Softie versus Incel: Ringen um ein neues Männerbild

Mann misst ein männliches Geschlechtssymbol (Illustration).
Die Vermessung der Männlichkeit: Wann ist ein Mann ein Mann? © imago / Ikon Images / IMAGO / Gary Waters
Eine Kolumne von Hannah Schragmann |
Von Looksmaxxing und Movember bis zum Grünen-Manifest: Der Mann wird zum optimierten Leistungssubjekt. Eine Spurensuche zwischen harter Kieferlinie und neuer Schwäche.
Scrollt man durch TikTok, taucht früher oder später ein junger Mann auf, der stumm mit geschlossenem Mund in die Kamera blickt, während er die Zunge an den Gaumen presst. Er „mewt“ – also trainiert, mit der Zungenhaltung seinen Kiefer zu schärfen. Trendvideos wie seins erhalten Millionen Aufrufe.
„Looksmaxxing“ heißt das: Man(n) optimiert das eigene Gesicht wie ein Produkt. Ob Kinnlinie, Jochbein oder der Winkel der Augen – alles wird nach Punkten bewertet, und ergibt einen „sexuellen Marktwert“. In Incel-Foren, Communities aus der Manosphere, reden sich junge Männer ein, die Knochen im Gesicht entschieden über Rang und Liebe. Doch wer so seinen Wert berechnet, sieht sich nur noch mit fremden Augen – jenem „Blick des Anderen“, der einen, wie Sartre schrieb, vom Subjekt zum Objekt macht.

Movember: Schnurrbärte für Männergesundheit

Der Mann von heute ist in der Krise. Daran erinnert auch die Bewegung des „Movember“, die gestern begonnen hat. Überall wachsen diesen Monat Schnurrbärte, um auf die hohe Suizidrate unter Männern und Männergesundheit im Allgemeinen aufmerksam zu machen. 
Auf den ersten Blick zerfällt der junge Mann von heute in zwei Typen. Der eine cremt sich ein, um geschmeidig zu werden: Die Kaufbereitschaft für Make-up ist bei jungen deutschen Männern seit 2019 um rund 80 Prozent gestiegen, die Käuferquote bei Gesichtsserum hat sich verdreifacht. Der andere Typ härtet sich ab oder hört Andrew Tate zu, für den nur Geld und Dominanz männlich sind. Fast zwei Drittel der jungen Männer in den USA, Großbritannien und Australien folgen laut dem Movember-Institut „Männlichkeits-Influencern“.
Weiches Gesicht gegen harten Kiefer – das sieht aus wie ein Widerspruch, hat aber denselben Ursprung. Die alten Drehbücher fürs Mann-Sein, die des Ernährers oder des Beschützers, taugen nicht mehr. Ein Neues gibt es nicht. In diese Lücke hinein verkaufen zwei Bewegungen eine Formel, die Sicherheit verspricht: Die Kosmetikindustrie knüpft Attraktivität an das richtige Serum. Und die Manosphere behauptet, Härte mache unangreifbar. Stets wird der Mann zur messbaren Oberfläche, mehr Projekt als Mensch. Er wird zum „Leistungssubjekt“, wie Byung-Chul Han es beschreibt.

Männerbild bei den Grünen

Welche politischen Konsequenzen das Ringen um ein neues Männerbild hat, zeigte sich in diesem Jahr bei den Grünen. Politiker Julian Joswig zeigte sich im Fitnessstudio an den Gewichten, Anton Hofreiter am Boxsack, Felix Banaszak sprach mit dem „Playboy“. Das Manifest rund um Joswig will Männlichkeit positiv besetzen, denn Andrew Tate, heißt es, fülle „die Leerstelle mit genau dem Gift, das wir überwinden wollten“.
Das Anliegen, Orientierung zu stiften, ist ehrenwert. Nur, wer das Softie-Image abstreift, indem er den Bizeps zeigt, bestätigt die Regel: Dass Männlichkeit etwas ist, das man am Körper ablesen kann. Der Backlash innerhalb der Grünen war groß – und ob die Kampagne irgendwen aus den Tiefen der Manosphere zur Grünenwahl bewegen kann, mehr als zweifelhaft.
Dabei bräuchte es dringend Lösungen: Bei der Bundestagswahl 2025 war die AfD unter jungen Männern stärkste Kraft, während die gleichaltrigen Frauen nach links rückten. Der Graben ist tief. Dieselbe Verunsicherung, die mewen und pumpen lässt, kann auch politisch zu einer Sehnsucht nach einfachen Antworten führen.
Das Movember-Institut fand heraus: Gut jeder vierte junge Mann, der Männlichkeits-Influencern folgt, fühlt sich wertlos. Wenn wir an dieser Stelle zurück zum Schnurrbart reisen, kann dieser Movember vielleicht eine Chance sein, endlich hinter die Fassade zu blicken. „Oh, Männer sind so verletzlich“, sang Herbert Grönemeyer schon 1984. Höchste Zeit, das zu zeigen.

Hannah Schragmann forscht als promovierte Wirtschaftsethikerin und Philosophin zum Thema Produktivität und neuen Ansätzen der (Re)produktivitätsbewertung, insbesondere im Arbeitskontext. Sie ist zudem aktiver Teil der Führungsebene von zwei Impact Start-Ups, die Purpose ins Zentrum stellen und den Umbau hin zu reproduktiven Wirtschaftsformen fördern. Die Frage, wie Ökologie, Ökonomie und der Mensch bzw. Sinn gemeinsam betrachtet werden können, steht für sie im Zentrum ihres Tuns.

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