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Lesart | Beitrag vom 30.10.2019

Michi Strausfeld: "Gelbe Schmetterlinge und die Herren Diktatoren"Brutale Herrscher und magischer Realismus

Michi Strausfeld im Gespräch mit Frank Meyer

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Zu sehen ist das Cover des Buches "Gelbe Schmetterlinge und die Herren Diktatoren: Lateinamerika erzählt seine Geschichte" von Michi Strausfeld. (Fischer Verlag)
Michi Strausfeld schreibt auf 576 Seiten über die Literatur Lateinamerikas (Fischer Verlag)

Michi Strausfeld ist eine Kennerin der lateinamerikanischen Literatur und hat maßgeblich dazu beigetragen, dass Texte aus Südamerika in Deutschland gelesen werden. Ihr aktuelles Werk beschreibt die Geschichte des Kontinents, und zwar mithilfe der Literatur.

Frank Meyer: Die Berliner Autorin, Kulturvermittlerin, Lektorin Michi Strausfeld wurde vor einigen Jahren ausgewählt als eine der 50 wichtigsten Persönlichkeiten des kulturellen Lebens Lateinamerikas. Und das hat natürlich damit zu tun, dass sie sich unglaublich gut auskennt in der lateinamerikanischen Literatur. Sie hat sehr viele Bücher und Texte von diesem Kontinent nach Deutschland gebracht. Und jetzt hat sie so etwas wie eine Summe ihrer Arbeit zusammengetragen und ein Buch geschrieben über die Literatur Lateinamerikas: "Gelbe Schmetterlinge und die Herren Diktatoren", so heißt dieses Buch. Und Michi Strausfeld ist jetzt hier im Studio, seien Sie willkommen!

Michi Strausfeld: Vielen Dank!

Frank Meyer: Ihre Geschichte mit Südamerika, die geht schon über 50 Jahre, das erzählen Sie auch im Vorwort zu Ihrem Buch. 1967 sind Sie das erste Mal dort hingereist, für drei Monate nach Peru. Was hat Sie denn damals da hingezogen?

Michi Strausfeld: Ich hatte Filme gesehen, Dokumentarfilme, "Traumstraße der Welt" von Hans Domnick, und als ich die Ruinen von Machu Picchu sah, damals sozusagen menschenleer, habe ich gesagt: Da muss ich hin. Also, eigentlich begann meine Faszination für Lateinamerika über die Ruinen.

"Ein Kontinent voller lebendiger Literatur"

Frank Meyer: Über die Ruinen. Und dann erzählen Sie ganz ansteckend auch in Ihrem Buch von der Begeisterung, die Sie damals gepackt hat eben für die Literatur Lateinamerikas. Was hat Sie da so begeistert?

Michi Strausfeld: Ja, ich war Studentin der Romanistik und Anglistik und auf einmal lernte ich eine Literatur kennen in Peru, von der ich nichts gehört hatte, von der an der Universität nichts bekannt gemacht wurde und die ich einfach faszinierend fand. Und 1967 war eben das Jahr, in dem "100 Jahre Einsamkeit" von García Márquez erschien, und ich habe das Buch mit Lexikon gelesen, habe wahrscheinlich nur die Hälfte verstanden, fand es aber wahnsinnig spannend und toll und habe gesagt: Anstatt mich weiter in die Philologie zu vertiefen, hier ist ein Kontinent voller lebendiger Literatur, der mich fasziniert, das muss man doch irgendwie kennenlernen können. Und so habe ich mich darum bemüht, erst mal selber zu lesen, zu lesen, zu lesen.

Internationaler Siegeszug der Bücher

Frank Meyer: Und jetzt sind wir am anderen Ende dieser Faszination, über 50 Jahre später. In Ihrem Buch ist so etwas wie die Grundthese dieses umfangreichen Buches, dass die Literatur in Lateinamerika eine größere Bedeutung habe als anderswo auf der Welt. Wie kommt das denn?

Michi Strausfeld: Das hat sicherlich mit den politischen Zuständen zu tun. Lateinamerika war der Kontinent der Unterentwicklung, wie man damals sagte, und auf einmal kam in den 1960er-Jahren und in den 1970er-Jahren eine ganze Riege von Autoren, die sich zu Wort gemeldet haben, die einfach Weltliteratur geschrieben haben. Das war eine Novität. Und während man in Europa sozusagen das Ende der Literatur proklamierte, haben die einfach erzählt und erzählt, und das war faszinierend. Und diese Faszination hat natürlich auch die eigenen Bürger zu Lesern gemacht. Denn man darf nicht vergessen, dass Lateinamerika damals in vielen Bereichen eine immens hohe Analphabeten-Quote hatte und auf einmal sahen die Menschen: Meine Güte, nein, hier wird unsere Geschichte erzählt. Und sie fingen an zu lesen. Und gleichzeitig war es ein internationaler Siegeszug der Bücher, denn sie wurden ja rezipiert in Frankreich, Italien, USA, auf der ganzen Welt, und man sagte: Weltliteratur.

Und darauf waren die Lateinamerikaner stolz und haben natürlich gesagt, ja, und warum können unsere Politiker nicht das Gleiche leisten wie die Literaten? Und diese Antwort sind die Politiker und Ökonomen leider bis heute schuldig geblieben. Aber diese Literatur hat sich auch sehr stark mit der eigenen Geschichte beschäftigt und hat vieles zum Vorschein gebracht, was die Menschen gar nicht wussten, sie hat recherchiert und hat all das, was man so vertuscht hat, was die Diktatoren so gerne unter den Tisch gekehrt haben, auf einmal ausgegraben und in packenden Geschichten wiedergegeben. Das machte die Faszination aus. Und ich war davon voll angesteckt.

Autoren: Chronisten ihrer Epoche

Frank Meyer: Und wieso ist das so in Lateinamerika, dass die Autoren sich so stark mit der Geschichte ihrer Länder beschäftigen? Das ist ja nicht überall auf der Welt selbstverständlich, dass die Autoren das tun. Fühlen die Autoren dort eine besondere Verpflichtung, Verantwortung?

Michi Strausfeld: Ich glaube schon. Man darf nicht vergessen, dass 1959 natürlich auch die kubanische Revolution begann, und die ersten zehn Jahre haben ja nur Begeisterung hervorgerufen. Und was dort in den ersten zehn Jahren passierte, war ja auch bewundernswert. Und alle anderen Länder, die auch eine Geschichte mit vielen Diktatoren haben, man kann sie ja gar nicht alle aufzählen, wie viele es gibt und in wie vielen Ländern, … Um das richtig einordnen zu können, muss man vielleicht etwas in die Geschichte zurückgehen, in das 19. Jahrhundert, was nach der Unabhängigkeit kunterbunt durcheinanderging – es waren immer labile, fragile Gesellschaften und Demokratien, wenn es mal eine Demokratie gab. Und die Autoren haben das alles zu ihrer Sache gemacht und haben gesagt: Wir müssen uns einsetzen für unsere Länder, wir haben eine Stimme, auf die gehört wird und die respektiert wird. Und so war es ja auch, und so ist es eigentlich bis heute geblieben. Und sie sagen auch, wir sind Chronisten unserer Epoche.

"Mal ist er links, mal rechts, aber immer ist er Peronismus."

Frank Meyer: Vielleicht machen wir das mal noch konkreter und schauen uns mal – wobei man da gar nicht so richtig weiß, wo man anfangen soll – ein, zwei Krisen oder Ereignisse der Gegenwart an. Zum Beispiel Argentinien, da wurde gerade gewählt, da sind ja die Peronisten oder Vertreter der Peronisten an die Macht zurückgekehrt, Alberto Fernándes und Cristina de Kirchner. Welche historischen Schichten zeigen sich denn in dieser Wahlentscheidung, die vielleicht auch in der Literatur eine Rolle gespielt haben?

Michi Strausfeld: In der Literatur ist der Peronismus intensiv diskutiert worden, vor allen Dingen von einem großartigen Autor, Tomás Eloy Martínez, der auch jahrelang sogar Peron interviewt hat, um das zu verstehen. Aber den Peronismus zu verstehen, das ist wirklich eine Quadratur des Kreises, das schaffen weder die Lateinamerikaner oder die Argentinier noch sonst irgendjemand. Weil: Mal ist er links, mal ist er rechts, aber immer ist er Peronismus. Das zu erklären, fällt wirklich schwer. Und ich glaube, was darunter liegt, ist einfach die große Verzweiflung.

Wir haben jetzt erlebt, dass in den Nullerjahren, als die Rohstoffpreise gut waren, ganz viele linke Demokratien die Länder regiert haben, und gerade in Brasilien – unter Lula zum Beispiel – Millionen aus der Armut herausgeholt haben. Kaum fallen die Rohstoffpreise, gibt es nichts mehr zu verteilen, und das Pendel schwenkt wieder nach rechts. Jetzt haben wir fast überall rechte Regierungen, die schaffen es dann auch nicht. Und Argentinien ist jetzt der Vorreiter und sagt: Die haben es auch nicht geschafft, jetzt machen wir mal wieder die Kehrtwende. Ich bin kein Ökonom, ich kann das nicht beurteilen, aber ich glaube, diese schnellen Hin und Her sind nicht gut für die Länder.

Aufarbeitung durch Literatur

Frank Meyer: Und wenn wir noch auf ein anderes, ein aktuelles Problem schauen: In Chile gab es ja diese extrem gewaltsamen Demonstrationen und Gegenreaktionen des Staates. Wenn man in die Literatur Chiles schaut, versteht man das dann besser, was da jetzt passiert ist?

Michi Strausfeld: Ja, da gibt es natürlich die Aufarbeitung der Pinochet-Diktatur, um die sich die Autoren auch intensiv bemüht haben und auch weiter bemühen. Es gibt immer wieder neue Texte, die sich mit dieser Diktatur beschäftigen. Und dann hat man eben dem Land einen wunderbaren Anstrich verpasst und hat gesagt: Hier ist jetzt alles gut, bei uns geht es aufwärts. Aber schon vor einigen Jahren, vor sieben, acht Jahren gab es Studenten-Unruhen, weil die Preise an den Universitäten so hoch sind, dass das bedeutet, die Studenten sind über Jahrzehnte verschuldet. Und dieser Neoliberalismus, der eben in Chile praktiziert wurde, hat eben ganze Bevölkerungsschichten ausgeklammert. Und die rebellieren sich jetzt. Das erklärt nicht diese wahnsinnige Zerstörungswut, aber es erklärt den Unmut, der auch in einer sozusagen vorbildlichen Demokratie Lateinamerikas plötzlich ausbrechen kann an einer Kleinigkeit wie letztlich einer Erhöhung von Metro-Preisen.

Zahlreiche Romane über das blutige Drogengeschäft

Frank Meyer: Und in der Literatur eben Chiles war das schon zu spüren, merkte man da, dass da etwas grundsätzlich im Argen liegt?

Michi Strausfeld: Die Literatur kann schlecht die Gegenwart analysieren. Das machen jetzt junge Autoren, die Chroniken schreiben, dieses neue Genre in Lateinamerika, das bedeutet, journalistische Recherche, Recherche, Recherche, und es dann literarisch so gestalten, dass es hinterher sich wie eine Erzählung liest. Das ist eine neue Tendenz in Lateinamerika. Und da gibt es Texte. Aber Romane in dem Sinne, die die aktuelle Krise vorhergesagt hätten, da ist mir bislang keiner bekannt geworden.

Frank Meyer: Diese Form, die Sie gerade angesprochen haben, die, glaube ich, sehr wichtig geworden ist für die literarische Gegenwart in Lateinamerika, solche Art Bücher beschäftigen sich, so weit ich weiß, auch viel mit dem Drogenkrieg, einem anderen großen Thema, vor allem in Mexiko oder für andere Länder in Mittelamerika. Und Bücher über den Drogenkrieg, da geht es ja immer auch um zerstörte staatliche Strukturen, um Korruption, um Gewalt. Ist das ein Thema für ganz Lateinamerika zurzeit?

Michi Strausfeld: Das ist eins der wichtigsten Themen. Es gab in den 1980er- und 1990er-Jahren diese ganzen Drogenromane aus Kolumbien, als Pablo Escobar sein Unwesen trieb. Jetzt hat sich das blutige Geschäft mit der Droge vor allen Dingen nach Mexiko und Mittelamerika verlagert und da gibt es massenhaft Bücher, Romane, die das thematisieren, und man denkt manchmal, die ganze Gesellschaft ist schon von der Droge zerfressen und es ist ja wirklich so, dass das eine Macht im Staate ist. Und die Autoren wehren sich dagegen und sagen: Wir sind ja gar nicht diejenigen, die es konsumieren, die Konsumenten sitzen auf der anderen Seite des Rio Bravo, nämlich in den USA, aber wir bezahlen den Blutzoll. Und das ist ein Problem, für das keine Lösung in Sicht ist, fürchte ich, das aber ein Problem ist, was weit über Mexiko und Mittelamerika hinausreicht, und es erklärt auch den Massenexodus der Mittelamerikaner im Augenblick in die USA.

Für mehr Kenntnis und Empathie

Frank Meyer: Wir können jetzt hier in so einem Gespräch nur ein bisschen anreißen, was Sie alles thematisieren in Ihrem Buch mit 576 Seiten. Also, Sie haben sich sehr umfangreich damit beschäftigt. Ein Thema würde ich gern noch ansprechen, das Ihnen, glaube ich, ganz besonders am Herzen liegt, was Sie auch betonen in dem Buch, nämlich der Dialog zwischen Lateinamerika und Europa. Da vermissen Sie einen Dialog auf Augenhöhe, wie Sie schreiben. Was müsste denn passieren, damit so ein Dialog möglich wird?

Michi Strausfeld: Ich glaube, wir müssen einfach ein bisschen mehr über die Geschichte Lateinamerikas kennen. Wir wissen, 1492 kam Kolumbus und dann gibt es vielleicht noch Simón Bolívar. Was dazwischen passiert ist, das wissen wir nur ganz rudimentär, und in unseren Geschichtsbüchern wird das auch nicht unterrichtet. Insofern denke ich, dass Lateinamerika, was sich immer sehr gut mit Europa beschäftigt hat und sich sehr gut auskennt, uns immer die Hand gereicht hat, und wir haben sie nicht genommen, vielleicht aus Unkenntnis. Aber jetzt, wo wir in einer globalisierten Weltunordnung leben, ist es vielleicht doch ein wichtiger Moment, zu sagen: Strecken wir die Hand aus nach Lateinamerika, denn die sitzen im Klammergriff zwischen China und den USA und würden sich gerne daraus befreien und wären sehr daran interessiert, die Beziehungen auf allen Ebenen, auf kultureller, wirtschaftlicher, politischer, ökologischer Ebene mit Europa zu intensivieren.

Und wenn man das Buch vielleicht gelesen hat, dann entwickelt man vielleicht auch etwas Empathie für das, was dort vorgeht, und vor allen Dingen hat man bessere Kenntnisse. Denn ich gehe ja durch die Geschichte von Kolumbus bis heute. Weil vieles sich nur erklären lässt, wenn man etwas mehr über die Geschichte weiß. Man braucht ja auch nicht alles zu lesen, man kann ja kapitelweise lesen.

Frank Meyer: Oder es packt einen dann doch so, dass man sich durchs ganze Buch bewegt, durch das Buch "Gelbe Schmetterlinge und die Herren Diktatoren: Lateinamerika erzählt seine Geschichte". Das Buch von Michi Strausfeld ist im S. Fischer Verlag erschienen, wie gesagt, 576 Seiten, 26 Euro ist der Preis.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Michi Strausfeld: "Gelbe Schmetterlinge und die Herren Diktatoren: Lateinamerika erzählt seine Geschichte"
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2019
576 Seiten, 26 Euro

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