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Im Gespräch / Archiv | Beitrag vom 31.01.2015

Mit Hörerinnen und Hörern im GesprächKrieg oder Frieden – Was wird aus der Ukraine?

Gäste: Jörg Baberowski, Professor für Geschichte Osteuropas, und Sabine Adler, Osteuropa-Korrespondentin des Deutschlandradios

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Pro-russische Separatisten auf Patrouille in der Region Donezk. (AFP / Manu Brabo)
Pro-russische Separatisten auf Patrouille in der Region Donezk; Aufnahme vom 29. Januar 2015 (AFP / Manu Brabo)

Der Krieg in der Ostukraine wird immer brutaler. Seit seinem Beginn im April 2014 hat er über 5000 Tote gefordert, darunter immer mehr Zivilisten. Das im September ausgehandelte Waffenstillstandsabkommen von Minsk brachte gerade einmal ein kurzes Abflauen der Kämpfe. Auch die mehrfachen Vermittlungsversuche seitens der EU konnten die Gefechte nicht stoppen. Wie ist die Lage zu bewerten?

 Hören Sie hier die zweite Stunde der Sendung:

Der Krieg in der Ostukraine wird immer brutaler, seit seinem Beginn im April 2014 hat er über 5000 Tote gefordert, darunter immer mehr Zivilisten. Das im September ausgehandelte Waffenstillstandsabkommen von Minsk brachte gerade einmal ein kurzes Abflauen der Kämpfe. Auch die mehrfachen Vermittlungsversuche seitens der EU konnten die Gefechte nicht stoppen.

"Wenn Bürgerkriege anfangen, haben sie noch ein Ziel; aber sie verselbständigen sich", sagt Jörg Baberowski, Professor für Geschichte Osteuropas an der Humboldt-Universität zu Berlin. "Es ist ja kein offener Staatenkrieg" – das gelte für beide Seiten: "Sie haben Freiwilligen-Bataillone, die 'Azov-Brigade' mit verkappten Nazis, es gibt russische Söldner, Tschetschenen." Daher sei es auch schwer, Gut und Böse auseinanderzuhalten.

Viele im Westen neigten dazu, Putin als den alleinigen Aggressor zu verdammen; das greife zu kurz und spiele letztlich dem russischen Präsidenten in die Hände.

Er sei ein Taktiker und halte den Konflikt am Köcheln. "Er hat begriffen: Solange der Konflikt schwelt, will niemand die Ukraine in der NATO haben."

Ein NATO-Beitritt sei "das Dümmste, was man tun könnte. Will man sich diesen Konflikt in die NATO holen? Die Ukraine ist für das Imperium etwas anderes als Estland oder Lettland; das ist viel sensibleres Terrain."

Der Osteuropa-Experte warnt vor weiteren Sanktionen gegenüber Russland: "Wir sind gerade dabei, uns Russland zum Feind zu machen."

Man müsse aber auch die Ukraine kritisch betrachten: "Der Westen muss auch Druck auf die ukrainische Regierung ausüben. Poroschenko war Minister unter der gestürzten Regierung. Wenn einer `Demokratie´ schreit, muss er nicht unsere Werte vertreten. Es sind die Oligarchen, die sich Parlamentarier leisten; das ist weit entfernt von einer Parteiendemokratie."

Die Krim hingegen, so die nüchterne Analyse des Historikers, sei für die Ukraine verloren. Nun gehe es darum, dass das Land nicht auseinanderbricht. "Ich könnte mir eine föderale Lösung vorstellen, ähnlich wie bei der ehemaligen Tschechoslowakei." Mit zwei Parlamenten, eingebunden in beide Wirtschaftsräume und militärisch neutral – ähnlich wie Finnland. "Die Finnen sind damit prima gefahren und sind bis heute nicht in der NATO."

"Es liegt eindeutig mehr Schuld bei den Russen, da hat eine klare Aggression stattgefunden", sagt Sabine Adler, seit vielen Jahren Deutschlandradio-Korrespondentin für Osteuropa. "Der Kampf der Ukrainer mutet verzweifelt an. Sie haben es mit einem übermächtigen Nachbarn zu tun, der seine Vasallen mehr und mehr Territorium besetzen lässt und das Land erschüttert." Sie spricht sich für weitere Sanktionen gegen Russland aus und geht noch weiter: "Wir müssen der Ukraine helfen – und zwar militärisch."

Ihre Mahnung: "Unser Pazifismus wird uns zum Verhängnis; weil wir glauben, dass wir auf der richtigen Seite sind, wenn wir uns pazifistisch verhalten. Was muss passieren, dass der Westen aufwacht?"

Krieg oder Frieden – Was wird aus der Ukraine? Darüber diskutiert Klaus Pokatzky heute von 9 Uhr 05 bis 11 Uhr mit Sabine Adler und Jörg Baberowski. Hörerinnen können sich beteiligen und Fragen stellen unter der Telefonnummer: 00800 2254 2254, per E-Mail unter gespraech@deutschlandradiokultur.de oder auf Facebook und Twitter. 

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