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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 28.12.2019

Louise Labé: Torheit und LiebeSchönste Liebesgedichte der Renaissance

Von Edelgard Abenstein

Zu sehen ist das Cover des Buches "Torheit und Liebe" von Luise Labé (Secession Verlag / Deutschlandradio)
"Torheit und Liebe" ist ein sinnenfreudiges Buch einer hochgebabten, sehr modernen Dichterin (Secession Verlag / Deutschlandradio)

In "Torheit und Liebe" sind Gedichte der Fabrikantentochter Louise Labé aus dem 16. Jahrhundert versammelt. Erstaunlich offen und modern für ihre Zeit schrieb die Französin von der Liebe und anderen Gemütszustände aus weiblicher Sicht.

Es passiert immer wieder: Die Literaturgeschichte vergisst auch einstmals berühmte Schriftstellerinnen. Dabei hat die Renaissancedichterin Louise Labé ein paar der schönsten Liebesgedichte in französischer Sprache geschrieben. Und dennoch dauerte es 450 Jahre, dass ihr gerade mal 180 Seiten umfassendes Werk jetzt zum ersten Mal vollständig auf Deutsch erschienen ist.

Über ihr Leben weiß man wenig, nicht einmal ihr Geburtsdatum ist gesichert. Als Tochter eines begüterten Seilerfabrikanten in Lyon, dem Zentrum des Seidenhandels, in dem die Kultur blühte, genoss sie eine ungewöhnliche Erziehung, sprach mehrere Sprachen, sie besaß eine Bibliothek mit den besten Werken des Humanismus in Griechisch, Latein, Italienisch, Spanisch.

Nach ihrer Heirat früh verwitwet, rief sie einen literarischen Salon ins Leben, in dem die Lyoneser Dichterschule verkehrte. Und sie schrieb Sonette, Prosa und Elegien, die sie 1555 mit knapp 30 auch veröffentlichte.

Sie stachelte Freundinnen an, sich den Künsten zu widmen

Ganz klar, "die schöne Seilerin" - wie man sie nannte -  übersprang unverblümt die Grenzen dessen, was sich für eine Dame schickte ("Bedachtsam leben macht mir Missvergnügen"). Im Vorwort zu ihrem Buch, das sie einer Freundin widmet, stachelt sie ihre Zeitgenossinnen dazu an, das Strickzeug fallen zu lassen und sich den Künsten zu widmen, der Wissenschaft und dem Schreiben. Genau wie sie.

Dass es dafür präziser Kenntnisse im Handwerk von Poesie und Rhetorik bedarf, bezeugen ihre Texte aufs Schönste: der amüsante Disput darüber, wer im Leben von Göttern und Menschen wichtiger ist, Amor oder La Folie, die Liebe oder der Wahn. Da werden alle Register der Sophistik gezogen. Am eindrucksvollsten aber sind Labés Gedichte.

Eine der ersten, die Liebe aus weiblicher Sicht schildert

Da bietet sie der Welt die Stirn, indem sie als eine der ersten die Liebe aus weiblicher Sicht schildert. Ihr lyrisches Ich nutzt keck den sich an den säumigen Geliebten wendenden Imperativ: "Küss mich noch einmal, küss mich wieder, küss mich." Es weiß alles über die Gemütszustände einer Frau, die von einer plötzlichen Leidenschaft ergriffen wird: Sehnsucht, Zweifel, Enttäuschung, Eifersucht, Sehnsucht. Und spricht es vom Begehren, glaubt man, einen modernen Text vor sich zu haben: "Wie mischen wir so glücklich unsre Küsse, dass jeder seine Lust am andern finde."

Die Frau als Werbende, die den Ton angibt, die sagt, was sie sich wünscht - das war eine Sensation, die nicht allen gefiel. Der im nahegelegenen Genf tätige Reformator Calvin verdammte Labé als "Hure", ein Verdikt, dem offenbar Generationen von Verlegern und Literaturhistorikern folgten.

Auftakt einer neuen Buchreihe

"Torheit und Liebe" ist das sinnenfreudige Buch einer hochgebabten, sehr modernen Dichterin. In schön-symbolisch nachtblauem Leinen gebunden, flüssig, elegant und musikalisch übersetzt, bildet es den geglückten Auftakt einer neuen Buchreihe, die der Secession Verlag unter dem Namen "Femmes de Lettres" herausbringt.

Ihr Ziel ist es, vergessene europäische Autorinnen der Frühen Neuzeit neu zu entdecken. Was künftig noch alles an Schätzen in Prosa, Gedichten, Essays und Theaterstücken gehoben wird, darauf darf man gespannt sein.

Louise Labé: "Torheit und Liebe"
Aus dem Mittelfranzösischen von Monika Fahrenbach-Wachendorff.
Secession Verlag, Zürich 2019
208 Seiten, 20 Euro

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