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Lesart / Archiv | Beitrag vom 02.06.2013

Misslungene Annäherung

Rolf Bauerdick: "Zigeuner - Begegnungen mit einem ungeliebten Volk"

Rezensiert von Rolf Schneider

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Kinder in einem Roma-Lager in Moldawien (picture alliance / dpa / Pavel Lisitsyn)
Kinder in einem Roma-Lager in Moldawien (picture alliance / dpa / Pavel Lisitsyn)

Ihr Name kommt vielen nur schwer über die Lippen. Der Journalist Rolf Bauerdick spricht vom "Z-Wort". Um das Leben und Leiden der Zigeuner zu verstehen, ist er durch Europa gereist. Das Ergebnis ist widersprüchlich.

Das Wort Zigeuner gilt als ungehörig und wer es benutzt als Rassist. Populäre Kinderbücher tilgen es, offizielle Verlautbarungen bemühen die Formel "Sinti und Roma". Ich selbst habe mit dieser Art politischer Korrektheit Probleme.

Ich möchte nach wie vor Nikolaus Lenaus Gedicht von den drei Zigeunern aufsagen dürfen. Und Thomas Manns Tonio Kröger, der sich zu Zigeunern im grünen Wagen bekennt, ist für mich kein Präfaschist. Buchautor Rolf Bauerdick redet spöttisch vom "Z-Wort", um es dann, im Titel wie im Text, ausführlich zu verwenden. Wofür er gute Gründe anführen kann.

Sein Buch verheißt laut Untertitel "Begegnungen mit einem ungeliebten Volk". Der Autor hat, so sagt er selbst,...

"... weit mehr als einhundert Reisen zu Zigeunern in zwölf europäischen Ländern unternommen."

Und fügt hinzu:

"Dabei war ich nicht als Ethnologe, Soziologe oder Menschenrechtler unterwegs, sondern als Berichterstatter und Fotograf. Ich war Besucher. Ein Gast. Nicht mehr, aber auch nicht weniger."

Ausführlich beschäftigt sich der Autor nur mit Ungarn und Rumänien

Von den erwähnten zwölf Ländern kommen ausführlich nur zwei vor: Rumänien und Ungarn. Es gibt Abstecher nach Bulgarien, in die Slowakei und nach Frankreich. Polen und Russland werden flüchtig erwähnt, Deutschland auch. In Spanien geht es lediglich um eine Wallfahrt. Das Jahrhunderte alte Elend der andalusischen Gitanos und ihre vielfachen Kulturimpulse kommen nicht vor.

Was Bauerdick aus Ungarn und Rumänien erzählt, ist gelegentlich beeindruckend. Er schildert Armut und Elend, er besucht Müllkippen und deren Bewohnern, er beschreibt die verzweifelten Kämpfe ums materielle Überleben. Manche Porträts sind herzzerreißend. Unterschlagen wird weder die aus solcher Situation fast zwangsläufig entstehende Armutskriminalität noch die oft brutalen Reaktionen der betroffenen Umwelt.

Ungarn wie Rumänien waren kommunistische Staaten. Beide haben, mit wechselndem Erfolg, eine Integration von Roma betrieben.

"Der Kommunismus ist gegangen, der Nationalismus gekommen."

…zitiert Bauerdick Betroffene. Nach dem Ende der Volksdemokratien wurden bestehende Arbeitsverhältnisse aufgelöst, die Härte der neokapitalistischen Zustände traf die Roma besonders. Folge war der massenhafte Rückfall in die Verelendung.

"In der ersten Hälfte der 90er Jahre überrollte eine Welle brutaler Übergriffe das Land, bei dem Roma getötet, Siedlungen in Brand gesteckt, Familien ausgeraubt und Menschen vertrieben wurden."

Die Rede ist von Rumänien. Für Ungarn gilt Vergleichbares.

Cover: "Zigeuner" (Wallstein Verlag)Cover: "Zigeuner" (Wallstein Verlag)Bauerdick zeigt nicht nur das Elend, er zeigt auch Beispiele eines relativen oder absoluten Wohlstands. Materiell einigermaßen erfolgreich seien etwa die Führer von Tanzbären. Porträtiert wird außerdem ein rumänischer Zigeunerkönig samt seinem obszönen Reichtum. Die Sozialstruktur vieler Romavölker ist tribalistisch. Als indoeuropäische Ethnie verließen sie während des Spätmittelalters ihre Heimat im nordindischen Punjab. Die Anlässe sind unbekannt. Eigene Überlieferungen, da bis ins 20. Jahrhundert hinein keine tsigane Schriftsprache existierte, versickern in Legenden.

Die existierenden Geschichtszeugnisse stammen durchweg von nicht-tsiganen Autoren und sind entsprechend eingefärbt, nämlich ablehnend. Die schönen Künste im 19. Jahrhundert stiften dann das romantische Bild vom wilden freien Zigeuner und der wilden schönen Zigeunerin.

Ungenau und einseitig

Dies alles lässt sich, in etwa, auch bei Bauerdick nachlesen. Andere Quellen sind da detaillierter. Wie überhaupt der Autor in Kulturgeschichte schwächelt. "Friede den Hütten! Krieg den Palästen!" nennt er eine linksautonome Parole. Tatsächlich steht sie in Georg Büchners "Hessischem Landboten" von 1834.

Derlei ließe sich als lässlicher Patzer hinnehmen. Sehr viel ärgerlich wird es an anderer Stelle. Dass die Roma an ihrer sozialen Ausgrenzung ihrerseits aktiven Anteil haben und dass es tsigane Kriminelle gibt, erwähnen manche Autoren wenig oder nicht. Man kann das einseitig nennen, andererseits haben sie dafür historisch begründbare Motive. Für Bauerdick handeln sie skandalös. Diese moralische Avantgarde …

"…missbraucht die Zigeuner als Objekt einer bloß imaginären Fürsorge. Westeuropäische Intellektuelle attestieren den Roma jederzeit, als Opfer der Gesellschaft um ein eigenverantwortliches Leben betrogen zu sein. Aber sie schweigen allesamt, wenn bulgarische Zigeuner Hunderte junger Frauen auf den Dortmunder Straßenstrich schicken und skrupellose Verbrecher nachts in Hinterhöfen verwahrlosten und apathischen Kindern das Bettelgeld abknöpfen."

In der Folge kanzelt er allerlei renommierter Leute ab, so Günter Grass und André Glucksmann, und besonders abgesehen hat er es auf den Roma-Aktivisten Romani Rose und den Germanisten Wilhelm Solms. Luise Rinsers nazifromme Jugend, inzwischen mehrfach beschrieben, wird ausführlich dargetan und gehört hier nicht her.

Zudem erfolgen Schilderungen von Roma-Verbrechen und Roma-Verbrechern in geradezu penetranter Ausführlichkeit, und es finden sich vergleichsweise milde Worte für die ungarischen Neofaschisten von Jobbik. Bauerdick scheint nicht zu merken, dass er mit solchen Auslassungen sich selbst und sein Anliegen unmöglich macht. Fragwürdig auch seine Haltung zur Assimilation.

"Während die verelendeten Roma in Südosteuropa aus der Zeit fielen, suchten die assimilierten Zigeuner im dritten Jahrtausend eine neue Identität zwischen Klischee und Realität. Die Apathie verdrängte die Leidenschaft, das Kalkül die Aufrichtigkeit, die Schacherei den Großmut. Wenn die verschwenderische Freigebigkeit der Zigeuner verschwunden sein wird, verschwindet auch ein Gegenentwurf zur Dominanzkultur."

Dass Bauerdick hier den Verlust von etwas beklagt, das er an anderer Stelle ein Klischee nennt, ist die eine Sache. Dass Bildung, Eingliederung, Integration, Akkulturation gewöhnlich einhergehen, einhergehen müssen mit dem Fortfall von Tradition und Eigenart, ist die andere, und dergleichen gilt nicht nur für Roma.

Rolf Bauerdick hat ein widersprüchliches Buch verfasst. Manches darin ist respektabel, anderes dubios. Wer sich über die Materie genauer unterrichten will, dem sei Klaus-Michael Bogdahls "Europa erfindet die Zigeuner" empfohlen. Bauerdicks Buch listet im Anhang Titel von einschlägigen Sekundärliteraturen auf. Bogdahl kommt darin nicht vor.

Rolf Bauerdick: Zigeuner - Begegnungen mit einem ungeliebten Volk
Deutsche Verlagsanstalt München, 2003
350 Seiten, 22,90 Euro

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