Matthias Horx: "Die Hoffnung nach der Krise"

    Krise als Chance

    10:15 Minuten
    Das Cover des Buches "Die Hoffnung nach der Krise" auf pastellfarbenem Untergrund.
    Die Zukunft fest im Blick: Matthias Horx blickt hoffnungsvoll auf die Zeit nach der Krise. © Deutschlandradio / Econ
    Von Shelly Kupferberg · 28.08.2021
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    Krisen können Gesellschaften verändern, Epochen einleiten oder helfen, sich selbst zu hinterfragen. Vor allem im Rückblick ließen sich so wertvolle Erkenntnisse gewinnen, sagt der Zukunftsforscher Matthias Horx. Und Horx verrät, welche Erkenntnisse das für ihn sind.
    Aus krisenhaften Zuständen scheinen wir oft einfach keinen Ausweg zu finden. Eine Krise? - Was ist das überhaupt? "Systemiker nennen das einen Komplexitätsüberschuss" sagt der Journalist, Autor und Zukunftsforscher Matthias Horx. Es seien Erwartungen an die Welt, die nicht befriedigt würden, "Enttäuschungen".
    Wir glaubten, in der modernen Zivilisation vor den Unbilden der Natur geschützt zu sein. "Das ist ja die Idee der modernen Zivilisation, dass sie uns eine Autonomie von Natur gibt", sagt Horx. Und dann kämen plötzlich Viren wie scheinbar aus dem Nichts, das erzeuge das Gefühl von Krise.

    In der Krise können neue Weltbilder entstehen

    Dabei stecke in dieser Krise auch durchaus eine Chance. Man könne das Erlebte auf verschiedene Art und Weise einordnen, als Verlust ebenso wie als Wende. Schon in der Vergangenheit hätten Krisen oft zu Gegenreaktionen geführt, "aber wir nehmen das nicht unbedingt wahr". Das könne man erst aus der Distanz wahrnehmen.
    Die Pest etwa markiere den Beginn der Renaissance, religiöse Bindungen hätten sich gelockert, "es konnten neue Weltbilder entstehen". Viele Menschen kennen das auch im Privaten. Auch aus Liebes- und Ehekrise könne ein neuer Aufbruch entstehen.
    Zukunftsforscher Matthias Horx blickt mit angedeutetem Lächeln Richtung Kamera.
    Sieht die Coronakrise auch als Chance: Zukunftsforscher Matthias Horx. © picture alliance / Geisler-Fotopress / Hein Hartmann
    "Zukunft ist eine innere Entscheidung", sagt Horx, "sie kann nur entstehen, wenn wir eine Vision oder Idee von Verbesserung haben und wenn wir erwachsen mit dem Phänomen der Krise umgehen."
    Das sei im mitten in der Pandemie schwierig. Schließlich würden Ängste, Hass und negative Gefühle verstärkt, auch durch die Medien. Der beste Umgang mit der Situation aber ist für Horx der Blick auf die Erkenntnis: "Krisen haben uns etwas zu sagen, wir können darauf eine Antwort finden." Doch sei dieses Finden einer Antwort für Gesellschaften wie Individuen gleichermaßen schwierig.

    "Es passiert ungeheuer viel"

    Wichtig sei die Blickrichtung, so Horx: Mit der Haltung der Re-Gnose, also dem Blick aus der Zukunft, aus der Langfristigkeit betrachtet, bekomme man einen anderen Stand im Leben, ein Selbstbewusstsein, "dass es Zukunft geben kann". Dafür müssten wir uns entscheiden, sagt Horx. Das bedeute auch, nicht zu jammern, zu klagen, andere dafür verantwortlich zu machen oder Verschwörungstheorien zu predigen.
    "Alle sind vom Fürchten und Angsthaben erschöpft", sagt der Zukunftsforscher. Doch die Pandemie verschwinde nicht, die Grippe sei auch noch da. Vielmehr käme die Pandemie langfristig "in eine gewisse Balance", ein "pandemisches Equilibrium". Dabei könne es durchaus lohnen, die Wahrnehmung für das freizumachen, was gerade im Umbruch sei. "Es passiert ungeheuer viel", sagt Horx, aber viele Menschen könnten sich kaum darauf einlassen, und er nennt Beispiele.
    "Die Arbeitswelt ist in einem massiven Umbruch", so Horx. "Wir waren gezwungen, viel virtueller und mobiler zu arbeiten, die Arbeitssphäre wird neu verhandelt werden."
    Die Städte bauten sich um, "was macht man mit diesen ganzen Bürogebäuden?", fragt Horx, die Städte fingen an, ganz andere Strategien zu entwickeln. Doch die wohl schwerwiegendste Veränderung geschehe in unserer Wahrnehmung der Natur:
    "Das Naturverhältnis kommt in einen Tipping Point", meint Horx, in eine andere Form. Die Wahrnehmung kippe, "es gab noch nie so viel Entschlossenheit und Einverständnis, dass wir etwas gegen globale Erwärmung tun müssen." Die Gesellschaft stelle sich auf einen großen Wandel ein.

    Die Krise wirkt auch auf das eigene Erleben

    Corona habe dazu geführt, eine Art Inventur zu machen. Doch was bedeutet die Krise für Horx selbst?
    "Ich habe Erfahrungen gemacht, über die ich mich wundern kann", sagt Horx. Es sei wichtig, das Bewusstsein für das zu öffnen, was die Krise im eigenen Erleben und Bewusstsein bewirken könne.
    Er sei in der Vergangenheit viel gereist, "von einem Vortrag zum nächsten". Doch er habe plötzlich gemerkt, dass er das gar nicht brauche: "Manchmal ist es so, dass etwas aufhören muss, damit wir das alte Spiel nicht weiterspielen können."
    (ros)

    Matthias Horx: "Die Hoffnung nach der Krise"
    Econ Verlag, Berlin 2021
    144 Seiten, 15 Euro

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