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Frühkritik | Beitrag vom 23.08.2019

Max Annas: "Morduntersuchungskommission" Alte und neue Nazis

Von Thomas Wörtche

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"Morduntersuchungskommission" von Max Annas spielt in der DDR: Es geht um einen rassistischen Mord aus dem Jahr 1986. (Rowohlt)
"Morduntersuchungskommission" von Max Annas spielt in der DDR: Es geht um einen rassistischen Mord . (Rowohlt)

Max Annas erzählt in seinem historischen Kriminalroman "Morduntersuchungskommission" von einem rassistischen Verbrechen in der DDR. Der Roman ist dem Mozambikaner Manuel Diogo gewidmet, der 1986 in einem Zug zwischen Berlin und Dessau ermordet wurde.

Thüringen, 1983. Ein junger Mann aus dem "sozialistischen Bruderland" Mosambik wird grausam verstümmelt und ermordet neben Eisenbahngleisen in der Nähe von Jena gefunden. Die zuständige Morduntersuchungskommission (MUK) aus Gera übernimmt den Fall. Zunächst mit aller gebotenen Professionalität, bis sich allzu deutlich eine rassistisch motivierte Konstellation herauskristallisiert.

Aber im internationalistischen Realsozialismus der DDR darf es keine Fremdenfeindlichkeit geben, also wird die MUK ausgebremst und die Staatssicherheit übernimmt und vertuscht. Das ist der Punkt, an dem der ansonsten staatstreue MUK-Oberleutnant Otto Castorp aus der offiziellen Linie ausschert. Er ermittelt auf eigene Faust weiter und stößt auf ein zweites Tabu-Thema: Auf Nazis mit Verbindungen in die Bundesrepublik. So tief hätte er lieber nicht gegraben, denn jetzt steht seine gesamte eigene Existenz auf dem Spiel.

Ein Roman, der erst jetzt möglich wurde

Max Annas neues Buch "Morduntersuchungskommission" steht somit in einer langen Reihe von Romanen, die Polizeiarbeit in totalitären Regimes zum Thema haben (Pavel Kohout, James McClure etc.), wo "Aufklärung" offen unter dem Primat von Politik und Ideologie steht. Romane also, die in den entsprechenden Regimes nicht geschrieben werden konnten, nur von außen oder eben ex-post erst möglich wurden und werden.

Kriminalromane waren in der DDR ein sehr beliebter und auch staatlicherseits nicht ungern gesehener Lesestoff, solange sie lediglich symptom- und nicht systemkritisch waren. Insofern reagiert "Morduntersuchungskommission" auf zwei Ebenen: In dem er auf eine (ost-)deutsche Kontinuität hinweist und auch deren literarisch lauthals nicht erfolgte Reflexion thematisiert, sozusagen by doing.

Dauerüberwachte Mangelgesellschaft

Der nüchterne, unspektakuläre, fast protokollarische Stil, den Annas für diesen Roman gewählt hat, erzeugt eine Art Objektivität, mit der die bedrückenden Lebensverhältnisse einer dauerüberwachten Mangelgesellschaft intensiv spürbar werden, ebenso wie die brüchigen Arrangements damit, die die Menschen, die dort leben, eingehen müssen. Dass Gewaltexplosionen eine solche oberflächliche Friedhofsruhe interpunktieren, ist dann nur logisch.

Der Roman ist dem Mozambikaner Manuel Diogo gewidmet, der 1986 in einem Zug zwischen Berlin und Dessau unter ähnlichen Umständen ermordet worden war und dessen Fall nie ganz aufgeklärt wurde. Und dabei handelte es sich keinesfalls um einen "Einzelfall". Die blutige Kontinuität rassistischer Morde ist bekanntlich auch kein reines DDR-Phänomen geblieben, sondern steht in einem größeren, unbehaglichen Kontext: Dem deutschen Umgang mit den "Anderen", der Max Annas großes Thema ist.

In "Finsterwalde", seinem letzten Roman, hatte er das Thema in eine nahe Zukunft projiziert, in "Morduntersuchungskommission" grundiert er es historisch. Insofern fügt sich der Roman zu einem weiteren Kapitel einer Chronique scandaleuse, die es verbietet einen historischen Stoff zu historisieren. Im Gegenteil: "Morduntersuchungskommission" ist ein brandaktueller Roman.

Max Annas: "Morduntersuchungskommission"
Rowohlt, 2019, 346 Seiten, 20 Euro

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