Intensivmediziner warnt vor Katastrophe

Angst vor der Triage

08:52 Minuten
Coronavirus - Intensivstation Uniklinik Leipzig
In Erwartung der nächsten Welle: Facharzt und Pflegekräfte auf einer Intensivstation. © picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild
Gernot Marx im Gespräch mit Dieter Kassel · 17.11.2021
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Die Coronalage ist dramatisch. Um die Triage zu verhindern, müssten bundeseinheitlich alle verfügbaren Maßnahmen im Kampf gegen das Virus mobilisiert werden, fordert der Intensivmediziner Gernot Marx. Nur deutliche höhere Impfraten könnten die Welle brechen.
Die Zahl der Coronafälle steigt rasant. Im Gegenzug sinkt ebenso schnell die Zahl der verfügbaren Klinik-Intensivbetten.
Gernot Marx, Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) und Direktor der Intensivmedizin an der Universitätsklinik Aachen schlägt Alarm: Von rund 50.000 Neuinfizierten müssten vermutlich an die 500 wegen eines schweren Verlaufs in zehn bis zwölf Tagen in ein Krankenhaus eingeliefert und viele von ihnen dann auf einer Intensivstation behandelt werden.
Zwar gebe es eine Notfallreserve, doch die zu mobilisieren, dauere etwa eine Woche, weil in einem Krankenhaus im Notfallmodus die gesamte Arbeit anders struktuiert werden müsse, sagt der Mediziner.

Falsches Signal der Bundesregierung

An die Bundesregierung gerichtet, erklärt Marx: „Die DIVI fordert, dass akut gehandelt werden muss. Wir benötigen jetzt wirklich bundeseinheitliche Beschlüsse, um das Infektionsgeschehen umgehend einzudämmen. Und unserer Meinung nach ist es das völlig falsche Signal, die epidemische Lage von nationaler Tragweite zu beenden.“
Stattdessen sollten wir uns angesichts der starken Dynamik des Infektionsgeschehens „jede Option offenhalten, die nötig ist, um eine Überlastung des Gesundheitssystems und solche Extremsituationen wie die Triage [AUDIO], die immer wieder auch in den Medien diskutiert werden, zu vermeiden“, rät Marx. Im vergangenen Jahr habe man gesehen, dass letztlich nur extreme Maßnahmen geholfen hätten, die Welle zu brechen.

Das A und O: niedrigschwellige Impfangebote

Zu möglichen Maßnahmen sollte seiner Meinung nach auch gehören, geimpfte und genesene Beschäftigte und Besucher von Kliniken und Pflegeheimen zusätzlich zu testen. Auch sollten in öffentlichen Räumen durchgängig mindestens medizinische Masken getragen werden, so Marx.
Zudem brauche es beschleunigte Zulassungsverfahren für Coronamedikamente. „Und das A und O ist wirklich das niedrigschwellige Impfangebot, inklusive der Boosterimpfung“, sagt Marx. Die Ankündigung der Ständigen Impfkommission (STIKO), das Boostern nun auch ab 18 zu empfehlen, freue ihn daher sehr.

"Lassen Sie sich impfen!"

Jedoch brauche es deutlich mehr Tempo beim Impfen als bisher, warnt Marx. Die tägliche Impfrate von 0,2 Prozent der Bevölkerung sei „viel, viel zu wenig“. Ein Prozent müsse es mindestens werden, und dafür müssten auch deutlich mehr Fach- und Betriebsärzte eingebunden werden, so Marx. Zugleich gelte es, den bürokratischen Aufwand in der Impfdokumentation zu reduzieren.
Der Mediziner fordert nachdrücklich alle Bürgerinnen und Bürger auf: „Lassen Sie sich impfen, lassen Sie sich boostern, damit die vierte Welle gebrochen wird!“
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