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Buchkritik | Beitrag vom 12.08.2021

Louise Erdrich: "Der Nachtwächter"Existenzkampf gegen alle Widerstände

Von Dorothea Westphal

Cover "Der Nachtwächter" von Louise Erdrich vor orangenem Hintergrund. (Aufbau Verlag / Deutschlandradio)
In "Der Nachtwächter" erzählt Louise Erdrich, wie sich ein Stamm von Native Americans gegen seine geplante Vertreibung wehrt. Dafür erhielt sie den Pulitzer-Preis. (Aufbau Verlag / Deutschlandradio)

Die US-Regierung plante Ende der 1950er-Jahre, die amerikanischen Ureinwohner aus ihren vertraglich zugesicherten Reservaten zu vertreiben. Der Stamm der Turtle Mountain Chippewa kämpfte dagegen an. Davon erzählt Louise Erdrich in „Der Nachtwächter“.

Es ist ein fast vergessenes Kapitel US-amerikanischer Geschichte: Anfang der 50er-Jahre wollte die Regierung langfristig sämtliche indigenen Stämme aus ihren vertraglich zugesicherten Reservaten vertreiben. "Terminierung" hieß die geplante Zwangsassimilation und die Annullierung der bestehenden Verträge. Doch der Stamm der Turtle Mountain Chippewa wehrt sich und erhebt Einspruch gegen die drohende Vernichtung seiner Existenz.

Der neue Roman von Louise Erdrich hat einen realen Hintergrund und basiert zudem auf ihrer Familiengeschichte sowie den Aufzeichnungen und Briefen ihres Großvaters Patrick Gourneau. Bis 1959 war er Vorsitzender des Stammesrats der Turtle Mountains und arbeitete als Nachtwächter in der einzigen Fabrik des Reservats, einer Fabrik für Lagersteine, wichtige Bauteile für Uhrwerke und in der Verteidigungsindustrie.

Der Stammeschef schreibt Bittschriften an den Senat

Thomas Waszhashk ist ihm nachempfunden. Auch er schreibt während seiner Nachtschichten unermüdlich Bittschriften. Ging es dabei bisher um allgemeine Belange des Reservats, steht jetzt die Existenz auf dem Spiel: Mit seiner Werbung um Unterstützung erreicht er schließlich, dass eine Delegation zur Anhörung nach Washington D.C. reisen kann.

Senator Watkins, der Thomas und die anderen im Kongressausschuss befragt, liegt ebenfalls eine reale Figur zugrunde: ein Mormone, der sich bei der Enteignung indigener Gruppen auf religiöse Offenbarungen berief.

Hier geht es zum Literatursommer von Deutschlandfunk Kultur. (Foto: imago / fStopImages / Malte Müller)

Die anderen Figuren sind frei erfunden – wie Patrice, Pixie genannt: eine beeindruckende, eigensinnige junge Frau, die Chippewa und Englisch spricht und in der Fabrik arbeitet, um ihre Familie zu unterstützen, weil der Vater dem Suff verfallen ist.

Allein fährt sie auf der Suche nach der verschwundenen Schwester nach Minneapolis und gerät in einen üblen Sumpf aus Prostitution und Drogen. Dank ihrer Klugheit und Furchtlosigkeit kann sie sich retten. Die Schilderungen von Prostitution und schlimmstem Missbrauch indigener Frauen basieren auf gründlicher Recherche. 

Solidarität untereinander

Das gilt auch für die Zustände im Reservat, mit denen sich Erdrich bereits in anderen Romanen befasst hat. Es sind faszinierende Einblicke in eine fremde, von Spiritualität durchdrungene Welt, in der auch Geister eine Rolle spielen. Pixies Mutter verfügt über magische Kräfte und pflegt die alten Bräuche.

Die Schriftstellerin Louise Erdrich blickt in die Kamera, hinter ihr sieht man ein Bücherregal und rechts neben ihr einen Baumstamm. (Imago / PeterxEssick)Louise Erdrich hat schon mehrere Bücher über die Native Americans geschrieben. (Imago / PeterxEssick)

Eindringlich schildert Erdrich, was es hieß, sesshaft zu werden und von der Landwirtschaft leben zu müssen, die bittere Armut, aber auch die Solidarität untereinander. Sie erzählt im Stil des magischen Realismus mit so viel Wärme, Empathie und Humor, dass einem die Bewohner des Reservats ans Herz wachsen.

Eindrucksvolle Charaktere

Höhepunkt des Romans ist die Reise der Delegation nach Washington – teilweise finanziert durch einen Benefiz-Boxkampf – sowie die Anhörung im Senat, der das Protokoll einer realen Sitzung zugrunde liegt.

Ein wenig Geduld erfordert es schon wegen der vielen Namen, den Überblick zu behalten. Die aber wird belohnt, denn der Roman von Erdrich ist nicht nur eine wunderbare Hommage an ihren klugen und selbstlosen Großvater, sondern auch an all die anderen eindrucksvollen Charaktere, die trotz Armut ihre Würde bewahren und bereit sind, gegen alle Widerstände um ihre Existenz zu kämpfen.

Louise Erdrich: "Der Nachtwächter"
Roman. Aus dem Englischen von Gesine Schröder
Aufbau Verlag, Berlin 2021
496 S., 24 Euro

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