Ein Leben erzählt sich, je nachdem, wo man sich gerade befindet, mit unterschiedlicher Dringlichkeit. Ist man jung, will man weg. Nichts könnte uninteressanter sein als die eigene Herkunft.
Wenn man in der Mitte seines Lebens steht, ist man ganz im Schraubstock der Gegenwart. Doch man spürt bereits: Der Schlüssel zum „privaten Glück“ liegt nicht vor einem, sondern dahinter in der Kindheit.
Als ich dieser Bub war, lachte ich um des Lachens willen, und hätte mich einer gefragt, worüber ich lache, hätte ich ihn nicht verstanden. Ich lachte, weil alle lachten. Nicht einmal, dass Lachen Freude heißen konnte, wusste ich.
Aus "Mein privates Glück" von Michael Köhlmeier
„Mein privates Glück“ heißt der neue Roman von Michael Köhlmeier. Dabei sieht es zunächst nicht danach aus, als könnte diese Kindheit in der österreichischen Provinz der Nachkriegsjahre glücklich verlaufen.
Michaels Mutter ist nach einem Schlaganfall halbseitig gelähmt. Der Vater ist überfordert mit zwei Kindern, einer kranken Frau und dem Bau eines Eigenheims. Zusammen mit seiner Schwester Walli wird der Knirps Michael deswegen für eine Weile zur Tante nach Deutschland geschickt.
Bei Otto und Helga fühlt er sich erstaunlich wohl. Zumal Otto die Kinderspielzeugabteilung eines Kaufhauses leitet.
Er war gutmütig und griesgrämig zugleich. Das ist fast ein Rezept, wenn es darum geht, Kindern zu gefallen. Tante Helga ließ uns allein in der Küche, nachdem sie ihm nach seiner Arbeit das aufgewärmte Mittagessen bereitgestellt hatte. Ich war gern allein mit Onkel Otto. Am Tisch oder auf den Wegen. Wir hätten gut zusammengepasst – als Vater und Sohn.
Aus "Mein privates Glück" von Michael Köhlmeier
Doch eines Tages holt der echte Vater seine Kinder zurück nach Hause. Nach Hohenems, ins frisch gebaute Haus.
„Ein Mann kam uns auf dem Bahnsteig entgegen. Er winkte schon von Weitem. Und lachte. Ging nun schneller. Lief. Er lupfte meine Schwester vom Boden auf. Walli ließ ihr Köfferchen fallen und quietschte. Ich sah, wie sich ihre Hände in seinem Nacken falteten. Er setzte sie ab, reichte unserer Großmutter die Hand und verbeugte sich „Ich habe mir eine Triumph-Schreibmaschine gekauft“, sagte er. „Mit Perlschrift.“ Sie sagte: „Gibt es hoffentlich gute Nachricht von Charotte?“ Er sagte: „Sie ist zu Hause. Sie wartet auf uns.“ Nun ging er vor mir in die Hocke und presste seine Hände um meine Rippen und sagte: „Wer bist denn du?“
Ich antwortete: „Ich heiße Michael Köhlmeier. Ich wohne in der Tilsiter Straße 18.“ So war es mir von Tante Helga beigebracht worden. „Und ich heiße Arnold Köhlmeier“, sagte der Mann. „Grüß Gott, Herr Arnold Köhlmeier“, sagte ich.
Aus "Mein privates Glück" von Michael Köhlmeier
Ganz anders als vermutet erzählt Michael Köhlmeier nun aber nicht die Geschichte einer brutalen Entwurzelung. Tatsächlich lernt der Bub seine Eltern einfach noch einmal kennen. Die Mutter hält trotz ihrer Behinderung den Laden mit herrischer Konsequenz zusammen. Der Vater mausert sich vom Träumer zum Büchermenschen, der 1940 von einem Ernst-Jünger-haften Offizier in Paris in die Kunst des Lesens eingeführt worden ist, wovon Köhlmeier in einer grandios exzentrischen Episode wohl weniger berichtet, als konfabuliert, also wahrheitsgemäß dazuerfindet.
"Eigentlich, sagte der Offizier und spreizte die Hände und die Finger von sich, als wollte er sich von allem, wirklich allem, distanzieren, "eigentlich bin ich ein purer Geistesmensch, ein Theoretiker des Untergangs und somit an demselben weniger unschuldig als der Soldat. Denn ich halte den Untergang nicht nur für möglich, sondern versuche sogar, ihn zu beweisen." Und zitierte gern zum Abschluss seiner Reden wie ein ceterum censeo Prosperos letzte Worte aus Shakespeares Sturm: "And my ending is despair." Der Bursche glaubte ihm kein Wort – und im nächsten Augenblick jedes. Eloquenz und Angeberei berührten sich an den Schultern, so eng standen sie beieinander.
Aus "Mein privates Glück" von Michael Köhlmeier
Eloquenz und intellektuelle Angeberei sind auch dem späteren Journalisten Arnold Köhlmeier definitiv gegeben. Neuerdings hat er immer öfter in Innsbruck zu tun, wo er mit einer anderen Frau ein Parallelleben führt. Sein Verhältnis zur maladen Ehefrau ist geprägt von christlichem Pflichtgefühl und entsprechender Scham für seine Affären, von denen er als alter Mann dem Sohn berichtet. Monika sagt zu Michael:
Walli ruft er an, weil er mit ihr über seinen Infarkt reden will, dich, weil er mit dir über seine Frauen reden möchte. Er hat Angst, dass er bald stirbt.
Aus "Mein privates Glück" von Michael Köhlmeier
Weil alle irgendwann sterben werden, erzählen sie sich in diesem Buch, das seine ganz eigenen Scheherazade-Momente hat, um Kopf und Kragen. Köhlmeier wäre aber auch nicht der große Mythen- und Märchennacherzähler – damit wurde er in den 90er-Jahren berühmt –, wenn es ihm bloß darum ginge, sein privates Glück zu entfalten.
„Dies habe ich aus der Art, wie meine Oma erzählte, gelernt – erstens: Der Erzähler soll am Beginn seiner Geschichte als ein nicht allzu gewiefter Erzähler erscheinen. Bei einem bekannt brillanten Erzähler sind wir Zuhörer auf der Hut, wir trauen ihm zu, dass er uns mit seiner Brillanz hinters Licht führt. Und deshalb passen wir auf und sind misstrauisch.“
Aus "Mein privates Glück" von Michael Köhlmeier
So leicht lassen wir uns nicht an der Nase herumführen. Oder, anders gesagt: Wir tun es schon. Aber ganz bewusst. Denn Michael Köhlmeier gelingt es in diesem Familienportrait voller wohl rhythmisierter Abschweifungen, die Voraussetzungen einer Existenz offenzulegen. Und einen Ich-Erzähler aus diesen Umständen herauszuentwickeln, in dem wir den späteren Schriftsteller Michael Köhlmeier erkennen können:
Alles wird sich irgendwann irgendwie zurechtschütteln, darin liegt die Zuversicht meines Lebens.
Aus "Mein privates Glück" von Michael Köhlmeier