Matthias Göritz: "Spools"

    Aus dem Inneren der Textwunde

    05:42 Minuten
    Cover zu Matthias Göritz: "Spools"
    Melancholisch, klar, sprachverspielt: der Gedichtband "Spools" von Matthias Göritz. © Deutschlandradio / Wallstein Verlag
    Von Björn Hayer · 04.08.2021
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    Der Band "Spools" von Matthias Göritz versammelt eher melancholische Gedichte. In ihnen wirken einschneidende Erfahrungen aus der Vergangenheit zwar fort, aber das lyrische Ich findet seine Auswege in der Dichtung.
    Coole Titel gehören im buchstäblichen Sinne zu seiner poetischen Marke. "Loops", "Pools" und "Tools" hießen seine letzten Lyrikbände. Nun sind Matthias Göritz‘ neuen Gedichte mit "Spools" überschrieben, was so viel heißt wie "Spulen". Vor und zurück und vor allem zirkulär bewegen sich daher seine Miniaturen. Was in den dichten Versschleifen wiederkehrt, sind ganz bestimmte Motive, darunter allen voran Angst, Kälte und der Schmerz. Dass letzterer nie ganz verschwindet, sondern immer wieder pochen und ins Bewusstsein geraten kann, lässt sich als das große Thema seiner aktuellen Werke verstehen.
    Wohin man in diesem melancholischen Band schaut, wirken einschneidende Erfahrungen aus der Vergangenheit fort: etwa bei der Schilderung der tödlichen Expedition von Robert Falcon Scott zum Nordpol von 1912 oder auch beim Brand des Krefelder Zoos am 31.12.2019.

    Existenzielle Risse und Brüche

    Doch gemäß der sprachspielerischen Devise "Das Gedicht ist mein Lot / der Vers ist mein Lotse" erhofft das lyrische Ich, Auswege in der Dichtung zu finden. Es setzt sich dabei häufig jenen Widrigkeiten aus, die schon andere AutorInnen in Verzweiflung oder Wahnsinn trieben. Zum Beispiel dem wenig Zuversicht versprechenden "Amerika", wie es Franz Kafka in seinem gleichnamigen Fragment darstellt. Oder der von Traurigkeit geprägten Lebens- und Schreibwelt einer Ingeborg Bachmann.
    Sich auf deren Gedichte einzulassen, bedeutet, sich mit existenziellen Rissen und Brüchen zu konfrontieren. "Ich habe mich in die Wunde gelegt / die Textwunde", bekennt daher das Textsubjekt des 1969 in Hamburg geborenen Dichters Göritz. Statt allem den Schrecken zu nehmen, stellt er ihn schonungslos aus. Es gilt, die Tragik zuzulassen. Denn "Überschreiben ist / quälend".
    Da sich das lyrische Ich also vielfältigen Fliehkräften ausgesetzt fühlt, steht es vor der Herausforderung, sich seiner selbst gewahr zu werden. Beispielsweise in knappsten lyrischen Intermezzi wie diesem:
    "manchmal sucht man nur nach sich selbst
    auf einem foto in ein paar kisten
    kommen Jahrzehnte"

    Unschöne Dissonanzen

    Derart eindrückliche Momentaufnahmen geben die Grundierung in Göritz‘ Arbeiten preis. Viele in einem realistischen Duktus gehaltenen Verse stehen in seinen Gedichten für sich, muten so allein und verloren wie ihre Textsubjekte an. Ihr Stil ist ernst, bar jedweder Ornamentik und unmittelbar offenbarend.
    Wünschenswert wäre gewesen, der unter anderem mit dem Robert-Gernhardt-Preis ausgezeichnete Autor wäre dieser Schreibweise in all seinen Miniaturen treu geblieben. Dass sich unter die klar geschriebenen Gedichte auch hermetische mischen, trägt hier und da ein wenig zu unschönen Dissonanzen in der Gesamtkomposition des Bandes bei.

    Sogwirkung nicht geschmälert

    Geschmälert wird seine Sogwirkung dadurch hingegen kaum. Seine Spulen ziehen uns Stück für Stück hinein in eine Tiefe, die übrigens nicht nur mit Dunkelheit aufwartet. Bisweilen bemerkt man, "dass es Zeit wird / für Wunder" und insbesondere die Finsternis dazu dient, die feinen Lichter erst zu erkennen:
    "nachts kommt die Nacht ins Gedicht mit dem Stern
    und dem Mond und dem nochmehr Stern, leuchtet
    und leuchtet uns aus, die uns, denn alles wird nachts klar
    Wir sind glücklich, nennen es Schlaf und rennen im Schlaf
    im schlaf ist keiner allein"

    Matthias Göritz: "Spools"
    Wallstein, Göttingen 2021
    76 Seiten, 18 Euro

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