Donnerstag, 18.10.2018
 

Länderreport / Archiv | Beitrag vom 24.10.2014

Label-Gründer Richard Weize"Bekloppte halten die Welt am Leben"

Der Chef des Bear-Family-Labels hat seine Sammelwut zum Vollzeitjob gemacht

Von Ralf Bei der Kellen

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Richard Weize, Chef des Musiklabels Bear Family Records, steht in seinem Archiv. (picture alliance / dpa / Carmen Jaspersen)
Richard Weize, Chef des Musiklabels Bear Family Records, steht in seinem Archiv. (picture alliance / dpa / Carmen Jaspersen)

Vom tiefsten Flachland aus betreibt der Musik-Verrückte Richard Weize das international erfolgreiche Label "Bear Family Records". Seine Archivräume sind der Traum eines jeden Sammlers - und der Albtraum einer jeden Putzkraft.

"Achtern Dahl 4, 27729 Vollersode" - konfrontiert mit dieser Adresse versagt das Navi. Als die Meldung "Ihr Ziel befindet sich auf der linken Seite" auf dem Display des Navigationsgerätes erscheint, gucke ich auf ein abgemähtes Maisfeld, davor ein kleines Schild: "Helle Moorkartoffeln hier". Es gibt sie also noch, die Terra Incognita - und zwar in Niedersachsen, 50 Kilometer nördlich von Bremen: flaches Land, weiter Blick, Dörfer, in denen außer einem Landmaschinenhandel und einer Schießsportanlage nichts auf die üblichen Errungenschaften westlicher Zivilisation hinweist.

Die Gemeinde Vollersode hat keine 3000 Einwohner, die Auskunft, dass hier 62 Einwohner auf den Quadratkilometer kommen, hält der Städter schnell für übertrieben. Nichts lässt darauf schließen, dass sich ganz in der Nähe eines der Zentren der Musikindustrie befindet. Nur eben: finden müsste man es erstmal.

Autor: "Moin!"
Nachbar: "Moin."
Autor: "Ich suche Achtern Dahl 4."
Nachbar: "Hier gegenüber. Also, links ab und gleich die nächste rechts. Nummer 4 - Weize oder wer?"
Autor: "So isses."
Nachbar: "Das is das erste Haus auf der linken Seite."

800 Meter später parke ich vor einem alten Bauernhaus mit Nebengebäuden - die einzigen in Sichtweite. Das lebensgroße Bärenfamilien-Ensemble aus Holz im Hof lässt keinen Zweifel: "Sie haben Ihr Ziel erreicht."

"Was willst Du denn hier?"

Ich betrete einen schummrigen Raum, fast ein kleiner Saal, mit niedriger Decke, vollgestopft mit LPs, CDs, Tonbändern, Büchern und Erinnerungsstücken aller Art. Am Ende des Raums ein gigantischer alter Schreibtisch. Dahinter, nur von einer kleinen Schreibtischlampe erhellt, der Herr des Hauses - Richard Weize, 69 Jahre alt, angetan mit Latzhose, die grauen Haare zum Pferdeschwanz zusammengebunden.

Weize: "Moin."
Autor: "Moin!"
RW: "Was willst Du denn hier?"
Autor: (lacht) "Wir hatten doch telefoniert."
RW: "Ja? Und bist Du sicher, dass Du mit mir telefoniert hast? Ok..."

Sagt er - und widmet sich nach einer kurzen Frage, ob ich den Weg gut gefunden habe, wieder seiner Arbeit. Wenn ich Richard Weize nicht schon mal begegnet wäre und seine Arbeit nicht kennen und schätzen würde, dann wäre ich jetzt vielleicht pikiert. Und damit wären wir dann schon zwei.

"Meine Fresse, dieser ganze Scheiß hier, (ich hab') überhaupt kein Bock! Und hängt immer dann der ganze Mist an mir..." (hämmert auf sein Telefon ein)

Weize geht einer lästigen Arbeit nach: Rechte an Musikstücken klären.

"Richard Weize, einen schönen guten Morgen. Na junge Frau, ist denn der werte Gatte im Haus?"

"Ich bin der, der die Endarbeit macht."

Momentan bemüht er sich um die Genehmigung von 240 Titeln für ein neues Projekt. Dafür muss er kleine Labels ausfindig machen, von denen es viele gar nicht mehr gibt, er muss Platten und Masterbänder suchen - und möglichst schnell finden, denn: am 30. November muss das fertige Produkt bereits im Laden stehen.

"Ich bin dann der Geleimte. Verstehste, ich bin der, der die Endarbeit macht. Das ist genauso wie beim Hausbau - Leute wollen Weihnachten einziehen, jeder schlurt, und der Maler und der Teppichleger, die die letzten sind, das sind die in den Arsch gekniffenen - dass sind die, die am 24. Dezember um 18 Uhr, sind die noch im Haus und malen die Wände an. Weil die anderen alle nicht in die Hufe gekommen sind."

20 Angestellte hat der brummige Bärenvater um sich geschart. Dass sie es nicht immer leicht haben mit ihm, gibt er gerne zu. Manche von ihnen sind schon dabei, seitdem Weize die Firma 1975 in Bremen gründete.

Richard Weize sitzt vor einer Bärenskulptur. (picture alliance / dpa / Carmen Jaspersen)Richard Weize sitzt vor einer Bärenskulptur. (picture alliance / dpa / Carmen Jaspersen)

Die Welt ist eine Scheibe - das steht für den 1945 im niedersächsischen Bad Gandersheim geborenen Richard Weize schon früh fest. Mit zehn Jahren kauft er sich seine erste Schallplatte - "Rock Around The Clock" von Bill Haley. Von diesem Moment an ist er der Musik verfallen und beginnt zu sammeln. Platten sind teuer, aber: die Eltern haben eine kleine Buchhandlung, und Richard bekommt eine erste Ahnung vom Handel und von Vertriebswegen. Er macht sich schlau, wie man in Amerika LPs bestellt.

"Ich hab' für Freunde mitgekauft, und wenn ich dann so zehn Stück hatte, ich hab' bei jeder ne Mark draufgeschlagen, und bei zehn Stück hatte ich dann eine gratis, das heißt, ich hatte dann pro Sendung vielleicht zwei Stück gratis. Und die anderen, die waren begeistert, weil normal kostete eine amerikanische Importplatte 28."

Suchtbefriedigung zum Vollzeitjob gemacht

Bevor Weize diese Art der Suchtbefriedigung zu seinem Vollzeitjob macht, nimmt er aber noch einen Umweg: Der Mann, der bis heute nur Kaffee und Wasser trinkt, wird - ausgerechnet - Weinvertreter. Nach einem lauwarmen Start in Deutschland schickt man ihn 1966 nach England, wo er großen Erfolg hat. 1971 kommt er als wohlhabender Mann zurück, bringt sein Geld aber mit der Restaurierung alter Bauernhäuser durch. 1975 hat Richard Weize 100.000 Mark Schulden.

"Irgendwann hatte ich dann keinen Job, und hab mir dann ein neues Weingut gesucht, und da sollte ich im Herbst anfangen und das war Frühling und dann hab ich gedacht: Was machste in der Zwischenzeit? Und dann hab' ich gedacht, naja, verkaufste mal ein paar Platten oder versuchst das mal... und ich verdiente dann da in kurzer Zeit zumindest soviel, wie ich bei dem Weinladen vielleicht auch verdient hätte - wobei mir der Weinverkauf aber keinen Spaß machte."

Ein weiterer glücklicher Umstand beflügelt das Geschäft: Weize hat einen Kunden, der sich mit Computern auskennt. Für 60.000 DM erwirbt er Ende der 70er-Jahre einen der ersten Rechner, für den ein befreundeter Mathematikstudent ein spezielles Programm schreibt, mit dem Kundendatenbanken und der Versand effektiver als anderswo betreut werden können.

Zur selben Zeit schwappt die Country-Outlaw-Welle aus den USA nach Deutschland - Willie Nelson, Waylon Jennings und Merle Haggard sind gefragt und Country-Experte Weize empfiehlt und verkauft. Und bringt bald seine ersten Wiederveröffentlichungen alter Rock'n'Roll- und Country-Aufnahmen auf LP heraus.

"Kunden interessieren mich nicht, das geht mir am Arsch vorbei"

In den späten 80er-Jahren etabliert er mit aufwändigen Werkschauen einzelner Künstler und Anthologien einen Standard, der bis heute seines Gleichen sucht. Darunter sind auch Veröffentlichungen wie zum Beispiel die 11-CD-Box "Vorbei" mit Aufnahmen, die der jüdische Kulturbund in den 30er-Jahren machte. Weize dokumentiert. Auf die Frage, für wen er das alles macht, bekommt man eine unerwartete Antwort:

"Für mich, im Grunde. Kunden sind mir im Grunde... interessieren mich nicht. Das geht mir am Arsch vorbei. Ich mache niemals - niemals stimmt nicht, manchmal doch - aber im Grunde mache ich keine Veröffentlichungen unter dem Motto: Was gefällt. Wenn ich was mache und es gefällt den Leuten nicht, dann sag' ich halt Arschlecken, Idioten, und das war's. Was willste sonst mache - willste Dich immer an dem Publikumsgeschmack anpassen? Denn bist Du da, wo Du gar nicht hinwillst."

Auszeichnungen wie die Grammy-Nominierung oder der Echo oder die beiden Blues-Awards in den USA bedeuten ihm nicht viel. Auch, dass Bob Dylan alle Bear Family-Veröffentlichungen besitzt, fällt nicht ins Gewicht. Richard Weize ist monoman, er setzt Standards und diese Standards sind Gesetz. Er ist leidenschaftlich. Die Voraussetzung dafür war immer stets Sammeln. Wobei Weize für seine Passion klare Wort findet:

"Sammeln ist bekloppt. Das gibt's, das ist ohne Wenn und Aber - man muss sich bloß der Sache bewusst sein, dass es bekloppt ist."

Weizes Sammelwut manifestiert sich bis in die letzte Ecke seines Anwesens. So sitzen wir während des Interviews an einem Tisch, dessen Decke von dem Hund Nipper, dem Logo der britischen Plattenfirma EMI, geziert wird.

"Seit ein paar Monaten kauf ich diesen ganzen Nipper-Scheiß. Oder ich geh auf Flohmärkte. Ich kauf auf Flohmärkten kaum noch was, weil ich nichts mehr finde! Vor zehn Jahren hab ich tausend Sachen gekauft, Geschirr gekauft und dies und jenes... bloß mittlerweile haben wir soviel Geschirr, soviel können wir gar nicht essen!"

Der Albtraum einer jeden Raumpflegerin

Quod erat demonstrandum: Wir begeben uns auf einen Rundgang durch die geschätzten 3000 Quadratmeter Wohn-, Arbeits- und Archivraum. Der Traum eines jeden Sammlers, der Albtraum einer jeden Raumpflegerin.

"... und, wie Du dann hier siehst, ich sammle halt jeden Scheiß... so zum Beispiel ist hier ein Kinderplattenspieler, für Kleinkinder, hier nen Flipper, Jukeboxen, Jukeboxen, Jukeboxen..."

Hier in Vollersode arbeitet im oberen Stockwerk eines Nebengebäudes ein Teil der Bear Family-Mannschaft. Hier werden Bänder restauriert und überspielt, hier wird die Grafik gemacht, im Büro von Weizes dritter Frau Birgit stehen alle der über 1500 Veröffentlichungen des Labels. An den Wänden große alte amerikanische Filmplakate, oft mehr als ein mal zwei Meter groß ...

Richard Weize, Chef des Musiklabels Bear Family Records, steht in seinem Büro. (picture alliance / dpa / Carmen Jaspersen)Richard Weize, Chef des Musiklabels Bear Family Records, steht in seinem Büro. (picture alliance / dpa / Carmen Jaspersen)

Und dann geht es in das Archiv, das in einer ehemaligen Scheune untergebracht ist: Hier liegen unter anderem viele der Originalbänder, die Richard Weize über Jahrzehnte zusammengetragen hat – wobei er nicht wenige vor dem Weg auf die Mülldeponie rettete.

"... das sind hier also jetzt Masterbänder... Brenda Lee, die deutschen Bänder... oder hier: Rusty und Doug Kershaw - sagen die Dir was? Louisiana Man? Diggy liggy lala, diggy liggy lo?" Riesenhits gewesen... dies hier ist Bobby Lord... Mensch, was ich hier alles für'n Scheiß habe... (atmet tief ein) das glaubt kein Mensch!"

Und immer, wenn man denkt, jetzt sei man im letzten Winkel des Archivs angelangt, öffnet Weize eine weitere Tür - und noch mehr Bänder, LPs, CDs, Bücher, Film- und Konzertplakate, und Dokumente jeder Art kommen zum Vorschein.

"So, und das hier, was Du hier siehst in diesen Schränken, das sind alles Künstlerbezogene...das sind jetzt hier zum Beispiel die Aufnahmeunterlagen von Horst Wende, falls Du den noch kennst... das hier - Dein Lieblingssänger Gottlieb Wendehals... wo Du wahrscheinlich alles von zu Hause stehen hast... (Schubladen gehen auf und zu) Roy Black, ein anderer Deiner Lieblingssänger - guck' mal, wie viele Bilder ich von Roy Black habe... (Schubladen gehen auf und zu) alles ist Johnny Cash. Das alles. Und da drunter geht's noch weiter. Schriftlich, Fotos, Dias, und so weiter und sofort."

Ultimativer Ritterschlag von Cash

Von dem "Man in Black" stammt dann auch der ultimative Ritterschlag für Weizes Arbeit: Als ein Journalist in den USA Cash auf die drei Bear-Family-Box-Sets mit seinem Gesamtwerk von 1954 bis 1969 ansprach, soll er gesagt haben, er wisse auch nicht, warum seine CDs bei Sony nicht genauso gut klängen und aussähen. Vielleicht, weil Sony Music seine Headquaters nicht in Vollersode hat? Aber zurück zu Weizes Sammlung - in der sich nicht nur Musik befindet:

"Das ist ne Kegelbahn, die hat mir Herr Pollmann verkauft, der sagte zu mir: Du, ich hab' da auch noch ne Kegelbahn - drüben steht ja auch noch ne kleine - ich hab ne Kegelbahn, die will ich loswerden, die steht bei mir im Lager, willste die haben? Ich sach: jaja, aber dann musste die aufbereiten. Dann bereitete er mir die auf und dann stellte er mir dieses Riesenscheißding hierher... ich habe gedacht, das sei ne kleine... wie gesacht: hier muss mal ordentlich aufgeräumt werden... vielleicht mit einem Feuerzeug..." (lacht leise)

Autor: "Ich bin ... schwer beeindruckt."
Weize: "Das will ich hoffen."

Derart erschlagen von der Sammel- und Archivierwut dieses Mannes hätte ich fast vergessen, dass ich ja noch zum Lager und zur Verwaltung in das einige Kilometer entfernte Holste-Oldendorf will. Und da es auf dem Hinweg mit dem Navi nicht so ganz geklappt hat, malt mir Richard Weize schnell eine kleine Karte:

"Also ich sach' jetzt, das ist hier mal der Wald... und wenn Du hier reingefahren bist, fährst Du wieder auf die nächste Hauptstraße, das ist die, und hier im Wald... da ist Bear Family. Das ist das einzige Haus weit und breit. Du fährst hier also praktisch noch mal so 100 Meter und dann geht hier sonne Straße rein, da siehst Du schon sonne Lagerhalle."

Sagt's und geht zum Essen. Und ich mache mich auf den Weg. Knapp 90 Minuten und zwei Begegnungen mit stattlichem Dammwild später treffe ich dort ein - was nicht an Weizes Karte liegt, sondern am Orientierungsvermögen des Städters auf dem flachen Land. Immerhin habe ich bei meiner Wegfragerei erfahren, dass Helmut Schmidt 1942 in der Kirche des benachbarten Hambergen seine Loki ehelichte.

In Holste-Oldendorf ist viel Platz

Autor: "Moin!"
Mann: "Moin. Was kann ich für Sie tun?"
Autor: "Bei der Kellen, Deutschlandradio Kultur, ich wollte den Detlev sprechen."
Mann: "Den Detlev? Dann kommse mal mit..."

In einer Art Verwaltungsgebäude neben der Lagerhalle treffe ich Detlev Hoegen, seit 2004 als 3. Geschäftsführer bei Bear Family. Wenn der Mais abgeerntet ist, sagt Hoegen, könne man bis zur Erdkrümmung gucken. Für diese Umgebung gäbe es zwei Gründe. Erstens: ein solches Lager in Bremen zu unterhalten, wäre teuer. In Holste-Oldendorf dagegen ist Platz. Viel Platz. Zweitens: Bärenvater Weize liebt das Land. Ein Teil der Angestellten kommt aus den umliegenden Dörfern, die anderen müssen weiter fahren. Wer hierherkommt, weiß genau, was er will - oder er hat sich verirrt. Auch solche Besucher gibt es gelegentlich - und die machen sich dann auch schon mal über das Sicherheitssystem bemerkbar. Hoegen:

"Na, irgendwann ging dann der Alarm bei demjenigen los, der dann dafür zuständig war, sich gegebenenfalls drum zu kümmern ... und dann hat er seinen Rechner hochgefahren und dann sah er ein wunderschönes Bild, dann sah er nämlich, wie vier Schafsböcke draußen auf dem Parkplatz, wo tagsüber die Fahrzeuge stehen, in die Halle reinguckten und genau in die Kamera oben."

Noch ein Unterschied zu den großen Plattenfirmen: In Hambergen gucken die Schafsböcke zum Fenster hinein. Die Krise der Musikindustrie hat Bear Family bislang relativ unbeschadet überstanden - was daran liegt, dass die Kombination aus den bestklingenden Quellen und einer historisch akribischen Dokumentation in umfangreichen Booklets und Büchern eben alle Sinne anspricht. Die Marke hat sich zum Standard entwickelt, dem viele Käufer blind vertrauen.

"Das ist für ungeübte Ohren auch zum Teil harter Tobak"

Mit Angestellten über ihren Chef zu sprechen, ist immer ein heikles Unterfangen. Wenn Detlev Hoegen über Richard Weize spricht, klingt das so:

"Richard ist sehr individuell, Richard weiß genau, was er will, Richard ist sehr, sehr zielorientiert, Richard lässt sich von Dingen, die um ihn herum passieren, sehr, sehr ungern ablenken, sondern konzentriert sich mit einer unglaublichen Energie auf die Aufgaben, die er sich selbst gestellt hat und verfolgt radikal seine Ziele."

Oder, um es mit Weize selbst zu sagen: Wenn er sich ein Projekt in den Kopf gesetzt hat, geht er für dessen Verwirklichung letztlich über Leichen. Diese Motivation fasst Detlev Hoegen so zusammen:

"Ich möchte so viel in meinem Leben noch archivieren und für die Nachkommen und die Nachwelt bewahren von musikalischen Schätzen, die ansonsten niemand beachtet und die irgendwann einfach, ja, verschwinden im Zuge der immer schnellerlebigen Zeit."

Also ist Weizes Einstellung vielleicht doch nicht so monoman, wie er das gerne transportiert. Warum auch sonst sollte man musikalische Geschichte derart akribisch festhalten, wie zum Beispiel auf dem 44 CDs und zwei gebundene Bücher umfassenden Projekt "Black Europe".

In dieser Box sind sämtliche erhaltenen Aufnahmen von Menschen afrikanischer Abstammung versammelt, die vor 1920 in Europa aufgenommen wurden. Darunter auch 13 Aufnahmen von Pfarrer Josiah Ransome Kuti, dem Großvater des Afrobeat-Erfinders Fela Kuti. Ein Prestigeprodukt, das man mit 500 Euro quasi zum Selbstkostenpreis herstellte. Und das bestimmt kein Verkaufsschlager wird.

"Das ist Geschichte. Und das ist für ungeübte Ohren auch zum Teil harter Tobak. Qualitativ und natürlich auch von dem, was an Musik da drauf ist."

Lange Hin- und Rückfahrt für "Rogg 'n' Roll"

Wir gehen in die Lagerhalle, von wo aus der Versand organisiert wird, um uns eine der Black-Europe-Boxen anzusehen. Hoegen wuchtet eine von ihnen auf den Tisch.

Hoegen: "Fass das mal an, heb' das mal hoch mit einer Hand."
Autor: (stöhnt)
Hoegen: "Mmh."
Autor: "Weißt Du, was das Ding wiegt?"
Hoegen: "Keine Ahnung... sieben Kilo?"

Im Lager treffen wir Stefan, seines Zeichens Chefeinkäufer für Rockabilly, der zur Urmannschaft aus Bremen gehört. Über seinem Büro ein Schild: Hippies use side door. Wie Detlev Hoegen fährt auch er jeden Tag von Bremen nach Hambergen, eine Stunde hin, eine zurück. Aber das wäre eben, wie er es sagt, "Rogg 'n' Roll". Dass auch Stefan zur Riege der Überzeugungstäter gehört, sieht man ihm schon von weitem an.

Autor: "Seit wann bist Du tätowiert?"
Stefan: "Seit frühester Jugend. Is Subkultur, genau wie Rock'n'Roll."
Autor: "Kannste das mal kurz beschreiben?"
Stefan: " Das ist das Logo von Sun Records. Und da drunter steht "Grease Power', "Grease', das ist natürlich in Bezug auf die Haare und die Frisur hat das schon alles so seine Verbindung. Und der Rooster hier vorne, das ist ja eigentlich der Hahn, der im Sun-Logo sitzt, der kommt hier aber so'n bisschen symbolisch ... vorne ... aus der ... Tätowierung, ja."
Autor: "Und Harley Davidson und Bela Lugosi. Oder ist das Boris Karloff?"
Stefan: "Das ist Boris Karloff. Das ist das original eight by ten aus dem original, äh, Frankenstein Film. Und das (is) mein Motorrad. Ja. So sieht das aus. Denn ess' ich jetzt ma meine Nudeln ...Tschüss ..."

Kann ein Unternehmen wie Bear Family nur im Flachland existieren?

Auch ich verabschiede mich und fahre zurück - natürlich nicht auf dem direkten Weg - zu verlockend sind die Dörfer mit Namen wie Bullwinkel oder Paddewisch. Hier klärt mich eine Einwohnerin auf, der Name stamme vom plattdeutschen "Pad durch de Wisch" – also "Weg durch die Wiese".

In Hambergen angekommen - wo es neben den üblichen Supermärkten auch eine Kreissparkasse, eine Apotheke und eine Papeterie gibt - wirkt der Besuch bei Weize, Hoegen und Co. fast schon wieder unwirklich...

Und je weiter ich wieder Richtung Berlin fahre, desto mehr drängt sich der Gedanke auf, dass ein Unternehmen wie Bear Family vielleicht wirklich nur im Flachland existieren kann. Es mag ein Klischee sein, aber: So wie die Bauern hier seit Jahrhunderten dem Land ihre oft karge Existenz abtrotzten, so machen auch Bear Family Ihre Produkte: mit norddeutscher Sturheit. Oder, um es mit Richard Weize zu sagen:

"Wie gesacht: Entweder macht man was oder man macht nix. Und wenn man's angefangen hat, muss man's auch zuende bringen."

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