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Interview | Beitrag vom 14.11.2018

LSBTI*-Personen im Alter"Mit Blick auf die Lebensgeschichte pflegen"

Ralf Lottmann im Gespräch mit Stephan Karkowsky

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Regenbogenfarben, auf einen Stein gemalt: Auch so signalisiert das Immanuel Seniorenzentrum in Berlin Offenheit (picture alliance / dpa / Paul Zinken)
Regenbogenfarben, auf einen Stein gemalt: Auch so signalisiert das Immanuel Seniorenzentrum in Berlin Offenheit (picture alliance / dpa / Paul Zinken)

Lesben, Schwule und Transgender haben andere Bedürfnisse als Heterosexuelle, wenn sie alt und pflegebedürftig werden. Ein Siegel könnte ihnen künftig helfen, das richtige Pflegeheim zu finden.

Stephan Karkowsky: Auch wenn jemand alt wird, ist er natürlich noch immer Mann oder Frau, lesbisch oder schwul oder hetero oder eine Transperson, sprich: Unsere sexuelle Identität endet nicht einfach mit dem Rentenbescheid. Nicht heterosexuelle Menschen haben auch im Alter spezielle Bedürfnisse, und die erfüllt offenbar ein Seniorenzentrum in Berlin-Schöneberg derzeit am besten.

Das Immanuel-Seniorenzentrum erhält nämlich als erstes Heim überhaupt das neue Qualitätssiegel "Lebensort Vielfalt". Da hätten wir noch ein paar Fragen zu, und die kann uns hoffentlich beantworten der Soziologe Doktor Ralf Lottmann von der südenglischen Universität Surrey, der zum Thema geforscht hat. Guten Morgen!

Ralf Lottmann: Guten Morgen, Herr Karkowsky, good morning!

Karkowsky: Herr Lottmann, zunächst mal, worin unterscheiden sich die Bedürfnisse von LSBTI*-Personen denn von denen heterosexueller Menschen im Alter?

Lottmann: Es sind mehrere Aspekte. Zum einen wollen sie erst mal, wie alle, nur individuell und mit Blick auf ihre Lebensgeschichte gepflegt werden. Aber das wird halt in einem so auf Naht genähten Pflegesystem generell zur Herausforderung schnell, und LSBTI* macht das oft nur exemplarisch sehr deutlich.

Man könnte ja sagen, Pflege ist Pflege, aber bei Lesben und Schwulen ist das bezüglich der sexuellen Identität und bei Trans* und Inter* aufgrund der geschlechtlichen Identität manchmal anders.

Oft wird ihnen ja zunächst Heterosexualität unterstellt, das ist ja meistens nicht böse gemeint. Aber so werden Menschen mit ihren Biografien und ihren Erfahrungen, aber eben schnell auch unsichtbar gemacht. Dadurch müssen sich LSBTI-Personen oft selbst proaktiv erklären, was einige nicht mehr wollen im hohen Alter oder nicht mehr können, wenn sie pflegebedürftig oder abhängig von Dritten geworden sind.

Karkowsky: Helfen Sie doch mal meiner Fantasie auf die Sprünge. Was kann ich als Altenpfleger denn falsch machen, wenn ich nicht weiß, die Pflegeperson ist nicht heterosexuell?

Empathische und personenzentrierte Pflege

Lottmann: Es geht generell eigentlich immer wieder um die empathische und personenzentrierte Pflege. Die Rahmenbedingungen sind da oft sehr schlecht, dass wir da nicht darauf eingehen können. Die Biografien können einfach anders sein, und die Ängste und Diskriminierungen über den Lebensverlauf, die sie gemacht haben, können sehr speziell sein.

Wir hatten das in unseren Daten: In Interviews kam halt vor, die Angst vor Festnahmen in Zeiten von Paragraf 175 kam dann oder Gewalterfahrungen auf einer Klappe beispielsweise, oder bei einer transidenten Frau, die wir interviewt haben, hat die sehr schlechte Erfahrungen gemacht mit Ärzten in den 80er- und 90er-Jahren.

Bis hin zu einer Zwangs-OP bei einer intergeschlechtlichen Person. Das muss alles nicht sein, das kann aber alles sein, und sehr verschieden. Aber es hinterlässt halt Spuren für die Situation, wenn Menschen wieder auf Hilfe angewiesen sind, und davor haben sie dann Angst.

Karkowsky: Also geht es in erster Linie darum, das Pflegepersonal entsprechend auszubilden, dass man eine sensible Sprache entwickelt?

Lottmann: Genau. Und dass Biografie- und Angehörigenarbeit zum Teil anders aussehen kann. LSBTI* sind zum Beispiel oft kinderlos. Wie sieht da die freundschaftliche Unterstützung aus in der Pflege? Haben sie überhaupt Kinder? Welche Begrifflichkeiten benutze ich?

Heterosexuelle Heimleiter benutzen mehr Stereotype

Einige von unseren Interviewten haben auch das Wort "schwul" oder "homosexuell" gar nicht aussprechen können für sich selbst. Wie versucht man, trotzdem darüber zu sprechen, wenn es doch von Bedeutung ist, auch dieser Lebensstil im Alter.

Karkowsky: Geht es da auch um die Angst, als alter Mensch mit einer Homophobie konfrontiert zu werden, gegen die man sich als alter Mensch nicht mehr wehren kann? Vielleicht auch die Angst, von Menschen gepflegt zu werden, deren Kultur oder Religion Homosexualität unterdrückt?

Lottmann: Ja. Wir haben das nicht so klassisch gesehen, weil in der Regel haben wir ja auch sehr offene Heimleiter beispielsweise interviewen können. Die anderen melden sich zum Teil gar nicht. Aber davor haben sie Angst. Wir haben gesehen, dass bei den heterosexuellen Heimleitern mehr Stereotype benutzt werden als bei dem schwul-lesbischen Personal, das wir interviewt haben. Die haben differenziertere Bilder.

Und wenn man dann sozusagen eine sexuelle Identität mit Praktiken gleichsetzt, dann kann das auch dazu führen, dass Situationen auch falsch eingeschätzt werden und Bedarfe. Und manchmal kommt es halt auch zu homophobem oder diskriminierendem Verhalten, gerade aufgrund von moralischen und religiösen Vorstellungen.

Das haben wir hier auch in England gesehen. Wenn Pflegepersonal das als sündhaft beispielsweise darstellt, dann sind sie ja auch allein im Zimmer mit ihnen, und manchmal können schlimme Sachen passieren, von Desinteresse bis zu tatsächlich Liegenlassen oder sich nicht interessieren.

Karkowsky: Was halten Sie nun von diesem neuen Siegel, von diesem neuen Qualitätssiegel? Das erste Heim bekommt jetzt in Berlin Brief und Siegel, hier wird diskriminierungsfrei gepflegt. Von den Bewohnern sind aber bislang nur vier von 60 überhaupt nicht-heterosexuell. Ist das nicht auch ein Problem? Weil man kann natürlich das Pflegepersonal entsprechend ausbilden, aber doch nicht die Mitbewohner.

Das Siegel heißt: Hier bist du willkommen

Lottmann: Das stimmt. Aber so ein Siegel kann signalisieren, nicht nur für das Personal, auch für die Bewohner, hier sind auch LSBTI* willkommen. Keiner muss sich da outen, aber sie können sich outen. Es soll einfacher gemacht werden.

Und eigentlich sollte auch ein Siegel nicht nur Fortbildung für Personal beinhalten, sondern es werden auch Dokumente wie Aufnahmebögen gecheckt, ob die sprachlich in Ordnung sind. Es gibt auch ein Diversity Management, und es geht oft um ein Herstellen von Sichtbarkeit, soziale Aktivitäten, Filmabende. Und das kriegen ja dann auch die anderen Bewohner mit, und das kann auch für ältere Heterosexuelle dann sehr toll sein oder besser sein, weil es insgesamt mehr Aktivität gibt oder auch Sensibilität für Sexualität oder Teilhabe generell.

Karkowsky: Das erste Seniorenheim in Berlin bekommt ein neues Qualitätssiegel, das Immanuel-Heim ist es. Darüber haben wir gesprochen mit dem Soziologen Ralf Lottmann von der südenglischen Universität Surrey. Herr Lottmann, Ihnen herzlichen Dank!

Lottmann: Gern!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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