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Die Reportage | Beitrag vom 25.08.2019

Lokaljournalismus in SachsenZielscheibe Reporter

Von Kai Adler

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Ein Mann ist von hinten zu sehen. Er trägt eine Schiebermütze und auf seinem Rücken steht "Lügenpresse". Dahinter ist eine Deutschlandfahne zu sehen. (imago images / IPON)
Offenbar kein Freund der vierten Gewalt. (imago images / IPON)

Als "Lügenpresse" werden Regionalzeitungen diffamiert. Wer als Lokaljournalistin vor Ort arbeitet, muss mit Übergriffen und Beschimpfungen rechnen. Mancher Reporter hat sogar schon Morddrohungen erhalten.

Marleen Hollenbach steht mit gezücktem Stift und Notizblock im Bautzener Stadtteil Gesundbrunnen zwischen Einkaufszentrum und Plattenbauten und hält Ausschau nach Passanten.

"Der Plan ist, möglichst vorsichtig zu fragen, ihnen nicht das Gefühl zu vermitteln, sie werden jetzt abgestempelt oder sie müssen sich rechtfertigen für ein bestimmtes Wahlergebnis. Und im besten Fall zu erfahren, was so Probleme im Stadtteil sind."

Kurz vor den sächsischen Landtagswahlen am 1. September will die Journalistin ein Stimmungsbild einholen und mit den Menschen ins Gespräch kommen: Warum haben bei den vergangenen Kreis- und Stadtratswahlen hier so viele AfD gewählt? Für den Kreistag waren es 29,4 Prozent - in einem Wahllokal in einer Grundschule hier in der Nähe entfielen ganze 40,7 Prozent auf die Rechtspopulisten. Eine Frau schiebt einen Kinderwagen übers Pflaster, Marleen Hollenbach spricht sie an.

"Ich bin die Frau Hollenbach von der 'Sächsischen Zeitung' und ich höre mich gerade ein bisschen um. Hintergrund ist, dass bei der Wahl so viele Menschen die AfD gewählt haben. Hat Sie das überrascht?"

"Nein, das war vorauszusehen."

"Meinen Sie, es liegt an der Unzufriedenheit?"

"Ich denke schon, dass es da einen Zusammenhang gibt."

Misstrauen gegenüber der Presse

Ergiebig ist das Gespräch nicht. Aber Marleen Hollenbach, 27 Jahre alt, zierlich, mit Pferdeschwanz, findet es wichtig, vor Ort zu sein. Seit fünf Jahren arbeitet sie für die Lokalredaktion der "Sächsischen Zeitung" in Bautzen. Sie kennt die Stadt gut und bleibt dran - auch wenn sie heute keine wirklichen Antworten auf ihre Fragen bekommt. Wie begegnen die Menschen ihr, der Pressevertreterin? Sie runzelt die Stirn.

"In den letzten Jahren hat man schon deutlich gespürt, dass die Menschen skeptischer sind, dass sie einem auch mal unterstellen, das wird sowieso verdreht dargestellt in der Zeitung, sodass man nachfragen muss, was meinen Sie konkret? Und dann fehlt es oft an Beispielen, das ist dann mehr so ein allgemeines Gefühl."

Journalistin Marleen Hollenbach (Kai Adler)Marleen Hollenbach, Journalistin der "Sächsischen Zeitung", unterwegs im Bautzener Stadtteil Gesundbrunnen. (Kai Adler)

Und dann begegnen wir doch noch jemandem, der zwar kein AfD-Wähler ist, aber in diesem Stadtteil wohnt und den Rechtsruck erklären kann. Der junge Elektrikermeister wirkt offen, er und seine Frau arbeiten beide und können, wie er erzählt, sich selbst und die zwei kleinen Kinder mit ihrem Gehalt kaum ernähren.

"Womit man ganz viele Arbeitsplätze für Deutsche gewinnen könnte: Indem der öffentliche Bau nicht mehr die Ausschreibungen annimmt, wo man ganz billige Arbeitskräfte kriegt. Ich arbeite auf Großbaustelle, da arbeiten 98 Prozent Ausländer, zwei Prozent Deutsche, also die zumindest Deutsch sprechen können. Zwei Prozent! Die kommen alle aus dem Osten – aber nicht mehr aus Polen, Tschechien, weil die sind auch nicht mehr billig genug. Das liegt daran, dass in den öffentlichen Baustellen nur das Allerbilligste genommen wird, nur Dumping, Dumping, Dumping!"

Einer der größten Bauunternehmer der Stadt, den der Volksmund hier wegen seiner billigen Bauten auch "Brücken-ALDI" nennt, ist Jörg Drews mit seiner Firma "Hentschke Bau". Drews ist einer der größten Arbeitgeber und ein Mäzen der Stadt. Dem Bauunternehmer wird eine Nähe zu Reichsbürgern nachgesagt unter anderem, weil er die Kampagne "Wir sind Deutschland" und deren Internetplattform "denkste-mit.de" unterstützt. Dort werden Verschwörungstheorien verbreitet, auch von gelenkten Medien ist da die Rede. Auch der Internetkanal Ostsachsen-TV wird von Jörg Drews mitfinanziert.

Meinungsmache oder Journalismus?

David Vandeven, lockige Haare, dunkle Brille, der hessische Einschlag zeugt davon, dass er kein Einheimischer ist. Er ist der Mann hinter Ostsachsen-TV.

Wir sind in der pittoresken Altstadt Bautzens verabredet: Keine Platten wie im Stadtteil Gesundbrunnen, sondern restaurierter Dresdner Barock ziert hier die Fassaden. Zum Interview bringt Vandeven gleich ein TV-Team von arte mit - Bautzen ist im ständigen medialen Fokus und Vandeven mit seinem Kanal mittendrin. Nicht zuletzt wegen seiner Nähe zum Bauunternehmer Drews und weil er gerne auch mal Reichsbürger, Rechtspopulisten, Identitäre bei sich zu Gast hat.

"Wir sind ein wirtschaftliches Unternehmen, wir machen Marketing, mit einer Marke, die nennt sich Ostsachsen-TV und dieser Teil lässt Werbeanzeigen zu und einer dieser Werbekunden ist Hentschke. Aber er hat kein Mitspracherecht auf unseren redaktionellen Teil. Da gibt es keinen, der mir sagt, mit dem darfst du reden und mit dem nicht."

"Sie sagen, es gibt niemanden, der ihnen Verbote gibt. Gibt es sonst Verbote?"

"Es gibt tendenziellen Journalismus durch die 'Sächsische Zeitung', die auch ein Stück weit sehr tendenziell schreibt. Es gibt den 'Oberlausitzer Kurier', den ich sehr schätze, auch Herrn Roland Kaiser als Redakteur, der versucht, einen Gegenpol zu bieten, das auch sehr gut macht. Es gibt noch            den 'Bautzener Boten', der das sehr konservativ macht. Und es gibt Oberlausitz TV mit Herrn Tschirner, der nur in einer Richtung berichtet und alles andere diffamiert, uns auch angreift dafür, dass wir andere Meinungen zulassen."

"Wenn Sie sagen, das, was Sie machen, ist kein Journalismus, sie möchten nur zur Meinungsbildung beitragen: Was vermissen Sie bei den regulären Medien? Sie haben gerade die 'Sächsische Zeitung' kritisiert. Für was kritisieren Sie die?"

"Wir haben eine Kolumne gesehen, die über Bautzen berichtet. Bei mir war Herr Wolf gewesen. Wir haben ein sehr langes Gespräch geführt. Ich habe die Auszüge des Gespräches gesehen, autorisiert. Das ist das eine. Aber ich kenne die tendenzielle Richtung."

"Sie sind kein Journalist haben Sie gesagt."

"Ich bezeichne mich nicht als Journalisten. Journalist ist für mich mit einem beruflichen Ethos verbunden, bei dem es noch mal andere Rahmenordnungen gibt, als das, was ich mache."

Er habe eine Marktlücke gefunden, sagt Vandeven und zündet sich die nächste Zigarette an. Ob er mit Reichsbürgern, Identitären oder auch mal mit Linken im Gespräch ist – in einer gespaltenen Stadt wie Bautzen generiert das Aufmerksamkeit. Er wolle das Bild der Stadt, die inzwischen zum Synonym für den braunen Osten geworden ist, korrigieren, sagt er.

Nicht nur die Lokalmedien haben in den vergangenen Jahren viel berichtet über den Ort in der Oberlausitz, den der sächsische Verfassungsschutz als einen Schwerpunkt rechtsextremistischer Bewegungen sieht. Im Landkreis werden etwa 300 Rechtsextreme gezählt. Immer wieder marschieren die Rechten hier auf, im September 2016 wurden Flüchtlinge durch die Straßen Bautzens gehetzt. Im Dezember desselben Jahres wurde eine Flüchtlingsunterkunft mit Molotowcocktails attackiert, auch das machte Schlagzeilen. Der Ausländeranteil in der Stadt beträgt keine zwei Prozent. Doch die AfD ist stark, bei den Europawahlen erzielte sie 32,1 Prozent, bei den Kreistagswahlen waren es 29,4. Schon in den vergangenen Jahren waren zwei NPD-Mitglieder im Stadtrat, nun wurde ein Identitärer hinein gewählt.

"Die Aufgabe der Presse ist es nicht, für die Stadt zu werben"

In der Lokalredaktion der "Sächsischen Zeitung" in Bautzen ist unterdessen Marleen Hollenbach von ihrer Befragung zurückgekehrt und sitzt nun mit den Aufzeichnungen vor dem PC. Nebenan Redaktionsleiter Ulli Schönbach. Ich trage ihm die Kritik an seiner Zeitung und der Berichterstattung über Bautzen vor. Er sieht das Positive.

"Was wir doch gerade erleben in dieser Kritik, ist, dass Menschen einen hohen Anspruch an uns haben und dass das, was wir tun, für die Menschen hier eine hohe Relevanz hat. Deshalb sind diese Diskussionen, sofern sie nicht eine bestimmte Grenze überschreiten, eine große Chance. Ich sehe das überhaupt nicht als Ärgernis oder Problem, sondern ich sehe das als große Gelegenheit."

Ulli Schönbach, sportliche Erscheinung, Brille. Er leitet seit 15 Jahren die Redaktion. Der gebürtige Sachse hat die Journalistenschule in Leipzig besucht. Shitstorms und Beleidigungen, vor allem digital geäußerte, kennt er gut und bleibt gelassen. Lokaljournalismus sei immer schon Hartrasenfußball gewesen, meint er. Mit seiner Familie wohnt er in Bautzen, kennt seine Leserschaft oft persönlich. Warum ist der Protest gegen die Medien hier so groß?

"Wir haben solche pauschalen Abwehrmechanismen, wo im Grunde die Medien als das eigentliche Problem ausgemacht werden. Dahinter steht aus meiner Sicht eine falsche Vorstellung von der Rolle der Medien in der demokratischen Gesellschaft. Nämlich die Vorstellung, dass die lokalen Medien in erster Linie werbend für die Stadt eintreten sollen. Dass sie zur Imageverbesserung beitragen sollen und solche Themen wie Rechtsextremismus nicht anpacken sollten. Das ist die Vorstellung, die dahinter steckt. Dass wir letztendlich unserer Arbeit als Journalisten nachgehen, dass wir auch eine gewisse Kontroll- und Wächterfunktion in diesem Kontext ausüben, dagegen wenden sich diese Initiativen."

Ist Bautzen eine Stadt wie jede andere?

Ich bin mit Christian Haase verabredet. Der weißhaarige, ehemalige Ingenieur will mir die Attraktivität seines Ortes näher bringen. Doch wir treffen uns nicht, um die Bautzener Altstadt zu bewundern, sondern weil Christian Haase im vergangenen Jahr zusammen mit anderen Bürgern eine Initiative gegründet hat, die sich gezielt an die Medien richtet und die Berichterstattung über Bautzen kritisiert. "Wir fordern das Ende der negativen Darstellung unserer Heimat durch eine Minderheit. Insbesondere von den regionalen Medien sowie von den öffentlich-rechtlichen Medienanstalten fordern wir eine objektive und nicht wertende Berichterstattung", so die Gruppe im Netz.

"Wer die DDR erlebt hat und den vielen Lug und Betrug, den es da gegeben hat, der ist vorsichtig geworden. Hochglanzpapier und ganz schwarzer Druck heißt noch lange nicht, dass da die Wahrheit steht. Also das haben wir aus DDR-Zeiten gelernt – man muss die Dinge hinterfragen, man muss Dinge überprüfen."

Christian Haase nippt an seinem Radler. Es sei ein ganz falsches Bild von Bautzen entstanden, meint er. Bautzen sei kein braunes Nest.

Und was ist mit der attackierten Asylunterkunft? Was mit den Flüchtlingen, die sie hier 2016 durch die Stadt gejagt haben? Hetzjagden, sagt er und bezieht sich auf die Ausschreitungen von Chemnitz, die habe es doch gar nicht gegeben. Er macht die Presse verantwortlich für ein falsches Bild der Lage, die er zwar nicht Lügen-, aber Lückenpresse nennt.

"Man lässt wesentliche Dinge weg - die, wo der Journalist meint, das passt nicht in mein Weltbild, in meine Botschaft, die ich vermitteln will. Mit dem Thema haben wir hier zu tun. Dass bestimmte Sachverhalte nur bruchstückhaft vermittelt werden. Da stellt man sich die Frage: Warum macht der Journalist das?"

Christian Haase ist ein freundlicher älterer Herr, ein "besorgter Bürger", wie er sagt. Doch aus seiner Kritik klingt eine deutliche Ferne, ein Misstrauen gegenüber den bürgerlichen Institutionen wie der freien Presse. "Wir fordern alle Institutionen auf, sich für den Erhalt der Rede- und Versammlungsfreiheit gemäß Artikel 5 des Grundgesetzes einzusetzen," so heißt es in der Erklärung der von Christian Haase initiierten Gruppe "die 89er".

Bürgerrechtsbewegung als Anknüpfungspunkt

Die Gruppe beruft sich auf die DDR-Bürgerrechtsbewegung und das Grundgesetz. Der AfD-Vorsitzende Alexander Gauland hat sich vergangenes Jahr in einem FAZ-Interview ebenfalls auf die friedliche DDR-Revolution bezogen und einen Umsturz des heutigen politischen Systems gefordert.

Was meint Christian Haase genau, wenn er sich auf den Umsturz 1989 bezieht? Er beugt sich vor.

"Das waren die Tage hier, wo die Leute geheult haben vor Freude. In den 90ern, das hat einen riesen Aufschwung gegeben. Das hat politisch dazu geführt, dass wir eine ganz stabile Ordnung hatten hier. Das Vertrauen in die bundesdeutsche Demokratie - das war nicht nur die CDU, auch die SPD, die FDP, das Dreigestirn – das haben wir sofort übernommen. Und Biedenkopf war als Landesvater natürlich die ideale Ausgleichfigur hier. Das war der Macher, der hatte uneingeschränkte Autorität."

Die Sehnsucht nach Stabilität. Nach einer Führungsfigur. Dabei ist die Lage hier doch gut: Die Arbeitslosenzahlen in Bautzen sind auch im vergangenen Jahr wieder gesunken, der Tourismus boomt, die Stadt ist saniert. Doch Herr Haase und die 89er sprechen von einer Misere. Und an der hätten vor allem die Medien schuld.

Bautzener Bloggerin wird angefeindet

Insbesondere eine trifft dieser Vorwurf: Annalena Schmidt. Sie ist zwar keine Journalistin, bloggt und twittert aber seit 2016 über Bautzen.

Die 31-Jährige - dunkle glatte Haare, schwarze Brille, offenes Gesicht - sitzt am Morgen auf einer Bank am Bautzener Bahnhof und wartet auf den Zug Richtung Görlitz. Gemeinsam wollen wir zum Friedensfest nach Ostritz fahren, einer Gegenveranstaltung zum dort stattfindenden Nazirockfestival. Annalena Schmidt will bei der Friedensveranstaltung sprechen. Dass sie zur bekanntesten Bloggerin Bautzens wurde verdankt sie einem Zufall, wie sie sagt.

"Als die jungen Geflüchteten von Rechtsradikalen durch Bautzen gejagt wurden, war ich an dem Abend bei der Gruppe der Geflüchteten, weil ich an dem Abend zur falschen Zeit am falschen Ort war, mit denen dann vor den Rechtsradikalen wegrennen musste und an dem Abend gesehen habe: Dresdenradio twittert. Ich habe dann drunter gesetzt, was ich wahrgenommen habe und hatte in der Nacht den Eindruck, dass ich meinen Account anonymisieren muss, weil da relativ viel von Journalisten, aber auch von rechter Seite auf mich einprasselte."

Bloggerin Annalena Schmidt sitzt in einem Zug und schaut raus. (Kai Adler)Bloggerin Annalena Schmidt auf dem Weg nach Ostritz (Kai Adler)

Wir steigen in den Zug. Ich berichte Annalena Schmidt davon, was ich alles erzählt bekommen habe über sie: dass sie linksradikal sei, dass sie aus der Stadt wegmüsse, dass offenbar alles, was schief läuft in Bautzen, mit Annalena Schmidt zu tun habe. Vandeven von "Ostsachsen TV" als auch der besorgte Herr Haase hatten sich über die junge Bloggerin erregt. Ruhig hört sie sich die Geschichten an, die sie alle schon kennt. Demnächst wird sie für Die Grünen im Stadtrat sitzen – also gibt es auch Menschen in Bautzen, die sie unterstützen. Für die promovierte Historikerin, die am Sorbischen Institut arbeitet, ist es nicht leicht, hier zu leben.

"In der ersten Zeit haben die Bautzener gar nicht so wahrgenommen, dass ich angefangen habe zu twittern. Die ersten, relativ heftigen Reaktionen kamen, als ich rund um den 1. Mai 2017, als die NPD in Bautzen ihre landesweite Demo machen wollte, eine Gegendemo angekündigt hatte.

Damals gestützt von einem sehr breiten Bündnis von Verbänden, Parteien, Politikerinnen. Das war das erste Mal, dass ich am Wochenende massiv Drohanrufe hatte im Sinne von: Sie sehen, dass bei mir in der Wohnung ja noch Licht leuchtet, dass ich mal besser ins Bett gehen soll, weil ich ja am nächsten Tag einen anstrengenden Tag habe, wegen der Demo. Dass man mich während der Demo angerufen hat und erzählt hat, welche Kleidung ich trage. Dass ich auf dem Heimweg aufpassen muss."

Berichten über rechtsradikale Festivals 

Der Zug hält in Polen. Eine kleine Gruppe bunt gekleideter Menschen schiebt sich über die Holzbrücke, die über die Neiße in den deutschen Ort Ostritz führt. Offenbar will nur ein Paar zum Nazikonzert - er mit weißem Wehrmachtskreuz und rotem, nur leicht verfremdeten SS-Zeichen auf schwarzem Shirt, sie mit dem Schriftzug "Arian" in Sütterlin. Auf dem heruntergekommenen Gelände des Hotels Neißeblick, von dessen Fassade der Putz blättert, haben die "Schuld- und Schwert"-Besucher ihre Zelte aufgestellt. Hundertschaften von Polizisten sind angereist, um die Einwohner, die Friedensaktivisten und die vielen Journalisten zu schützen. Ein Pulk Journalisten hat sich vor dem Hotelgelände aufgebaut, alle Medienanstalten sind vertreten. Auch der Leipziger Fernsehreporter Arndt Ginzel ist da. Er wirkt müde und nachdenklich, gerade kommt er vom Dreh in Kassel zurück - ein Beitrag über die Ermordung des hessischen Regierungspräsidenten Walter Lübcke. Heute dann also Ostritz. Wie schätzt er die Szene hier ein?

"Wenn man die Pegida-Legida-Veranstaltungen gesehen hat, dann sind die Übergänge fließend. Da laufen Identitäre mit herum, genauso wie gewaltbereite Hooligans. Man hat eher den Eindruck, dass gerade diese gewaltbereite Klientel sich so ein stückweit legitimiert daraus, dass sie eingebettet sind in den gesamten Kontext von politischen, auch teilweise mit bürgerlichen Anstrichen versehenen Gruppierungen. Dieses Vernetzen von Bürgern und klassischen Rechtsradikalen. Deshalb ist da so schwer, die abzugrenzen. Gestern waren auch Leute hier, die nicht so aussahen wie der klassische    Neonazi: Normale Bürger aufs erste Hinsehen, die hier auf das Gelände gegangen sind und sich dort auch offenbar wohl fühlten."

Für seine Arbeit ist Arndt Ginzel gerade mit dem "Leipziger Journalistenpreis für die Freiheit und Zukunft der Medien" ausgezeichnet worden. Sein Bild ging im vergangenen Jahr durch die Presse: Er war kurz nach den Ausschreitungen von Chemnitz bei einer Demonstration in Dresden von einem Polizisten bei seiner Arbeit behindert worden, hatte das gefilmt und öffentlich gemacht und damit politische Diskussionen ausgelöst - über Pressefreiheit und die Rolle der Polizei.

"Chemnitz sitzt schon noch ganz schön in den Knochen. Also das muss ich sagen, Chemnitz hab ich wirklich als eine echte Bedrohung erlebt. Weil ich zeitweise das Gefühl hatte, die Beamten haben es einfach nicht mehr im Griff und da war so eine Aggressivität und so eine Entschlossenheit auf alles, was da irgendwie aus Sicht der Rechtsextremen das System repräsentiert, mit Gewalt vorzugehen. Also das hat sich für mich schon eingeprägt, was dort abgelaufen ist."

Aufrufe zur Gewalt sind längst Alltag

Arndt Ginzel schätzt die Arbeit der Polizei an diesem Wochenende positiv ein. Anders als in den vergangenen Jahren wird Journalisten heute dank der Polizei jederzeit Zugang zum Festivalgelände gewährt. Die Polizisten haben zudem ein eigenes Kommunikationsteam mitgebracht.

Die Polizisten, die hier komplette Kampfausrüstung tragen, eskortieren die Presseleute durch das Areal. Zusammen mit Andre Aden, der seit vielen Jahren für ein antifaschistisches Dokumentationsnetzwerk arbeitet, passiere ich zwei Frauen am Eingang: In hellen Dirndln, die Haare zu Zöpfen geflochten, heben sie sich von den anderen Festivalbesuchern deutlich ab. Die sind vor allem männlich, meist muskelgestählt und kurz geschorenen, tragen martialische Shirts und Tätowierungen.

"Du siehst hier, wenn du dich umschaust, überall Aufrufe zu Gewalt, Leute, die Maschinenpistolen auf ihren T-Shirts haben, die Texte sind brutale Vernichtungsphantasien, die hier geäußert werden, radikaler geht’s nicht. Das ist aber trotzdem eine Zielgruppe, die ist nicht klein, 20.000 bis 30.000 Menschen, und das ist die Gruppe, die sie haben wollen. Weil die von einer Revolution träumen, die träumen nicht von demokratischer Machtgewinnung. Die träumen von Kampfgruppen, die den    politischen Gegner erschießen, in Kellerräume ziehen, dort foltern und ihr Projekt durchsetzen. Darum geht es ihnen. Die träumen von einer SA, die Macht gewaltsam an sich reißt. Und deshalb gibt es hier so viele Gewaltaufrufe – es geht darum, genau solche Netze zu schaffen."

Arndt Ginzel, freier Journalist, und Tobias Wolf, "Sächsiche Zeitung", (re) (Kai Adler)Arndt Ginzel, freier Journalist, und Tobias Wolf, "Sächsiche Zeitung", (re) (Kai Adler)

Um den Hals von Andre Aden hängen mehrere Kameras. Aden - dunkles Haar, Bart, schwarze Hornbrille - beobachtet die Szene seit vielen Jahren für das Netzwerk "Recherche Nord". Ähnlich arbeitet das Recherchenetz "Exif". Es hatte entscheidende Hinweise zur Aufklärung des Mordes an Walter Lübcke geliefert und Verbindungen zur Kameradschaft "Combat 18" aufgeklärt. Wie viele hier wird Andre Aden wegen seiner Arbeit ständig bedroht. Er musste bereits häufiger umziehen.

"Du bist bald tot!"

"Also, wenn man auf Veranstaltungen ist, bekommt man es in verbaler Form. Allein heute hab ich sechs oder sieben gesammelt, also Morddrohungen. 'Du bist bald tot' oder 'Wir machen dich bald fertig.' Und auf der Bühne steht Thorsten Heise, der Veranstalter, der Journalisten quasi attackiert und sagt: 'Das sind unsere Feinde, die spähen uns aus, die machen unser Leben kaputt, das sind die, um die wir uns kümmern müssen' - und nennt meinen Namen. So. Das ist natürlich keine richtige Todesdrohung, aber das sind Leute, die natürlich ganz genau wissen, was er damit meint. Thorsten Heise spricht heute über einen Journalisten von Panorama, der vor ein paar Wochen einen großen Beitrag über Combat 18 gemacht hat, und nennt ihn mit dem Satz: 'Der Revolver ist schon geladen und Sie haben ihn befüllt.' Die Szene weiß ganz genau, was gemeint ist. Wenn er sagt 'Der Revolver ist geladen und Sie haben ihn befüllt,' dann bedeutet das: Wir haben Sie auf dem Schirm und Sie sind Schuld, weil Sie über uns berichten."

In Ostritz tragen die Militanten ihre Gesinnung zur Schau: Mittels Shirts und Tattoos mit Verweisen auf  SA und SS und auf Nazideutschland. Rassismus, Antisemitismus und der Hass auf das demokratische System werden hier lautstark gefeiert. Wir laufen an den Ständen mit der einschlägigen Bekleidung vorbei, während uns die Aufpasser der Kameradschaft "Arian Brotherhood" folgen. Die Einkünfte des Festivals seien immens, sagt Andre.

"Mittlerweile sagen die, hier sind Rocker, hier sind Hooligans, hier kommen Bürger, exakt durch unser radikales Auftreten. Es geht den Strukturen darum, möglichst radikal zu sein, um dadurch Zuspruch in der Bevölkerung zu  bekommen. Das sind die Gruppen, die zuschlagen, wenn es dann mal losgeht. Die AfD als Partei, die man dem rechtspopulistischen rechtsextremen Spektrum zuordnet, die sehen sie nicht als Konkurrenz, die sehen sie als Ergänzung."

Polizisten und Konzertbesucher. im Hintergrund ein Banner "Arische Bruderschaft" (Kai Adler)Polizisten sichern den Eingang zum Festivalgelände. (Kai Adler)

Vor dem Gelände hat sich nun eine Traube Journalisten versammelt. Der Veranstalter des Neonazievents, der Landesvorsitzende der Thüringer NPD Thorsten Heise, steht nun für Fragen zur Verfügung.

"Ich glaube, dass wir vieles vorbereitet haben mit unserem fleißigen Verteilen von Zeitungen im Sächsischen und Mecklenburgischen Landtag und dass die AfD jetzt durchaus auch Früchte          generiert, wo wir den Samen in den Boden gesteckt haben. Letztendlich sehe ich es mit einem lachenden und einem weinenden Auge: Ich glaube, dass die AfD die Kraft ist, die sich viele Deutsche erträumt haben."

Thorsten Heise ist mehrfach wegen schwerer Gewalttaten verurteilt. Unter anderem weil er versucht hatte, einen libanesischen Flüchtling mit dem Auto zu überfahren. Er ist bestens vernetzt mit verschiedenen führenden Neonazis und Kopf der Kameradschaftsszene.

"Was muss sich ihrer Meinung nach verändern in diesem Land?"

"Was muss sich verändern? Es ist doch schon viel auf dem Weg der politischen Veränderung. Es ist doch so, dass man doch immerhin gewisse Sachen einfach mal denken darf. Mir liegen keine Denkverbote. Das finde ich zum Kotzen. Pauschal zu sagen, ich mag die Presse nicht, das ist ja auch totaler Quatsch. Jemand, der einen gut recherchierten Bericht macht und zum Beispiel aufzeigt, dass Tiere auf Tiertransportern gequält werden."

"Was darf man heute denken, was man früher nicht denken durfte?"

"Man darf heute denken, dass wenn der Bevölkerungsaustausch so weitergeht, dann wird sich unwiederbrínglich das Bild Europas und unserer Heimat verändern."

"Man soll mit allen reden. Geht das überhaupt?"

Neben dem Eingang zum Festivalgelände steht Tobias Wolf und unterhält sich mit einem Polizisten. Der Dresdner arbeitet für die "Sächsische Zeitung" und hat in den vergangenen Jahren viel über rechte Gruppierungen und Bewegungen geschrieben - er ist einiges gewöhnt.

"Für uns sind Anfeindungen, so seltsam es klingen mag, ein stückweit Normalität geworden. Weil es einfach so ist, dass uns das ständig passiert. Und zwar immer, wenn man mit Problemlagen in Berührung kommt. Das war am Anfang bei Pegida so, das ist bei allen Anti-Asyl-Krawallen so. Das ist natürlich auch im rechtsextremen Spektrum so."

Tobias Wolf hat wenig Verständnis für die Klagen der Bürger, die sich mit Rechtsextremisten zeigen, aber keine sein wollen.

"Ich hab in Chemnitz fast schon gewohnt, weil ich für die Sächsische Zeitung berichtet hab. Ich war auch bei den Ausschreitungen am 27. August dabei. Am Ende hatte man 300 Polizisten bei einer Demo von 6000 bis 8000 Menschen, wovon mindestens die Hälfte bundesweit angereiste, gewaltbereite Extremisten, Hooligans und Ähnliches war. Wer sich dort als Bürger daneben stellt, wenn neben ihm Hitlergrüße gezeigt werden, dort einschlägige Parolen skandiert werden, der muss sich meiner Meinung nach schon zurechnen lassen, dass er da mit einsortiert wird."

Die Kameras klicken, sobald eine Gruppe Neonazis das Gelände verlässt oder neue Besucher hinzu kommen. Die Extremisten scheinen die Aufmerksamkeit zu genießen. Doch wieweit reicht das, was hier stattfindet, in die Mitte der Gesellschaft?

"Es wird ja immer wieder die Forderung erhoben, man muss mit den Menschen reden. Aber ich stelle da schon die Frage vorab, ob man überhaupt mit allen reden kann. Und ob Politik und Gesellschaft nicht eine Grenze ziehen sollten, wenn es darum geht Errungenschaften zu erhalten, Errgungenschaften wie: Freiheit, Demokratie, Pluralität, Minderheitenschutz. Ob man alles als legitim erachten kann und alles unter die freie Meinungsäußerung fällt."

Tobias Wolf verschränkt die Arme. Er ist ein sachlicher Typ, der unaufgeregt über Unerhörtes spricht - das für ihn längst Alltag ist.

"Wir hatten hier zu Jahresanfang im Landkreis Görlitz ein Maulkorberlass des Kreischefs und Bundestagsabgeordneten Tino Chrupalla von der AfD. Der hat aufgrund einer Parteitagsberichterstattung, die ihm nicht gepasst hat, dann hinterher gesagt: 'Nein, das stimmt alles nicht, Lügenpresse, die 'Sächsische Zeitung' stürzt sich einseitig auf uns. Das kennen wir ja von früher. In demselben Brief stand dann ganz am Ende: Wer noch Kenntnisse, Fertigkeiten oder wie auch immer von früher in Anführungsstrichen hätte, also: Stasimethoden, der würde sich doch bitte melden und Informationen über als Zersetzungsagenten getarnte Journalisten wären jederzeit willkommen. Im Prinzip fordert er gleichzeitig dazu auf, während er Lügenpresse ruft, jeden Einzelnen auszuspähen, die Privatsphäre zu verletzen, um auf die Weise zusätzlich Druck aufzubauen."

Berichtet wird trotz alledem

Ein Gang über die Holzbrücke, der Zug nach Görlitz fährt in Polen ab. Ein paar polnische Polizeibeamte rauchen im Schatten.

Die "Jungs fürs Grobe" kann ich zurück lassen. Doch die Journalisten hier vor Ort haben nicht nur mit ihnen, sondern auch mit den weniger groben, geschickter agierenden Rechtsextremen häufig zu tun.

Über die Brücke kommt nun eine Gruppe bunt gekleideter junger Menschen, einige schieben Kinderwagen - Teilnehmer der Gegenveranstaltung, des Ostritzer Friedensfestes. Sie lachen, mokieren sich über die braunen Liedzeilen. Das ganze Dorf ist an diesem Wochenende aufgestanden und hat gegen das Nazitreffen protestiert - lautstark und fantasievoll. Die Journalisten haben berichtet. Geschwiegen hat keiner.

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