Preis der Leipziger Buchmesse 2026

Ästhetik gegen menschenfeindliche Systeme

Besucher strömen auf die Leipziger Buchmesse 2025. Ein Schild kündigt die nächste Ausgabe an.
Der Preis der Leipziger Buchmesse wird am ersten Messetag verliehen. © picture alliance / dpa / Jan Woitas
Ein Kommentar von Wiebke Porombka |
Die Shortlist in den Kategorien Belletristik, Sachbuch/Essayistik und Übersetzung des diesjährigen Preises der Leipziger Buchmesse steht fest. Die fünf nominierten Romane setzen sich mit der Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts auseinander.
Natürlich wird eine Shortlist nicht nach thematischen Gesichtspunkten kuratiert. Aber legt man die fünf Romane, die die Jury in der Kategorie Belletristik für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert hat, nebeneinander, dann entspinnt sich zwischen diesen Büchern ein faszinierendes Gespräch. Mit je eigenem ästhetischen Zugriff und eigener Perspektive erzählen diese Romane deutsche und europäische Zeitgeschichte des 20. Jahrhunderts. Und vor allem erzählen sie davon, wie politische Ideologien Biografien versehren, Familien auseinanderreißen, Menschen zermalmen.
Anja Kampmann lässt in „Die Wut ist ein heller Stern“ in lyrischen Fragmenten ein Panorama der frühen Jahre des Nationalsozialismus entstehen, und das in einem ungewöhnlichen Milieu: Setting des Romans ist das Hamburger Varieté- und Arbeitermilieu.
Katerina Poladjan gelingt es in „Goldstrand“ ein ganzes Jahrhundert mit seinen Brüchen, mit seinen Migrationsgeschichten zwischen Odessa und Rom in noch nicht einmal 200 Seiten zu entfalten: verknappt, mit filmähnlichen Schnitten, dabei überraschend leicht und humorvoll.

Die Leipziger Jury schließt eine Lücke

Sowohl Katerina Poladjans Roman als auch der Roman Anja Kampmanns sind bereits im Herbst erschienen und wurden beinahe durchweg begeistert aufgenommen. Mit Irritation, mitunter auch mit Verstimmung wurde deshalb im Herbst kommentiert, dass weder „Goldstrand“ noch „Die Wut ist ein heller Stern“ für die Longlist des Deutschen Buchpreises nominiert waren. Hier schließt die Leipziger Jury also eine Lücke.
Auch Norbert Gstrein hat mit „Im ersten Licht“ einen Roman über das 20. Jahrhundert geschrieben. Wie stets bei dem 1961 geborenen Österreicher geht es trick-, finten- und wortreich zu, wenn Gstrein einen kriegsbegeisterten Helden durch die Jahrzehnte begleitet. Die Kriegsbegeisterung schöpft dieser Mann bezeichnenderweise vor allem aus Unkenntnis: Er selbst ist nie an der Front gewesen, weil sein Vater ihm – wohl absichtlich – mit einer Axt das Bein zerschlagen hat, um ihn untauglich, dafür aber lebendig zu wissen.

Die Überraschung: der Debütroman von Elli Unruh

Vergleichsweise überraschend ist dagegen die Nominierung des Debüts „Fische im Trüben“ von Elli Unruh, ebenfalls ein Titel aus dem Herbst vergangenen Jahres, der im Programm des kleinen, seit mehr als vier Jahrzehnten unkorrumpierbaren Transit Verlags erschienen ist.
Elli Unruh, geboren 1987 in Kasachstan und in Deutschland aufgewachsen, erzählt von der mennonitischen Minderheit in Kasachstan und den Zumutungen, denen diese Glaubensgemeinschaft durch den sowjetischen Apparat ausgesetzt ist. Dafür hat Unruh eine klare, bildhafte Sprache gefunden, die sie allerdings durch russische Einsprengsel und vor allem durch Wendungen aus dem Plautdietschen, dem Dialekt der Mennoniten, zu einer eigenwilligen Kunstsprache verdichtet. Mit dieser Nominierung hebt die Jury einen Titel hervor, den es noch zu entdecken gilt.
Unbedingt entdecken sollte man auch den fünften Titel auf der Liste, den dritten Roman von Helene Bukowski: „Wer möchte nicht im Leben bleiben“.
Bukowski erzählt von einer jungen Pianistin, die aufgerieben wird zwischen dem Ehrgeiz des eigenen Vaters und den Förderinstitutionen der DDR  – bis sie sich mit nicht einmal Mitte Zwanzig das Leben nimmt. Ein atmosphärisch dicht erzählter Roman, was erst einmal erstaunlich scheint, weil die Autorin ihre Auseinandersetzung mit dem historischen Material immer wieder nicht nur transparent macht, sondern zum wesentlichen Element ihres Erzählens werden lässt.
Fünf Romane also sind das, die die Kritik an politischer Ideologie, an menschenfeindlichen Systemen vermittels ästhetischer Eigenwilligkeit zur Sprache bringen. Dass man jeden dieser Romane deshalb auch als Kommentar zur unmittelbaren Gegenwart und deren weltpolitischen Verwerfungen lesen kann, liegt auf der Hand. Ihre gemeinsame Stärke besteht darin, dass sie diesen Kommentar nicht ausbuchstabieren.

Die Nominierungen im Überblick

In der Kategorie Belletristik sind nominiert:
  • Helene Bukowski für „Wer möchte nicht im Leben bleiben“
  • Norbert Gstrein für „Im ersten Licht“
  • Anja Kampmann für „Die Wut ist ein heller Stern“
  • Katerina Poladjan für „Goldstrand“
  • Elli Unruh für „Fische im Trüben“
In der Kategorie Sachbuch/Essayistik sind nominiert:
  • Marie-Janine Calic für „Balkan-Odyssee, 1933–1941. Auf der Flucht vor Hitler durch Südosteuropa“
  • Ines Geipel für „Landschaft ohne Zeugen. Buchenwald und der Riss der Erinnerung“
  • Jan Jekal für „Paranoia in Hollywood. Wie die USA exilierte Künstler erst retteten und dann verfolgten. 1941–1953“
  • Ulli Lust für „Die Frau als Mensch: Schamaninnen“
  • Manfred Pfister für „Englische Renaissance“

In der Kategorie Übersetzung sind nominiert:
  • Ulrich Faure für die Übersetzung aus dem Niederländischen von „Das Lied von Storch und Dromedar“ von Anjet Daanje
  • Tina Flecken für die Übersetzung aus dem Isländischen von „Eden“ von Auður Ava Ólafsdóttir
  • Manfred Gmeiner für die Übersetzung aus dem Spanischen von „Unten leben“ von Gustavo Faverón Patriau
  • Timea Tankó für die Übersetzung aus dem Ungarischen von „Die Aussiedlung“ von András Visky
  • Petra Zickmann für die Übersetzung aus dem Katalanischen von „Ich gab dir Augen, und du blicktest in die Finsternis“ von Irene Solà