Gil Ofarim

    "Antisemitische Anfeindungen gibt es jeden Tag"

    07:00 Minuten
    Gil Ofarim mit langen Haaren, schwarzem Hut und schwarzer Lederjacke.
    Der Musiker Gil Ofarim erlebt seit seiner Schulzeit immer wieder Antisemitismus. © imago / Future Image / J.Krick
    Gil Ofarim im Gespräch mit Gesa Ufer · 06.10.2021
    Audio herunterladen
    „Pack den Stern ein!“, soll der Mitarbeiter eines Leipziger Hotels zu dem Musiker Gil Ofarim gesagt haben: Erst, wenn er die Davidstern-Kette verberge, dürfe er einchecken. Nach seinem Instagram-Video spricht Ofarim über den Abend und die Folgen.
    Gil Ofarim ist Musiker, Schauspieler und Tänzer. Zuletzt war er zum Beispiel in der RTL-Show "Let´s Dance" zu sehen. Sein Vater Abi Ofarim stammte aus Israel und hat in den Sechzigerjahren Welthits geschrieben.
    Am Dienstag hatte Gil Ofarim tief betroffen und schockiert in einer Videobotschaft bei Instagram von einem Vorfall im Hotel "The Westin" in Leipziger erzählt, der jetzt große Wellen schlägt.

    "Ich habe mich sehr alleine gefühlt"

    Im Gespräch mit Deutschlandfunk Kultur erzählt Ofarim, wie er in der Lobby einchecken wollte und sich in einer Schlange angestellt habe. Ein Mitarbeiter am Check-in habe jedoch immer wieder Leute vorgezogen.
    Als Ofarim fragte, wieso, hörte er jemanden von der Seite sagen: "Pack den Stern weg!" Auch der Hotelmitarbeiter habe ihm daraufhin gesagt, er könne erst einchecken, wenn er seine Kette mit dem Davidstern weggepackt habe.
    "Ich habe mich da sehr alleine gefühlt", erzählt Ofarim. Eingegriffen habe niemand. Er könne aber nicht sagen, ob die Situation niemandem aufgefallen sei oder ob sie niemand wahrnehmen wollte. Auf seine Frage nach dem Hotelmanager habe ihm der Mitarbeiter gesagt, der sei nicht im Haus.

    Ofarim überlegt, Anzeige zu erstatten

    Das Hotel hat am folgenden Tag zwei Mitarbeiter beurlaubt. Ein betroffener Angestellter hat nun seinerseits Klage wegen Verleumdung gestellt und sagt, dass die Sache ganz anders gelaufen sei.

    Er glaube nicht, dass Antisemitismus in der Gesellschaft komplett verschwinden wird, sagt Meron Mendel, Direktor der Bildungsstätte Anne Frank in Frankfurt am Main [AUDIO] : "Es geht viel mehr darum, wie man damit umgeht." In dem konkreten Fall von Gil Ofarim müsse man nicht nur auf die Bemerkung des Hotelmitarbeiters blicken, sondern sich auch fragen: Was haben andere Menschen gemacht, die das möglicherweise gehört haben? "Wie reagieren Menschen, wenn sie antisemitische Bemerkungen hören? Solidarisieren sie sich mit Betroffenen?"

    Der sächsische Innenminister Roland Wöller (CDU) wünscht sich ausdrücklich, dass Ofarim eine Anzeige stellt. Auch sein Anwalt habe ihm das empfohlen, erzählt Ofarim. Wahrscheinlich werde er das auch tun.
    "Aber was passiert dann?", fragt Ofarim. "Dann wird es wahrscheinlich Aussage gegen Aussage heißen, und dann verläuft sich das im Sande. Und das darf eben nicht sein. Solche antisemitischen Anfeindungen gibt es jeden Tag in Deutschland bei uns."

    Welcher Fall erhält Aufmerksamkeit?

    Als Person des öffentlichen Lebens bekomme er jedoch Aufmerksamkeit, anders als viele andere, sagt Ofarim.
    "Aber den ganzen anderen Menschen, denen das tagtäglich passiert, da hört man nichts davon. Das geht dann unter." Da stehe dann Aussage gegen Aussage "und das war es dann", sagt Ofarim. "Und das ist das, was mich so schockiert."
    Schon an einem öffentlichen Münchner Gymnasium habe ihn ein Mitschüler einmal gefragt, ob er Jude sei, und dann gelacht und gesagt, Dachau sei nicht weit von hier.
    "Solche Sachen habe ich mein Leben lang schon hier und dort gehört. Aber ich habe es noch nie in einem Hotel gehört, in dem man eincheckt, von einer Person, die jeden Tag Menschen willkommen heißen sollte", sagt Ofarim.
    (sed/nho)
    Mehr zum Thema