Mediale Klischees über Juden

    Klezmer, Bart und Kippa

    10:42 Minuten
    Arkadij Khaet bei der 57. Verleihung des Grimme Preises 2021 im Theater der Stadt Marl. Marl, 27.08.2021
    Arkadij Khaet: in der "moralischen Richtigkeit" gefangen. © picture alliance / Geisler-Fotopress / Frederic Kern
    Arkadij Khaet im Gespräch mit Dieter Kassel · 07.10.2021
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    Das Bild der Juden in Deutschland wird maßgeblich von den Medien, von Film und Fernsehen geprägt. Doch jüdisches Leben erscheint dort auf wenige Aspekte reduziert, kritisiert der Regisseur Arkadij Khaet.
    Seit Gil Ofarims Versuch, in einem Leipziger Hotel einzuchecken, wird wieder über den Antisemitismus in Deutschland diskutiert. Dabei steht auch erneut das Verhältnis der deutschen Mehrheitsgesellschaft zu den jüdischen Bürgerinnen und Bürgern auf dem Prüfstand. Und schon ein oberflächlicher Blick zeigt, dass von unverkrampfter Normalität nicht die Rede sein kann.
    Das hat viele Gründe, einer davon ist auch das Bild, das sich die Gesellschaft von Juden macht. Ein Thementag an der Blumenthal-Akademie reflektiert nun die Art und Weise, wie Jüdinnen und Juden in den Medien auftauchen.
    Der jüdische Regisseur Arkadij Khaet hat zu diesem Themenkomplex viele Anmerkungen und ein paar Fragen. Doch in Bezug auf den Vorfall in Leipzig wirkt er fast ratlos: "Immer, wenn Antisemitismus geschieht, werden Jüdinnen und Juden um eine Meinung gebeten. Das ist der einzige Moment, wo man medial stattfindet."
    Man könnte auch jede Menge andere Menschen im Land dazu befragen, meint Khaet. Warum immer die Juden?

    Die filmische Sichtbarkeit von jüdischen Figuren

    Die filmische Sichtbarkeit von jüdischen Figuren nach 1945 sei auf den Opferstatus reduziert worden, sagt der Regisseur. Die Schoah sei prägend für die Biografie und die Psychologie der Figuren in Film und Fernsehen gewesen.
    Zusätzlich dazu gebe es bis heute immer eine "visuelle Konstruktion" des Judentums: "Jüdischsein in den deutschen Medien ist immer religiös."
    In den Nachrichten werde jüdisches Leben entsprechend bebildert: "Wir sehen immer Hinterköpfe mit einer Kippa drauf." Dabei seien die meisten Jüdinnen und Juden in Deutschland gar nicht religiös, und jüdische Männer trügen auch nicht alle Bärte oder hörten den ganzen Tag Klezmer.
    Jüdische Figuren in Film und Fernsehen seien immer eng mit einem gesellschaftspolitischen Blick verbunden, betont Khaet. Es gebe immer eine Sehnsucht nach Versöhnung, nach Katharsis, nach dem Happy End.
    "Im deutschen Kino ist man als jüdische Figur qua seiner Biografie in einer moralischen Richtigkeit und in seiner Funktionalität als Jude gefangen", sagt der Filmemacher. Im amerikanischen Kino dürften Juden hingegen moralisch auch mal auf der falschen Seite stehen.

    Juden tauchen nicht als Migranten in den Medien auf

    Außerdem sei jüdisches Leben im deutschen Fernsehen nie migrantisch, hat Khaet beobachtet. Trotz der vielen Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion versuche man immer nur, deutsch-deutsche Figuren zu zeigen, um sich der Kontinuität jüdischen Lebens in Deutschland zu versichern.
    Nun ist Khaet überrascht - darüber, dass die Mehrheitsgesellschaft im Fall Ofarim überrascht davon sei, dass Antisemitismus in Deutschland so weit verbreitet ist.
    Das hänge wohl auch damit zusammen, "dass man sich die Geschichte erzählt hat, dass es in Deutschland keinen Antisemitismus mehr gibt", sagt Khaet: "Weil es keinen Antisemitismus geben darf." Die Wahrheit sei hingegen: "Er findet täglich statt – überall!"
    (ahe)
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