Literatur der 1970er

    Wilde Zeit der Selbsterkundung

    12:22 Minuten
    Die Autoren Lars Gustafsson, Elias Canetti und Uwe Johnson (von links) sitzen im Halbkreis um einen Tisch und diskutieren.
    Selbstreflexion: Sind Tagebücher noch zeitgemäß? Das fragten sich Uwe Johnson (rechts), Elias Canetti (Mitte) und Lars Gustafsson 1972 beim Literarischen Colloquium im ZDF. © KPA
    Moderation: Joachim Scholl  · 19.10.2021
    Audio herunterladen
    1968 wurde - mitten im gesellschaftlichen Aufbruch - der Tod der Literatur verkündet. Diese erfand sich in der Folge neu. Der Literaturkritiker Helmut Böttiger hat ein spannendes Buch über die literarischen 1970er-Jahre geschrieben.
    Die 1970er-Jahre waren eine spannende Dekade. Politisch und kulturell standen die Zeichen auf Befreiung und Aufbruch. Die 68er-Bewegung, Willy Brandt und seine Ostpolitik, der Nahostkonflikt und der Deutsche Herbst – all das prägte diese Zeit.
    Für den Literaturkritiker Helmut Böttiger stellt sie eine Zäsur dar: "1968 wurde im Kursbuch der Literatur Nummer 15 der Tod der Literatur verkündet." In der Folge sei eine ganz neue, anarchische Literaturlandschaft entstanden: "Man fing wieder bei null an. Und null, das war die eigene Subjektivität. Die war nämlich in der Phase der Politisierung vollkommen in den Hintergrund gerückt."

    Reflektieren über die eigenen Gefühle

    Doch nun stand plötzlich wieder die Frage im Raum: "Was ist eigentlich mit meinen Gefühlen?" Böttiger hat das zum Anlass genommen, ein Buch über dieses Jahrzehnt zu schreiben, das er zwischen 1968 und 1981 ansiedelt. Ein Jahr später wurde Helmut Kohl Bundeskanzler, und eine andere Zeit begann. Für ihn sind es "die Jahre der wahren Empfindung, eine wilde Blütezeit der deutschen Literatur".
    Böttiger hat sich bereits mit einigen literaturhistorischen Büchern hervorgetan, für seine "Geschichte der Gruppe 47" erhielt er den Preis der Leipziger Buchmesse. Nun also die 70er-Jahre.
    Ein gutes Beispiel für das neue Reflektieren über Emotionen ist für Böttiger etwa Peter Schneiders "Lenz" – die Geschichte eines jungen Intellektuellen in Berlin. Lenz ist Mitglied in verschiedenen linken Gruppen, fühlt sich aber mit deren politischen Stereotypen im Reden, Handeln und im Umgang miteinander bald nicht mehr wohl. Er entzieht sich und beginnt, sich mit seinem eigenen Innenleben auseinanderzusetzen.
    Die Mitglieder der "Gruppe 47" sahen in den 1970ern hingegen "plötzlich ein bisschen alt aus", sagt Böttiger. Autoren der Stunde seien beispielsweise Rolf Dieter Brinkmann oder Jürgen Theobaldy gewesen, während Literatur-Stars wie Günter Grass an Bedeutung einbüßten:
    "Günter Grass wuchtete sich noch einmal zu einem großen Danziger Roman hoch, 'Der Butt', Mitte der 70er-Jahre. Aber der war sehr umstritten. Die alte Aura von Grass war schon sehr abgebröckelt, auch durch seinen Eintritt für die Sozialdemokratie, was im Zeitalter der Spontis und des Alternativen doch ein bisschen ranzig zu werden schien."

    Johnsons Epochenroman "Jahrestage" war prägend

    Prägend sind dagegen aus Böttigers Sicht Romane wie Uwe Johnsons Epochenroman "Jahrestage". Eine spannende Wiederentdeckung sei Nicolas Borns "Die Fälschung" – später von Volker Schlöndorff mit Bruno Ganz in der Hauptrolle verfilmt: "Das ist ein Roman, der wirklich sehr weit in die Zukunft blickt und sehr vieles schon vorausgesehen hat, was man damals gar nicht für möglich hielt: Die Rolle und die Problematisierung der Medien und der eigenen Wirklichkeit, die durch die Medien geschaffen wird."

    Helmut Böttiger: "Die Jahre der wahren Empfindung: Die 70er - eine wilde Blütezeit der deutschen Literatur"
    Wallstein Verlag, Göttingen 2021
    473 Seiten, 32 Euro

    Mehr zum Thema