Seit 19:05 Uhr Oper
Samstag, 19.06.2021
 
Seit 19:05 Uhr Oper

Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 07.02.2014

Literarischer BerichtHilfe zum Sterben

Emmanuèle Bernheim: "Alles ist gut gegangen"

Von Hans von Trotha

Zwei Händepaare (dpa / picture alliance / Sami Belloumi)
Bernheims realer Bericht ist spannend, wie ein fiktionaler Stoff. (dpa / picture alliance / Sami Belloumi)

Ein schwerkranker Vater bittet seine Tochter, ihm beim Freitod zu helfen. Von den extremen Auswirkungen dieser Entscheidung erzählt die Schriftstellerin Emmanuèle Bernheim in ihrem persönlichen Bericht "Alles ist gut gegangen".

Über dem Ganzen schwebt ein deutsches Wort. Es fällt etwa in der Mitte des schmalen, locker gesetzten Bandes und lautet: Selbstbestimmung. Das ist es, was eine Schweizer Gesellschaft bis zum Ende bieten möchte, an die sich die Autorin wendet, nachdem ihr Vater ihr mitgeteilt hat, dass er "Schluss machen" will.

Das Thema Sterbehilfe ist kein Tabu mehr, bleibt aber heftig umstritten, wie die öffentliche Diskussion der letzten Monate wieder einmal gezeigt hat. Emmanuèle Bernheims Buch ist nicht etwa ein Beitrag zu dieser Debatte, sondern vielmehr ein sehr persönlicher literarischer Erfahrungsbericht, das Protokoll von erlebter Verantwortung und der dabei erlittenen Not einer Tochter, die dem Willen ihres Vaters nach Selbstbestimmung gerecht werden will. Das ist nicht einfach in unserer Gesellschaft - organisatorisch nicht, juristisch nicht und schon gar nicht emotional.

Man kann den alten Bernheim verstehen. Fast 89, Schlaganfall, Inkontinenz, Lähmungen. Und da war immer schon dieser melancholische Zug des homosexuell veranlagten Lebemanns, der im Krankenhaus den Pflegern hinterherschaut. Er hat sich entschieden und verlangt von der Tochter, ihm zu helfen. Eine Zumutung, der die sich nicht entziehen kann. Immerhin hat sie eine Schwester, Pascale, ihr ist das Buch gewidmet, sie steht ihr bei, weitgehend zumindest.

Emotional nicht sentimental

Emmanuèle Bernheim, Jahrgang 1955, ist ein versierter Profi im Beschreiben von Emotionen und im Evozieren von Bildern. Sie arbeitet als Drehbuchautorin ("Swimming Pool"), ihre bisher erschienenen Romane (zuletzt "Stallone", 2003) wurden vor allem in ihrer Heimat Frankreich gefeiert. Die vielerprobte Kunstfertigkeit schützt die Autorin weitgehend davor, den emotionalen Extremsituationen der persönlichen Geschichte allzu sentimental auf den Grund zu gehen. Eingebettet in die umtriebigen Monate der Erfüllung des letzten väterlichen Wunsches sind Erinnerungen an die Kindheit, die Familie, das Leben. Wie in einem wohl kalkulierten Drehbuch sind überraschend viele komische Momente gesetzt und absurde Situationen pointiert. Bernheim schreibt in knappen, klaren Sätzen, sie setzt auf Tempowechsel und auf das Gegeneinander von gefühlsgesättigten Reflexionen und akribisch notierten Details wie beispielsweise das flackernde Neonlicht im Krankenhaus. Überhaupt leuchtet sie ihre Szenen gern aus wie Filmsets, gerade dann, wenn es emotional ans Eingemachte geht.

Dass es "gut gehen" wird, verrät schon der Titel. Und doch ist das Buch spannend wie ein fiktionaler Stoff. Bernheim legt falsche Fährten, wenn es um die Frage geht, wer sie bei der Polizei angezeigt hat. Und die Fahrer des Krankenwagens, der den Todeskandidaten in die Schweiz befördert, wollen sich als gläubige Muslime dem Vorhaben im letzten Moment noch verweigern.

Die Spannung zwischen Professionalität und Intimität verleiht dem Text einen eigenwilligen Status und Charakter. Am Ende bleiben eher die Personen in Erinnerung als das Thema. Das macht den autobiografischen Bericht zum lesenswerten literarischen Versuch.

Emmanuèle Bernheim: Alles ist gut gegangen
Aus dem Französischen von Angela Sanmann
Hanser Verlag, Berlin 2014
208 Seiten, 18,90 Euro
Mehr zum Thema:
29.01.2014 | THEMA
Sterbehilfe - "Verschärfte Strafgesetze lösen nichts"
Philosoph Michael Quante über "personales Leben" und assistierte Suizide
29.01.2014 | THEMA
Sterbehilfe - "Nur akzeptieren bei einem Menschen, der alt und krank ist"
Schriftstellerin Noll: Kommerzialisierung muss verhindert werden
25.01.2014 | RADIOFEUILLETON - IM GESPRÄCH
Sterbehilfe - Begleitung auf dem letzten Weg
Gäste: Dr. Ralf J. Jox, Palliativmediziner, und Jens Spahn, CDU-Gesundheitspolitiker

App: Dlf Audiothek

Die neue Dlf Audiothek App ist ab sofort in den Appstores von Apple und Google zum kostenlosen Download erhältlich (Deutschlandradio)

Entdecken Sie mit der Dlf Audiothek die Vielfalt unserer drei Programme, abonnieren Sie Ihre Lieblingssendungen, wählen Sie aus Themenkanälen und machen daraus Ihr eigenes Radioprogramm.


Jetzt kostenlos herunterladen

Buchkritik

Jan Haft: "Heimat Natur"Die Geheimnisse des Engelsrotz
Cover des Buches "Heimat Natur: Eine Entdeckungsreise durch unsere schönsten Lebensräume von den Alpen bis zur See" von Jan Haft. (Deutschlandradio / Penguin Verlag)

Jan Haft gehört zu Deutschlands besten Naturdokumentaristen. Mehrfach hat der Biologe bereits die Natur in faszinierenden Nahaufnahmen auf die Leinwand gebracht. Sein Buch „Heimat Natur“ zum gleichnamigen Film ist ein Plädoyer für den genauen Blick.Mehr

weitere Beiträge

Literatur

Die Literaturkritik in der KritikWer bespricht wen?
Eine schwarze Brille liegt auf einem Stapel aufgeschlagener Bücher. (Unsplash / Tamara Gak)

Literaturkritik gibt es im Feuilleton und im Netz. Grün sind sich ihre Exponenten nicht immer. „Elektronisches Stammtischgeschnatter“ nannte Sigrid Löffler die Konkurrenz, die sich als moderner und aufgeschlossener begreift. Eine Debatte.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur