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Lesart / Archiv | Beitrag vom 21.08.2014

MilieuromanNah dran, aber langweilig

Kristof Magnusson: "Arztroman"

Von Gerrit Bartels

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Eine Ärztin läuf allein einen Flur einer Krankenstation in einem Berliner Krankenhaus entlang.  (dpa / picture alliance / Hans Wiedl)
Ärztin auf Flur in einem Krankenhaus (dpa / picture alliance / Hans Wiedl)

Mit großer Kenntnis erzählt Kristof Magnusson aus dem Alltag einer Notärztin und ihrer Patienten. Unterhaltsam soll der Ärztinroman sein, wird aber schwerfällig, wenn Magnusson brav aus dem Privatleben der Berlinerin vorträgt.

Es ist ein schlichter, die literarische Gattungsbezeichung gleich mit anzeigender, aber auch betont augenzwinkender Titel: "Arztroman" heißt der neue Roman von Kristof Magnusson. Damit wird gleich offensichtlich, in welchem Milieu die Handlung angesiedelt ist.

Gleichzeitig spielt der Titel darauf an, dass Arztromane in der seriösen deutschsprachigen Literatur eine Seltenheit sind - und eigentlich in der Welt der Bastei-Lübbe-Groschenhefte ihr Zuhause haben, in denen in der Regel von den Romanzen von braungebrannten Ärzten mit hübschen Krankenschwestern erzählt wird, meistens in Fortsetzungen.

Herzinfarkte, Hysterie-Attacken und Atemnotsanfälle

Kristof Magnussons Heldin Anita Cornelius aber ist eine Ärztin (warum also eigentlich nicht "Ärztinroman"?), sie ist Notärztin am Berliner Urban-Krankenhaus und sie fährt tagtäglich zusammen mit Maik, einem Rettungsassistenten, Rettungseinsätze mit einem sogenannten NEF, einem Notarzt-Einsatzfahrzeug.

Sie kümmert sich also um Verkehrsunfälle wie Herzinfarkte, Hysterie-Attacken wie Atemnotsanfällen, Stürze wie Synkopen, und sie muss dabei immer die erste ärztliche Hilfe leisten: ein genauso stressiger wie verantwortungsbewusster Job in der Medizin, beruflich aber sicher herausfordernder, als Assistenzärztin in einer geriatrischen Klinik.

Beeindruckend ist, wie genau Magnusson recherchiert hat, wie er das medizinische Vokabular geradezu natürlich in seine Erzählung integriert. Da ist von "Hebungen im ST-Bereich" die Rede, vom Einsatz von "ASS und Heparin" bei einem "Myokardinfarkt", von "Zugängen", die "gelegt" werden müssen, von "Fentanyl", das gespritzt werden muss oder der "Arteria carotis externa".

Jeder Einsatz, den Anita Cornelius fährt, ist ein kleiner dramaturgischer Höhepunkt des Romans - sei es, dass sie zu einer alten Frau muss, die schwer gestürzt ist, sei es, dass sie bei einem jüngeren Mann in allerletzter Sekunde einen Kehlkopfschnitt machen und einen Tubus legen muss.

Geht nicht über Medizin hinaus

Das ist mitunter spannend und eben ganz nah dran am medizinischen Alltag. Sehr präzise beschreibt Magnusson die Einsätze seiner Heldin - und manchmal auch ihren Überdruss. Wenn sie einen sehr alten, sehr moribunden Patienten überversorgt. Oder wenn sie überlegt:

"Sollte das noch dreißig Jahre so weitergehen? 25.000 Patienten, überschlug sie schnell im Kopf, 50.000 blaue Einweghandschuhe, vielleicht 15.000 venöse Zugänge, 10.000 Nasenbrillen für Sauerstoff und mindestens 5.000 Einsätze an Orten wie dem, wo sie jetzt hinfuhren, Tendenz steigend, es war ein Pflegeheim".

Leider gelingt es Magnusson nicht, ein Interesse für seine Heldin über die Medizin hinaus zu wecken. Denn sein Roman mag im engeren Sinne ein gelungener Arztroman sein, er ist aber auch eine Art Patchworkfamilienroman, den man sich gut als Fortsetzungsgeschichte in Lifestyle-Magazinen vorstellen kann: Anita ist geschieden, ihr Mann, der ebenfalls am Urban-Krankenhaus als Arzt arbeitet, hat eine neue Freundin, mit der Anita sich nur schwer anfreunden kann, und ihr 14-jähriger Sohn geht langsam seine eigenen Wege. Sie besucht ihre Eltern irgendwo in Süddeutschland, macht mit ihrem neuen Freund und ihrer alten Familie eine therapeutische Bootsfahrt auf dem Wannsee etc.

Gepflegte Unterhaltung

Um so mehr Magnusson die sonstige Lebenssituation seiner Heldin ausleuchtet, um so mehr es weg geht vom Urban-Krankenhaus geht und den blitzartig auftauchenden Milieus der Kranken, hin ins neo-bürgerliche, alle möglichen Lebensformen ausprobierende Kreuzberg, desto langweiliger wird dieser Roman.

Es mangelt Magnusson plötzlich auch an sprachlichen Mitteln: Hier ist alles korrekt und brav erzählt, die gepflegte Unterhaltung kommt vor der Literatur. Weniger wäre womöglich viel mehr gewesen, also: die Konzentration auf die Medizin und den ärztlichen Alltag. Aber das hat sich Kristof Magnusson, bei aller Recherche und fachärztlicher Beratung, leider nicht getraut.

 

Kristof Magnusson: Arztroman
Verlag Antje Kunstmann, München 2014
312 Seiten, 19, 95 Euro

Weiterführende Information

Zwei Gesichter in einer Person (Deutschlandfunk, Büchermarkt, 29.03.2013)
Dreimal täglich "Heile Welt" (Deutschlandfunk, Querköpfe, 04.07.2012)
Unerhörtes Begehren (Deutschlandradio Kultur, Buchkritik, 03.02.2011)

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