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Fazit | Beitrag vom 12.03.2019

Literaturarchiv MarbachCelans bedeutsame Briefe an eine Unbekannte

Ulrich von Bülow im Gespräch mit Eckhard Roelcke

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Eine schwarz weiß Aufnahme des Lyrikers. (picture alliance / Willi_Antonowitz)
Einsam und fast ein bisschen orientierungslos in Paris: Paul Celan schrieb Briefe an eine unbekannte Frau während seiner Zeit in Frankreich (picture alliance / Willi_Antonowitz)

In Berlin wurde ein Konvolut bisher unbekannter Briefe von Paul Celan versteigert. Celan schrieb sie 1951 in Paris an eine Frau, die er Hannele nannte. Der Leiter des Marbacher Literaturarchivs, Ulrich von Bülow, bezeichnet die Briefe als "sehr interessant".

Eckhard Roelcke: Das Deutsche Literaturarchiv Marbach hat ein Konvolut von fünf unbekannten Briefen von Paul Celan aus dem Jahr 1951 in Berlin ersteigert und auch noch vier Gedichte, drei davon im Autograph. Als die Briefe vor kurzem auftauchten, waren die Celan-Forscher elektrisiert. Die "Neue Züricher Zeitung" sprach von einem faszinierenden Konvolut. Über die Bedeutung dieser Briefe möchte ich nun mit Ulrich von Bülow sprechen, er leitet das Archiv in Marbach. Herr von Bülow, guten Abend!

Ulrich von Bülow: Guten Abend!

Roelcke: Was macht die Briefe inhaltlich interessant? Warum hat das Literaturarchiv diese Dokumente ersteigert?

von Bülow: Ja, also, erst mal gibt es einen äußerlichen Grund. Wir haben schon seit vielen Jahren den Nachlass von Paul Celan hier in unserem Magazin, deshalb sind wir wie auch in ähnlichen Fällen immer bemüht, Ergänzungen zu erwerben. Aus Privatbesitz, von Auktionen und wo wir es eben bekommen können, damit alle Dokumente von Paul Celan an einem Ort versammelt sind und für die Forschung bereitliegen. Deshalb war es eigentlich klar, dass wir uns für dieses kleine, aber doch sehr wichtige Konvolut interessieren müssen. Wichtig sind diese Briefe nicht zuletzt darum, weil die Adressatin vollkommen unbekannt ist, wir wissen nicht, wer diese Hannele ist. Dass Celan in dieser Zeit einige Freundinnen hatte, das ist bekannt, aber diese Hannele kannte man bisher nicht. Und darüber hinaus ist es aber auch wichtig, was Celan in diesen frühen Jahren in Paris an die Hannele schreibt …

Roelcke: 1951.

von Bülow: Genau, das ist 1951, Sie müssen sich vorstellen, damals war Celan keineswegs ein berühmter Autor. Er hatte einen schmalen Gedichtband veröffentlicht, "Der Sand in den Urnen", aber gleich wieder einstampfen lassen, weil zu viele Druckfehler darin waren. Und er hatte einen Essay über den Maler Edgar Jené geschrieben – der Maler kommt hier auch vor. Und dann war er von Czernowitz über Bukarest und Wien nach Paris gegangen, schon im Jahr '48. Und 1951, in dem jetzt unsere Briefe handeln, 1951 war er also schon drei Jahre in Paris. Das ist aber erstaunlich, finde ich, er wohnt immer noch in Hotelzimmern, er klagt über Einsamkeit, ist auf Zimmersuche. Man würde denken, er ist gerade in Paris angekommen, aber es ist gar nicht so.

Vielerlei biografische Bezüge 

Roelcke: Ein 31-jähriger junger Mann, der wirklich ein bisschen einsam ist offenbar.

von Bülow: Ja, und fast ein bisschen orientierungslos. Aber natürlich, Celan ist damals schon ein großer Dichter gewesen und er weiß seine Situation auch in Worten auszudrücken. Celan schreibt: Ich habe das Gefühl, dass ich jetzt, wo ich entschlossen bin, mir die Welt so weit wie möglich vom Leibe zu halten, besser weiterkommen kann. Das ist eben sehr interessant in vielerlei Hinsicht, in vielerlei biografischen Bezügen, aber auch was Paris betrifft. Zufälligerweise interessiert uns das in Marbach im Moment gerade besonders, weil wir hier noch eine Ausstellung laufen haben, die trägt den Titel "Die Erfindung von Paris", es geht um deutsche Schriftsteller in Paris und wie sie über Paris geschrieben haben. Und jetzt, in diesen Briefen an die Hannele, da taucht folgender Satz auf: Ja, Paris muss man sich ebenso erfinden wie alles Übrige, sonst besteht es nicht. Das klingt so, als wenn er unseren Ausstellungstitel gekannt hätte oder wir seine Zeile, das ist aber nicht wahr, das ist parallel entstanden.

Roelcke: Also wäre es ganz ideal, wenn Sie das noch integrieren können oder eine Fortsetzung dieser Ausstellung machen könnten, aber das geht natürlich nicht.

von Bülow: Doch, das geht natürlich. Wir können es zwar nicht mehr in den gedruckten Katalog, der dem Publikum empfohlen sei, unterbringen, aber in der Ausstellung kann man das natürlich noch zeigen.

Ein Rotweinfleck auf einem Gedichtmanuskript des Schriftstellers Paul Celan. (picture alliance / dpa / Daniel Naupold)Gedichtmanuskript des Schriftstellers Paul Celan im im Literaturmuseum der Moderne in Marbach. (picture alliance / dpa / Daniel Naupold)

Roelcke: Bis Ende März ist die Ausstellung im Literaturmuseum der Moderne in Marbach zu sehen. Herr von Bülow, wie wichtig sind denn biographische Details bei der Lektüre der Werke, der Gedichte von Celan. Helfen die irgendwie beim Textverständnis?

von Bülow: Ja, also Celans Gedichte gelten ja allgemein als nicht einfach zu verstehen. Manche nennen sie surrealistisch, manche hermetisch. Es ist nur allerdings so, dass tatsächlich biographische Details eine große Rolle bei Celan spielen, der große Literaturwissenschaftler Peter Szondi, der hat das in einem Gedicht mal demonstriert, indem er gezeigt hat, dass dieses Sprachmaterial, was Celan dort benutzt, sehr präzise autobiographisch zu datieren ist, und auch manchmal so kleinere, unscheinbare Begebenheiten, die er in dem Fall in Berlin mal bei einem Besuch mal hatte, dass alles sowas in diesen Gedichten auftaucht wieder, natürlich in verfremdeter, verallgemeinerter, poetisierter Form. Und deshalb ist bei Celan, anders als bei anderen Lyrikern, es durchaus wichtig, die biografischen Details zu kennen. Ich weiß jetzt nicht, ob in diesen Briefen, ob die jetzt bestimmte Gedichte aus dieser Zeit erklären, aber möglich wäre es, weil es in anderen Fällen so ähnlich war.

Roelcke: Spannend wären natürlich die Gegenbriefe, also die Briefe von Hannele an Celan.

von Bülow: Ja, das wäre Spannend, aber die hat Celan dann offenbar nicht aufgehoben, denn sonst müssten sie bei uns gewesen sein. Es ist übrigens so, normalerweise kann man die Identität eines Briefpartners durch die Provenienz herausfinden. Wenn man einfach wüsste, woher kommen jetzt diese Briefe, man müsste ja eigentlich annehmen, letztlich aus dem Nachlass oder vielleicht sogar Vorlass dieser Hannele. Und dann könnte man also, wenn man wüsste, wer der Einlieferer bei der Auktion war, könnte man vielleicht ermitteln. In dem Fall ist es aber nicht so, denn es handelt sich tatsächlich um einen Zufallsfund. Ich kenne natürlich den Einlieferer nicht, aber ich weiß von Herrn Mecklenburg, der das Auktionshaus Stargardt leitet …

Roelcke: … in Berlin …

von Bülow: … in Berlin, genau. Von dem weiß ich, dass der Einlieferer keine Beziehung zu der Adressatin hat, sondern das, ich weiß nicht, in irgendeinem Buch oder irgendwie ganz zufällig gefunden hat, und man eben nicht sagen kann, wo es vorher war.

Großes Interesse unter Forschenden

Roelcke: Wie geht das jetzt weiter mit diesen Dokumenten, die jetzt nach Marbach kommen, wie muss ich mir das vorstellen? Gibt’s denn da Forscher, die dann gleich sagen, oh, mit denen möchte ich arbeiten, mit diesen Dokumenten?

von Bülow: Oh ja, in diesem Fall war es sehr der Fall. Es gibt nämlich eine Celan-Kennerin, Herausgeberin, Barbara Wiedemann, und sie bereitet gerade einen Briefband vor und war nun ganz interessiert daran, diese Briefe zu kennen und auch dann aufnehmen zu können. Und das ist nun natürlich möglich, denn die Auktion war ja heute erst, die Auktion geht morgen noch weiter. Die werden dann in den nächsten Tagen dazu kommen, die Dinge zu verschicken, und dann, in ein bis zwei Wochen, werden wir es sicherlich hier haben. Ja, und dann wollen wir diese Briefe natürlich auch gerne unserem Sponsor mal zeigen, denn man muss es ja auch mal erwähnen, aus eigener Kraft wären wir gar nicht in der Lage gewesen, diese Autographen zu erwerben; da hat uns die Krupp-Stiftung geholfen – und zwar, weil es im Vorfeld der Auktion einen kleinen Zeitungsartikel in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" gab, und die Krupp-Stiftung wurde darauf aufmerksam und hat sich wohl gedacht, ja, wir müssen helfen, dass diese interessanten Briefe in öffentlichen Besitz und für die Forschung gerettet werden.

Roelcke: Einige unbekannte Briefe von Paul Celan – und viele Fragen und Anregungen, die sich daraus ergeben. Das Deutsche Literaturarchiv Marbach ersteigert Briefe von Paul Celan, ein wertvolles Konvolut, dessen Bedeutung hat uns Ulrich von Bülow beschrieben, Leiter der Abteilung des Archivs in Marbach.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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