Strukturschwache Regionen

    Der Dorfretter

    06:40 Minuten
    Ein Mann mit grauen Haaren, Brille, Schnauzer und Kinnbart sitzt mit gefalteten Händen vor dem Schild eines dorfladens.
    "Nid mulle, mache" ist die Devise von Heinz Frey. Damit ist er weit gekommen. © Christian Klant/Heinz Frey
    Von Felicitas Boeselager · 07.04.2022
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    Alle ziehen in die Stadt, auf dem Land fehlen die Menschen. Heinz Frey weiß, wie totgeglaubte Orte wieder zum Leben erweckt werden: mit einem Dorv-Zentrum. Das steht für "Dienstleistung und ortsnahe Rundum-Versorgung".
    „Das hier ist das Kernstück. Das heißt, wir haben da Wurst und Fleischwaren, Brot und da den Schneideautomaten. Sodass ich von hier aus im Prinzip alles bedienen kann“, sagt Heinz Frey.
    Frey führt durch das sogenannte Dorv-Zentrum in Barmen. Einem Ort mit knapp 1.300 Einwohnern bei Jülich im Westen von Nordrhein-Westfalen. Dorv mit "v" geschrieben, denn Dorv steht für Dienstleistung und ortsnahe Rundum-Versorgung.
    Das Dorv-Zentrum ist im alten Gebäude der Sparkasse untergebracht, die bereits vor 20 Jahren ihre Filiale in Jülich-Barmen schloss. Die letzte Einrichtung, die das Dorf verließ.

    Mehr als ein paar Dosen Erbsen im Regal

    Eine Entscheidung, die die Menschen im Ort damals erst wütend machte, erinnert sich der 67-Jährige: „Und dann haben wir überlegt, was tun? Tun heißt aber nicht nur meckern. Das ist meine Devise: Nid mulle, mache. Also anpacken.“
    Gemeinsam mit vier Mitstreitern hat Heinz Frey in Orten in ganz Europa recherchiert, um zu erkunden,  welche Erfahrungen diese im Engagement gegen das Dorfsterben gemacht haben: "Wir haben dann ziemlich schnell erkannt, dass es keinen Sinn macht, nur ein paar Dosen Erbsen ins Regal zu stellen, sondern dass es mehr sein muss", sagt Frey.
    Und so entwickelte er mit seinen Kompagnons den Laden, der noch heute Dorv-Zentrum heißt und fünf Bedürfnisse gleichzeitig bedienen soll. "Lebensmittel, Dienstleistungen, Sozial-medizinische Versorgung, Kultur und Kommunikation an einer Theke, in einem Raum", erklärt Frey.
    Finanziert wurde das Ganze durch Sponsoring und sogenannte Bürgeraktien. Wer Aktien kauft, kann im Laden einkaufen. Das ist sozusagen die Rendite, sagt Frey.

    Klönen ist das Wichtigste

    Im Angebot sind frisches Fleisch, Käse, Schreibwarenbedarf oder Utensilien zum Putzen. Die Dorfbewohner können aber auch Pakete aufgeben oder an der Kasse Geld abheben.
    Und noch wichtiger, die Menschen kommen miteinander ins Gespräch. Dafür eignet sich auch das kleine Café, das sich direkt an den Laden anschließt.

    Das fängt damit an, dass man sich hier hinsetzen kann, eine Tasse Kaffee trinken kann, mit anderen reden kann, mit anderen klönen. Wir sagen hier im Rheinland, wir brauchen nicht nur was zu essen, wir brauchen auch was zu klönen.

    Heinz Frey

    Über den 1.FC Köln zum Beispiel, oder darüber, dass man Hilfe im Garten braucht. Auch die Dorfvereine treffen sich hier zu ihren  Sitzungen, auf einer Leinwand können gemeinsam Filme geschaut, der Raum kann für private Feiern angemietet werden. Zur Zeit hängen Fotos einer Ausstellung über den Strukturwandel im rheinischen Revier an der Wand.
    Die  Einnahmen des Cafés dienen zur Quersubventionierung  weiterer Angebote des Zentrums. Das kann die Vermittlung einer Putzhilfe sein oder "eine Hotline zu Stadt- und Kreisverwaltungen, wo wir dann Älteren zum Beispiel Hilfe geben können: Wo müssen sie hin, was wollen sie? Wir haben ein Schreiben. Dann rufen wir bei den Ämtern an und vereinbaren einen Termin", sagt Frey.
    Wenn der steht, dann kann das Team vom Dorv-Zentrum die Kunden sogar mit dem E-Bus zur Behörde fahren. Außerdem kann man Lebensmittel bestellen und sich liefern lassen – ein Angebot, das in der Corona-Pandemie besonders viel Anklang fand, berichtet Frey.

    Alle wollen ein Dorv-Zentrum

    Als sich sein Projekt herumsprach, meldeten sich viele andere Kommunen aus ganz Deutschland bei ihm und baten um Beratung für ähnliche Vorhaben: "Die hatten dann nach einer Stunde, nach zwei Stunden, wo wir ihnen das erklärt haben, was wir alles gemacht haben, Schweißperlen auf der Stirn und haben gesagt: Nein! Wie soll man das alles machen?"
    Also überlegte sich Frey mit seinem Team, wie sie die Barmener Erfahrungen für andere zugänglich machen können. "Und daraus ist dann eine Begleitung von Bürgerschaften, Kommunen und Initiativen entstanden, denen wir unsere Idee weitergeben. Und das haben wir dann übertragen in ein klar strukturiertes Verfahren. Wir haben das mittlerweile professionalisiert", sagt Frey.
    Mit seiner Beratungsfirma hat Frey mittlerweile dazu beigetragen, an mehr als 40 Orten in strukturschwachen Regionen lokale Zentren mit Läden, Sozialdiensten und Kulturangeboten zu schaffen. Eine anstrengende Arbeit oft bis tief in die Nacht. Was ihn dabei antreibt?

    Ich bin einfach überzeugt vom ländlichen Raum, und sehe da auch die Möglichkeit für einen gesellschaftlichen Wandel. Und ich sage, die Digitalisierung kann Wohnen und Arbeiten wieder zusammenbringen. Das ist eine riesen Chance für den ländlichen Raum, für die ich kämpfe.

    Heinz Frey

    Denn – davon ist Frey felsenfest überzeugt – wenn junge Familien aufs Land ziehen und die Eltern von dort aus zwei, drei Tage im Homeoffice arbeiten, gäbe es weniger Verkehr mit vielen positiven Folgen: "Das entlastet die Umwelt, das gibt aber auch Zeit, zwei bis drei bis vier Stunden am Tag für den Einzelnen, für  Familie, Beruf, Freizeit und Engagement. Und das letzte ist mir ganz besonders wichtig, das brauchen wir im gesellschaftlichen, im sportlichen und im politischen Bereich", sagt Frey.

    Auszeichnung für den Dorfretter

    Und deshalb geht auch das Dorv-Zentrum mit der Zeit. Bald soll es auch hier Plätze für mobiles Arbeiten geben.
    Mit seiner Beratungsfirma bewahrt Frey Dörfer vor dem Sterben. Das findet auch die Körber-Stiftung gut und zeichnet den 67-Jährigen im Juni mit einem Preis aus. Barmen bei Jülich profitiert seit 20 Jahren von seiner Idee, die im Dorf zu mehr Lebensqualität führt, davon ist Frey überzeugt: "20 Jahre heißt, die Idee kann nicht ganz falsch sein."

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