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Lakonisch Elegant | Beitrag vom 04.04.2019

Lakonisch Elegant#26 Ist Popkultur männlich?

Von Christine Watty und Johannes Nichelmann

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Der Sänger der Band Rammstein steht auf einer dunklen Bühne und streckt seine Zunge raus. Das Mikro hält er in der rechten Hand in frivoler Geste vor seinen Unterleib. (imago / Agencia EL UNIVERSAL EVZ Mexico )
Till Lindemanns Band "Rammstein" füllt gerade die Feuilletons. Befüllt werden die Seiten von Männern. (imago / Agencia EL UNIVERSAL EVZ Mexico )

Die Debatte um das aktuelle Rammstein-Video hat es wieder gezeigt: Musikjournalismus betreiben vor allem Männer. Wo sind eigentlich die weiblichen Stimmen in der Popkritik?

"Moralisten haben das Video nicht verstanden", schreibt Henryk M.Broder in der "Welt". "Sollen sie in ihrem Männerschweiß ertrinken, mir doch egal, in ihrem pubertären Krypto-Nationalismus", meint Felix Dachsel von "Vice" und Markus Schneider von der "Berliner Zeitung" findet: "Sie lieben Deutschland und seine Geschichte vielleicht nicht. Aber sie finden, dass sie toll aussehen." 

Ausgestellte Männlichkeit 

Keine Sorge, wir rollen nicht die gesamte Rammstein-Diskussion nochmal auf - aber dass sich am Ende in den Feuilletons lauter Männer über ein Video unterhalten haben, in dem es offenbar um viel ausgestellte Männlichkeit geht, das ist auffällig. Kaum eine weibliche Stimme weit und breit.

Ist das ein Einzelfall? Nein - in der Popkultur reden, richten, rezensieren weit überwiegend Männer. Das ist zwar nicht neu, aber auffallend beständig. 

Woran liegt das? Daran, dass "Jungs" immer noch eher Platten sammeln als "Mädchen"? Ist Nerdtum männlich? 

Und welche Folgen hat das? Welche Perspektiven fehlen, wenn Popkritik vor allem in Männergestalt daherkommt? Verpassen wir was?

Wie geht es den Musikjournalistinnen? Werden sie eigentlich ernstgenommen?

Frauen gleich exotisch

"Natürlich ist der Musikjournalismus ein männerdominiertes Feld", sagt die freie Journalistin Julia Friese. Sie ist genervt von männlichen Perspektiven auf die Musik von Frauen. "In diesem Monat finden wir ausnahmsweise mal zwei Künstlerinnen gut, dann vergleichen wir sie miteinander, weil das ja so exotisch ist, dass es zwei Frauen sind."

Frauen müssten sich, sagt die stellvertretende Chefredakteurin des Radiosenders "ByteFM", Diviam Hoffmann, auch häufiger die Fragen gefallen lassen, wer denn eigentlich ihre Musik produziert, wer das Video gedreht oder die Technik bedient hätte. 

"Krasses Missverhältnis"

Auch der Musikjournalist Martin Böttcher diagnostiziert ein "krasses Missverhältnis" von Männern und Frauen im Musikjournalismus. Einige seien über ihre Band zum Schreiben gekommen. Andere hätten aus der Fanperspektive zum Journalismus gefunden.

"Die einzigen, die Platten gesammelt haben, waren früher Männer. Frauen galten als Anhängsel", sagt Böttcher. "Die wollten sich nicht in dieses Nerdmäßige reinsetzen."

Diviam Hoffmann schätzt, dass bei "ByteFM" insgesamt 35 Prozent der Moderator*innen weiblich sind. "Die Nerdshows werden eher von Männern, die Magazine von Frauen moderiert."  

Zukunft des Musikjournalismus im Netz

"Wenn ich sage, dass der Musikjournalismus stirbt, dann meine ich Print", sagt Julia Friese. Die Zukunft des Musikjournalismus liege, wie generell in der Branche, in den neuen Erzählformen des Internets. Die Radiomoderatorin und Influencerin Salwa Houmsi beispielsweise mache es vor. Auf Instagram berichtet Houmsi für ihre knapp 19.000 Follower*innen vor allem aus der Deutsch-Rap-Szene.

Diviam Hoffmann findet: "Salwa Houmsi zeigt, wie das mit dem Musikjournalismus funktionieren kann. Wenn ich sie sehe, bin ich total ratlos und denke, ach so, so könnte man das ja auch machen. Wieso schafft die das so gut?" 

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