Seit 11:30 Uhr Musiktipps

Montag, 17.06.2019
 
Seit 11:30 Uhr Musiktipps

Lesart | Beitrag vom 15.01.2019

Literaturkritikerin Löffler zu neuen Büchern über Dystopien"Die Autoren wollen uns zum Umdenken zwingen"

Sigrid Löffler im Gespräch mit Joachim Scholl

Beitrag hören Podcast abonnieren
Eine Illustration zeigt eine Gruppe von roboterartigen Cyborgs, über ihnen schwebt ein Raumschiff (imago / Science Photo Library)
Düstere Zukunftsvision: Die Cyborgs kommen. (imago / Science Photo Library)

Im Frühjahr erscheinen Bücher, in denen es vor Untergangsfantasien nur so strotzt: Roboter, die uns die Arbeitsplätze wegnehmen, Überwachungsdiktatur und Überbevölkerung sind dabei nur einige Themen. Kritikerin Sigrid Löffler sieht darin auch Hoffnung.

Joachim Scholl: Die literarische Welt, sie wird durchrauscht von zig Trends, Themen, Moden. Gerne rauscht einem aber auch mal was durch. Und genau dafür haben wir seit einiger Zeit eine Wächterin engagiert, die aufpasst, was wir eventuell übersehen. Sigrid Löffler haben wir für dieses Amt gewonnen, eine der profiliertesten Kritikerinnen hierzulande. Sie ist im Studio, guten Tag!

Sigrid Löffler: Guten Tag!

Scholl: Frau Löffler, was ist Ihnen also jüngst aufgefallen, was wir Gefahr laufen, vielleicht zu übersehen?

Löffler: Seit einiger Zeit beobachte ich, dass die Zahl der Zukunftsromane stark zunimmt. Und auffallend viele Autoren malen sich aus, wie das Leben der Menschen auf diesem Planeten in Zukunft aussehen könnte. Allerdings sind das keine optimistischen Zukunftsbilder, keine großen Weltverbesserungsentwürfe, keine verheißungsvollen alternativen Gesellschaftsmodelle. Und vielleicht haben wir übersehen, dass die positiven Utopien völlig verschwunden sind. Und stattdessen erscheinen ständig neue negative Utopien, das sind sogenannte Dystopien. Und auch die Neuerscheinungen in diesem Frühjahr belegen das. Es wimmelt von Schreckensszenarien und von apokalyptischen Untergangsvisionen. Es herrscht Endzeitstimmung, Schwarzmalerei, Radikalpessimismus, wohin man schaut.

Scholl: Was ist denn der Grund für diese Tendenz, literarisch so schwarz zu sehen. Ich meine, die allgemeine Weltlage wäre wohl die nächstliegende Antwort. Ganz schlicht?

Löffler: Ja, Schriftsteller haben natürlich ein feines Gespür für Zeitstimmungen, für Themen, die in der Luft liegen, für Entwicklungen, die sich abzeichnen. Und sie reagieren empfindlich. Natürlich auch auf die bedrängenden Themen und die gefährlichen Trends unserer Zeit. Und in diesen Romanen manifestiert sich praktisch alles, wovor die Menschen heute die meiste Angst haben. Und in diesen Romanen ist bereits eingetreten, wovor die meisten von uns sich am meisten fürchten?

"Themen, die jeden wachen Zeitgenossen umtreiben"

Scholl: Was sind das denn für Themen, welche da den Autoren so besonders auf den Nägeln brennen?

Löffler: Alle Themen, die auch jeden wachen Zeitgenossen heute umtreiben. Wie sieht die postindustrielle Zukunft aus? Übernehmen Maschinen die Macht? Übernehmen Roboter die Arbeit? Gibt es einen ökologischen Kollaps, wenn die wichtigsten Ressourcen wie Erdöl oder Wasser zur Neige gehen, wenn Überbevölkerung und Artensterben unserem Planeten immer mehr zusetzen? Wird die Demokratie kollabieren unter dem Ansturm von radikalen Zerstörern? Gehen wir einer Überwachungsdiktatur entgegen? Wie würde eine totalitäre Onlinewelt aussehen, eine digitale Diktatur? Wohin kann die Genmanipulation führen? Also, diese Romane geben schlimme Antworten auf alle schlimme Fragen unserer Zeit.

Scholl: Entsteht dann vielleicht auch so eine Art kleiner Wettlauf um die schlimmste Zukunftsvision? Oder beispielsweise, wer ist denn der Erste, sich Englands Zukunft nach einem Brexit auszumalen?

Löffler: Ja, in der Tat, der erste Brexit-Roman ist auch schon angekündigt, von dem britischen Autor John Lanchester. In seinem neuen Roman "Die Mauer" malt er sich ein Wagenburg-England aus, unter dem Einfluss des Klimawandels, rundum von einer Mauer umgeben. Und dahinter haben sich die Briten verschanzt aus lauter Angst vor den Leuten, die von außen reinkommen wollen. Und die Briten machen sich damit eigentlich auch selbst zu Gefangenen auf ihrer Insel, auf der bald umfassend auch nur Mangel herrscht.

"Diesen Dystopien wohnt auch eine Dialektik inne"

Scholl: Nun könnte man sagen – John Lanchester war vor einigen Tagen bei uns, und wir haben mit ihm auch schon über seinen Roman gesprochen, der erst Ende Februar erscheint. Aber auch natürlich jetzt zur anstehenden Entscheidung im britischen Unterhaus befragt, die Kollegen von "Studio 9" haben das vor zwei Tagen gesendet. Und da merkte man doch, ein Autor, der eine entschiedene gesellschaftskritische Haltung angenommen hat. Der hat ja auch Sachbücher geschrieben. Wäre das denn jetzt, Frau Löffler, vielleicht auch so die Wende, dass Schriftsteller sagen, es reicht nicht mehr, Romane zu schreiben, wir müssen die Welt retten.

Löffler: Na ja, so weit würde ich nicht gehen. Aber man muss schon bedenken, was diese Dystopien eigentlich bezwecken. Die gehören ja zur wahren Literatur. Sie zielen nicht darauf ab, den Leser zu entmutigen. Sie wollen ihn vielmehr aufrütteln. Und diese düsteren Zukunftsprognosen, die wir jetzt überall zu lesen bekommen, die sind ja kein Selbstzweck. Die malen die Katastrophe aus, um sie abzuwenden. Und bei all dem Pessimismus wohnt ja diesen Dystopien auch eine Dialektik inne. Die Autoren wollen uns zur Umkehr, zum Umdenken zwingen. Und sie dringen auf radikale Lösungen, möglicherweise auf weitaus radikalere Lösungen, als die Politiker es je wagen würden, zu denken.

Roman über die Zukunft der Arbeit

Scholl: Geben Sie uns doch noch einen kleinen Überblick über die Literatur, über die Autoren und Autorinnen, die Sie vielleicht hier besonders anführen würden. John Lanchester haben Sie schon genannt, Frau Löffler. Dieser Roman erscheint im Februar. Was erwarten wir noch? Von welchen Autoren, Autorinnen lesen wir denn in diesem Frühjahr Dystopien?

Löffler: Es gibt einen Autor namens Guse, der schreibt einen Roman namens "Miami Punk". Der ist deshalb so interessant, weil er sich ausmalt, wie die Zukunft der Arbeit sein wird. Er ist selbst Arbeitssoziologe, dieser Autor, und er hat ziemlich genaue Vorstellungen, wie die Arbeit verschwinden wird, wie sie von Robotern übernommen werden wird und wie die Menschen unter dem Einfluss dieser massenhaften Arbeitslosigkeit auch sich selbst und ihren Lebenssinn und ihren Lebenszweck verändern werden.

"Menschen, die einfach total online sind"

Scholl: Dann steht ein Buch von Sibylle Berg an. Das ist auch eine ganz scharfe Beobachterin eigentlich unserer Zeitläufte. "GRM: Brainfuck" heißt dieser Roman. Ziemlich drastisch. Worum geht es denn da?

Löffler: Ich kann da nur das referieren, was ich in den Prognosen gelesen habe, in den Programmvorschauen, dass das ein ganz massives Buch sein wird über das Thema der totalen Onlinevernetzung. Menschen, die einfach total online sind. Sie sind vernetzt mit ihrem Arbeitsplatz, sie sind vernetzt mit ihrem Haus, mit ihren Verkehrsmitteln. Sie sind natürlich vernetzt mit allen Behörden. Es gibt eigentlich keinen Menschen mehr, der für sich allein sein kann, weil er ununterbrochen auch unter Überwachung steht und nicht mehr ein eigenes Leben führt, sondern das Leben wird für ihn geführt. Das scheint mir auch eine sehr umfassende und sehr drastische Zukunftsvision einer totalitären Menschheitszukunft zu sein.

Scholl: Und dann gibt es noch etliche weitere internationale Autoren – Sie haben uns wieder eine schöne Liste gemacht, Sigrid Löffler. Marie Darrieussecq ist zum Beispiel dabei, Louise Erdrich, die große Amerikanerin. Und auch aus Japan, Ryo Murakami. Danke schön. "Was haben wir übersehen?"  – eine ganze Armada von literarischen Dystopien wird im Frühling in den Buchläden auftauchen, und Sigrid Löffler hat uns dafür eingestimmt. Auf bald.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Im Gespräch erwähnte Bücher:

John Lanchester: Die Mauer
Aus dem Englischen von Dorothee Merkel
Verlag Klett-Cotta, Stuttgart 2019
320 Seiten, 24 Euro
(Erscheint am 28. Februar 2019)

Juan S. Guse: Miami Punk
Verlag S. Fischer, Frankfurt/Main 2019
670 Seiten, 26 Euro
(Erscheint am 27. Februar 2019)

Sibylle Berg: GRM. Brainfuck
Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2019
592 Seiten, 24 Euro
(Erscheint am 11. April 2019)

Marie Darrieussecq: Unser Leben in den Wäldern
Aus dem Französischen von Frank Heibert
Secession Verlag, Berlin 2019
190 Seiten, 18 Euro
(Erscheint am 28. Januar 2019)

Ryu Murakami: In Liebe, dein Vaterland
Roman in zwei Bänden
Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe
Septime Verlag, Wien 2018 und 2019
460 und 500 Seiten, je 26 Euro
(Band 2 erscheint am 25. Februar 2019

Louise Erdrich: Der Gott am Ende der Straße
Aus dem Amerikanischen von Gesine Schröder
Aufbau Verlag, Berlin 2019
360 Seiten, 22 Euro
(erscheint am 15. März 2019)

Lesart

weitere Beiträge

Buchkritik

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur