DNA-Ahnenforschung

Der Mörder im Stammbaum

31:56 Minuten
Grafik: überschneidende Silhouetten der Köpfe eines Vaters einer Mutter und eines Sohnes.
Verbrecher und Verbrecherinnen haben Verwandte, die mitunter ganz unbedarft freiwillig Datenbanken ihre DNA-Informationen zur Verfügung stellen. Forensiker machen sich das zunutze. © imago/Ikon Images/Roy Scott
Von Max Rauner · 12.05.2022
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Mit der DNA-Ahnenforschung lassen sich auch jahrzehntealte Verbrechen aufklären. Neue Methoden und öffentlich zugängliche Datenbanken mit DNA-Profilen machen es möglich. Was Behörden frohlocken lässt, ist für Datenschützer ein Albtraum.
14. Juni 2019. Ein Gerichtssaal im Nordwesten der USA, eine halbe Autostunde nördlich von Seattle. Der stellvertretende Staatsanwalt Justin Harleman hält das Eröffnungsplädoyer, live übertragen vom Lokalsender KOMO News. Es geht um die Ermordung eines jungen Paares im Jahr 1987. 30 Jahre lang hatten die Ermittler vergeblich nach dem Täter gesucht. 
Den Durchbruch brachte eine neue, spektakuläre Ermittlungstechnik: Genetic genealogy, die genetische Stammbaumforschung, auch DNA-Ahnenforschung genannt. Die Technik nutzt DNA-Analysen des menschlichen Erbguts, um Verwandtschaftsverhältnisse nachzuweisen.
Dieser Gerichtsprozess ist eine Weltpremiere. Zum ersten Mal dient eine Recherche in den Datenbanken kommerzieller Ahnenforschungsdienste als Indiz vor Gericht. Individual A, der mutmaßliche Täter, sitzt auf der Anklagebank.
Drei Jahrzehnte zuvor waren DNA-Spuren am Tatort sowie am Körper der ermordeten Frau gesichert worden. Ein Abgleich mit der DNA-Kartei des FBI blieb ohne Ergebnis. Doch 2018 führte eine Ahnenforscherin die Polizei auf die richtige Fährte. Sie entdeckte in den Datenbanken der Ahnenforschungsdienste einen Cousin und eine Cousine zweiten Grades des mutmaßlichen Täters. So fand sie den Namen des Angeklagten heraus.

Der Prozess ist ein Dammbruch

Im Juli 2019 wird William Talbott wegen zweifachen Mordes verurteilt. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig, aber sicher ist: Dieser Prozess ist ein Dammbruch. Denn obwohl das DNA-Profil von William Talbott selbst nicht in einer Datenbank verzeichnet war, kamen ihm die Ermittler über das Erbgut seiner Verwandten auf die Spur.
Die genetische Ahnenforschung fasziniert Ermittlungsbehörden in aller Welt – und alarmiert Juristinnen und Ethiker. Denn eigentlich dient die Technik ganz anderen Zwecken. Millionen von Menschen nutzen sie, um ihren Stammbaum zu erkunden. Dafür streicht man ein Wattestäbchen über die Mundschleimhaut und schickt es an Dienste wie FamilyTreeDNA, Ancestry.com und 23andme.
Die Unternehmen haben riesige Datenbanken aus den Genproben ihrer Kundschaft aufgebaut. Darin lassen sich genetische Verwandtschaftsverhältnisse aufspüren. Doch nun hat die Polizei den Schatz entdeckt. Zuerst in den USA. Jetzt auch in Europa. 
Peter Sjölund. Ein Mann mit Brille steht in einem Raum und schaut durch die Fensterscheibe.
DNA-Experte Peter Sjölund arbeitete ursprünglich in der Chemiebranche, bis er in Schweden ein bekannter Ahnenforscher wurde.© imago images/TT/Mats Andersson
„Die Schweden interessieren sich sehr für genetische Ahnenforschung. Seit fast zehn Jahren halte ich Vorträge und schreibe Bücher darüber. Ich bin der Experte in Schweden, wenn Sie so wollen.“
Peter Sjölund ist ein ungewöhnlicher Held für eine Kriminalgeschichte. Er lebt mit seiner Familie auf dem Land, 400 Kilometer nördlich von Stockholm. In Schweden kennt man ihn aus Fernsehen und Radio, von seinen Büchern und aus den sozialen Medien. Sein Versprechen lautet: „Peter löst Ihr Familiengeheimnis mithilfe der DNA-Ahnenforschung.“ 
Sjölund hilft dabei, den leiblichen Vater oder unbekannte Halbgeschwister aufzuspüren, entfernte Cousinen oder einfach ein paar weitere Vorfahren. Erst war es nur ein Hobby neben seinem Job in der Chemiebranche. Heute lebt er davon.

Wie alles begann

Im Jahr 2018 nimmt Sjölunds Laufbahn als Stammbaumforscher eine überraschende Wendung. In den USA haben Ermittler eine Reihe von mutmaßlichen Mördern und Vergewaltigern mithilfe der genetischen Ahnenforschung überführt, darunter William Talbott und den „Golden State Killer“, einen Serienmörder in Kalifornien. Peter Sjölund erfährt davon in seinen Facebookgruppen. 

Zuerst war ich ein bisschen überrascht, dann ist mir klar geworden: Natürlich, das ist die perfekte Methode für diese Art von Fällen. Es muss Hunderte oder Tausende von Cold Cases geben, die wir mit dieser Technik lösen können. Ich war begeistert, und ich war mir sicher: Das ist der Beginn einer Revolution. Diese Technik kann noch viel mehr als der Fingerabdruck.

Mit der „forensischen DNA-Ahnenforschung“ hat die Polizei ein mächtiges neues Werkzeug an der Hand. Sie kann Verbrecher selbst dann aufspüren, wenn deren DNA-Profil nirgendwo gespeichert ist. Es reicht aus, wenn ein paar entfernte Cousins einen Ahnenforschungsdienst genutzt haben. Schon eine kleine Anzahl von DNA-Profilen genügt, um eine große Anzahl Menschen zu identifizieren.
Eine in Science veröffentlichte Studie schätzt: Legt nur ein Prozent der Amerikaner mit europäischen Wurzeln ihr Erbgut offen, lassen sich für 90 Prozent dieser Bevölkerungsgruppe Verwandte in der Datenbank finden. 90 Prozent wären also potenziell identifizierbar, obwohl sie nie einen Gentest gemacht haben.

Die schlimmsten Albträume von Datenschützern

Nur: Darf die Polizei in den Stammbäumen Unbeteiligter herumschnüffeln? Darf sie Hobbyahnenforscher zu unfreiwilligen Ermittlungsgehilfen machen? Selbst Menschen, die nie eine DNA-Probe abgegeben haben, können zu einer Ermittlung beitragen, weil ihr Name am Zweig eines Stammbaums auftaucht. Mit der forensischen DNA-Ahnenforschung scheinen die schlimmsten Albräume von Datenschützern wahr zu werden. 
Die schwedischen Behörden wissen das. Eine Ethikkommission und Rechtsgutachter befassen sich mit dem Thema. Ahnenforscher Peter Sjölund erfährt davon, dass Ermittler die Technik nutzen wollen.

Ich habe gehört, dass die schwedische Polizei über ein Pilotprojekt nachdenkt. Sie wollte mithilfe der DNA-Ahnenforschung den Täter in einem Cold Case überführen.

Anfang 2019 gibt das Nationale Forensik-Amt grünes Licht. Unter strengen Auflagen darf die schwedische Polizei die neue Technik in einem ungelösten Kriminalfall ausprobieren. Zum ersten Mal in Europa.
„Ich habe also die Polizei in Linköping angerufen, wo es 2004 einen Doppelmord gegeben hatte. Und ich habe gefragt, ob sie Hilfe brauchten. Sie sagten: ‚Ja!.`“

Brutaler Mord an einem Jungen und einer Frau

Am Morgen des 19. Oktober 2004 macht sich ein achtjähriger Junge in Linköping auf den Weg zur Schule, sein Name ist Mohammed Ammouri. Er wird nie in der Schule ankommen. Um 7:50 Uhr sticht ein Mann von hinten mit einem Messer auf den Jungen ein. In diesem Augenblick kommt Anna-Lena Svensson aus einem Hauseingang, eine 56-jährige Lehrerin. Sie wird Zeugin der Tat, vielleicht eilt sie dem Jungen zu Hilfe, jedenfalls attackiert der Täter auch sie, so rekonstruiert es später die Polizei.
Mohammed Ammouri stirbt auf dem Weg ins Krankenhaus. Anna-Lena Svensson stirbt ein paar Stunden später während der Notoperation.
Menschen legen Blumen nieder und zünden Kerzen in einer Wohnsiedlung an.
Trauer im Oktober 2004 am Tatort in Linköping. Es sollte mehr als 15 Jahre dauern, bis die Ermittler und Ermittlerinnen dem Täter auf die Spur kamen.© picture alliance / TT NYHETSBYRÃN
Es gibt Hoffnung, dass der Mörder schnell gefunden wird. Am Messer und an der Mütze des Täters finden sich Blutspuren von ihm. Forensiker isolieren daraus seine DNA. Doch ein Vergleich mit dem polizeilichen DNA-Register liefert keinen Treffer. Die Polizei fordert daraufhin alle Männer, die in der Umgebung wohnen, zur genetischen Reihenuntersuchung auf. Einer von ihnen ist Andreas Tillmar.
„Ich habe nur ungefähr 400 Meter vom Tatort entfernt gewohnt. Ich erinnere mich natürlich noch an diesen Morgen, als es passiert ist. Draußen waren eine Menge Polizisten.“
Andreas Tillmar arbeitet damals in Linköping an seiner Masterarbeit in Molekularbiologie. Er weiß zu diesem Zeitpunkt nicht, dass er viele Jahre später zusammen mit Peter Sjölund dabei helfen wird, den Doppelmord aufzuklären. 
„Die Polizei hat mehr als 5000, 6000 Männer aufgefordert, an einem Reihengentest teilzunehmen. Wir sollten also eine DNA-Probe abgeben, nur weil wir in der Nähe des Tatorts gewohnt haben oder im vermuteten Alter des Täters waren. Meine DNA hätte man dann mit dem DNA-Profil vom Tatort verglichen.“

Der Doppelmord bleibt ein Rätsel

Im herkömmlichen DNA-Profiling analysieren Forensiker rund 20 Abschnitte des menschlichen Erbguts, an denen die DNA-Moleküle typische Wiederholungsmuster aufweisen. Die Muster sind von Mensch zu Mensch verschieden und eignen sich daher als „genetischer Fingerabdruck“. 
Doch die Reihenuntersuchung in Linköping liefert keinen Treffer. Der Doppelmord bleibt ein Rätsel – und wächst zum zweitgrößten Kriminalfall Schwedens heran. 6500 DNA-Vergleiche, 9000 Zeugenaussagen, 40.000 Dokumente. Ein „Cold Case“. Nur die Ermordung von Ministerpräsident Olof Palme im Jahr 1986 wurde gründlicher untersucht. Das einzig Konkrete sind die Mütze und das Messer des Täters. Und ein Plastikfläschchen mit 50 Mikrolitern flüssigem DNA-Konzentrat.

Für die erste Analyse in diesem Fall haben wir die DNA verwendet, die 2004 extrahiert worden ist. Wir haben gewusst, dass sie vom Täter stammt, denn das Profil hat zu dem des Messers gepasst.

Andreas Tillmar arbeitet heute im Bundesamt für forensische Medizin in Linköping. Von seinem Arbeitsplatz sind es nur ein paar Schritte bis zum Polizeikommissariat. Im August 2019 trifft er dort mit einem kleinen Team zusammen. Der Ahnenforscher Peter Sjölund ist 600 Kilometer aus dem Norden angereist. Der Chefermittler Jan Staaf ist dabei. Und zur Überraschung von Andreas Tillmar sind da noch ein paar andere Leute. 
„Beim ersten Treffen mit der Polizei war ich ziemlich schockiert. Wir hatten eine erste Suche in der GEDmatch-Datenbank gemacht und waren verabredet, um das Ergebnis anzuschauen. Aber bei diesem Treffen waren auch drei Journalisten anwesend. Für uns als Strafverfolger war das extrem ungewöhnlich.“

Warum sind die Journalisten da?

Ein Team der Tageszeitung Dagens Nyheter darf die Ermittlung von Anfang an begleiten, das hat der Chefermittler erlaubt. Möchte die Polizei Werbung machen für die neue DNA-Methode?
Den Dokumentarfilm von Dagens Nyheter kann man heute auf Youtube sehen. Peter Sjölund sitzt im Kommissariat vor zwei Bildschirmen, Andreas Tillmar und ein Ermittler schauen ihm über die Schulter. Sjölund hat das DNA-Profil des Täters in die Ahnensuchmaschine GEDmatch eingespeist. 
„Das sind durchaus akzeptable Zahlen, mit denen man arbeiten kann. Jetzt müsste ich versuchen, jemanden zu finden, den wir nach Schweden zurückverfolgen können.“

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Es gibt aber ein Problem: Die DNA-Probe hat keine gute Qualität. Die genetische Ahnenforschung spürt Verwandtschaftsverhältnisse auf, indem sie DNA-Profile verschiedener Menschen nach gemeinsamen Mutationen durchsucht. Diese Schreibfehler im Erbgut geben Eltern weiter auf ihre Kinder, Enkel und spätere Generationen. Dadurch lassen sich Familienverhältnisse nachweisen: Je enger zwei Menschen miteinander verwandt sind, desto mehr Mutationen haben sie gemeinsam.
Andreas Tillmar versucht, aus den DNA-Spuren vom Messer und der Mütze des Täters ein DNA-Profil für die Ahnenforschung zu erstellen. Eigentlich ist das nicht weiter kompliziert, doch im Fall des Doppelmords von Linköping hat der Biologe ein Problem. 
„Wenn man heutzutage eine gute DNA-Probe hat, ist es mithilfe der Bioinformatik ziemlich einfach, das Genom daraus abzuleiten. Aber in unserem Fall waren nur noch Bruchstücke der DNA vorhanden. Wir haben kein vollständiges Genom erstellen können, obwohl wir viele Einzelteile hatten. Am Ende hatten wir so etwas wie ein halbes DNA-Profil.“

Die Spuren führen nach Deutschland

Trotzdem liefert die Datenbank GEDmatch einige Treffer. Peter Sjölund findet die Namen entfernter Cousins und Cousinen des mutmaßlichen Täters. Sie leben in den USA. Er beginnt die Stammbäume zu rekonstruieren. Die Spuren führen nach Europa – aber nicht nach Schweden. Sondern nach Deutschland. 

Der gemeinsame Nenner all dieser Leute war, dass ihre Vorfahren vor langer Zeit in Deutschland gelebt hatten, im 18. oder Anfang des 19. Jahrhunderts. Ich dachte mir: Okay, sie sind zwar mit dem Täter nicht eng verwandt, aber all diese Ahnen in Deutschland können doch kein Zufall sein.

Peter Sjölund kommt ein Verdacht: Der Täter hat womöglich nicht nur Vorfahren aus Deutschland, sondern ist selbst Deutscher. Mit dieser These macht sich die Polizei an die weiteren Ermittlungen. Der Kreis der Verdächtigen wird kleiner: Ins Visier geraten nun junge Männer aus Deutschland, die zum Tatzeitpunkt in Linköping gelebt hatten.
„Damals haben viele Deutsche an der Universität studiert. Es gab einen Deutschen, der in der Nacht nach dem Mord in eines der Krankenhäuser kam. Er hatte Schnittwunden an der Hand. Das war natürlich interessant. Ein anderer Deutscher hat sich geweigert, beim Reihengentest mitzumachen. Er hat nur 100 Meter vom Tatort entfernt gewohnt. Es gab also ein paar Leute, die interessant sein könnten.“

Die Namen verrät die Ahnensuchmaschine

Um das Prinzip der Stammbaumfahndung zu verstehen, hilft es, sich einen echten Baum mit prächtiger Baumkrone vorzustellen. Für eine Handvoll dünner Zweige, die ganz außen an der Krone liegen, sucht der DNA-Detektiv nach einem gemeinsamen Ursprung. Dafür verfolgt er die Äste in Richtung Baumstamm, bis er auf einen dicken Ast stößt, der die äußeren Zweige trägt. Übertragen auf Familienstammbäume heißt das: Ein kleiner Zweig ganz außen ist der unbekannte Täter. Die anderen dünnen Zweige sind seine entfernten Verwandten. Ihre Namen verrät die Ahnensuchmaschine.
Peter Sjölund arbeitet sich so durch die Familienstammbäume. Die DNA-Probe des Täters ist der namenlose kleine Zweig, den er zurückverfolgt zum Baumstamm – eine Rückwärtssuche, um gemeinsame Vorfahren aufzuspüren. 
„Wenn ich gemeinsame Vorfahren finde, dann weiß ich, dass auch der Gesuchte ein paar DNA-Abschnitte von diesen Vorfahren geerbt hat. Danach wechsle ich die Richtung und suche in der Zeit vorwärts. Ich suche die Kinder, Kindeskinder, Urenkel und so weiter von den gemeinsamen Vorfahren. Also Hunderte von Nachkommen. Außerdem weiß ich, dass ich unter diesen Nachkommen nach Männern suchen muss, die in den 80er-Jahren geboren wurden. Und einer von ihnen ist der Täter.“

Detektivarbeit in Registern und Netzwerken

Der DNA-Detektiv versucht also, möglichst viele Namen des weit verästelten Familiennetzwerks herauszufinden. Dabei helfen soziale Netzwerke, Nachrufe, Kirchenregister, Standes- und Taufregister.
„In Schweden sind wir verwöhnt mit guten Verzeichnissen und Registern. Wir haben Kirchenbücher vom 17. Jahrhundert bis heute, und alles ist offen für Recherchen.“

Für die DNA-Detektive sind öffentlich zugängliche Quellen eine Goldgrube. Zugleich sind sie der Grund, warum die neue Ermittlungsmethode so umstritten ist. 
„Wenn ich selber meine eigene genomische Information in eine solche genealogische Datenbank einstelle, dann lege ich damit quasi meine komplette genetische Information offen. Ich kann zwar für mich selber die Einwilligung geben, aber ich kann sie nicht für meine Verwandten geben. Die werden quasi dabei nicht gefragt und deren Information ist genauso transparent enthalten, ohne dass sie wissen, dass sie über meine DNA dort auch mit repräsentiert worden sind.“
Peter Schneider ist Molekulargenetiker und Professor für Rechtsmedizin an der Universität Köln. Er hat das FBI beraten, um Richtlinien für die Stammbaumfahndung zu formulieren.
„Das heißt also, in dem Moment, wo solche Recherchen gemacht werden, wird quasi meine gesamte Verwandtschaft mit transparent gemacht, ohne dass die einzelnen Leute wissen, dass das der Fall ist.“

Der Verlust an Privatsphäre

Expertinnen sprechen von „networked privacy“, also „vernetzter Privatsphäre“. In Wahrheit ist es ein Verlust an Privatsphäre, denn die Stammbaumfahndung unterläuft das Recht auf informationelle Selbstbestimmung. Allerdings machen es sich die Kritiker zu einfach, sagt Teneille Brown, Juraprofessorin und Medizinethikerin an der University of Utah.
„In der New York Times und der Washington Post ist oft die Rede davon, wie gruselig die Methode ist. Es heißt etwa, dass Deine Gene gegen Dich aussagen. Das geht völlig an der Sache vorbei. Die Gene sagen nicht aus. Die Gene sind fassbare Beweise, wie ein Foto oder ein Fingerabdruck. Diese Dinge sagen nichts aus, sie stellen bloß Verbindungen her. Und in den Ermittlungen werden öffentliche Datenbanken genutzt.“

Tatsächlich sind die Datenbanken von Ahnenforschungsdiensten wie GEDmatch öffentlich. Es geht ja gerade darum, sich mit anderen zu vernetzen und Verwandte ausfindig zu machen. Trotzdem hat niemand Zugriff auf das komplette Erbgut der Kunden, auch nicht die Polizei. Angezeigt werden nur genetische Beziehungen. 
„Es ist so ähnlich, wie wenn jemand ein TikTok-Video auf sein öffentliches TikTok-Profil hochlädt, und darin sieht man zufällig, wie jemand eine Straftat begeht. Der Straftäter behauptet: ´Ich war zum Zeitpunkt des Verbrechens nicht in Hamburg. Ich war in Schweden.` Aber das TikTok-Video zeigt diese Person genau dann in Hamburg.
Das beweist zwar nicht ihre Schuld, aber es spricht gegen sie. Und niemand fragt denjenigen, der das Video ins Netz gestellt hat, ob es als Beweismaterial verwendet werden darf. Es ist nämlich öffentlich. So ähnlich ist das mit der DNA-Datenbank von GEDmatch. Aber weil es um Gene geht, gruseln wir uns und denken, dass die Gene gegen uns aussagen und es so eine Art Gen-Apokalypse geben wird.“

DNA-Experte Sjölunds scheitert

Vorbehalte gegen die DNA-Methode gibt es auch in Schweden. Für die Ermittler in Linköping steht einiges auf dem Spiel. Schaffen sie es, den Mörder zu finden? Dann könnte die öffentliche Meinung zugunsten der Stammbaumfahndung ausschlagen. Peter Sjölunds Spur führt nach Deutschland – er versucht, das Familiennetzwerk des Täters zu rekonstruieren. Und scheitert.

Deutschland scheint für die Ahnenforschung das schlechteste Land der Welt zu sein. Es gibt viel Geheimniskrämerei. Man kann über die Eltern einer Person für die vergangenen 110 Jahre nichts herausfinden. Kirchenbücher sind für Recherchen ab Anfang der 1900er-Jahre verschlossen. Es ist sehr schwierig, lebende Menschen ausfindig zu machen.

Ausgerechnet Deutschland. Heimat der Gentechnikhasser und Datenschutzbeauftragten. Verbrannte Erde wegen der Nazis und ihrer Ahnenpässe. Entwicklungsland in Sachen Digitalisierung. Auch die deutsche Polizei kann nicht weiterhelfen.
„Die schwedische Polizei hat die deutsche Polizei um Hilfe gebeten. Aber in Deutschland gibt es kein zentrales Register, in dem alle Bürgerinnen und Bürger verzeichnet sind. Man muss sich einzeln an jedes Standesamt wenden. Die deutsche Polizei hat versucht, an die Informationen heranzukommen. Aber nicht einmal die konnte etwas über die Familien herausfinden. Es war eine Sackgasse.“

Ganz andere Verhältnisse in den USA

In den USA wächst die forensische DNA-Ahnenforschung unterdessen zu einer kleinen Industrie heran. Im Wochentakt lösen DNA-Detektivinnen Cold Cases im Auftrag der Polizei. Eine Frau sticht dabei hervor, CeCe Moore, geboren 1969, eine Autodidaktin, die heute für Parabon Nanolabs arbeitet. Sie hat William Talbott aufgespürt, in dessen Gerichtsprozess die genetische Ahnenforschung ihren ersten Auftritt hatte. Mehr als 200 Menschen hat sie identifiziert: Gewaltopfer, Mörder, Vergewaltiger. 
CeCe Moore hat eine eigene Fernsehshow. In der True Crime-Szene ist sie ein Superstar. Sie hofft, dass die neue DNA-Technik zu einem Standardwerkzeug im Arsenal der Polizei wird, nicht nur für Cold Cases, sondern auch für heiße Spuren. 2018 wurde sie von der Polizei in Utah beauftragt, eine drei Wochen zurückliegende Vergewaltigung aufzuklären. Kurze Zeit später hatte sie mehrere Verdächtige identifiziert. 
„Ich konnte dabei helfen, sie sehr schnell zu identifizieren. Ich habe die Suche auf vier Brüder eingegrenzt, und der großartige Kommissar Josh Wilson hat dann einen von denen als Tatverdächtigen überführt. Der Mann hat schließlich gestanden. Er sagte, die Identifizierung durch die DNA-Ahnenforschung sei ein Segen für ihn gewesen und habe sein Leben gerettet. Weil sie ihn davor bewahrt habe, noch Schlimmeres zu tun und für den Rest des Lebens im Gefängnis zu landen. Die Frau hat ihrem Peiniger öffentlich vergeben, was auch ziemlich erstaunlich war.“
Happy End. Aber reichen solche Geschichten aus, um die Kritiker der neuen DNA-Methode zu überzeugen? Was ist mit den vielen Namen Unbeteiligter, die im Laufe der Stammbaumrecherche auftauchen? CeCe Moore dreht das Argument einfach um.
„Wenn die DNA-Ahnenforschung rechtzeitig eingesetzt wird, kann sie eine Menge Menschen von vornherein als Tatverdächtige ausschließen. Anstatt gegen Dutzende, Hunderte oder Tausende von Unschuldigen zu ermitteln, kann man sich sehr schnell auf wenige Zielpersonen beschränken. Ich bin sehr dafür, diese Methode möglichst früh in einer Ermittlung zu nutzen. Dann kann sie helfen, die Ressourcen der Behörden zu schonen, Geld zu sparen – und die Gesellschaft sicherer zu machen.“

Geschäftsbedingungen werden einfach angepasst

Viele Ahnenforschungsportale haben inzwischen ihre Geschäftsbedingungen angepasst. Wer sein DNA-Profil für die Aufklärung von Verbrechen freigeben möchte, muss aktiv ein Häkchen setzen. In den USA machen das viele. 50 Prozent der US-Bevölkerung befürworten polizeiliche Ermittlungen in Ahnenforschungsdatenbanken, ergab eine Umfrage. 
Doch die genetische Ahnenforschung ist nicht fehlerfrei. Das zeigt der Fall in Schweden. Nachdem die Stammbaumrecherche in Deutschland an ihre Grenzen stieß, erstellten die Ermittler ein neues DNA-Profil des Täters. Und der Ahnenforscher Peter Sjölund nutzte eine andere Suchmaschine, die unter Europäern beliebt ist: Die Abfrage bei FamilyTreeDNA lieferte mehr als 20 Treffer.

Zwei, die vermutlich Cousins vierten Grades waren, und dann etwa 20 weitere Cousins und Cousinen fünften oder sechsten Grades. Das ist gar nicht so schlecht. Und es hat sich herausgestellt, dass – mit Ausnahme einiger Amerikaner – fast alle Schweden waren.

Deutsche jedenfalls waren nicht dabei. „Es besteht ein gewisses Risiko, dass eine strafrechtliche Untersuchung in die falsche Richtung führt“, wird der Polizeibericht später feststellen. Diesmal schien die Richtung zu stimmen. Peter Sjölund kletterte die Stammbäume runter bis ins 18. Jahrhundert. Er fand 600 bis 700 Vorfahren. Und dann wieder rauf in die Gegenwart. 
„Als wir angefangen haben, ihre Stammbäume zu rekonstruieren – einige hatten ihren Stammbaum selbst ins Netz gestellt – hat sich folgendes herausgestellt: Alle hatten Vorfahren in der Nähe von Linköping. Wir haben gedacht: Okay, der Typ ist von hier. Und da war uns klar: Wir werden den Fall lösen. Es war nur eine Frage der Zeit.“

Die Möglichkeiten der DNA-Ahnenforschung

Zu den unheimlichen Möglichkeiten der forensischen DNA-Ahnenforschung gehört es, dass auch völlig Unbeteiligte zur Aufklärung eines Verbrechens beitragen können: Die Ermittler baten 15 Freiwillige aus der Region Linköping, eine DNA-Probe bei FamilyTreeDNA einzuschicken. So können sich Verbindungen zwischen Stammbäumen ergeben. Verzweigungen, die bisher im Dunkeln lagen.

So war es auch in diesem Fall. Sjölund stieß auf zwei gemeinsame Vorfahren aus dem 18. und 19. Jahrhundert. Über die Äste der beiden wuchsen mehrere Stammbäume zusammen. Am Ende kamen nur noch zwei Brüder als Täter infrage. Peter Sjölund findet ihre Namen im Home Office heraus. Er steht in seinem Wohnzimmer vor einer weißen Standuhr und ruft den Kommissar Jan Staaf an.
„Entschuldige, dass ich an einem Freitagabend störe.“
„Macht nichts. Ich bin bei einer Abschlussfeier.“
„Ja, die sind ja jetzt gerade. Du, ich habe ihn gefunden.“
„Nein!“
„Doch!“
„Ist das wahr?“
„Unglaublich, aber wahr. Oder besser gesagt, ich habe zwei Brüder gefunden.“
„Wo?“
„Sie leben in …“
„Nein! Heilige Scheiße!“
Die forensische Ahnenforschung liefert keine Beweise, sie liefert Indizien. Der letzte Schritt ist deshalb klassische Polizeiarbeit. An einem Sonntagabend im Juni 2020 machte sich Peter Sjölund auf den Weg nach Linköping. Am Montag präsentierte das Team ihre Erkenntnisse dem Haftrichter. Dienstagfrüh suchte die Polizei die beiden Brüder auf. Ein herkömmlicher DNA-Vergleich erbrachte den Nachweis, dass der jüngere Bruder der Gesuchte war: Daniel Nyqvist legte am selben Nachmittag ein Geständnis ab.
Er sei besessen gewesen von dem Gedanken, jemanden zu töten. Dass es den achtjährigen Mohammed Ammouri traf, sei Zufall gewesen. Im Oktober 2020 wurde der 37-Jährige wegen Mordes verurteilt – und in einer forensischen Psychiatrie untergebracht. 
Drei Personen sitzen an einem Tisch. Vor ihnen stehen Mikrofone.
Das schwedische Ermittlungsteam mit Kommissar Jan Staaf (r.) während einer Pressekonferenz im September 2020. © imago images/TT
Peter Sjölund und die Ermittler hatten fünf Wochen gebraucht, um einen 16 Jahre alten Fall zu lösen. Ja, sie waren einer falschen Spur gefolgt, aber nun waren sie am Ziel. Sjölund traf sich anschließend mit den Eltern von Mohammed Ammouri.
„Es war natürlich ein großartiges Gefühl, den Mörder identifiziert zu haben, und dass er gefasst wurde und gestanden hat. Aber das Gefühl, als ich die Angehörigen traf, und sie mir gesagt haben, dass dies die erste Nacht seit 16 Jahren war, in der sie durchschlafen konnten – das hat mein Herz erwärmt.“ 

Im Abschlussbericht zum Doppelmord von Linköping empfiehlt die Polizei, die forensische DNA-Ahnenforschung zuzulassen – für die Aufklärung schwerer Verbrechen. Doch die schwedische Datenschutzbehörde hat ein Veto eingelegt. Die Methode verstoße gegen geltendes Recht. Das Justizministerium hat einen Sonderermittler eingesetzt, der sich die Rechtslage genauer anschauen soll. Gesetze kann man ändern. 

Die USA sind längst einen Schritt weiter. In Florida hat ein Ermittler vor Gericht erwirkt, dass die Datenbank GEDmatch ihm Zugang gewähren muss: Er durfte alle 1,2 Millionen DNA-Profile durchsuchen, um die Verwandten eines Serientäters aufzuspüren. Viele Kunden hatten ausgeschlossen, dass ihre Daten dafür genutzt werden dürfen.

Autor: Max Rauner
Es sprechen: Michael Rothschopf und Katharina Pütter
Regie: Roman Neumann
Technik: Martin Eichberg
Redaktion: Martin Mair

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