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Lesart | Beitrag vom 15.09.2020

Merlin Sheldrake: "Verwobenes Leben"Ohne Pilze geht es nicht

Von Anne Kohlick

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Buchcover zu Merlin Sheldrake: "Verwobenes Leben" zeigt Pilze (Ullstein/Deutschlandradio)
Nach der Lektüre von "Verwobenes Leben" schaue man mit Neugier auf die Erde in jedem Blumentopf, meint unsere Kritikerin. (Ullstein/Deutschlandradio)

Sie machen aus Gerstensaft Bier, stellen Medikamente her und manipulieren das Verhalten von Ameisen: Wie Pilze unser Leben beeinflussen, zeigt der Biologe Merlin Sheldrake in einem mitreißenden Sachbuch.

Ein Mann liegt im Schlamm eines tropischen Waldes und betrachtet eine kleine Blume mit blauen Blüten. Seltsamerweise hat Voyria tenella keine Blätter. Wie also überlebt sie?

Die Antwort hat der britische Biologe Merlin Sheldrake unter der Erde gefunden – in den Pilznetzwerken, die er für seine Promotion erforscht hat. Geflechte aus Myzel, den fadenförmigen unterirdischen Zellen der Pilze, versorgen die Blume mit Nährstoffen, sodass sie sowohl auf Blattgrün als auch auf eigene Wurzeln verzichtet.

Ohne Pilze unmöglich wären aber auch Wein, Bier, Pizzateig, Penicillin, LSD und Kompost. "Unser Planet würde kilometertief unter Leichen versinken", schreibt Sheldrake, gäbe es nicht seit Jahrmillionen Pilze, die abgestorbene Pflanzen und Tiere zersetzen.

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Sheldrakes Debüt als populärwissenschaftlicher Autor wird von Größen des Nature Writing wie Robert Macfarlane oder Helen Macdonald gefeiert: Dieses Buch verändere, "wie man die Welt sieht". Und tatsächlich schaut man nach der Lektüre mit Neugier auf die Erde in jedem Blumentopf.

Netzwerke aus elektrisch leitfähigen Pilzfäden

Irgendwo da müssen sie sein, die Netzwerke aus elektrisch leitfähigen Pilzfäden, die die Informationen übertragen. Nur ist das Mycel zu klein, um es mit bloßem Auge zu sehen, fünfmal dünner als ein Haar. Und doch können diese winzigen Strukturen scheinbar intelligente Entscheidungen treffen: Sie finden stets den kürzesten Weg zu einer Nahrungsquelle oder um ein Hindernis.

Warum Mykologie, die Pilzwissenschaft, die Leidenschaft des 28-Jährigen ist, hat man schon nach wenigen Seiten verstanden – so mitreißend, persönlich und anschaulich schreibt Merlin Sheldrake. Es gelingt ihm, auch komplexe biochemische Zusammenhänge einfach zu erklären in Kapiteln, die er schlüssig nach Themenkomplexen ordnet.

Pilze sind viel mehr als das, was mit Stiel und Hut im Wald sprießt. Was wir essen, sind nur die Fruchtkörper des unterirdischen Mycels – mitunter hervorgebracht mit einer schier unglaublichen Energie. Stinkmorcheln etwa können den Asphalt einer Straßendecke durchbrechen. Dabei erzeugen sie eine "Kraft, mit der man einen 130 Kilogramm schweren Gegenstand heben könnte".

Zombie-Pilze und Magic Mushrooms

Oder da sind "Zombie"-Pilze, die das Verhalten von Ameisen manipulieren. Hat sich das Mycel im Körper des Insekts ausgebreitet, bringt es die Ameise dazu, auf eine Pflanze zu klettern und in genau 25 Zentimetern Höhe in ein Blatt zu beißen. Tut sie das, wächst der Pilz aus der Ameise heraus, macht sich an der Pflanze fest und verdaut das Insekt. Um die Bewegungen seines Wirts zu steuern, produziert der Pilz Substanzen, die eng verwandt sind mit den Rohstoffen für LSD.  

Die psychedelische Wirkung solcher Magic Mushrooms beschreibt Merlin Sheldrake genauso wie die Möglichkeiten, die Welt mit Hilfe von Pilzen zu einem besseren Ort zu machen: Mycel kann Umweltgifte wie Öl unschädlich machen, Bienen vor Krankheiten schützen oder zu kompostierbaren Verpackungen herangezüchtet werden.

So viel mehr gibt es noch zu entdecken in der Welt der Pilze, die Merlin Sheldrake bereist: Weniger als zehn Prozent der weltweiten Pilzarten sind bisher wissenschaftlich erfasst.

Merlin Sheldrake: "Verwobenes Leben. Wie Pilze unsere Welt formen und unsere Zukunft beeinflussen"
Aus dem Englischen von Sebastian Vogel
Ullstein, Berlin 2020
464 Seiten, 29 Euro

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