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Buchkritik | Beitrag vom 05.02.2021

Maria Haas: "Matriarchinnen“Weibliche Herrschaft ohne Herrschaftsgesten

Von Eva Hepper

Cover des Bildbands "Matriarchinnen" von Maria Haas. (Kerber / Deutschlandradio)
Beeindruckend schöne Porträts von Frauen, die Entscheidungen treffen: "Matriarchinnen" von Maria Haas. (Kerber / Deutschlandradio)

Die Fotografin Maria Haas hat drei matriarchal lebende Völker in China, Indien und Indonesien besucht. Ihr üppiger Bildband zeigt nicht nur Porträts von starken Frauen, sondern auch eine faszinierende Lebenswelt – jenseits hierarchischer Strukturen.

Es sind selbstbewusste und augenscheinlich fröhliche Menschen, die sich zum Familienporträt auf der sonnenbeschienenen Stufe vor ihrem Haus niedergelassen haben. In der Mitte sitzt die warmherzig blickende Großmutter, flankiert von ihren beiden lächelnden Töchtern, an deren Seite sich wiederum je ein Kind anschmiegt. Komplettiert wird die Gemeinschaft vom ganz rechts im Bild sitzenden Bruder der Großmutter.

Die Familienälteste wird zurate gezogen

Die Familie gehört zum tibeto-germanischen Volk der Mosuo, das im Südwesten Chinas lebt und sich auf besondere Art gesellschaftlich organisiert: matriarchal. Tatsächlich ist es die Familienälteste – in diesem Fall die Großmutter – die für jede Entscheidung zurate gezogen wird. Ohne sie oder an ihr vorbei läuft nichts; weder politisch, noch wirtschaftlich, noch sozial.

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Das Porträt lässt das nicht unbedingt erahnen. Zu selbstverständlich sitzt die alte Frau inmitten ihres Clans; ohne jegliche Herrschaftsgeste, wie man sie von manchem Patriarchen kennt. Dass das kein Zufall ist, sondern ein typisches Merkmal matriarchaler und damit nicht-hierarchischer Strukturen, zeigt der eindrucksvolle Bildband der Fotografin Maria Haas.

Die Österreicherin porträtiert darin die drei größten Gesellschaften weltweit, in denen Frauen eine besondere Stellung innehaben; neben den chinesischen Mosuo sind das die Völker der Khasi, Garo und Jaintia im indischen Meghalaya und die in Westsumatra, Indonesien, lebenden Minangkabau.

Über hundert Bilder versammelt Maria Haas in dem opulenten Prachtband, der exquisit gedruckt und mit Liebe zum Detail gestaltet ist. Begleitet von kurzen Texten zeigt sie die Familienältesten – die sogenannten Ah-mi – im Einzelporträt sowie gemeinsam mit ihren Verwandten; mal in häuslicher Umgebung, mal in Alltagsszenen, mal bei der (Feld-) Arbeit, mal in üppiger Natur.

Atemberaubend schöne Fotos

Viele der Fotografien sind von atemberaubender Schönheit. So strahlen die tief zerfurchten Gesichter der oftmals über 80-jährigen Matriarchinnen eine ganz eigene Kraft, Würde und Lebensklugheit aus.

Zauberhaft etwa ist die Aufnahme, die drei alte Frauen im abendlichen Sonnenlicht chillend auf der Veranda zeigt. Und auch die zahlreichen Aufnahmen von Großmüttern und Enkeln berühren durch Intimität und Verbundenheit. Die besondere Gemeinschaft wird durch Zitate bekräftigt, die einigen Bildern zur Seite gestellt sind.

Aufschlussreich ist auch das Vorwort von Christina Schlatter (MatriArchiv, Sankt Gallen), die Traditionen und Struktur matriarchaler Gesellschaften erläutert. Tatsächlich sind es weltweit Millionen Menschen, die heute so leben: in der Erbfolge innerhalb der Mutterlinie, mit dem Besitz sämtlicher Güter in Frauenhand sowie dem lebenslangen Verbleib am Wohnsitz der Muttersippe.

Den Männern kommt als Vermittler nach außen sowie als Verantwortung tragende Brüder und Onkel ebenfalls eine wesentliche Rolle zu. Das Matriarchat besticht durch Egalität. Wie die eindrucksvollen Bilder nahelegen, ist das nicht nur Theorie.

Maria Haas: "Matriarchinnen"
Kerber, Bielefeld/Berlin 2021
164 Seiten, 45 Euro

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