholfen hätte. Den hat es aber nicht gegeben, wollte die DDR auch nicht, schiebt Manhique noch schnell hinterher.

Angst vor deutschen Beamten

Heute kommt ihm seine eigene Migrationsgeschichte bei seiner Arbeit mit Flüchtlingen zugute. Er sei mehr als nur ein Sozialarbeiter, erzählt er. Er sei auch Seelsorger, der genau nachempfinden könne, wie sich Menschen fühlten, die neu in Deutschland seien:

"Natürlich, wenn die kommen und mich sehen, dann fühlen die sich geschützt. Wenn sie aber einen deutschen Beamten sehen, sind sie zurückhaltend. Weil, viele haben schlechte Erfahrungen gemacht durch Missverständnisse. Haben Scheu."

Wenn sie aber merken, dass er selbst mal Flüchtling war, ist doch schnell Vertrauen da, glaubt Manhique.

Ohne Pass kein Studium

Thomas Manhique war einer von mehr als 20.000 Mosambikanerinnen und Mosambikanern, die das SED-Regime damals wegen des Arbeitskräftemangels ins Land holte. An einem kalten Novembertag 1987 landete er mit einer Interflug-Linienmaschine aus Maputo in Ost-Berlin.

Er träumte von einem Studium in der DDR. Doch es kam anders. Die DDR-Behörden nahmen ihm den Pass ab und brachten ihn nach Schönebeck bei Magdeburg, wo er fortan im volkseigenen Heizkesselkombinat Schönebeck schuften musste.

"Bin in dieser Firma gelandet und dann gab es keinen Ausweg mehr. Die Firma war glücklich und die wollten keinen mehr hergeben. Deswegen bin ich nicht mehr weggekommen, um zu studieren."

Rassismus in der DDR

Eingefädelt und beschlossen wurde das Abkommen vor 40 Jahren. Damals unterschrieben SED-Chef Erich Honecker und Mosam­biks Machthaber Samora Machel den sogenannten Freundschaftsvertrag. Mit dem Rückzug der Kolonialmacht Portugal aus Mosambik war dort die Wirtschaft zusammengebrochen, weshalb das neue Regime in Maputo geradezu auf die DDR angewiesen war.

Diese wiederum brauchte Arbeitskräfte und hatte Interesse an den mosambikanischen Bodenschätzen – wie Steinkohle, Zement und Kupfer. Um außerdem den Sozialismus in Afrika voranzutreiben, wurde das Land am Indischen Ozean mit Waffen und Militär-Experten unterstützt.

Die Zeit in der DDR sei wunderschön gewesen, schwärmt Manhique. Dabei gehörte schon damals Rassismus zu seinem Alltag. Auf der Straße oder abends in der Disko wurde er angepöbelt. Es kam zu Anfeindungen und verbalen Entgleisungen.

Bei Fußballspielen der DDR-Oberliga war die Angst besonders groß, weshalb er sich selbst eine "Ausgehsperre" verordnet habe, erzählt Manhique. Nichtsdestotrotz bewahrt er in seinem Brillenetui noch ein Magdeburger Straßenbahnticket aus DDR-Zeiten auf. Ein Erinnerungsstück an bessere Zeiten, sagt der vierfache Familienvater.

"Mein Leben damals war super in der DDR und ich vermisse die DDR. Ich hatte meinen Job, ich war zufrieden, hatte ein Bankkonto und immer ein bisschen Plus. Heute habe ich Minus."

172.000 verlorene Mark

Eigentlich müsste er ein wohlhabender Mensch sein, erzählt er noch. Doch stattdessen dreht er seit Jahren jeden Cent um. Denn das SED-Regime hatte einen Teil der Löhne der mosambikanischen Gastarbeiter einbehalten. Versprochen wurde, dass das Geld auf ein Konto in Mosambik überwiesen werde, für die Zeit nach der Rückkehr. Doch das ist nie passiert.

"Das Geld, das bei mir nach Mosambik transferiert wurde, sind 172.000 Mark. DDR-Mark."

Geld, das ihm nach dem Mauerfall gefehlt hat, um seinen Traum zu erfüllen: ein Studium. Stattdessen schlug er sich seit den 90ern mit Bauarbeiter-Hilfsjobs durchs Leben, erst seit drei Jahren arbeitet er als Sozialarbeiter und betreut Flüchtlinge.

Opfer der Wiedervereinigung

Nach unterschiedlichen Schätzungen leben in ganz Deutschland noch etwa 1.500 bis 2.000 frühere mosambikanische Gastarbeiter. Man kenne sich aber kaum noch, erzählt Thomas Manhique. Früher sei das anders gewesen: Da habe man sich gegenseitig geholfen, wie in einer richtigen Familie.

Heute sei davon aber nichts mehr zu spüren. Es gebe kaum Treffen, wo man miteinander tratschen könne über die alten Zeiten oder die Herausforderungen der Gegenwart.

Anders die ehemaligen vietnamesischen Vertragsarbeiter, die sich bis heute vielerorts regelmäßig treffen. Auf ihren Zusammenhalt ist Manhique fast ein bisschen eifersüchtig.  

"Wir Afrikaner, sag ich einfach mal so, haben den Ruf, mit Drogen zu dealen  – das bleibt und bleibt und bleibt. Aber die Vietnamesen haben das mit dem schlechten Image gepackt, da ziehe ich meinen Hut. Und: Dass die sich regelmäßig treffen – natürlich bin ich da neidisch drauf. Die Vietnamesen sind ein Vorbild für uns, für viele Mosambikaner hier in Deutschland."

Vernetzung gescheitert

2001 hatte Thomas Manhique in Magdeburg den Verein "Tuanano –Klub Afrika eV" gegründet. Er wollte Mosambikaner bzw. Afrikaner in Magdeburg miteinander vernetzen, aber auch mit Deutschen. Ohne Erfolg, wie es scheint. Die letzten Treffen lägen schon lange zurück, erzählt Thomas Manhique. Die Webseite hat er stillgelegt.

"Das Problem ist, dass Mosambikaner, die hier sind, sind weit zerstreut. Wir versuchen, uns immer zu vernetzen. Das ist ein bisschen schwierig. Wir haben Familien, die in der Heimat sind. Wir kümmern uns darum. Wir sind einfach supergestresst. Und die Zeit ist begrenzt. Deswegen kriegen wir es einfach nicht hin, gemeinsame Treffen zu organisieren."
 
Er weiß aber auch: Wenn man sich vernetzen würde, könnte man bei vielen Themen politischen Druck aufbauen. Sein größtes Anliegen: die ausstehenden Löhne aus DDR-Zeiten.

Bei diesem Thema sitze der Schmerz bei vielen in Deutschland lebenden Mosambikanern immer noch tief, erzählt Manhique. Und erinnert noch einmal daran, dass die DDR einen Teil ihrer Löhne einfach einbehalten hat – und die Bundesregierung dieses Unrecht bis heute nicht ausgeglichen habe. Als Rechtsnachfolgerin der DDR sei dies aber ihre Pflicht.

Vergessene Gastarbeiter

"Man hat gearbeitet, hatte Hoffnung, hat mit diesem Geld gerechnet. Und heute: Man bekommt nichts".

Dieses Geld, sagt Thomas Manhique, würde sein Leben jetzt und in Zukunft einfacher machen. Denn der Job als Sozialarbeiter ist befristet. Und falls sein Vertrag nicht verlängert wird, muss sich Thomas Manhique was Neues suchen, notfalls wieder auf dem Bau arbeiten.

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