Michael Schuman: "Die ewige Supermacht"

    China zwischen Realität und Propaganda

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    Cover des Buches "Die ewige Supermacht" von Michael Schuman
    Michael Schumans Buch bietet einen detaillierten Blick auf Chinas Geschichte. © Propyläen Verlag / Deutschlandradio
    Von Marko Martin · 03.07.2021
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    Der Asien-Korrespondent Michael Schuman erzählt auf spannende Weise von Chinas Aufstieg. Sein Buch "Die ewige Supermacht" öffnet die Augen für eine Jahrtausende alte Zivilisation, verfällt aber mitunter in Kulturrelativismus.
    China boomt – nicht zuletzt auf dem deutschen Buchmarkt. Mehr oder minder offene Hagiografien über den atemberaubenden Aufstieg der Volksrepublik finden sich hier ebenso wie präzise Analysen über jene nicht nur ökonomisch vor Selbstbewusstsein strotzende Einparteien-Diktatur, die längst zum Global Player geworden ist.

    Wiederaufstieg einer Weltmacht

    Der in Peking lebende amerikanische Journalist und renommierte Asien-Korrespondent Michael Schuman wundert sich in seinem Buch "Die ewige Supermacht. Eine chinesische Weltgeschichte" indessen zu Recht über eine gewisse westliche Verdutztheit angesichts von Chinas rasantem (Wieder-)Aufstieg:
    "Die Phase, als China von seinem Status als Supermacht abgesetzt wurde, war jedenfalls nur eine kleine Unterbrechung auf dem langen chinesischen Zeitstrahl, sie betraf lediglich ein paar Seiten in Geschichtsbänden, die ein ganzes Bücherregal füllen."

    Verstärkte Fremdenfeindlichkeit

    Schuman erinnert daran, dass China bereits Jahrtausende lang ein riesiger Verbrauchermarkt und Warenproduzent gewesen war, dass die chinesische Zivilisation sich als "die" Zivilisation betrachtete und Fremde – siehe Marco Polos Erfahrungen – eher als Kuriositäten wahrnahm, von deren Know-how jedoch partiell durchaus zu lernen sein könnte:
    "Die Reform-Ära unter Deng Xiaoping kann man mit der Tang-Dynastie gleichsetzen. Jetzt, unter Xi, schwingt das Pendel erneut zurück zu einer verstärkten Fremdenfeindlichkeit nach Art der Ming-Dynastie. Im heutigen China lassen deshalb Politologen und andere Denker das übliche chinesische Selbstbild von einer überlegenen Zivilisation wieder aufleben, die dazu ausersehen sei, in der globalen Hackordnung den höchsten Rang einzunehmen."
    Dass der Westen dagegen eher von Tag zu Tag beziehungsweise von Wahlperiode zu Wahlperiode denkt und Vergangenheit größtenteils als etwas wahrnimmt, das überwunden und moralisch be- oder auch verurteilt werden muss, beweist nämlich noch lange nicht, dass andere Kulturen ebenso ticken. Auch deshalb erweist sich Michael Schumans detailgesättigter Blick auf Chinas lange Geschichte und auf ein stolzes Traditionsbewusstsein, das verblüffenderweise sogar Maos Tabula Rasa überdauert hat, als Augenöffner für so manch westeuropäische Arroganz.
    Leider gerät der Autor dafür zu oft in die Nähe eines Essentialismus, der quasi "Kultur aus einem Guss" präsentiert. Kein Zufall deshalb, dass in seinem eminent lesbar geschriebenen Buch, das die Jahrhundert-, ja Jahrtausend-Entwicklungen in der Beschreibung mühelos meistert, vieles fehlt, was in den innerchinesischen Debatten auf Unstimmigkeiten und Brüche hindeuten könnte.

    China als autoritäre Ausnahme?

    So finden sich in diesem Buch weder die historisch verbürgten konfuzianischen Warnsprüche vor despotischer Herrschaft, die bis heute in China gern verschwiegen werden, noch ein Porträt des seinerzeit wichtigen Denkers Zheng Guanying, der Anfang des 20. Jahrhunderts Chinas temporäre Schwäche und die fortgesetzte wirtschaftliche Abhängigkeit vom einstigen Opiumkriegs-Gewinner Großbritannien beklagt hatte.
    Was Zheng nämlich beobachtete: Der Westen war auch deshalb so stark geworden, weil ein parlamentarisches System und ein fluider, von Regierungsgängelei freier Markt ungeheure Kreativkräfte freisetzten und gleichzeitig eine Debattenkultur das permanente Thematisieren von Fehlentwicklungen und Missständen ermöglichte. Wenn dies im Laufe der Zeit auch in den sogenannten "asiatischen Kulturraum" gewandert war, in die Demokratien von Taiwan und Südkorea und ins trotz aller Hierarchie-Betonung nicht diktatorische Japan, weshalb sollte dann China auf immer und ewig eine autoritäre Ausnahme bleiben?

    Ein durchschaubarer Trick

    Obwohl Michael Schuman in keiner Zeile den aggressiven Diktaturcharakter der Volksrepublik leugnet, geht er doch in die Falle eines Kulturrelativismus, der gegen alle Evidenz davon ausgeht, es gebe so etwas wie ein fest umrissenes "Wir" und "Ihr". Aber wer spricht in China wirklich für "die" Chinesen? Wer in der Riege der Herrscher und Definitionsgeber wurde je frei gewählt und musste sich vor "seiner" Bevölkerung rechtfertigen?
    Bedauerlich, dass gerade ein westlicher Journalist hier auf jenen Diskurs der Macht des angeblich für immer besonderen und singulären China hereinfällt, der letztlich nur ein durchschaubarer Taschenspielertrick ist, um die Universalität der Menschenrechte rüde zu leugnen. Denn trotz hypermoderner Digital-Überwachung: Immer mehr Menschen in China finden Wege, ihr eigenes Ich zu artikulieren – in der mehr oder minder offenen Differenz zu einem regierungsamtlich dekretierten "Wir". In Michael Schumans Buch indessen haben sie keine Stimme.

    Michael Schuman: "Die ewige Supermacht. Eine chinesische Weltgeschichte"
    Aus dem Amerikanischen von Norbert Juraschitz
    Propyläen Verlag, Berlin 2021
    512 Seiten, 26 Euro

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