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Literatur | Beitrag vom 10.11.2019

"Menschheitsdämmerung" 2.0Warum Lyrik des Expressionismus heute neu elektrisiert

Eva Geulen und Fabian Hinrichs im Gespräch mit René Aguigah

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Ansicht des Gemäldes "Tierschicksale" von Franz Marc mit in düsteren Farben verfremdeten Wildtieren. (Picture Alliance / akg-images)
Das Ineinander von Katastrophe und Neubeginn sieht Eva Geulen als Grundthema des Expressionismus: Ansicht des Gemäldes "Tierschicksale" von Franz Marc aus dem Jahr 1913. (Picture Alliance / akg-images)

Vor 100 Jahren erscheint die "Menschheitsdämmerung", eine expressionistische Gedichtsammlung, die zum Bestseller wird – und heute gegenwärtig wirkt, wenn etwa der Dichter Jakob van Hoddis über steigende Fluten und wütende Bürger schreibt.

Gemeinsam mit der Literaturwissenschaftlerin Eva Geulen, die das Berliner Leibniz-Zentrum für Literatur- und Kulturforschung leitet, und dem Schauspieler Fabian Hinrichs, erörtern wir lesend, was diese Aktualität und den anhaltenden Reiz der Gedichte ausmacht – aber auch, was diese Lyrik von der Gegenwart trennt.

Eine solche "Signatur des Expressionismus" sieht Eva Geulen etwa in einer hochgradig ambivalenten Haltung gegenüber der Natur und ihrer Zerstörung. So werde etwa in Iwan Golls "Der Panamakanal" zunächst "der Eingriff in die Erde kritisch perspektiviert, aber das Ganze mündet am Ende unter dem Stichwort ´Weihe` in eine hymnische Verbrüderungsszene über diesem Kanal – als technisches Wunderwerk und auch als kollektive Arbeit". Technik werde zugleich verdammt und verherrlicht.

Zwiespältiger Umgang mit traditionellen lyrischen Formen

Hierin zeigt sich für Geulen "das Ineinander von Katastrophe und Neubeginn" als "Grundthema des Expressionismus‘": "Es geht immer um diesen Zusammenhang von Untergang, Neuaufbruch, Vergänglichkeit und Erlösung." Das zeige sich auch im zwiespältigen Umgang mit traditionellen lyrischen Formen: "Es gibt ebenso viele Gedichte, die durchgereimt sind, wie solche, die nur aus Wortfetzen bestehen." Neben der "Formsprengung" stehe der Glaube an den Neuanfang – und am Horizont die Hoffnung auf "das neue Menschengeschlecht" – hervorgebracht durch die Kunst selbst.

"Dieses Pathos und die ganze Vorstellung, dass die Kunst die Menschheit erlösen kann – davon sind wir weit entfernt", sagt Eva Geulen. Es gebe also durchaus auch Unterschiede im Vergleich zum historischen Band. Die Möglichkeit einer Erlösung oder eines Neubeginns, so Fabian Hinrichs, erscheine trotz des grünen Kapitalismus' heute vollkommen fern. Der Faszination dieser 100 Jahre alten Gedichtsammlung tut das allerdings keinen Abbruch.

Dunkle Motive einer abgeschlossenen Epoche

In dem ersten Abschnitt der Sammlung, der als "Sturz und Schrei" benannt ist, dominieren dunkle, gar depressive Motive. Tatsächlich spielten Depressionen bei nicht wenigen dieser Dichter eine große Rolle, so Geulen: "Iwan Goll schreibt zum Beispiel über sich ‚Iwan Goll hat keine Heimat: durch Schicksal Jude, durch Zufall in Frankreich geboren, durch ein Stempelpapier als Deutscher bezeichnet. Hat kein Alter: seine Kindheit wurde von entbluteten Greisen aufgesogen. Den Jüngling meuchelte der Kriegsgott.' Und das ist eigentlich symptomatisch, sowohl in der Darstellung, wie auch in dem, was ihm wiederfahren ist, für diese in der Anthologie versammelte Generation."

Die Dichter des Bandes würden bereits als junge Menschen auf ihr Leben zurückblicken, als sei es schon vergangen. Alle seien auf die eine oder andere Weise verfolgt gewesen, so Geulen, und würden ein merkwürdiges Bewusstsein dafür haben, eine Generation zu sein, die eigentlich nur diese zehn Jahre zwischen 1910 und 1920 gelebt hätte. Pinthus selbst hätte seine Sammlung von 1919 als "abgeschlossenes Dokument" und 1922, als die Neuauflage erscheint, als ein "abschließendes Dokument" bezeichnet, da die Epoche vorbei sei. Zu diesem abschließenden Charakter, sagt Geulen, hätte auch seine eigene Anthologie beigetragen.

Eine Neuausgabe der "Menschheitsdämmerung" ist kürzlich im Rowohlt Verlag erschienen.

Kurt Pinthus: "Menschheitsdämmerung. Symphonie jüngster Dichtung"
Mit einem Nachwort von Florian Illies
Rowohlt Verlag, 2019
448 Seiten, 34 Euro

(asi)

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