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Lesart / Archiv | Beitrag vom 21.12.2018

Michel Houellebecqs "Serotonin"Die Rückkehr des "Vorausdenkers"

Dirk Fuhrig im Gespräch mit Andrea Gerk

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Der französische Schriftsteller Michel Houellebecq im April 2017 bei einer Veranstaltung in der spanischen Stadt Malaga (dpa / picture alliance / Guillaume Pinon/NurPhoto)
Ob "Serotonin" die Stimmung seiner Leser aufhellen wird? Im neuen Roman von Michel Houellebecq spielt ein Antidepressivum eine große Rolle. (dpa / picture alliance / Guillaume Pinon/NurPhoto)

Er schrieb über Sextourismus, den Kunsthype, Genmanipulation und den Islam – seine Fans halten ihn für einen Seher. Michel Houellebecqs neuer Roman "Serotonin" erscheint am 7. Januar. Unser Literaturredakteur Dirk Fuhrig verrät erste Details.

Michel Houellebecq: "Bof... mais en fait, il y a..."

Andrea Gerk: Der französische Schriftsteller Michel Houellebecq, dessen neuer Roman wird am 4. Januar in Frankreich erscheinen, bei uns dann drei Tage später. Aber schon seit Wochen wird darüber geredet und gerätselt. Noch dazu, wo der französische Bestsellerautor dieser Tage auch mit zugespitzten Bemerkungen zu Trump und dem Zustand Europas auf sich aufmerksam gemacht hat. Houellebecqs letzter Roman "Unterwerfung" war vor fast genau drei Jahren, am 7.1.2015 erschienen, am Morgen des Anschlags auf das Satiremagazin "Charlie Hebdo", auf dessen Titel Houellebecq damals zu sehen war.

Um dem ungebrochenen Erfolg Houellebecqs ein bisschen auf die Schliche zu kommen, ist jetzt Dirk Fuhrig bei mir. Herr Fuhrig, Houellebecqs erster Roman, "Ausweitung der Kampfzone", erschien vor über 20 Jahren. Aber seitdem ist er eigentlich ununterbrochen doch sehr erfolgreich. Was denken Sie, woher das kommt? Warum sind wir so fasziniert von diesem Phänomen Houellebecq?

Dirk Fuhrig: Ja, das Phänomen Houellebecq! Wir haben es ja auch in dem O-Ton am Anfang gehört, wie er so stammelt, wie er sich so präsentiert. Dieses seltsame, schluffige Gerede und dieses Nicht-so-richtig-auf-den-Punkt-kommen, aber trotzdem dann so präzise, so scharf immer als Kritiker aufzutreten. Das macht das natürlich auch aus. Aber vor allem natürlich sein Sensorium für den Zeitgeist. Das hat er damals schon gezeigt bei den "Elementarteilchen", als es so um die Verzweiflung des Individuums zur Jahrtausendwende damals ging. Also, da war auch schon Endzeitstimmung. Wie geht es weiter mit der menschlichen Fortentwicklung?

Das gibt es in anderen Romanen auch zu lesen, "Ausweitung der Kampfzone", ganz starker, vielleicht sogar prägnantester Roman. Danach "Plattform" über den Sex-Tourismus. Dann der Aussteiger- und Glückssucherroman "Die Möglichkeit einer Insel", und später "Karte und Gebiet" über die Selbstvernichtung eines Künstlers. Mit all diesen Werken hat er es geschafft, die literarische Welt in so einer Art Dauererregung zu halten, jetzt schon seit mehr als 20 Jahren ungefähr. Provokative Thesen, total politisch unkorrekt, frauenfeindlich – das kennen wir alles, diese Vorwürfe – aber eben auch immer sehr hellsichtig, am Puls der Zeit. Die gesellschaftlichen Entwicklungen vorwegnehmend, in gewisser Weise prophetisch.

Selbstinszenierung als frustrierter Typ

Gerk: Sie haben ihn ja auch immer wieder getroffen in dieser langen Zeit und Interviews mit ihm geführt. Er hat ja auch so einen bestimmten Habitus in der Öffentlichkeit. Wie haben Sie ihn denn erlebt? Wie waren diese Zusammentreffen?

Fuhrig: Ich habe eines der ersten Interviews mit ihm in Deutschland geführt, damals zum Erscheinen der "Elementarteilchen". Und dann bin ich in aller Herrgottsfrühe von Frankfurt damals aus nach Erlangen gefahren, um ihn morgens in einem Hotel zu treffen, und dann hat er eben solche ähnlichen Sätze gesagt, wie wir sie am Anfang gehört haben. Er war kaum sprechfähig, hat zwischendurch immer an der Zigarette gezogen, die er zwischen Mittel- und Ringfinger gehalten hat damals schon. Das ist ja so ein bisschen sein Markenzeichen. Literatur und Person bei ihm waren nie zu trennen, diese Selbstinszenierung, der frustrierte Typ jenseits der Midlifecrisis, das war nie von seiner Literatur zu trennen. Wir hören vielleicht mal rein in eine kleine Lesung, wo er sich auch eben als dieser sehr lustige, ironische, aber auch so verrückte Typ inszeniert:

Michel Houellebecq: Alors, le soir, avec un autre collègue, il s'ennuie –
Übersetzung: Abends ist er mit einem weiteren Kollegen zusammen und langweilt sich –
Michel Houellebecq:... donc, en fait, il cherche des femmes ...
Übersetzung: ... er langweilt sich und sucht nach Frauen ...
Michel Houellebecq: ...il trouve pas –
Übersetzung: ... findet sie nicht ...
Michel Houellebecq: Il se couche frustré et y recommence le lendemain.
Übersetzung: ...er geht frustriert ins Bett und fängt am nächsten Tag wieder von vorn an.

Also hier so eine Szene, wie Houellebecq sich auch in der öffentlichen Veranstaltung präsentiert, eben auch als dieser witzige, unheimlich ironische Typ. Diese Selbststilisierung, die ihm so großen Erfolg eingebracht hat, dieser romantische Reaktionär, wie er auch genannt wird.

Begeisterung für den Frexit

Gerk: Er ist aber auch ein sehr politischer Autor, der eben tatsächlich auch ein wirklich gutes Gespür hat und den Finger in die gesellschaftlichen Wunden legt. Er hat über Sextourismus, den Kunsthype geschrieben, die Genmanipulation, und zuletzt eben, in "Unterwerfung", vor dem Islam gewarnt. Vielen gilt er als rechts. Wie schätzen Sie das denn ein?

Fuhrig: Genau. Ich habe ja schon das Stichwort "reaktionär" eben gebracht. Er gilt schon immer als jemand, der den Islam sehr stark kritisiert. "Islam ist die dümmste Religion", hat er mal gesagt in "Unterwerfung", da wird ihm das ja vorgeworfen. Wobei ich finde, das ist kein islamfeindliches Buch. In öffentlichen Äußerungen gibt es auch immer so eine Nähe zum Front National, also zu den Rechten. Aber komischerweise sind es gerade Liberale und Linke ja auch in Deutschland, die zu seinen größten Fans zählen. Aber jetzt hat er wieder nachgelegt. In einem Interview mit "Valeurs actuelles", eine rechtslastige Zeitschrift in Frankreich, oder dem US-amerikanischen Magazin "Harper's", was ja diskutiert wurde, wo er ein Lob für Trump ausgesprochen hat, allerdings sehr ironisch, wo es sehr starke anti-europäische Passagen gibt. Europa sei eine dämliche Idee. Und es gibt eine Begeisterung für einen Frexit bei ihm, also Frankreich raus aus der EU, und auch für direkte Demokratie.

Gerk: Verknüpft ihn das denn automatisch mit den Gilets Jaunes, über die wir jetzt so viel gehört haben?

Fuhrig: Sehr gutes Stichwort, denn da nimmt er einige Forderungen ganz gut auf. Hören wir ihn mal dazu, was er zur direkten Demokratie zu sagen hat:

Michel Houellebecq: J'ai un projet de démocratie directe, c'est tout simple. Premièrement, suppression du parlement. Les projets de loi...

Fuhrig: Was er hier sagt, ist, das Parlament soll abgeschafft werden. Viele Entscheidungen sollen durch Volksentscheide stattfinden. Das ist ja genau das, was die Gilets Jaunes heute sagen. Man kann manchmal den Eindruck haben, die hätten den Houellebecq auf dem Nachttisch liegen gehabt, denn das geht genau in diese Richtung: "Die Schweiz ist die einzige Demokratie, weil dort immer über alle Fragen das Volk abstimmen kann." Das ist so seine politische Agenda und die reiht ihn natürlich schon ein in eine relativ rechte, reaktionäre Ecke. Aber man muss natürlich sagen, man muss immer den Literaten von dem politischen Autor oder dem politischen Menschen trennen. Und da muss man sagen, er redet ziemlich viel Unsinn als politischer Kommentator, aber als Schriftsteller, Zivilisationskritiker und Vorausdenker ist er nach wie vor grandios. Das sieht man auch in dem neuen Werk, das ja jetzt demnächst kommt.

Seherische Fähigkeiten

Gerk: Also spannend, was da drin steht. Wissen Sie schon was? "Serotonin" soll es heißen, das wurde ja auch länger geheim gehalten.

Fuhrig: Genau. Das neue Werk, der neue Roman soll Anfang des Jahres erscheinen, am 4. Januar in Frankreich, am 7. in Deutschland. Da wird ein großes Geheimnis drum gemacht. Aber natürlich kommt immer schon alles durch. Das gehört auch zu dieser grandiosen Marketingstrategie. DuMont und Flammarion, der deutsche und französische Verlag, die arbeiten da perfekt zusammen. Ja, man weiß schon einiges, obwohl man gar nichts wissen dürfte. Serotonin ist ein Glückshormon. Im Roman spielt ein Antidepressivum eine sehr große Rolle, und man weiß auch schon ein bisschen was über den Protagonisten, der nämlich von Spanien aus eine Art Tour d’Europe unternimmt durch ein verwüstetes Europa. Alles ist im Niedergang, die Menschen, die Landschaften, die Wirtschaft, aber vor allem er selbst als Charakter, dieser Protagonist also. Man kann wirklich sagen, er nimmt so eine Untergangsstimmung voraus oder beschreibt sie, die man ja vielleicht auch jetzt in dieser Gilets-Jaunes-Bewegung, in diesem deprimierenden Szenario, das man in Frankreich sich auch selbst von der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lage macht, nimmt er vorweg in diesem Roman. So viel ist bekannt.

Und ich denke mal, dass das wieder so seine seherischen Fähigkeiten eigentlich an den Tag bringen wird, dieses Buch. Wir werden mehr davon hören am 4. Januar beziehungsweise am 7. Januar. In Frankreich jedenfalls ist dieser Hype um ihn, um diese Neuveröffentlichung, total entbrannt. Jeden Tag kommt irgendwas Neues heraus. Und vielleicht noch eine kleine Anekdote zum Schluss. "Charlie Hebdo" hat jetzt gerade noch gesagt, beim letzten Mal, als er das Buch veröffentlicht hatte, gab es die Anschläge auf uns. Das ist nicht gut ausgegangen. Also so eine kleine ironische Volte.

Gerk: Und wie er dann ist, der neue Roman von Michel Houellebecq, das werden Sie uns ja dann sicher erzählen. Dirk Fuhrig, vielen Dank für dieses Gespräch!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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