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Nachspiel | Beitrag vom 04.08.2019

Kurdischer Fußballklub AmedsporEin Verein gibt nicht auf

Von Susanne Güsten

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Ein junger Mann, in der rechten Hand mit einem Schal von Amedspor, die andere Hand zeigt das Siegeszeichen, tanzt vor mehreren anderen Männern in der südosttürkischen Stadt Diyarbakir zum kurdischen Neujahrsfest Newroz. Links neben ihm steht ein Mann mit einer großen Trommel. (Imago / Diego Cupolo)
Mehr als nur ein Fußballverein: Anhänger von Amedspor feiern am 21. März in Diyarbakir das kurdische Neujahrsfest Newroz. (Imago / Diego Cupolo)

Bedroht, bestraft, verprügelt: Die Anhänger von Amedspor haben es nicht leicht in der Türkei. Trotz aller Anfeindungen strömen sie zu tausenden ins Stadion, um ihr Mannschaft in Diyarbakir anzufeuern.

Ausgelassen und frenetisch ist die Stimmung beim Fanklub von Amedspor – wie überall in der Türkei, wenn es um Fußball geht. Im Klubhaus wärmen sich die Fans für ein Heimspiel auf, während sie auf den Bus zum Stadion warten.

Spannung vor dem Spiel

Im Hinterzimmer hantieren ein paar junge Männer mit Stoffballen und blicken sich verschwörerisch um, als die Türe aufgeht. Keiner der Anhänger da draußen solle sehen, was hier vorbereitet wird, sagt einer von ihnen:

"Das soll eine Überraschung sein. Das sollen sie erst im Stadion sehen. Das ist ein Transparent, auf Kurdisch! Das hat es noch nie gegeben. Wir haben es endlich geschafft, eine Genehmigung durchzusetzen. Heute werden wir die Fans mit einem kurdischen Transparent überraschen – das hoffen wir zumindest."

Ihsan Cetinkaya heißt der junge Mann, er ist Jurastudent und Vorsitzender des Fanklubs. Seit Monaten verhandelt er mit dem Polizeipräsidium von Diyarbakir über dieses Transparent, erzählt er.

"Wir müssen dem Polizeipräsidium vor jedem Spiel unsere Transparente vorlegen, für kurdische Transparente wurde die Genehmigung bisher immer verweigert – das sei verboten, hieß es immer. Aber für so ein Verbot gibt es keine gesetzliche Grundlage, es ist reine Willkür. Die großen Istanbuler Klubs wie Galatasaray und Fenerbahce dürfen auch englische Transparente aufhängen, das ist ja auch kein Türkisch. Wir haben in unseren Verhandlungen mit der Polizei gegen diese Willkür aufbegehrt, das hat nun endlich Früchte getragen."

Gelb als Vereinsfarben verbannt

Cetinkaya ist stolz und aufgeregt über diesen Erfolg. Auch wenn er es noch nicht ganz glauben will, bis das Transparent tatsächlich hängt.

Das wird das allererste Mal sein, dass ein kurdisches Transparent im Stadion hängt. Das erste Mal in der ganzen Türkei, vielleicht sogar in der Welt! Denkt mal, wir werden mit unserer eigenen Muttersprache im Stadion vertreten sein, das wird wunderbar – hoffentlich!

Draußen im Klubhaus ahnen die Fans noch nicht, dass dies ein historischer Tag werden könnte. Arm in Arm hüpfen sie ausgelassen herum, die meisten in Rot und Grün gekleidet, die Vereinsfarben von Amedspor. Einige tragen gelbe Schals dazu, was eigentlich nicht erlaubt ist, denn Rot-Grün-Gelb sind die kurdischen Farben.

Um vom türkischen Fußballverband anerkannt zu werden, musste Amedspor die Farbe Gelb aus seiner Trikolore streichen. Scherereien bereitet dem Verein auch sein Name: Amedspor – nach "Amed", dem kurdischen Namen der von Kurden bewohnten Millionenstadt Diyarbakir. Ali Karakas ist der Vereinsvorsitzende von Amedspor. Er seufzt, wenn er nach dem Vereinsnamen gefragt wird:

"Viele Leute machen ein Politikum daraus, aber eigentlich ist Amed einfach ein historischer Name von Diyarbakir. In der Türkei wird seit Gründung der Republik vieles verleugnet, alles ist umbenannt worden: die Berge, die Flüsse, die Städte. Aber wenn man Menschen etwas verbietet, dann wächst nur die Sehnsucht danach. Amed ist ein schöner Name, ein historischer Name, und er bindet die Fans viel stärker an den Verein als der frühere Name Diyarbakirspor."

Kurdische Stadtverwaltung

Diyarbakirspor hieß der Verein fast 50 Jahre lang, bis ein Vereinskongress im Juli 2015 entschied, ihn in Amedspor umzubenennen. Nur konsequent erschien das damals nach Jahren der Annäherung zwischen türkischem Staat und kurdischen Nationalisten.

Damals, im Sommer 2015, wurde Diyarbakir schon seit eineinhalb Jahrzehnten von einer kurdischen Partei regiert. Die Stadtverwaltung plakatierte ihre Bekanntmachungen zweisprachig auf türkisch und kurdisch; und der Name "Amed" stand über der Rathaustüre gleichberechtigt neben dem Namen "Diyarbakir". Im Rückblick erscheint der Zeitpunkt der Umbenennung fast tragisch, räumt Karakas ein:

"Das war genau die Zeit, als der Friedensprozess zusammengebrochen ist und wieder Kämpfe in der Region ausbrachen. Obwohl wir nur ein Fußballverein sind, wurden wir dafür verantwortlich gemacht: Bei Auswärtsspielen bekamen wir kein Hotel für die Mannschaft, und Restaurants verweigerten uns den Zutritt, wenn sie die Amedspor-Trikots sahen. Bei einem Spiel in Ankara wurden mehrere Mitglieder unserer Vereinsleitung verprügelt und übel zugerichtet. Es ist leider immer noch so in diesem Land, dass alleine der Name Amedspor ausreicht, um uns schweren Anfeindungen auszusetzen."

Wendepunkt in Friedenprozess

Von all dem konnte der Verein noch nichts ahnen, als er sich den neuen Namen gab. Vor allem nicht, dass ausgerechnet der Sommer 2015 den Wendepunkt in dem Bemühen um eine friedliche Lösung der Kurdenfrage in der Türkei markieren würde – den historischen Moment, als eine Serie von Anschlägen und Attentaten kurdischer und islamistischer Extremisten den Friedensprozess beendete.

Es dauerte nur ein paar Monate, dann wurde auch Diyarbakir vom Krieg erfasst. Monatelang tobten die Kämpfe zwischen PKK-Milizen und türkischer Armee im Winter 2015/16. Als sie vorüber waren, setzte Ankara die kurdische Stadtverwaltung ab, stellte die Stadt unter Zwangsverwaltung und ließ das Namensschild "Amed" am Rathaus abmontieren.

Politik im Stadion

Für die Fußballmannschaft ist jedes Auswärtsspiel seither ein Spießrutenlaufen, erzählt Mannschaftskapitän Mehmet Siddik Istemi:

"Bei jedem Auswärtsspiel werden wir angefeindet. Die Fans skandieren Slogans gegen uns. Sie schwenken türkische Fahnen, als wäre es ein Länderspiel. Sie sehen uns als Terroristenteam. Dabei sind wir nicht einmal alle Kurden. Bei uns spielen Profis aus der ganzen Türkei. Und mit Politik haben wir sowieso nichts zu tun, wir spielen einfach Fußball."

Istemi steht am Spielfeld in der Trainingsanlage von Amedspor am Rande der Stadt und sieht seinen Mannschaftskollegen beim Training zu. Er selbst muss wegen einer leichten Verletzung ein paar Tage pausieren.

Als Mannschaftskapitän trägt der 27-jährige ein schweres Erbe. Sein Vorgänger war der deutsch-türkische Spieler Deniz Naki, der im vergangenen Jahr vom türkischen Fußballverband auf Lebenszeit gesperrt wurde, nachdem ein Gericht ihn wegen umstrittener Facebook-Posts zur Kurdenfrage wegen Terrorpropaganda verurteilt hatte.

Nakis Vorgänger war wiederum Sehmus Özer, der im Dezember 2016 einen tragischen Tod starb: Der 36-Jährige verunglückte mit seinem Auto in einer einsamen Bergschlucht, konnte sich nicht aus dem Wrack befreien und bekam kein Mobilfunksignal, um Hilfe zu rufen. Als Suchtrupps ihn am nächsten Morgen fanden, war er erfroren.

Rassismus gegen Kurden

Heute ist es deshalb Mehmet Siddik Istemi, der sich von ganzen Stadien voller gegnerischer Fans anfeinden lassen muss.

"Natürlich schüchtert das einen anfangs ein, aber man gewöhnt sich schließlich daran. Wir sind das als Kurden ja auch gewöhnt. Wenn wir für andere Mannschaften spielen, haben wir es da auch schwer. Aber natürlich nicht so schwer wie hier mit Amedspor, da steht man ganz anders unter Druck. Man begegnet uns offen gesagt mit Rassismus, aber das sind wir als Kurden gewöhnt."

Istemi stammt selbst aus Diyarbakir, ist hier geboren und aufgewachsen und hat anschließend in verschiedenen Vereinen überall in der Türkei gespielt, in Izmir an der Ägäis, in Trabzon an der Schwarzmeerküste und in Urfa im Osten des Landes. Dann kehrte er in seinen Heimatverein zurück.

Gemischtes Team

Ebenso spielen auch Profis aus anderen Ecken der Türkei bei Amedspor. Dieser sei schließlich ein Fußballverein und sonst nichts, sagt Trainer Mehmet Budakin, der sich in einer Trainingspause dazu stellt. Nur leider werde das nicht überall verstanden:

"Wir sind auswärts oft grundlosen Anfeindungen ausgesetzt. Das tut weh. Wir sind ein Fußballverein, was soll das? Wenn hier in Diyarbakir gespielt wird, empfangen wir die auswärtigen Mannschaften als unsere Gäste. Unsere Fans sind wahre Gentlemen: Sie applaudieren der Gastmannschaft, wenn sie ein Tor schießt. Wenn das Spiel vorbei ist, verabschieden sie die Gastmannschaft mit Applaus. Wir würden gerne auch so behandelt, aber das wird leider nicht erwidert. Das hört einfach nicht auf. Aber wir lassen uns nicht unterkriegen, wir gehen aufs Spielfeld und verschließen die Ohren und spielen."

Bedenken vor Wechsel

Leicht ist das natürlich nicht, erzählt der Mittelfeldspieler Umut Kocin, der nach dem Training mit einem Handtuch um den Hals im Aufenthaltsraum des Vereinsheims verschnauft. Der Hamburger spielt erst seit dieser Saison bei Amedspor und hat sich das vorher lange überlegt:

"Bevor ich hierhin gekommen bin, war das ein großes Fragezeichen für mich, ob ich diesen Schritt mache. Weil ich habe von den Ausschreitungen mitbekommen, dass man bei den Auswärtsspielen viele Probleme hat, dass man bespuckt wird, mit Steinen beworfen wird, und dass man sehr starke Probleme hat. Aber so dramatisch, wie das erzählt wurde oder wie ich das gehört habe, finde ich es nicht. Das ist genauso, wenn man ein Derby spielt und zu den Auswärtsspielen geht. Da wird man auch mal bespuckt oder beschimpft. Natürlich weil das ein kurdisches Volk ist, ein Verein im kurdischen Gebiet, sagen wir mal so. Da wird man natürlich ein bisschen anders behandelt, dass man da vielleicht nicht nur einmal bespuckt wird, sondern auch mehrmals, das ist wirklich der Fall. Leider."

Gute Trainingsbedingungen

Kocin ist selbst kurdischer Abstammung, spricht aber kein Kurdisch und ist in Hamburg zuhause. Bei aller Sehnsucht nach Frau und Kindern daheim in Hamburg fühlt er sich inzwischen in Diyarbakir doch sehr wohl.

"Ich bereue den Schritt überhaupt nicht. Es ist wirklich ein guter Verein, ein richtig geiles Stadion kann ich sagen, wirklich bundesligatauglich. Das Trainingsgelände ist super, die Plätze sind super, die Leute sind sehr herzlich, es passt eigentlich alles. Und deswegen verstehe ich gar nicht, warum die Leute immer denken, man muss in Istanbul oder in Izmir spielen."

Diese Erfahrung machen nicht nur Spieler aus Deutschland, sagt der Vereinsvorsitzende Karakas:

"Das geht allen Spielern so, die hierher kommen. Sie sind erst einmal sehr skeptisch und besorgt. Aber wenn sie erst einmal hier sind und den Verein und die Stadt kennengelernt haben, dann verfliegen alle Vorurteile."

Spieler wollen mehr Geld

Aber erst einmal muss der Verein die Spieler nach Diyarbakir bekommen – und da gibt es nur ein Mittel, sagt Karakas.

"Diyarbakir wird in der Türkei quasi als Ausland wahrgenommen. Deshalb müssen wir den Spielern mehr Geld bieten, dass sie hier spielen. Wenn ein Spieler zum Beispiel in Istanbul für 200.000 Lira spielt, dann müssen wir ihm hier 300.000 Lira zahlen. Sonst bekommen wir keinen. Diyarbakir gilt als fremdes Land, als entferntes Territorium, das macht es uns schwer. Deshalb bleibt uns nichts anderes übrig, als mehr Geld zu bezahlen."

Genau das wurde aber immer schwerer, seit sich der Verein in Amedspor umbenannte:

"Als damals der Friedensprozess zusammengebrochen ist, wurde die Stadt Diyarbakir unter staatliche Zwangsverwaltung gestellt. Der Zwangsverwalter hat uns die kommunale Unterstützung gestrichen. Und weil Amedspor dann als Terrorverein verschrien wurde, haben es unsere Sponsoren aus der Wirtschaft mit der Angst bekommen und ihre Unterstützung zurückgezogen. Ohne öffentliche Gelder, Werbeeinnahmen oder Sponsoren kann aber kein Fußballverein in der Türkei überleben. Amedspor geriet immer tiefer in wirtschaftliche Schwierigkeiten und stand letztes Jahr vor dem Aus."

Verein in Gefahr

Hohe Schulden hatten sich angesammelt, als die Vereinsführung im vergangenen Herbst das Handtuch warf und Ali Karakas auf einem Sonderkongress zum neuen Vorsitzenden gewählt wurde. Der Bauunternehmer wollte Amedspor nicht untergehen lassen:

"Wir haben mit der Handelskammer, den örtlichen Wirtschaftsverbänden und der Zivilgesellschaft in Diyarbakir eine Initiative gestartet, um den Verein finanziell aus dem Dreck zu ziehen. Ich bin mit einer komplett neuen Vereinsführung an die Spitze gewählt, um Amedspor mit Unterstützung der Unternehmer und Geschäftsleute von Diyarbakir wieder auf die Beine zu bringen."

Inzwischen sind die Schulden zu mehr als der Hälfte abgezahlt und der Verein ist auch wieder geschäftsfähig. Aber was hat die Unternehmer und Verbände von Diyarbakir bewogen, diese Kraftanstrengung für den Klub zu unternehmen?

"Das ist unsere einzige Quelle der Freude in Diyarbakir. Es gibt hier ja sonst nichts mehr, wo junge Leute sich amüsieren können. Diyarbakir war während des Friedensprozesses aufgeblüht, es gab Kunst, Musik und Veranstaltungen. Aber als der Friedensprozess zusammenbrach, ging alles den Bach runter. Dann kamen noch die Säuberungen dazu, bei denen tausende Lehrer und Beamte entlassen wurden und viele tausende Familien in Not gerieten. Die Stadt versank in Trauer und Hoffnungslosigkeit. Wir wollten etwas dagegen unternehmen – einen Funken neuer Hoffnung entzünden."

Löhne wurden wieder bezahlt

Die Mannschaft hat jedenfalls schon Feuer gefangen, sagt Trainer Budakin. Er wurde erst kürzlich dazu geholt, um das Team aus dem Tief zu holen. Er hat das Problem schnell erkannt:

"Es lief auf dem Spielfeld schlecht wegen der Geldnot. Die Spieler sind schließlich hier, um Geld zu verdienen. Und wenn sie das nicht bekommen, können sie nicht gut spielen, dann ist ihre Motivation im Keller – das sah man. Als ich hier anfing, habe ich der neuen Vereinsführung gesagt, dass als allererstes die Spieler bezahlt werden müssten. Die Vereinsführung hat das auch eingesehen und alle Spieler voll ausgezahlt. Jetzt müssen sie nicht mehr ans Geld denken, jetzt können sie an Fußball denken. Dass sieht man auf dem Spielfeld. Die Mannschaft ist motiviert und startet mit neuem Selbstbewusstsein durch."

Eklat in Istanbul

Hochmotiviert starten auch die Fans vom Klubhaus zum Stadion am Stadtrand zum Heimspiel gegen eine Mannschaft aus der Westtürkei. Heimspiele sind alles, was die Fans von Amedspor haben, denn zu den Auswärtsspielen ihrer Mannschaft werden sie meist nicht zugelassen seit einem Eklat. Dieser trug sich im Winter 2015/16 zu, als in Diyarbakir noch gekämpft wurde.

Die Spieler des kurdischen Fußballvereins Amedspor aus Diyarbakir halten vor dem Match mit dem Klub Fenerbahce in Istanbul ein Transparent auf dem auf türkisch steht "Kinder sollten nicht sterben, sondern zu Fußballspielen gehen".  (imago / Seskim Photo)Mannschaft mit Haltung: Bei einem Pokalspiel gegen Fenerbahce Istanbul zeigte das Team von Amedspor ein Transparent mit dem Slogan: „Kinder sollten nicht sterben, sie sollten zu Fußballspielen gehen können." (imago / Seskim Photo)

Die Fans von Amedspor entrollten damals bei einem Auswärtsspiel in Istanbul ein Transparent mit der Aufschrift: "Kinder sollten nicht sterben, sie sollten zu Fußballspielen gehen können." Der Fußballverband verhängte eine Geldstrafe wegen "ideologischer Propaganda" gegen Amedspor. Die Fans des Vereins wurden fortan regelmäßig von Auswärtsspielen ausgeschlossen. Ein willkürliches und unsinniges Verbot sei das, sagt Fanklubchef Cetinkaya:

"Unsere Fans haben sich bei Auswärtsspielen noch nie etwas zuschulden kommen lassen: keine Flüche, keine Beschimpfungen, gar nichts. Trotzdem dürfen wir nicht zu Auswärtsspielen. Dagegen dürfen die blutrünstigsten Fanklubs anderer Mannschaften ungehindert reisen, auch wenn ihre Anhänger sich schon gegenseitig totgeschlagen haben."

Kritik an Sanktionen

Das Verbot sei politisch motiviert, sagt der Vereinsvorsitzende Karakas:

"Es gibt nichts Schriftliches, keine offizielle Strafe. Aber vor jedem Auswärtsspiel unserer Mannschaft treten in der jeweiligen Provinz der Gouverneur und der Polizeipräsident mit der Vereinsführung der gastgebenden Mannschaft zusammen und beschließen, dass sie die Sicherheit unserer Fans nicht garantieren können und sie deshalb vom Spiel ausschließen. Man kann also im Fenerbahce-Stadion die Sicherheit von 5000 Galatasaray-Anhängern garantieren, aber unsere 200, 3000 Fans kann man nicht schützen. Das ist nicht gerade glaubhaft. Wir haben uns natürlich beim Fußballverband beschwert, aber der unternimmt nichts dagegen und steht unserer Ansicht nach auch dahinter."

Der Fußballverband gebe zudem jeder Beschwerde gegnerischer Mannschaften statt und bestrafe Amedspor, ohne den Vorwürfen auf den Grund zu gehen oder Beweise heranzuziehen, klagt die Vereinsführung. So wurde ein Amedspor-Spieler kürzlich auf Lebenszeit gesperrt, weil ein Spieler einer Gastmannschaft ihn beschuldigte, mit einer Rasierklinge auf ihn losgegangen zu sein – ein Vorwurf, den Spieler und Verein vehement bestreiten.

Unverständnis über Stadionverbot

Der ständige Druck und vor allem das Auswärtsverbot für die Fans wirken sich natürlich auf die Mannschaft und ihr Spiel aus, sagt Mittelfeldspieler Umut Kocin:

"Mit den Fans im Rücken ist es natürlich ein viel besseres Gefühl. Es ist schade und traurig. Ich kann es wirklich nicht verstehen, warum unsere Fans nicht zu den Auswärtsspielen kommen können. Wir sagen immer unter der Mannschaft und lachen auch manchmal: Wenn die erlauben würden, dass unsere Fans zu den Auswärtsspielen kommen, dann würden sie jedes Mal ein Plus haben, Gewinn machen, weil das Stadion dann immer gefüllt wäre. Weil: so viele Fans wie bei uns, gibt es fast in keiner Mannschaft in der Liga. Überall auf der Welt haben wir sehr, sehr viele Fans, die uns unterstützen."

Viele Fans – weltweit

Selbst in Deutschland habe Amedspor abertausende Freunde, sagt Kocin:

"Ich glaube, wenn wir ein Spiel in Deutschland, vor allem in Hamburg machen würden, würde das Millerntor oder vielleicht sogar das Stadion vom HSV überfüllt sein. Da bin ich mir sicher. Man bekommt es überall mit. Meine ganzen Freunde schreiben mir, wo ich hier unterschrieben habe und die das mitbekommen haben – da fing mein Handy an zu klingeln und hörte gar nicht mehr auf. Das sind zwar nicht Leute aus Diyarbakir, aber sie lieben den Verein sehr. Sie schicken mir Nachrichten und wollen unbedingt ein Trikot haben. Oder Leute, mit denen ich lange nichts zu tun hatte, die mitbekommen haben, dass ich bei dem Verein spiele, auch sie fragen alle nach Trikots und sind stolz auf mich. Und ich habe wirklich nach langer Zeit wieder ein Kribbeln im Bauch, wo ich sage: Okay, ich fühle mich wieder wie ein Fußballer. Es macht Spaß, weil die Leute heiß sind, hier etwas zu bewirken.

Auf der Anzeigentafel im Stadion Am Millerntor zeigt der Fußballverein Saint Pauli aus Hamburg eine Solidaritätsaktion für den in der Türkei angeklagten ehemaligen Spieler Deniz Naki, indem dessen ehemalige Rückennummer, die 23, und ein Trikot eingeblendet wird. (imago / Oliver Ruhnke)Unterstützung für Deniz Naki: Der Hamburger Klub St. Pauli solidarisierte sich mit seinem ehemaligen Spieler, der in der Türkei angeklagt war. (imago / Oliver Ruhnke)

Inzwischen sind die Busse am Stadion angekommen. Die Fans feiern auf dem Vorplatz, bevor sie sich in die Warteschlangen zur Sicherheitsdurchsuchung einreihen. Manche haben schon einen weiten Weg hinter sich, so wie der Angestellte Murat aus Istanbul:

"Ich bin heute Morgen um sechs Uhr ins Flugzeug gestiegen, um dabei zu sein und das Spiel zu sehen. In Istanbul hat Amedspor zehntausende Fans. Wenn die Mannschaft in Istanbul um einen Pokal spielen würde, würden die Fans nicht in die größten Stadien passen. Die Straßen rings ums Stadion wären auch noch überfüllt mit Fans."

Beschwerlicher Weg zum Spiel

Der 21-jährige Bauarbeiter Feyzullah hat die Reisekosten lange zusammengespart, um heute dabei sein zu können:

"Ich lebe in Balikesir in der Westtürkei. Ich bin mit dem Flugzeug und dem Bus 1600 Kilometer weit gereist, um dabei zu sein. Oft kann ich mir das natürlich nicht leisten. Heute ist das zweite Mal. Aber Amedspor ist unsere Leidenschaft, unser ganzer Stolz. Wir lieben diesen Verein, weil er für unser Volk einsteht."

Die Kurden meint Feyzullah, wenn er "unser Volk" sagt. An seinem Wohnort in der Westtürkei muss er damit vorsichtig sein. Dort sind Bekenntnisse zur kurdischen Identität nicht willkommen und können sogar gefährlich werden.

Dach für die Kurden

Das Heimspiel von Amedspor gibt Feyzullah die Gelegenheit, unbeschwert mit anderen Kurden zusammen zu sein. Das ist es, was die Fans so stark an diese Mannschaft bindet, sagt auch Murat, der Fan aus Istanbul:

"Amedspor ist ein Wert, der uns alle zusammenbringt, ein Dach, unter dem unser Volk zusammenkommen kann. Amedspor steht für unsere Einheit und unseren Zusammenhalt, für unsere Kultur und unser Erbe. Wenn wir die Spiele verfolgen, ob im Stadion oder am Fernseher, dann sind wir alle zusammen, und das macht glücklich."

Die Stimmung ist friedlich, fröhlich und fast feierlich. Alkohol ist hierzulande schon kulturell kein Thema, die Fans trinken Limonade oder Tee vom fliegenden Händler. Viele junge Männer sind offensichtlich beim Friseur gewesen vor dem Spiel oder haben sich mit Fön, Schaum und Haargel schick gemacht. Auch Familien mit Kindern sind dabei. Der 24-jährige Student Mehmet hat seinen siebenjährigen Bruder Muhammet dabei:

"Wir kommen zu jedem Heimspiel, um Amedspor zu unterstützen – zu Auswärtsspielen dürfen wir ja nicht. Wir kommen, um dabei zu sein, um Spaß zu haben und mit unseren Freunden zusammen zu sein. Die Atmosphäre hier ist immer freundlich, Rangeleien oder Schlägereien muss ich nicht befürchten."

Ausgelassene Stimmung

Im Stadion füllen sich die Tribünen mit Amedspor-Anhängern auf allen Seiten, denn Anhänger der gegnerischen Mannschaft sind wie so oft nicht nach Diyarbakir gekommen. Auf den Tribünen herrscht dennoch Hochstimmung, denn im Stadion hängt tatsächlich ein Transparent in zwei Sprachen: Türkisch und Kurdisch. "Wir sind durch viele Stürme gegangen und nie eingeknickt", steht auf dem Spruchband in weißer Schrift auf rot-grünem Grund. Die Fans sind begeistert, und dann läuft auch schon die Mannschaft ein.

Das Spiel kann beginnen.

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