Preis der Leipziger Buchmesse

Katerina Poladjan für "Goldstrand" ausgezeichnet

Katerina Poladjan, Autorin des Buches:"„Goldstrand“", sitzt bei der Leipziger Buchmesse auf der Bühne.
Gewinnerin des Preises der Leipziger Buchmesse in der Sparte Belletristik: Katerina Poladjan. © picture alliance / dpa / David Hammersen
Katerina Poladjan hat mit ihrem Roman "Goldstrand" den Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Belletristik gewonnen. Im Bereich Sachbuch gewann Marie-Janine Calic mit „Balkan-Odyssee", den Preis für die beste Übersetzung erhielt Manfred Gmeiner.
Katerina Poladjan hat den Preis der Leipziger Buchmesse mit ihrem Roman "Goldstrand" gewonnen. Poladjan schickt die Leserinnen und Leser darin auf nur 160 Seiten auf eine Reise von Odessa über Rom bis zum titelgebenden sozialistischen Ferienort Goldstrand in Bulgarien. Im Mittelpunkt der Geschichte steht ein Regisseur, der auf der Couch einer rätselhaften Analytikerin auf sein Leben schaut. Daraus entspinnt sich in teils absurden Dialogen eine Geschichte des 20. Jahrhunderts und seiner Verwerfungen in Europa.
Meisterlich führe Poladjan vor, wie eine Biografie aus Selbstbefragung und Erfindung entstehe, aus Fabulieren und dem Umschiffen von Schmerz, urteilte die Jury. Ihre Sprache sei leicht und abgründig zugleich, ihre Hauptfigur betrachte sie mit Zuneigung und sanftem Spott, solange, bis das Bild eines Menschen entstehe, der sich auf einen Abschied vorbereite und selbst noch nicht wisse, wohin ihn die Reise führe.
Unsere Literaturkritikerin Miriam Zeh hält die Auszeichnung für mehr als gerechtfertigt. "Goldstrand" sei ein "absolut tolles Buch", lobt sie. Man könne es jederzeit mit Gewinn lesen, egal, ob man Vielleser sei oder Bücher nur gelegentlich zur Hand nehme. In der Sprache Poladjans stecke viel Lesefreude.

Lücke in der Exilforschung geschlossen

Der Preis der Leipziger Buchmesse im Sachbuchbereich wurde Marie-Janine Calic für „Balkan-Odyssee. 1933-1941. Auf der Flucht vor Hitler durch Südosteuropa“ verliehen. Die Region sei bislang in der Exilforschung kaum beachtet worden – Calic habe eine Lücke geschlossen, urteilte die Jury. In ihrer enormen und akribischen Recherche erzähle sie die wechselvolle Geschichte der Balkanroute anhand vieler Einzelschicksale, erschließe politisch-historische Zusammenhänge und zeige den Balkan als Region der Hoffnung und des Übergangs.

Übersetzung mit spielerischer Eleganz

Den Preis für die beste Übersetzung erhielt Manfred Gmeiner für die Übertragung von „Unten leben“ des Autors Gustavo Favéron Patriau aus dem Spanischen. Gmeiner habe die labyrinthische Erzählung mit spielerischer Eleganz übersetzt, ohne jemals den Blick auf ihre eigensinnigen Figuren, die literarischen Querverweise und das magische Funkeln der Poesie zu verlieren, hieß es.
Die Shortlist für den Leipziger Buchpreis war in der Belletristik in diesem Jahr von Autorinnen dominiert worden. Die Jury hatte mit Helene Bukowski, Anja Kampmann, Katerina Poladjan und Elli Unruh vier Frauen auf die Liste gesetzt. Der einzige nominierte männliche Autor kam mit Norbert Gstrein aus Österreich.
Kampmann und Poladjan waren Bekannte auf der Shortlist, sie waren schon mit vorherigen Büchern für den Preis nominiert worden. Gstrein ist ein vielfach ausgezeichneter Autor, unter anderem hat er den österreichischen Buchpreis erhalten. Die 1993 geborene Bukowski zählt zu den jüngeren Autorinnen. Unruh hatte es mit ihrem Debütroman in die Auswahl geschafft.
In diesem Jahr hatten 177 Verlage 485 Werke eingereicht. Die Auszeichnung wird traditionell am ersten Tag der Leipziger Buchmesse verliehen. Sie ist mit insgesamt 60.000 Euro dotiert - je 15.000 Euro gehen an den Sieger oder die Siegerin der jeweiligen Kategorie, zudem erhalten die Nominierten jeweils 1.000 Euro.

Nominierte Romane

Helene Bukowski: „Wer möchte nicht im Leben bleiben“
In ihrem dritten Roman erzählt Bukowski von einer jungen Pianistin, die aufgerieben wird zwischen dem Ehrgeiz des eigenen Vaters und den Förderinstitutionen der DDR  – bis sie sich mit nicht einmal Mitte Zwanzig das Leben nimmt. Ein atmosphärisch dicht erzählter Roman.

Norbert Gstrein: „Im ersten Licht“
Norbert Gstrein hat mit „Im ersten Licht“ einen Roman über das 20. Jahrhundert geschrieben. Wie stets bei dem 1961 geborenen Österreicher geht es trick-, finten- und wortreich zu, wenn Gstrein seinen kriegsbegeisterten Helden durch die Jahrzehnte begleitet.

Anja Kampmann: „Die Wut ist ein heller Stern“
Anja Kampmann lässt in „Die Wut ist ein heller Stern“ in lyrischen Fragmenten ein Panorama der frühen Jahre des Nationalsozialismus entstehen, und das in einem ungewöhnlichen Milieu: Setting des Romans ist das Hamburger Varieté- und Arbeitermilieu.

Katerina Poladjan: "Goldstrand"
Katerina Poladjan gelingt es in „Goldstrand“, ein ganzes Jahrhundert mit seinen Brüchen und Migrationsgeschichten zwischen Odessa und Rom auf noch nicht einmal 200 Seiten zu entfalten: verknappt, mit filmähnlichen Schnitten, dabei überraschend leicht und humorvoll.
Elli Unruh: „Fische im Trüben“
Elli Unruh, geboren 1987 in Kasachstan und in Deutschland aufgewachsen, erzählt von der mennonitischen Minderheit in Kasachstan und den Zumutungen, denen die Glaubensgemeinschaft durch den sowjetischen Apparat ausgesetzt ist. Dafür hat Unruh eine klare, bildhafte Sprache gefunden.

Nominierte Sachbücher

Der Preis der Leipziger Buchmesse würdigt als einzige große Branchen-Auszeichnung auch Sachbücher und Übersetzungen. In der Sachbuch-Kategorie waren folgende Werke nominiert:
Marie-Janine Calic: „Balkan-Odyssee. 1933-1941. Auf der Flucht vor Hitler durch Südosteuropa“
Die Flucht vor den Nationalsozialisten führte Juden, Homosexuelle, Kommunisten und andere Verfolgte und Regimegegner auch nach Südosteuropa. Marie-Janine Calic schreibt über die erste Balkan-Route und erzählt Geschichten über Mut, Elend, Rettung und Untergang.

Ines Geipel: „Landschaft ohne Zeugen. Buchenwald und der Riss der Erinnerung“
In Ines Geipels neuem Buch geht es um Schuldverstrickung in der NS-Zeit, um unbewältigte Traumata und die Notwendigkeit der Erinnerung als Voraussetzung für ein ostdeutsches Geschichtsbewusstsein. Im Blick hat sie dabei das immer noch schwierige Verhältnis zwischen Ost und West.

Jan Jekal: „Paranoia in Hollywood. Wie die USA exilierte Künstler erst retteten und dann verfolgten. 1941-1953“
Hollywood als Sehnsuchtsort der Exilierten und als Ort der Überwachung, vom „Weimar am Pazifik“ zur McCarthy-Ära zur Gegenwart: Was kann Popkultur, wenn Politik repressiv wird?

Ulli Lust: „Die Frau als Mensch 2: Schamaninnen“
Jäger und Sammlerinnen? Über die Frühgeschichte kursieren stereotype Geschlechterbilder. Ulli Lust zeigt in ihrem aufwändig recherchierten Comic „Die Frau als Mensch“, dass unsere Vorfahren egalitärer lebten als gedacht.

Manfred Pfister: „Englische Renaissance“
Umbruch und Modernisierung verbindet der Anglist Manfred Pfister vor allem mit der englischen Renaissance. In seinem neuen Buch zeigt er, wie sich diese Begriffe in den verschiedenen kulturellen Feldern im 16. Jahrhundert entwickelten.

Nominierte Übersetzungen

Bei den nominierten Übersetzungen zeigte sich ein breites Feld an europäischen Sprachen:
Ulrich Faure aus dem Niederländischen: „Das Lied von Storch und Dromedar“ der Autorin Anjet Daanje
Tina Flecken aus dem Isländischen: „Eden“ der Autorin Audur Ava Olafsdottir
Manfred Gmeiner aus dem Spanischen: „Unten leben“ des Autors Gustavo Favéron Patriau
Timea Tankó aus dem Ungarischen: „Die Aussiedlung“ des Autors András Visky
Petra Zickmann aus dem Katalanischen: „Ich gab Dir Augen, und du blicktest in die Finsternis“ der Autorin Irene Solà
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