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Vollbild | Beitrag vom 04.08.2018

Locarno-Leiter Carlo Chatrian"Frauenfiguren sind keine Männerfantasien mehr"

Moderation: Patrick Wellinski

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Carlo Chatrian auf einer Pressekonferenz in Berlin, auf der bekannt gegeben wird, dass er zusammen mit Mariette Rissenbeek ab 2020 das Berlinale Filmfestival leiten wird. (picture alliance / NurPhoto)
Carlo Chatrian, Leiter des 71. Filmfestivals in Locarno (picture alliance / NurPhoto)

Zum letzten Mal leitet Carlo Chatrian das Schweizer Filmfestival in Locarno. Der künftige Berlinale-Chef erklärt unter anderem, warum im Wettbewerb so wenig Filme von Frauen laufen. Immerhin gebe es viele "interessante, hintergründige Frauenfiguren".

Patrick Wellinski: Mittwoch Abend haben Sie zum letzten Mal auf der Piazza Grande das Internationale Filmfestival in Locarno eröffnet. Wie haben Sie diesen Abend erlebt?

Carol Chatrian: Ich war sehr besorgt. Aber das hatte vor allem mit dem Wetter zu tun. Es gab plötzlich ein ganz hohes Gewitterrisiko. Und da war es unsicher, ob wir nicht die Veranstaltung verlegen müssen. Aber letztlich hatten wir Glück. Kein Regen in Locarno. Ich hatte Sorgen, nicht nur weil es mein letztes Locarno sein wird, sondern weil es wirklich ein besonderer Abend werden sollte. Am Schweizer Nationalfeiertag wollten wir das Festival mit vielen Gästen und Live-Musik eröffnen. Ja, um die Musiker hatte ich mir am meisten Sorgen gemacht.

Nachts. Ein großer Platz, randvoll mit Kinopublikum, dazu ein Alpenpanorama im Hintergrund. (Imago/KEYSTONE/Alexandra Wey)Die Piazza Grande in Locarno: Hier zeigt das Filmfestival seine Filme unter freiem Himmel. (Imago/KEYSTONE/Alexandra Wey)

Patrick Wellinski: Die Piazza Grande ist das Herzstück dieses Festivals. Der Ort an dem Locarno wirklich Publikumsfestival ist. Und sie zeigen dort dieses Jahr ganz große Filme: "BlacKkKlansman" von Spike Lee, "Equalizer 2" von Antoine Fuqua. Warum sind das gute Piazza Grande Filme bzw. was macht für Sie einen guten Piazza-Grande-Film aus?

"Manchmal muss man provozieren"

Carol Chatrian: Es gibt darauf keine eindeutige Antwort. Die Mischung macht's. Wenn ich bei meinen Sichtungen für die Piazza Grande mache, dann stelle ich mir immer vor, ich sitze auf dem Platz und schaue dann, ob die Bilder und der Sound groß genug sind, um diesen Platz auch wirklich auszufüllen. Mit einem Film wie Equalizer war das ganz einfach. Fuqua ist ein toller Action Regisseur und mit Daniel Washington in der Hauptrolle musste ich in diesem Fall nicht lange nachdenken.

Es gibt aber Fälle, wo ich vielleicht bei der Programmierung einen Fehler mache bzw. vielleicht sollten wir das nicht Fehler nennen, sondern Provokation. Vor drei Jahren haben wir mit einem Horrorfilm das Festival eröffnet. Ich war damals überzeugt, das sollte gehen, ging aber nicht ganz auf. Auch die Sponsoren fanden das nicht so gut. Manchmal muss man aber provozieren. Das ist doch die Funktion eines Festivals. Und in Locarno hatte ich bislang eine große Freiheit das zu tun.

Festivalprogramm muss "eine große Reise" sein

Patrick Wellinski: Wenn Sie schon so eine konkrete Vorstellung von einem Piazza-Grande-Film haben, haben Sie denn auch ein Bild vom idealen Festivalpublikum?

Carol Chatrian: Heute ist es unmöglich, eine homogene Gruppe an Menschen anzusprechen. Es gibt also nicht ein Publikum, sondern viele. Deshalb ist es für mich so wichtig, auf der Piazza Grande - aber auch in den anderen Sektionen - eine möglichst große Bandbreite an Tonarten zu präsentieren. Mein Ziel ist es, das kein Film wie der andere ist. Eine große Reise muss es sein. Da helfen auch ein paar Zahlen. 30 Prozent des Publikums auf der Piazza ist deutschsprachig, also sollte deutsches Kino präsent sein, aber auch italienisches, denn die meisten im Tessin sprechen italienisch. Diversität ist das Stichwort. Viele Locarno-Besucher gehen nur auf die Piazza, denen muss man das Programm vorkuratieren. Das ist ein bisschen anders als bei anderen Festivals, wo man sich das eigene Programm quer durch die Sektionen zusammenstellt.

Wie geht es nach Chatrian weiter mit Locarno? Wir haben den Schweizer Filmkritiker Michael Sennhauser um eine Einschätzung gebeten:

Patrick Wellinski: Sie sind auch sehr für Ihre herausfordernden Filme bekannt. Dieses Jahr zum Beispiel zeigen sie mit dem argentinischen Wettbewerbsbeitrag "La Flor" einen 14 Stunden langen Film. Das ist der längste Film, der je hier in Locarno gezeigt wurde. Wie wichtig ist so ein Filmfestival für solch eine Art von Filmen, die jenseits von Festivals wahrscheinlich kaum gezeigt werden, aber auch kaum gesehen werden.

Carol Chatrian: Im Falle von "La Flor" muss ich sagen, dass es ja kein harter Autorenfilm ist. Wenn Sie ihn sehen werden, dann stimmen Sie vielleicht mit mir überein, dass "La Flor" ein sehr leichter, teilweise heiterer Film ist. Ja, er ist lang, aber das ist nicht die Erklärung dafür, wieso es so ein Film jenseits von Locarno schwer haben wird. Das hat was mit dem aktuellen Vertriebs- und Produktionssystem zu tun. Die meisten Filme, die wir zeigen, finden nur unter den Festivalbesuchern ein Publikum. Das muss nichts Schlechtes sein. Denn die Masse an Filmproduktion muss sortiert werden. Festivals fungieren da als Filter, die eine gewisse Auswahl an Filmen prominent hervorheben. Das ist dann auch eine sehr wichtige Aufgabe für mich als künstlerischer Leiter. So kann ich auch auf Filme hinweisen, die sonst untergehen würden.

Spike Lee guckt in die Kamera und legt seinen Zeigefinger auf den Mund. (imago / Empics Publication / Doug Peters)Auch Spike Lees neuer Film "BlacKkKlansman" läuft in Locarno (imago / Empics Publication / Doug Peters)

Wir sprachen ja schon von "BlacKkKlansman" oder "The Equalizer 2", das sind Filme, die auch ohne Locarno ihren Weg gehen werden. Sie dienen mir als Lockmittel, um dem Publikum zusätzlich Bilder zu zeigen, die sie nicht erwarten, die sie vielleicht sogar ablehnen. Ich habe kein großes Problem damit, wenn man hier nach 20 Minuten aufsteht, aus dem Kino geht und sagt: Was soll das denn? Denn diese provozierenden Bilder werden mit dem Publikum bleiben. Ihre Radikalität, ihr Anderssein wird mit ihrem Alltag interagieren und sie werden sie nicht vergessen. In Locarno funktioniert das ganz gut.

"Das deutsche Kino ist sehr lebendig"

Patrick Wellinski: Sie zeigen dieses Jahr auch wieder deutsches Kinos. Auf der Piazza Grande feiert Sandra Nettelbecks Komödie "Was uns nicht umbringt" Weltpremiere. Im Wettbewerb läuft Jan Bonnys Spielfilm "Wintermärchen". Was macht das Spektrum dieser Filme in Ihren Augen aus?

Hören Sie hier auch unser Locarno-Gespräch mit Sandra Nettelbeck:

Carol Chatrian: Sie haben auch noch Eva Trobisch vergessen. Wir zeigen ihren Debütfilm "Alles ist Gut". Zwei Regisseurinnen und ein junger Filmemacher. Ich glaube, das fasst die Stärke des aktuellen jungen deutschen Kinos in meinen Augen gut zusammen. Das deutsche Kino ist sehr lebendig. Nettelbeck hat ein sehr feines Generationenporträt gedreht. Der Film wird gut auf der Piazza laufen, weil er sehr humorvoll, aber sensibel seine Geschichte erzählt. Der Film ist auch ungewöhnlich, weil es ein Ensemblefilm ist mit vielen Rollen.

Jan Bonnys Film ist das Gegenteil. "Wintermärchen" wirkt wie ein Schlag ins Gesicht. Die Geschichte des Aufstiegs einer rechten Terrororganisation in Deutschland wird hier sehr düster und nüchtern erzählt. Ohne zu viel zu verraten. Jan Bonny will den Zuschauer mit diesen Terroristen konfrontieren, ohne gleich über ihr Handeln den moralischen Zeigefinger zu erheben. Es kann sein, dass er einigen Zuschauern zu heftig ist. Aber das ist ein wichtiger Film, nicht nur politisch.

Und Eva Trobischs "Alles ist gut" ist völlig anders. Ein aktueller Film, der von weiblicher Selbstermächtigung handelt, ohne didaktisch zu sein. Außerdem ist die Leistung der Hauptdarstellerin unfassbar stark.

Wo sind die Filmemacherinnen?

Patrick Wellinski: Wir haben bislang in ihrem Wettbewerb Filme gesehen, die in erster Linie von starken Frauenfiguren handeln. Da ist "Diane" von Kent Jones zu nennen oder "Too old to die young" von Dominga Sotomayor aus Chile. Das beißt so ein bisschen mit der Kritik an Ihrer Auswahl dieses Jahr – eine Kritik übrigens, die viele künstlerische Leiter von großen A-Festivals immer wieder hören: Es gibt kaum Regisseurinnen im Wettbewerb. Drei Stück bei Ihnen. In Venedig dieses Jahr zum Beispiel nur ein. Können Sie vielleicht beschreiben, wie so etwas zustande kommt, und warum es ihnen schwerfällt eine Frauenquote im Wettbewerb einzuhalten?

Carol Chatrian: Um diese Frage zu beantworten, muss man wissen, wie wir Filme für Locarno aussuchen. Es ist nämlich so, dass wir das ganze Jahr über die Filme nach der Sichtung einladen. Wir warten nicht, bis wir alle möglichen Kandidaten vor uns haben und suchen dann aus. Wir befinden uns ja im Wettbewerb mit anderen Festivals. Da muss ich schnell sein. Das ist die einzige Chance für kleinere Festivals wie Locarno. Häufig lade ich Filme ein und weiß nicht, ob ich sie bekomme. Das ist ein Risiko und schließt meiner Meinung nach die Idee einer Frauenquote aus. Und dennoch will ich sagen, dass es eine sehr akute und drängende Debatte ist. Frauen sollten selbstverständlicher in Festivalprogrammen auftauchen.

Was ich aber an der Art Ihrer Frage mag, ist die Tatsache, dass Sie darauf hinweisen, dass die Situation hinter der Kamera nicht mit der vor der Kamera vergleichbar ist. Die meisten Filme dieser Festivalausgabe porträtieren interessante, hintergründige Frauenfiguren. Das sind auch keine Männerfantasien mehr. Davon hat sich das moderne Autorenkino weitgehend entfernt. Nehmen Sie Kent Jones oder den rumänischen Regisseur Radu Muntean. Die präsentieren Frauenschicksale – übrigens: gemeinsam mit ihren Hauptdarstellerinnen – die sich von gewöhnlichen Handlungsmustern und Projektionen stark unterscheiden. Aber das ist ja ein Weg sich dieser Debatte zu nähern.

Patrick Wellinski: Eine letzte Frage noch, weil es sicherlich auch viele Kollegen interessiert, wenn sie bald bei der Berlinale anfangen. Wie soll man Ihren Namen eigentlich korrekt aussprechen. Es kursieren so unterschiedliche Varianten, von der französischen bis zur eingedeutschten?

Carol Chatrian: Ach, wissen Sie. Als Italiener mit einem französischen Nachnamen bin ich Kummer gewöhnt. Eigentlich ist die französische Aussprache richtig. Ich nehme falsche Aussprachen aber nicht so ernst.

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