Gedanken zu Rollenbildern
Algorithmen belohnen bestimmte Bilder von Frauen. Spoiler: Rollkragenpulli gehört nicht dazu. Nackte Haut hat deutlich bessere Chancen auf Reichweite. © picture alliance / Westend61 / Vira Simon
Ich habe heute leider kein Foto für euch

Bei Social Media kann sich jede zeigen, wie sie will. Theoretisch. Praktisch funktionieren Likes, Filter und Algorithmen nach engen Regeln. Unsere Autorin ist überzeugt: Weibliche Selbstbestimmung im Netz ist weniger frei, als wir glauben.
Ich bin mit Social Media groß geworden. Am Anfang euphorisch, mich zu verbinden und gesehen zu werden. Heute bin ich ausgestiegen – zumindest halb. Ich nutze Instagram wie Wellness: Beine hoch, Schönes anschauen, kurz abtauchen. Aber regelmäßig Fotos von mir selbst posten? Mich zeigen? Ich habe nicht das Gefühl, diese Freiheit wirklich zu haben.
Dieses Gefühl hat Gründe. Strukturelle Gründe.
Sichtbar sein, heißt angreifbar sein
Ich öffne meinen Feed: junge Mütter. Haare sitzen, Make-up auch. Immer. Bei mir sitzt seit ich Kinder habe nichts mehr. Keine Frisur, kein Eyeliner, Shirts nur noch mit Fleck. Dafür sprudeln die Ideen für mehr Gleichberechtigung. Das ist mein jetziges Ich. Doch genau dafür sehe ich bei Instagram wenig Raum.
Es gibt ihn, diesen Raum – irgendwo. Aber er ist klein und riskant. Wer sich hineinwagt, muss sich gefasst machen. Auf Häme, auf ungefragte Ratschläge, auf offene Aggression. Selbstbestimmung? Freiheit? Ich fühl’s nicht. Und für mein nicht vorhandenes Gefühl gibt es handfeste Gründe.
Heißt: Wenn ich Fotos von mir hochlade – ungeschminkt, ernst, echt – bekomme ich sehr wahrscheinlich wenig Likes. Allemal ein Mutig, dass du das so zeigst, ein Satz, der freundlich klingt und doch sagt: Das hier ist eigentlich nicht vorgesehen. Im schlimmsten Fall ernte ich Hass. Und automatisch würde ich anfangen zu überlegen: Hätte ich mir vorher doch noch Mascara draufmachen sollen? Vielleicht einen Filter nutzen? Oder doch lächeln? Genau hier ist es für mich dahin, das Gefühl von Selbstbestimmung. Und ich steige aus. Sorry, aber keine Zeit. Und ehrlich gesagt: auch keine Lust.
Wie Freiheit sich plötzlich nach Anpassung anfühlt
Nicht falsch verstehen: Ich finde, jede Frau soll sich auf Social Media zeigen, wie sie will. Mit Lippenstift, High Heels, gemachten Nägeln oder Bikini. Wenn sich das gut und selbstbestimmt anfühlt, ist es genau das: Selbstbestimmung.
Doch der Grat zwischen Selbst- und Fremdbestimmung ist schmal. Allzu leicht übersehen wir die Zwänge, denen vor allem Frauen ausgesetzt sind: Wir passen uns an – und halten es für freiwillig. Die britische Soziologin Rosalind Gill beschreibt das als einen besonders wirksamen Machtmechanismus.
Ich spüre genau, dass nur bestimmte Versionen von mir Anerkennung bekommen würden. Niemand zwingt mich. Niemand sagt: So bist du richtig. Und doch wirkt es.
Algorithmen lieben Haut – und Ungleichheit
Diese Macht liegt auch bei der Plattform. Algorithmen belohnen bestimmte Bilder. Spoiler: Rollkragenpulli kommt nicht so gut. Untersuchungen zeigen: sexualisierte Bilder von Frauen haben deutlich bessere Chancen auf Reichweite. Von Männern übrigens auch – aber längst nicht im gleichen Ausmaß.
Frauen, die sich auf Instagram eigentlich mit Inhalten beschäftigen wollen, posten deshalb immer mal wieder ein lächelndes Foto von sich, um den Algorithmus auszutricksen.
Wir als Gesellschaft hätten die Macht, daran etwas zu ändern. Durch unsere Aufmerksamkeit und unsere Likes. Nicht nur in der Online-Welt. Wir alle lechzen nach Anerkennung. Warum sie nicht freigiebiger verteilen?
Sichtbarkeit verschenken
Ich habe mir vorgenommen, bewusst mehr Anerkennung zu verschenken. Nicht für Aussehen. Nicht für Performance. Sondern für das, was sonst durchrutscht:
Danke fürs Zuhören.
Du siehst glücklich aus.
Toll, dass du ehrlich warst.
Danke fürs Zuhören.
Du siehst glücklich aus.
Toll, dass du ehrlich warst.
Gar nicht so leicht. Aber ich will üben. Vielleicht brauchen wir das angenehme Kribbeln eines Likes dann weniger. Oder zumindest nicht mehr so dringend, dass es uns dazu bringt, eine andere Version von uns zu zeigen, als wir eigentlich wollen. Bis dahin habe ich erstmal kein Insta-Foto für euch.









