Christina heißt die angehende Pianistin in Helene Bukowskis Roman „Wer möchte nicht im Leben bleiben“. Als Elfjährige wird sie von Neubrandenburg aus auf eine Spezialschule für Musik mit angeschlossenem Internat nach Berlin geschickt. Als junges Mädchen studiert sie dann am Tschaikowski-Konservatorium in Moskau. Mit nicht einmal Mitte 20 wird sie sich das Leben nehmen. Im Jahr 1985 springt sie aus dem Fenster der elterlichen Wohnung.
Mit der Figur im Gespräch
Helene Bukowski nähert sich ihrer Figur mit aller Vorsicht. Zu dieser Behutsamkeit mag die 1993 geborene Autorin, die in Berlin und in der Niederlausitz lebt, nicht allein das Thema, der Suizid einer jungen Frau, angehalten haben, sondern auch die Tatsache, dass es sich bei Christina nicht im eigentlichen Sinne um eine Figur handelt, wenngleich sie natürlich im Zuge der Fiktionalisierung zu einer wird. Es gibt für die junge Frau, die die Erzählerin immer wieder als ein „Du“ anspricht, ein historisches Vorbild.
Am Telefon hatte mich meine Großmutter gebeten, eine Bekannte von ihr zu treffen. Siglinde habe vor Kurzem einen Nachlass sortiert und sei dort auf ein Leben gestoßen, das erzählt werden müsse.
Die Erzählerin – die man in diesem Roman getrost mit der Autorin gleichsetzen kann, vollkommen unabhängig davon, ob Details variieren – fährt zu der Anruferin nach Neubrandenburg, angetrieben auch von einem Impuls, der mit der Verstorbenen nichts zu tun hat.
Die eigene Mutter stammt aus Neubrandenburg, und die Erzählerin selbst ist gerade verliebt in einen Mann, der ebenfalls dort aufgewachsen ist und dem sie durch den Besuch in der Stadt näherzukommen hofft.
Ein Nachlass wird in eine Erzählung gegossen
Ordner, Kassetten und Fotoalben gehen in die Hände der Erzählerin respektive der Schriftstellerin über. Der Umgang mit den Zeugnissen von Christinas Leben, die Verwandlung von historischem Material in eine Erzählung wird zum poetologischen Prinzip dieses Romans.
Helene Bukowski erzählt, dass sie erzählt und wie sie erzählt. Dazu gehört auch, dass sie sich selbst mit ihren Erfahrungen und ihrem Begehren in die Fiktion hineinschreibt. Und dass sie sich immer wieder an ihre Figur wenden, ins Gespräch treten möchte.
Deine Geschichte muss mit diesem Klavier beginnen. Ich stelle es an den Anfang und helfe den fluchenden Männern, die es das Treppenhaus hinauf, in die Wohnung deiner Eltern tragen. Fast wäre es uns aus den Händen gerutscht, dein Vater wachsam in unserem Rücken. Dann endlich haben wir es geschafft. Das Klavier steht an seinem Platz. Dein Vater zählt uns das Geld in die Hände, bringt uns zur Tür.
In einer anderen Szene aus der frühen Kindheit wirft der Vater das Reisig, das das Mädchen im Wald gesammelt hat – herumstreunend, absichtslos, in kindliche Fantasien versunken – kurzerhand in den Ofen und scheint damit einen der raren Momente zu vernichten, in denen Christina noch nicht den Prinzipien von Leistung und Optimierung ausgesetzt war.
Dieses ästhetische Prinzip von „Wer möchte nicht im Leben bleiben“ ist auch ein moralisches. Das Mädchen, später die junge Frau soll nicht in ein weiteres System gepresst, einer weiteren Kraft ausgeliefert sein: dem Imaginationskorsett der Erzählerin. Deshalb wird dieses immerzu aufgebrochen, mit maximaler Luftigkeit versehen. Denn Kräften, die auf sie einwirkten und die ihre Suizid-Entscheidung mindestens antrieben, ist Christina schon zur Genüge ausgesetzt.
Das tragische Ende ist vorgegeben
Dem Ehrgeiz des eigenen Vaters, dem die Stelle als Tenor an der Leipziger Oper gekündigt worden war, weil er allzu beharrlich auf bessere Arbeitsbedingungen gepocht hatte, und der nun all seine musikalischen Ambitionen unerbittlich auf die begabte Tochter überträgt. Der systematischen Begabtenförderung der DDR, die in der Musik ebenso griff wie im Sport. Und schließlich auch dem eigenen Körper. Offenbar litt Christina unter einer schweren Form von PMDS, der prämenstruellen dysphorischen Störung.
Indem Helene Bukowski ihre Zuschreibungen, ihre Erfindungen, die sie natürlich vornehmen musste, um dieses Leben erzählen zu können, immer wieder als solche offenlegt, sie manchmal wieder zurücknimmt, sie als Versuche kenntlich macht, lässt sie dem historischen Menschen ebenso wie der fiktiven Figur die größtmögliche Freiheit. Wenngleich natürlich die tragische Unentrinnbarkeit, der Sprung aus dem Fenster des Neubrandenburger Scheibenhochhauses, durch die historischen Umstände vorgegeben ist.
Und womöglich liegt es auch daran, dass Bukowski beziehungsweise ihre Erzählerin immer wieder – in der Realität des Textes – versucht, Christina vor Zumutungen zu bewahren, dass nicht trotz, sondern wegen der beständig präsenten Meta-Ebene des Erzählens, die man ja auch leicht mit Distanz und Künstlichkeit assoziieren könnte, eine bezwingende, empathische Nähe diesen Roman grundiert, der man sich in der Lektüre kaum entziehen kann.
Verwahrlosung im Musikinternat
Besonders eindringlich geschieht das in den Schilderungen des Alltags im Musikinternat, dem sich Christina und andere musikalisch begabte Elfjährige ausgeliefert sehen und der durch den Kontrast zu den schönen Künsten, um die es in den Übungsräumen geht, eklatanter kaum aufstoßen könnte. Eine systematisch anmutende Verwahrlosung.
Die Jahre in Moskau als junge Studentin am Tschaikowski-Konservatorium hingegen lesen sich als Abenteuer, als Aufbruch, die Karriere als Pianistin zum Greifen nah. In den Klavierszenen, die Bukowski zu überwältigenden Naturerlebnissen macht, fällt aller Druck des Systems von Christina ab.
Die Töne tasten in den Raum hinein, breiten sich aus, schieben sich zu dunklen Felsen zusammen, werden von einem Meer überspült. Muscheln und Steine folgen der Strömung. Am Horizont berührt der Himmel die Kante des Wassers. Blitze zucken lautlos, leuchten nach.
Der Fall kommt abrupt. Ein verlorener Wettbewerb, ausgerechnet gegen Sascha, den Konkurrenten, von dem Christina bereits kurz zuvor eine andere große Kränkung hat hinnehmen müssen. In ihn ist der junge Mann verliebt, nach dem Christina sich seit Monaten sehnt.
Die letzten Monate als fiebernder Albtraum
Bald erfolgt die Rückbeorderung nach Berlin durch das Kulturministerium, wo bei ihrem neuen Klavierlehrer Mauser plötzlich nichts mehr von dem zählt, was ihre Moskauer Klavierlehrerin ihr beigebracht hat.
‚Hier in Berlin sind wir weiter als die Russen‘, sagt er in der Woche darauf. Dein Studium am Konservatorium hat für ihn keinen Wert. Wie hättest du gegen Mauser aufbegehren können, wo du doch abhängig warst von seiner Gunst?
Die letzten Monate im Leben von Christina erzählt Helene Bukowski als fiebernden Albtraum. Wenngleich das Gegenteil der Fall ist: Christina, schließlich zurückgekehrt nach Neubrandenburg in die elterliche Wohnung, kann nicht mehr schlafen, verliert mehr und mehr den Halt.
Zwischenzeitlich war ihr ein eigenes Haus in Aussicht gestellt worden, keine Karriere auf großen Bühnen zwar, stattdessen immerhin ein ungestörter Raum für einen Flügel. Aber auch diese letzte Ausflucht verpufft.
Helene Bukowski hat sich minuziös hineingehört, -gedacht und -gelesen in ein Leben, in eine junge Künstlerinnenkarriere, in ein Kapitel der DDR-Geschichte - und uns, bei aller Tragik des Stoffs, mit einem berückenden und beglückenden Roman beschenkt.