Lob der Sparsamkeit

Weniger ist mehr

04:38 Minuten
Ein alter Wasserhahn tropft.
Mit Wasser, Gas- und Strom achtsam umgehen: Aufgrund steigender Preise müssen manche Privathaushalte auf ihre Ausgaben achten. © picture alliance / dpa / Wolfram Steinberg
Gedanken von Kerstin Hensel · 02.08.2022
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In der Krise ist Sparsamkeit wieder angesagt. Gut so, findet die Schriftstellerin Kerstin Hensel: Bloß fort mit all den Dingen, die wir eigentlich nie gebraucht haben.
Im Wimmelbild gegenwärtiger Apokalypse finden wir viel Archaisches: Krieg, Seuchen, Teuerung, Armut, Ausbeutung, Autokratie, Missbrauch, Unterdrückung, Naturkatastrophen. Alles klassische Infernodarsteller, von keinem höheren Wesen, sondern vom Menschen selbst engagiert und auf die Weltbühne gestellt. Es ist leicht zu sagen und schwer zu widerlegen, dass es so schon immer war und daher ewig sein wird. Auch die Versuche, mittels Vernunft und Besinnung kurz vor der Hölleneinfahrt auf einen Glücks- und Friedenspfad abzubiegen, reichen weit zurück. 
Heute, da die bekannten Störenfriede an unseren scheinbar wohlgesicherten Haustüren rütteln, befinden wir uns wieder mal in solcher Besinnungsphase und fragen bestürzt: Wer zieht die Karre wie aus dem Dreck? Der rettungsverheißende Glaube an Gott hat größtenteils abgedankt, also muss der Erdenwurm selbst Hand an die Bewältigung der Krise legen.

Es ist Zeit zurückzustecken

Einige vermuten zu Recht, dass das Wohlstands-, sprich Verschwendungs- und Verblendungsleben, ein Katalysator für die kollabierende Gesamtlage sein könnte. Daraus folgt die Einsicht: Es ist Zeit zurückzustecken, den Gürtel enger zu schnellen, nicht halbnackt in der überheizten Wohnung zu sitzen und zu lernen, wie man, wenn es wirklich finster wird in der guten Stube, analog eine Bienenwachskerze anzündet.
Hehre Worte der satten Gesellschaft an sich selbst: Ändere dein Leben, besinne dich auf bewährte Tugenden wie Bescheidenheit, Mäßigung, Sparsamkeit. Schreibe dir auf die Fahne: Spare in der Zeit, so hast du in der Not – oder, etwas hochschwelliger mit Kant ausgedrückt: „Sparsamkeit in allen Dingen ist die vernünftigste Haltung eines rechtdenkenden Menschen.“

Luxusexzessen entsagen

Man muss ja nicht gleich in eine leere Tonne umziehen, wie der griechische Philosoph Diogenes, der vor etwa 2500 Jahren aus absoluter Bedürfnislosigkeit und Selbstgenügsamkeit seinen Kick erfahren hatte. Es genügt, wenn die, die in selbstverständlicher Redundanz leben oder dies anstreben, ihren Daseinssurrogaten entsagen würden, diesem massenhaften Wegwerframsch, Billigfraß, Hightechmüll, Eitelkeitspomp und Bequemlichkeitsmist; wenn sie sich sinnfreien Luxus-, Lust- und Lustigkeitsexzessen verweigerten, dieser Raffsucht nach Überfluss und dem Drang, alles sofort besitzen zu wollen.
Auch wenn es jedem Grundsatz des Kapitalismus widerspricht: An weniger kann man Gefallen finden, weil es nämlich von Ballast reinigt und eine Form von Freiheit schenkt. 
Natürlich ist es eine berechtigte Sehnsucht der Menschen, in Wohlstand oder gar Reichtum zu leben und ihren Besitz bewahren zu wollen. Märchen und Mythen handeln davon. Das antike Füllhorn gilt als Glückssymbol, das Schlaraffenland als Paradies der Völlerei und des Nichtstuns, der Märchenprinz als Traummann der armen Bauerntochter und Dagobert Duck, „die reichste Ente der Welt“, darf bis heute seine Milliarden als Trophäe des einzig wahren Lebenssinns hochhalten. 

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Doch nicht umsonst gibt es Warnfiguren, die durch Maßlosigkeit ins Verderben oder gar zu Tod geraten sind: König Midas zum Beispiel, der zum Verhungern verdammt war, weil alles, was er berührte, zu Gold wurde oder die Frau aus dem Märchen vom Butt, die auf dem Zenit ihrer Habgier wieder in ihren alten Pisspott verwiesen wurde.

Wider dem permanenten Wirtschaftswachstum

Es ein Dilemma unseres Zeitalters, in dem noch immer, trotz aller Kenntnis und Erfahrung, das permanente Wirtschaftswachstum als Garant für das Überleben der Erdbevölkerung und des Planeten gilt. Es ist flankiert von der fatalen Vorstellung: Krieg, Mord und Gewalt resultieren aus einer natürlichen menschlichen Veranlagung. Das muss der Andersdenkende halt hinnehmen.
Nichts ist hinzunehmen! Es geht beim Besinnen, was hoffentlich ein Umdenken wird, nicht nur um moralische Regenerierung. Es geht um Sein oder Nichtsein.

Kerstin Hensel, Jahrgang 1961, ist Professorin für Poetik an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch in Berlin. Sie hat zahlreiche Gedichte, Romane und Essays geschrieben. Im März 2020 erschien ihre Novelle „Regenbeins Farben“.

Die Schriftstellerin Kerstin Hensel
© picture alliance / dpa / Jens Kalaene
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