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Lesart / Archiv | Beitrag vom 25.02.2017

Mohamed Amjahid: "Unter Weißen"Wie Alltagsrassismus ein Leben prägt

Von Holger Heimann

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Cover - Mohamed Amjahid: "Unter Weißen. Was es heißt, privilegiert zu sein" (Hanser Berlin / picture alliance / dpa / Paul Zinken / )
Cover - Mohamed Amjahid: "Unter Weißen. Was es heißt, privilegiert zu sein" (Hanser Berlin / picture alliance / dpa / Paul Zinken / )

Schiefe Blicke, Vorurteile, Benachteiligungen: In seinem Buch "Unter Weißen" erzählt "Zeit"-Journalist Mohamed Amjahid, wie stark seine Herkunft als Kind marokkanischer Eltern sein Leben in Deutschland bestimmt. Sogar seine Mutter blickt unbewusst durch die rassistische Brille der "Weißen".

In seinen Flüchtlingsgesprächen schrieb der Dichter Bertolt Brecht Anfang der 40er-Jahre: "Der Paß ist der edelste Teil von einem Menschen. Er kommt auch nicht auf so einfache Weise zustand wie ein Mensch. Ein Mensch kann überall zustandkommen, auf die leichtsinnigste Art und ohne gescheiten Grund, aber ein Paß niemals. Dafür wird er auch anerkannt, wenn er gut ist, während ein Mensch noch so gut sein kann und doch nicht anerkannt wird."

Auch 75 Jahre später ist die Farbe des Passes entscheidend dafür, wie frei sich ein Mensch bewegen darf.

Wer das Glück hat, einen deutschen Pass zu besitzen, kann in fast 100 Länder problemlos – das heißt ohne Visumpflicht – einreisen. Afghanen hingegen können derart leicht lediglich zwei Staatsgrenzen passieren. Die türöffnende Potenz spiegelt ziemlich genau die wirtschaftliche Macht und geopolitische Stellung eines Landes wieder. Wer am richtigen Ort geboren wurde, für den verschwinden Grenzen. Wer weniger begünstigt ist, dem stehen sie als Barrieren umso deutlicher im Weg.

"Sie haben in Deutschland auf uns herabgeschaut"

Der junge Journalist Mohamed Amjahid hat jetzt einen Essay darüber geschrieben, was es heißt, den falschen Pass zu haben, mithin nicht zu den Begünstigten zu gehören – und das keineswegs nur mit Blick auf das Reisen. Amjahid kam als Kind marokkanischer Gastarbeiter in Frankfurt zur Welt. Seine eigene Biografie lieferte den Anstoß zu seinem Buch:

"Mein Vater schuftete im Schichtbetrieb am Fließband, meine Mutter in Teilzeit als Reinigungskraft. Wir lebten dennoch in ärmlichen Verhältnissen in einer engen Dachgeschosswohnung im Frankfurter Arbeiterviertel Hoechst. Meine Eltern entschieden sich 1995, als ich sieben Jahre alt war, mit meinen zwei älteren Schwestern und mir in ihre Heimat Marokko zurückzukehren. 'Sie haben in Deutschland andauernd auf uns herabgeschaut', erklärte uns unsere Mutter damals immer wieder. 'Wir waren Ausländer, egal, was wir gemacht haben', sagt sie heute noch. "

Mohamed Amjahid ging nach dem Abitur trotzdem zurück nach Deutschland, wurde Redakteur beim renommierten "Zeit"-Magazin. Der Aufstieg hat den Journalisten aber nicht davor bewahrt, aufgrund seines südländischen Aussehens immer wieder als anders wahrgenommen zu werden. Es sind verstörende Erfahrungen, die sich nicht einfach abschütteln lassen.

"Ich habe Ihren Namen gesehen und dachte, Sie seien arbeitslos"

"Es fällt mir schwer, dieses Buch zu schreiben, und gleichzeitig bin ich davon überzeugt, dass ich es schreiben muss. Fast jeder Tag in Deutschland, jede Reise durch Europa liefert mir Gründe dazu. Wenn ich zum Beispiel in der U-Bahn neben einer Frau sitze und sie plötzlich ihre Tasche fest umklammert. Wenn mich schon wieder ein Polizist am Bahnhof zur Routinekontrolle herauspickt. Oder wenn ich bei einer Wohnungsbesichtigung gegen eine Bafög-Empfängerin aus Schwaben den Kürzeren ziehe und mir die Maklerin danach am Telefon erklärt: "Ich habe Ihren Namen gesehen und dachte, Sie seien arbeitslos."

Am Münchner Hauptbahnhof drängt dem perplexen Reporter eine Flüchtlingshelferin mit den Worten "Soap is good" gar ein Stück Seife auf. Das Buch ist voll von solchen Erlebnisberichten – eigenen und fremden. Amjahid hat ein beinah übergenaues Sensorium für Situationen entwickelt, in denen er offenen oder verdeckten Alltagsrassismus am Werke sieht. Dabei drängt sich ihm die Frage auf, wie es zu gesellschaftlicher Ausgrenzung kommt und wie sich Muster der Ablehnung etabliert haben. Seine Antwort dazu ist nicht neu: Ein Denken in Stereotypen und simplen Verallgemeinerungen hilft Vorurteile und damit eine einmal gefasste Weltsicht zu bestätigen. Alle Nordafrikaner werden so zu Gewalttätern und potenziellen Vergewaltigern abgestempelt.

Amjahid: Nehmt den Einzelnen in den Blick!

"Bei den einen, bei den nichtweißen Tätern, reicht schon der Hinweis auf die Herkunft, die Hautfarbe oder den Glauben, um sich ein abschließendes Bild zu machen, und die meisten meinen, 'Bescheid zu wissen'. Bei weißen Kriminellen braucht es dagegen immer ein Motiv, eine Geschichte, eine Tragödie, eine Hintergrundinformation oder – wenn diese Erklärungen nicht zur Verfügung stehen – das 'white trash'-Argument, um eine Tat plausibler zu machen. Tötet ein Mohamed einen Menschen, wurde er demnach bestimmt von seinem Glauben geleitet. Tötet Martin eine Person, fragen sich die meisten Menschen, wie es so weit kommen konnte, und suchen dann nach Antworten."

Dieser doppelte Standard sei kennzeichnend für die öffentliche Wahrnehmung und forciere rassistisches Denken. Amjahid plädiert demgegenüber – ähnlich wie unlängst die Publizistin (und Preisträgerin des Friedenspreises des deutschen Buchhandels) Carolin Emcke – für Differenzierung. Er fordert, den Einzelnen in den Blick zu nehmen und nicht eine vage, konstruierte Allgemeinheit. Emcke ist sogar noch weiter gegangen und hat von der Lust gesprochen, die Vielfalt auszuhalten.

Bei seiner Mutter entdeckt der Autor rassistisch grundierte Vorurteile

Wie weit rassistisch grundierte Vorurteile verbreitet sind, das erlebt Amjahid jedoch auch in der eigenen Familie. Seine Mutter wünscht sich von ihm nichts sehnlicher als ein Enkelkind mit blauen Augen. "Deine Freundin muss weiß und rein sein", sagt sie. Der Sohn sieht darin ein Erbe des Kolonialismus. Die einstigen Diener haben sich die Sicht ihrer früheren Herren zu eigen gemacht, glaubt er.

"Die jahrhundertelange Fremdbestimmung durch Weiße hat nicht nur ein bis heute andauerndes politisches und wirtschaftliches Ungleichgewicht zwischen den Regionen dieser Welt erzeugt, sie hat auch Ideen im kollektiven Gedächtnis der ehemals Kolonialisierten, Knoten in ihren Seelen und Minderwertigkeitskomplexe hinterlassen: Je heller die Hautfarbe, desto besser, je nördlicher die Heimat, desto besser, je näher an den ehemaligen Kolonialherren, desto besser. 'Die Weißen' haben vorgelebt, wie man effektiv Herrschaft ausübt und 'die Anderen' kontrolliert. Den ehemaligen 'Meistern' oder 'Herren' nachzueifern, so wie sie zu sein, ist für viele Nichtweiße zum übergeordneten Lebensziel geworden. Anscheinend sogar für meine eigene Mutter."

Wie schwer es offenbar ist, weitestgehend vorurteilsfrei durch die Welt zu gehen, das belegt Amjahid allerdings auch unbeabsichtigt selbst. Frankreich ist für ihn das rassistischste Land Europas. "Man gehört in Frankreich erst dazu, wenn man gern Wein schlürft", schreibt er. Das mag bewusst überspitzt formuliert sein, für ein Buch, das zum genauen Hinsehen auffordert, ist es mindestens eine erstaunliche Einschätzung.   

Mohamed Amjahid: Unter Weißen. Was es heißt, privilegiert zu sein
Hanser Berlin, Berlin 2017
190 Seiten, 16 Euro

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