Lukas Maisel: "Tanners Erde"

Ein Landwirt vor dem Nichts

05:49 Minuten
Der Umschlag von Lukas Maisels Novelle "Tanners Erde" zeigt in Ölfarben mit grobem Pinselstrich ein Seeufer, rötliche Bäume auf einer Wiese und sanft ansteigende Berge im Hintergrund.
© Deutschlandradio / Rowohlt Verlag

Lukas Maisel

Tanners ErdeRowohlt, Hamburg 2022

144 Seiten

22,00 Euro

Von Samuel Hamen · 28.07.2022
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Die heile Welt, durchlöchert wie ein Emmentaler: In seiner neuen Novelle treibt Lukas Maisel einen Milchbauern von Abgrund zu Abgrund. Der knappe Text konzentriert sich auf das Wesentliche - ein großes Glück.
Es braucht nicht viel, um die Welt von Ernst Tanner aus dem Lot zu bringen. Um genauer zu sein: Es braucht das reine Nichts. Eines Tages entdeckt der Milchbauer, der einen kleinen Hof mit einem Dutzend Kühen im Schweizer Voralpenland betreibt, ein Loch, das tief in seiner Weide klafft: "Als hätte ein Riese mit einem Bohrer hantiert. Tanner muss lachen, das kann nur ein Witz sein, jemand hat ihm einen Streich gespielt. Er schaut übers Land, ob da irgendwo ein Erdhaufen ist. Nichts."

An den Rand der Welt getrieben

Von diesem Ereignis, das Tanner an den wortwörtlichen Rand seiner Welt treiben wird, erzählt Lukas Maisel in Anlehnung an die arte povera, einer Bewegung innerhalb der Bildenden Kunst, die sich dem Alltag, dem Kärglichen und Übersehenen zuwendete. Sein Stil ist überschaubar, ohne Volten und Bombast, fast schon ärmlich.
Mit ihren 144 Seiten konzentriert sich die Novelle auf das Wesentliche, und das ist ein großes Glück. Maisel erzählt, wie einem Menschen über Nacht die Selbstverständlichkeiten abhandenkommen, wie aus der angeblichen Idylle der Schweizer Landschaft mit ihren kernigen Bauern und fidelen Kühen ein Ort der Abkehr und Wunden wird:

Noch liegt alles im Ungefähren. Er kann sich nicht recht vorstellen, wie die Hilfe aussehen könnte. Wer kann mir schon helfen, was können die schon machen? Hinter mir zusammenstehen, ums Loch rum, und sich am Kopf kratzen. Was ich brauch, ist neues Land, denn meins ist kaputt.

Die Solidarität, die ihm die Dorfgemeinschaft in Aussicht stellt, bleibt ein leeres Versprechen. Tanner, befangen im Wunschbild des autarken, mannhaften Bauern, kostet es wiederum viel Überwindung, einen anderen Landwirt um Hilfe zu bitten. Und seine Frau Marie und er mögen als Arbeitende eingespielt sein, als Liebende haben sie ihre gemeinsame Sprache längst verlernt.

Das Loch frisst sich in die Beziehungen hinein

Das Loch, das weder die Geologen noch die Theologen zu erklären vermögen, frisst sich allmählich in alle Beziehungen hinein. Am Ende kann sich der erwähnte hilfsbereite Landwirt, mit dem Tanner doch so oft im "Staubigen Esel" beisammensitzt, an keine Absprache erinnern.

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Diese Lücke, die im Buch auch das Schriftbild bestimmt, ist eine offene Allegorie; sie steht sinnbildlich für vieles, ohne dass Maisel eine einzelne Bedeutung forciert: "Sie nimmt ihn am Arm, er schüttelt den Kopf. Sie umarmen sich, beginnen, sich zu wiegen, es schaut aus, als würden sie langsam, ganz langsam tanzen."
Die erschreckend hohe Suizidrate unter europäischen Landwirten; das gestörte Verhältnis zwischen Mensch und Natur; das langsame Sterben ländlicher Lebensweisen; die Kinderlosigkeit eines Paares – es ist bemerkenswert, in welche Richtungen diese verknappte, zutiefst pessimistische, aber nie wehleidige Novelle ausgreift, wie sich in ihr Abgrund um Abgrund auftut und man als Leser immer wieder den eigenen Stand überprüfen muss.
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